Trägheit

Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze. Öko-Effizienz macht die Welt besser. Aber nie perfekt.




"Hüten wir uns davor, aus Schaden dumm zu werden."
Karl Kraus
"Die stärkste Kraft gegen die Menschheit ist die Trägheit."
Maurice Strong, Vater des Rio-Prozesses
1 Das Geheimnis

Das Leben ist voller Geheimnisse. Eines der größten liegt in dem viersilbigen Wort "Nachhaltigkeit" verborgen.

Früher war der Sinn dieses Wortes eindeutig. Nachhaltig - da dachte man an sättigende Mahlzeiten wie Omas Erbsensuppe oder gute Kleidungsstücke, die sich nicht schon nach kurzer Zeit auflösten. Es waren Dinge, von denen wir wussten, dass sie gut waren - und weswegen. All die guten Sachen gibt es kaum mehr. Doch seltsam: Das Wort ist überall. Ist das der Geist der alten Zeiten?

Alle im Bundestag vertretenen Parteien haben sich zum Prinzip der Nachhaltigkeit bekannt. Im Vorjahr ließ Kanzler Gerhard Schröder einen Rat für nachhaltige Entwicklung installieren. Und das Bundesumweltministerium fragte endlich mal flächendeckend nach, was denn das Volk von der Nachhaltigkeit hält. Nur ganze zehn Prozent der Bürger kennen den Sinn des Wortes - irgendwie. Doch fast neun von zehn Angesprochenen finden das, was sie nicht zu erklären vermögen, trotzdem gut.

Auf der Suche nach den scheinbaren Widersprüchen und den tatsächlichen Verbindungen von Wirtschaft und Umweltschutz kommt man an solchen Reality-Checks nicht vorbei. Nachhaltigkeit ist der erklärte Sammelbegriff für den politischen Umgang mit Umwelt und weltweiter Entwicklung, ein ganzheitliches Hauptwort. Kaum ein anderer Begriff eignet sich so gut, um die scheinbaren Widersprüche zwischen Ökonomie und Ökologie zu beschwören und das zu fordern, worum es in. Sachen Nachhaltigkeit in unseren Breiten geht: das Diktat der Politik samt den ihr angeschlossenen Anstalten.

Es war im Jahr 1987. Auf der ganzen Welt war der Stern von Begriffen wie Umweltschutz und Ökologiebewusstsein im Sinken begriffen. Man hatte sich satt gehört, satt demonstriert und vor allem: Es gab wirtschaftliche Probleme, die die Betulichkeit der Umweltbewegten in den Hintergrund stellten. Es ging um eine ökonomische und ökologische Wiederbelebung. Weltweite wirtschaftliche Fragen, globale Entwicklung, die Zukunft der Sozialstaaten und die Versorgung der künftigen Generationen waren die Kernpunkte, mit denen das blass gewordene Bild einer leidenden Welt wieder ins Bewusstsein gebracht werden konnte.

Eine UN-Expertenkommission unter Vorsitz der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland formulierte die Kernthese: "Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen deckt, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen zu beeinflussen." Dem konnten 1992, am UN-Entwicklungsgipfel in Rio, alle versammelten Staaten zustimmen. Verdächtig genug.

Die Brundtland-Formel ist eingängig, edel, gut - und vor allem für alle irgendwie richtig. Bieg- und beugsam wie die Äste einer Bachweide lässt sich der Sinn des Wortes Nachhaltigkeit dort einsetzen, wo es um das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Umwelt, Bürger und Staat geht. Je nachdem ist es nachhaltig, die Bedürfnisse aller Menschen heute zu erfüllen - also auch Autofahren, drei Flugreisen nach Mallorca im Jahr oder billiger Strom. Andererseits können diese Bedürfnisse - der kommenden Generationen wegen - eingeschränkt oder mit prohibitiven Lasten belegt werden. Unter dem Schlagwort der Nachhaltigkeit lassen sich gesellschaftliche Projekte verhindern oder anschieben. Weil wohl überlegt sein will, was auch morgen noch Gültigkeit haben soll, ist die Vertagung die treue Nebenwirkung aller Nachhaltigkeitserklärungen. Notwendige Änderungen in der Gesellschaft, Innovationen und Experimente lassen sich damit ideal von der Agenda nehmen. Das nützt nicht nur den finanziell klammen Regierungen, die im Zweifelsfall Verzicht - im Öko-Sprech Suffizienz - statt Aktion predigen, sondern auch den alten Industrien, die es sich im Biotop der europäischen Staats-Wirtschaft kuschelig gemacht haben. Keine globalen Konkurrenten, keine Auseinandersetzung mit neuen Technologien, keine Aufregung. Nachhaltigkeit ist das Zauberwort.

