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Clevere Fischzüchter nutzen die Abwärme eines Kohlekraftwerks.

Zweierlei fällt in Jänschwalde ins Auge: Ortsschilder mit sorbischen Untertiteln und Kühltürme. Die Türme sind kilometerweit zu sehen. Neun an der Zahl, jeder 120 Meter hoch, spucken sie ihre weißen Wasserdampfschwaden in den Himmel über der Niederlausitz. Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde, ein paar Kilometer nördlich von Cottbus an die polnische Grenze gebaut, ging 1981 ans Netz und war einst das modernste der DDR. Nach der Wende wurde es mit westlicher Umwelttechnik nachgerüstet. Heute produziert die Anlage 18 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr - sowie 150 Tonnen Karpfen, 60 Tonnen Forellen und einige Tonnen Störe, Streifenbarsche, Aale, Welse und Schleie.

Gerd Michaelis hält den Finger in eines der 22 grünen Plastikbassins, die sauber aufgereiht neben den riesigen Betonkühltürmen stehen: "Angenehme Badetemperatur, oder? Könnte aber noch einen Tick wärmer sein." In dem Becken mit 15 Meter Durchmesser stieren hunderte von jungen Karpfen vor sich hin. Das Thermometer neben dem Futterautomaten zeigt 23 Grad. Michaelis dreht an einem überdimensionalen Wasserhahn und leitet durch ein dickes Plastikrohr warmes Wasser aus dem dampfenden Kühlturm zu. Nach einigen Minuten ist das Thermometer auf 25 Grad gestiegen, die Temperatur, bei der Karpfen am besten wachsen. Seit Anfang 1996 ist der Mann mit der grünen Baseballkappe Geschäftsführer der Fischzucht Jänschwalde GmbH, die das aufgeheizte Kühlwasser des Braunkohlekraftwerks zur Fischzucht abzapfen darf. Das warme Wasser aus dem Kraftwerk hat für Michaelis zwei entscheidende Vorteile: "Es kostet nichts, und wir haben es das ganze Jahr zur Verfügung."

Warmwasser als Abfallprodukt ist für deutsche Fischzüchter Gold wert. Die wechselwarmen Fische in mitteleuropäischen Gewässern wachsen nur in den warmen Sommermonaten -Karpfen zum Beispiel bei einer Wassertemperatur von mehr als 20 Grad. Im Winter fahren sie ihren Stoffwechsel herunter, buddeln sich im Schlamm ein und stagnieren in Größe und Gewicht. Für Züchter mit den üblichen Teichanlagen heißt das: Ein Karpfen braucht drei Sommer, also insgesamt mehr als drei Jahre, bis er zum 1,5 bis 2 Kilo schweren Speisefisch herangewachsen ist. Die Fischer im Kraftwerk tricksen die Natur aus. Den ersten Sommer leben ihre Tiere in Teichen und wachsen auf 30 Gramm heran. Den Winter verbringen die Fische im Kraftwerk und werden 300 Gramm schwer. Im Frühsommer wandern sie wieder in die Teiche, wo sie im Herbst mit Idealgewicht gefischt und vermarktet werden. Das macht 18 Monate Zuchtzeit - die Hälfte der normalen Periode.

Gerd Michaelis redet über seine Fische wie ein Hobbybastler über seine Modellflugzeuge: mit einer Mischung aus technischem Verständnis und Zuneigung. Sein Vater, in Frankfurt an der Oder in der Wasserwirtschaft beschäftigt, nahm ihn als Kind mit auf Angelausflüge in die Spreeauen. Eigentlich sollte er Ingenieur werden. Nach Abitur und Nationaler Volksarmee ging Gerd Michaelis 1982 nach Berlin, um an der Humboldt-Universität Tierproduktion mit Schwerpunkt Fischzucht zu studieren. Schon während des Studiums kam er nach Jänschwalde und heuerte beim örtlichen VEB Binnenfischerei an, der in den zahlreichen Teichen der Gegend Speisefische züchtete.

Das Kühlwasser des Kraftwerks ist sauber -die Fische vermehren sich in Scharen

Wenn es um die Vorteile der Kraftwerkszucht geht, ist der 42-jährige Brandenburger kaum zu bremsen: "Unser Wasser hat Trinkwasserqualität. Wir führen genau die richtige Menge Sauerstoff zu. Jeder Fisch bekommt genau das Futter, das er am besten verträgt." Mit der Frage nach artgerechter Tierhaltung kann er wenig anfangen. "Sind die Fische gesund, heißt das doch, dass es ihnen gut geht", sagt er nach längerem Überlegen. Unglücklich wie Hühner in Legebatterien wirken die Karpfen, Aale und Welse in den Bassins in der Tat nicht. Die Kraftwerksfische sind gegen Viren deutlich weniger anfällig als ihre Artgenossen, die das ganze Jahr in Teichen verbringen, da sie im Winter nicht geschwächt werden. "Und ob ein Fisch öfter mal im Kreis schwimmt oder geradeaus, dürfte ihm wohl auch relativ egal sein", glaubt Michaelis. Wer möchte das Gegenteil beweisen?