Auf den einen oder anderen Widerspruch kommt es dabei nicht an. Nachhaltigkeit in Entwicklungs- und Schwellenländern hat aber sehr wohl Sinn und Zweck - sie beinhaltet nämlich das Recht, über die eigenen Ressourcen zu verfügen, und das heißt: auf den Weltmärkten als Konkurrenten der behäbigen Erste-Welt-Machthaber auftreten zu können. Globalisierung bedeutet für sie Emanzipation und Wohlstand. "Die Doppelmoral zeigt sich darin, dass die Industrieländer zwar den Freihandel predigen, aber ihre Märkte mit dem ganzen Arsenal der Handelspolitik vor der Konkurrenz der Armen schützen", schreibt der ehemalige Greenpeace-International-Chef Thilo Bode.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund fühlt sich da nicht angesprochen - auf seiner Homepage findet sich das geheimnisvolle Wort gleich 192-mal. Irritiert? Waren es nicht Gewerkschafter, die die Vertreter der frühen Umweltbewegung gern mal auf blockierten Baustellen verprügelten oder sich gegen den Atomausstieg querlegten? Und ist es nicht der DGB, der nach wie vor nichts dabei findet, dass jeder Arbeitsplatz im Kohlebergbau mit 70 000 Euro pro Jahr subventioniert wird? Ja, schon wieder was falsch verstanden: Denn der DGB meint "soziale Nachhaltigkeit". Was das ist? Sozial nachhaltig ist eine Politik, die es bei dem belässt, was heute für den DGB richtig und gut ist, die Verlängerung des verbändekontrollierten Sozialstaats bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Wobei wir beim Kern wären: Irgendjemand muss natürlich Umwelt, Soziales und Weltangelegenheiten im Allgemeinen verwalten. Den Philosophen Norbert Bolz wundert das wenig: "Nachhaltigkeit ist natürlich nur ein neuer Tarnbegriff für Regulierung." Es geht also nicht darum, die Welt zum Besseren zu verändern, sondern ihre wahren und vermeintlichen Probleme zu verwalten. Nicht Wirtschaft, Kapitalismus oder Technik, die scheinbar nur Sorgen mit sich bringen, können den Planeten und seine Bewohner retten, sondern Bürokratie.

2 Der schmutzige Kapitalismus

Joseph Huber, Professor für Umweltsoziologie an der Universität Halle, findet das irgendwie seltsam, vor allem, wenn sich, wie bei der Umweltpolitik gang und gäbe, deren Repräsentanten aufmachen, um globale Regeln zu scharfen: "Wieso sollte eine staatliche bürokratische Umweltpolitik, die schon auf nationaler Ebene zu letztlich unbefriedigenden Ergebnissen führt, auf internationaler Ebene anders oder womöglich besser funktionieren? Rio war ein wichtiger Prozess. In Kyoto herrschte bereits Bürokratie." Aber die Zeiten ändern sich, auch wenn der Ton noch der alte ist: " Der Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie, der in den siebziger Jahren künstlich entwickelt wurde, löst sich auf. Immer mehr erkennen, dass eine Lobby gegen Korporatismus für Umwelt und Mensch genauso wichtig ist wie eine für Dosenpfand oder gegen PVC." Als sinnreichsten Löser der Probleme empfiehlt der Professor eine bewährte Disziplin: die Wirtschaft. Nach landläufigen Vorstellungen hieße das: den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Theoretisch ist die Schuldfrage an Umweltverschmutzung, Armut und Ausbeutung von Mensch und Erde nämlich rasch erklärt. Der reinen Lehre nach ist der Kapitalismus auf die Vermehrung des Geldvermögens ausgerichtet, auf Profitmaximierung - und sonst nichts. Mehr Profit lässt sich aber nur durch permanentes Wachstum erzielen: Güter, Rohstoffe und letztlich auch Produktivkräfte, Menschen, müssen kostenmäßig minimiert werden. Immer mehr Ressourcen müssen zu immer niedrigeren Preisen in diesen Kreislauf eingebracht werden. Der Kreislauf des Verderbens führt schnurstracks in den Untergang.