Die Jänschwalder Werksleitung ist sich derweil sicher: Die Karpfen an den Kühltürmen sind ein sympathischer Imageträger für ihren Betrieb. Braunkohlekraftwerke sind wegen ihres hohen Kohlendioxidausstoßes bei Umweltschutzverbänden nicht gerade beliebt. Keine Besuchergruppe verlässt das Werksgelände, ohne darauf hingewiesen worden zu sein: "Unser Kühlwasser ist so sauber, dass sich Fische darin pudelwohl fühlen."

Hans-Michael Kohde ist im Kraftwerk für den Umweltschutz und damit auch für die Abstimmung mit den Züchtern zuständig. Im Blaumann sitzt er in seinem Büro im zehnten Stock des Plattenbau-Verwaltungshochhauses, schiebt die Akten "Abfall" und " Gefahrgut" beiseite und kramt nach seiner Visitenkarte. Überraschung: Sie weist ihn als " Diplom Fischerei Ingenieur" aus. "Ich muss eigentlich nur mit einem halben Auge hinsehen, dass die Züchter keinen Unsinn machen", sagt der 47-Jährige mit dem kleinen Aquarium auf dem Schreibtisch.

Technische Probleme könnten sich ergeben, wenn die Fische das Wasser zu sehr verschmutzen und sich ihre Ausscheidungen im Kühlsystem festsetzen. Vor kurzem mussten die Züchter auf Weisung des Werkes am Rücklauf ihrer Becken zusätzliche Filter einbauen. "Seitdem ist auch das Problem gelöst", fügt Kohde schnell an. Etwas anderes als Wohlwollen lässt sich aus seinem Gesicht nicht lesen. Gelegentlich müssen Fisch- und Energieerzeuger ihre Wassertemperaturen abstimmen, zum Beispiel wenn die Leistung eines Kraftwerkblocks hochgefahren und damit das Wasser im Kühlsystem wärmer wird. Auch haben die Züchter wohl schon mal zu viel Futter in ihre Bassins gestreut, was das Wasser ebenfalls verschmutzt. "Na, da habe ich kurz Bescheid gegeben." Auf die Zucht lässt Kohde nichts kommen: "Wegen der Fische habe ich mit den Wasserschutzbehörden noch nie Ärger gehabt. Labortests hin und her. Solange bei uns die Karpfenbrütung ohne Probleme klappt, kann ich doch immer sagen; ,Was wollt ihr überhaupt?'" Im alten VEB Binnenfischerei war er für die Gesundheit der Fische verantwortlich und ein Kollege von Michaelis.

Energie sinnvoll nutzen: mal für Karpfen und Welse - oder auch für Krokodile

Die Fischzucht im Kraftwerk von Jänschwalde ist ein marktfähiges Relikt der Planwirtschaft. In der DDR mussten alle Betriebe bis zu fünf Prozent ihrer Kapazität zur Herstellung von Konsum-gütern nutzen. Die Idee dahinter: Betriebsleiter sollten sich Gedanken machen, welche Ressourcen im Produktionsbetrieb genutzt werden konnten, um mit Resteverwertung den Lebensstandard der DDR-Bürger zu heben. Das Braunkohlekraftwerk produzierte, um die Vorgabe aus dem Wirtschaftsministerium einzuhalten, neben Strom noch Lampen, Gläser und Taschen. Mitte der achtziger Jahre begannen die Kraftwerker mit dem nahe gelegenen VEB Binnenfischerei zu kooperieren. Schon damals wurden mit dem warmen Kühlwasser jährlich rund 200 Tonnen Fisch produziert. Nach der Wende wurden Kraftwerk wie VEB Binnenfischerei von der Treuhand privatisiert. Die Fischzucht an den Kühltürmen wurde zunächst vom Kraftwerk in Eigenregie weitergeführt. Anfang 1996 gründete man sie schließlich in Form einer GmbH aus.

Auch im Westen wurde in Kraftwerken mit Warmwasserfischzucht experimentiert. Der Stromriese RWE hielt sich am Braunkohlestandort Niederaußem seit Mitte der achtziger Jahre aus Imagegründen Welse und japanische Koi-Karpfen. Vor zwei Jahren wurde das Experiment eingestellt. "Mangels Rentabilität war die Zucht nicht zu halten", erklärt RWE-Rheinbraun-Pressesprecher Guido Steffen und verweist auf den verschärften Wettbewerb seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 1998.

Die Fischzucht Jänschwalde GmbH schreibt dagegen seit ihrer Gründung schwarze Zahlen. Eine halbe Million Euro mussten die Gesellschafter in die neuen Zuchtbecken investieren. Heute machen sie mit drei festen Mitarbeitern eine Million Euro Umsatz. Um seine Zukunft macht sich Michaelis wenig Sorgen: "Die Weltmeere sind überfischt. Gleichzeitig wird Fisch immer beliebter." Die Nutzungsverträge der Fischer laufen bis 2017. Solange hat auch das Kraftwerk die Genehmigung, Strom zu produzieren. In Deutschland sind die Fischer von Jänschwalde zurzeit die einzigen, die im Kühlkreislauf eines Stromerzeugers Nutztiere züchten. In Frankreich sind zwei Brüder noch einen Schritt weiter gegangen. Im Rhonetal zwei Autostunden südlich von Lyon haben sie vor einigen Jahren eine Krokodilfarm eröffnet: beheizt mit dem Kühlwasser eines Atomkraftwerks.