Doch bereits die radikalste Betriebsform dieses Systems, der Schornstein-Kapitalismus des vergangenen Industriezeitalters, war sich recht schnell darüber im Klaren, dass die Ausbeutung von Mensch und Natur letztlich nur mit lebenden Kunden funktioniert. Dahinter stecken die alten Triebkräfte des Eigennutzes, die Adam Smith beschwor. Du musst deine Kunden nicht lieben, aber du darfst sie auf keinen Fall töten oder so beschädigen, dass sie nicht mehr in deinen Laden kommen können. Handle aus eigenem Interesse, dann handelst du gut. Kapitalismus ist nicht schwer zu begreifen. Moral hingegen ist ein anderes Geschäft.

3 Die perfekte Moral

Jede Neuerung sorgt zunächst mal für Ärger. Im antiken Rom wurden Kanalisation und Wasserversorgung eingerichtet, nicht spaßeshalber, sondern zum Nutzen der reichen Patrizier. Die Maßnahme senkte die Zahl der tödlichen Infektionskrankheiten - und es roch erheblich besser. Leider war der Wille weiter als das Werk: Die Leitungen waren aus Blei, was wiederum einigen Lateinern das Leben kostete. In einer Welt, die nach wie vor vom Ideal träumt und nicht wahrhaben will, dass "Nobody is perfect" mehr ist als eine Phrase, kann man das nicht verstehen. Niemand mag die möglichen Opfer von Pest und Cholera gegen die vergleichsweise geringe Zahl von Bleivergifteten aufrechnen. Kultur, Technik und Zivilisation sind keine Zauberkugeln, sondern der bescheidene Versuch der Menschheit, ihre Lage zu verbessern. So wurde die Erde langsam, aber stetig, zu einem sichereren Ort -doch nie sicher genug, gewiss, und nie fehlerfrei.

Diesen natürlichen Mangel allen Strebens zu akzeptieren fiel Theoretikern immer schon schwer. Sie leben vom Extrem: Alles Neue ist nicht nur fremd, sondern ganz sicher bedrohlich. Jede Änderung, außer die in eigener Sache, führt geradewegs in die Katastrophe, zum Weltuntergang, zur Apokalypse. Mittlerweile gibt es darin ein routiniertes Handeln, ein stetes Wechseln von Alarm und Vergessen. BSE - jetzt ist klar, dass keineswegs "zehntausende, wenn nicht mehr Menschen" ihr Leben lassen werden. Nitrofen in Bio-Lebensmitteln - nicht ein sorgloser Konsument hat den Löffel abgegeben. Vorbei.

Zudem vollbringt die Natur erstaunliche Wunder. Nicht nur große Versicherungen nutzen geschickt die Katastrophenstimmung bei miesem Wetter und Fluten, um höhere Prämien durchzusetzen. Die großen Rückversicherungs-Gesellschaften beschäftigen Hundertschaften in ihren Klimaabteilungen. Dort wird aber nicht etwa geforscht, welche Risiken auf uns zukommen, sondern durchweg Public Relations betrieben: Unwetter werden zu sicheren Vorboten der Klimakatastrophe. Und natürlich müssen sich somit auch die Prämien den neuen Verhältnissen anpassen. Nicht nur Versicherer profitieren von der Natur und ihren Katastrophen: Allen Ernstes argumentiert etwa der Vorstand der Commerzbank damit, dass die unerfreulichen Geschäftsergebnisse " eine Folge der Flutkatastrophe" wären, ganz so, als ob dem seit Jahr und Tag umkriselten Bankhaus gewaltige Goldbestände am Elbstrand weggespült worden wären.

Schon 1999 entschuldigte sich der Disney-Konzern mit einer Ausrede mit ebenfalls hohem Unterhaltungswert: Für den Geschäftsrückgang waren da nicht etwa Filmflops und gewaltige Fehlinvestitionen in überschätzte Computerfirmen schuld, sondern die im Südpazifik - 5000 Kilometer vom nächsten Disney-Standort - aktive Klima-Anomalie "El Nino".

Es ist unbestreitbar, dass die Welt der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen die Umweltbewegung begann, eine andere war als heute. Diese Welt war zwar nicht mehr die Schornsteinhölle der frühen Industrialisierung, aber sie miefte und engte ein. Nach zwei Jahrzehnten permanenten Aufschwungs, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges über die USA und Europa kamen, senkte sich zur Mitte der sechziger Jahre das Wirtschaftswachstum. Stellvertretend für die damalige Haltung mag die deutsche Atomindustrie stehen, die den Sorgen und Ängsten der Bürger mit einer unbeschreiblichen Arroganz entgegentrat. Demonstranten wurde empfohlen, doch mal Kernphysik zu studieren, bevor sie, wie gefordert, mit Managern und Ingenieuren der Siemens-Atomtochter KWU über die Gefahren der Kernkraft diskutieren durften. Tricksen, Tarnen und Täuschen, Vertuschen und Schönreden gehörte zur Tagesordnung. Die Atomkraft steht bis heute - zu Recht - für die Ignoranz der Industriekonzerne gegenüber der langsam erwachenden Zivilgesellschaft.

4 Schattengefechte

Doch die Kernkraft war und ist, das wird gern vergessen, stets eine staatswirtschaftliche Großtechnologie. Ohne Plan und Ziel wurden enorme Energiekomplexe hochgezogen. Entsorgungsprobleme wurden vorsorglich nicht kalkuliert. In den USA wie Europa ergaben sich Baukosten-Überschreitungen von einigen hundert bis mehr als tausend Prozent. Wäre der Auftraggeber solcher Wahnsinns-Werke ein Kapitalist gewesen, er hätte den Deal schlichtweg gestoppt. Doch es waren Politiker, die zuvor ihren Bürgern und der Industrie Strom zu Niedrigstpreisen versprochen hatten.

Ein paar Jahrzehnte später versprechen die Erben der Rechenkünstler ihren Wählern ein atomfreies Deutschland. Gleichzeitig fördern Staat und staatsnahe Konzerne mit Milliardenkrediten den Auf- und Ausbau osteuropäischer Kernkraftwerke. Zwischen dem Tschernobyl-Typ-Reaktor im litauischen Ignalia und Deutschland wird da mit hohem Aufwand die Hochspannungs-Trasse verstärkt, so wie überall sonst zwischen dem Westen und dem ehemaligen Ostblock. Die Kredite der EBRD (Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung), die die EU nach Osten schiebt, werden mit Stromlieferungen bezahlt. Das sind die nachhaltigen Geschäfte, die Regierungen in der ganzen Welt abwickeln - und gleichzeitig die Sorge um künftige Generationen im Inland beschwören.

Die deutsche Industrie kämpft derweil Hand in Hand mit dem grünen Bundesumweltminister gegen Amerikaner und Japaner, wenn es darum geht, die beim Kyoto-Gipfel von 1998 festgelegten Emissionswerte für Treibhausgase durchzuboxen. Die Allianz fußt auf gemeinsamen ökonomischen Interessen, die schon die konservativen Umweltminister Klaus Töpfer und Angela Merkel zur Norm erhoben. Das so genannte Kyoto-Protokoll entspricht den Vorstellungen der EU-Staaten. Erfüllten die Amerikaner die darin festgeschriebenen Standards, dann würden sich in Übersee die Kosten für Energie und Arbeitsplätze dramatisch erhöhen. Wem nützt's? Der Umwelt?

5 Die Welt wird besser

Dass volkswirtschaftliche Interessen die stets nur als moralische Debatte wahrgenommene Umweltfrage beeinflussen, ist eine Tatsache. Es hängt vom Standort auf dem Globus ab, welche Einstellungen zu Umwelt und Umweltpolitik vorherrschen.

Das belegt auch das Buch "Apocalypse No!" des dänischen Statistikprofessors Bjorn Lomborg. "The Economist" und das "Wall Street Journal" lobten das zahlengespickte Werk, das sich als kritischer Re-Check zu den Positionen von Umweltbewegungen versteht, über den grünen Klee.

Lomborg verwendet die Quellen, aus denen auch Greenpeace, das Worldwatch Institute und die Friends of the Earth schöpfen und die auch die Beschwörungsformel der deutschen Politik - von der CDU bis zu den Grünen - antreiben. Der entscheidende Unterschied: Bei Lomborg kann man die ganzen Statistiken, die ganzen Zahlen, die ganzen Quellen nachlesen, nicht bloß die gerade benötigten Einzel-Schnipsel. Das ändert die Sachlage insofern, als von einem Weltuntergang eher nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil.

Erstens: Die Welt hat sich in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten nicht zu ihrem Nachteil verändert. Sowohl Emissionen wie auch Ressourcen-Raubbau sind deutlich zurückgegangen. Kaum eine der katastrophalen Prognosen der sechziger und siebziger Jahre ist eingetroffen, weder die von Paul Ehrlich prognostizierte " Bevölkerungsbombe" noch die Szenarien der von Dennis Meadows 1972 befürchteten "Grenzen des Wachstums". Die Armut ist weiter zurückgedrängt worden: Sowohl in der Ersten wie auch in der Dritten Welt hat sich der Wohlstand der Bewohner seit 1960 verdreifacht. Die UN-Unterorganisation UNDP (United Nations Development Programme) schreibt in ihrem Jahresbericht 1997: "Kaum jemand erkennt, wie groß die tatsächlichen Fortschritte sind. Die Armut ging in den letzten 50 Jahren stärker zurück als in den 500 Jahren zuvor." Im selben Zeitraum ist der Anteil der hungernden Weltbevölkerung von 35 auf 18 Prozent zurückgegangen. Diese und andere Daten lassen Lomborg zu dem Schluss kommen, "dass die Lage der Welt besser wird, wenngleich sie noch lange nicht gut genug ist" .

6 Wer die Welt besser macht

Es stellt sich nun die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Dabei geht es keineswegs um Rechthaberei - sondern schlicht um die nötige Einsicht, welches Modell, welche Methoden und welche Haltungen wirklich für den Fortschritt auf der Erde nützlich sind. Und welche nichts weiter befördern als sich selbst. Damit stellt sich auch die Frage, was zu tun ist, um diesen Prozess möglichst schnell voranzutreiben, zu verbessern und an das Optimale heranzuführen - also tatsächlich nachhaltig zu wirtschaften und zu denken. Wie sieht es also aus?

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in China, Indien und auf dem malaysischen Archipel. Ehemalige Armenhäuser wie Indien, China und Malaysia haben ihren eindeutigen Aufstieg weniger den gut gemeinten Parolen westeuropäischer Intellektueller, sondern den vergleichsweise handfesten Segnungen des Halbleiters zu verdanken. Computer- und Halbleitertechnik, moderne Fertigungsanlagen, in denen heute bereits ein Großteil der weltweit eingesetzten elektronischen Geräte produziert wird, sind die wirklichen Wohlstandsgaranten für die einstigen Hungernationen. Während die grüne Bundestagsfraktion in den achtziger Jahren noch gegen Computer polemisierte und ihren Einsatz in den eigenen Reihen schlicht verbot, kamen die meisten elektronischen Bauteile für die neue Technik bereits aus Indien, China und Malaysia.

Richtig ist, dass etwa in China die Umweltverschmutzung ein ernsthaftes Problem geworden ist - verursacht durch die dramatische Zunahme an Produktionsanlagen, die in den vergangenen vier Jahrzehnten, vor allem nach der Öffnung Chinas hin zu westlichem Kapitalismus und seiner Technologie, erfolgten. Es gibt historisch kein Beispiel dafür, dass ein Entwicklungsland eine Stufe der industriellen Evolution einfach überspringen kann. Doch die Alarmisten, die vor der Industrialisierung und Automobilisierung vor allem des Milliardenreiches China warnen, vergessen dabei das enorme Entwicklungstempo, das in den einstigen Armutsnationen herrscht.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber Entwicklungen. Nur verlaufen sie schneller als das Original. Während die Entwicklung vom Agrar- über den Industrie- zum Dienstleistungsstaat in Deutschland nahezu zwei Jahrhunderte brauchte - den größten Teil davon unter dem Diktat des Schornsteinkapitalismus - vollziehen China und Indien, Malaysia und Südkorea diese Entwicklung im Zeitraffer. Wie weit die Staaten bereits sind, zeigt sich an einer Aktion, für die die rot-grüne Regierung in der letzten Legislaturperiode warb: Programmierer aus Indien, der berühmte Greencard-Import. Der Halbleiter, die Grundlage des Computers, hat aber auch - und das in den ersten Jahren gegen den erbitterten Widerstand der westeuropäischen Umwelthüter - die klassische Industrie verbessert.

Weniger Schadstoffe, mehr Ressourcennutzung sind nicht Folge grüner Propaganda, sondern präziser, computergesteuerter Fertigung. Computergestützte Produktion und Entwicklung ist a priori auf äußerste Genauigkeit und damit extrem ressourcenschonenden Umgang mit Materialien ausgelegt. Ein durchschnittliches Auto der Kompaktklasse besteht heute zu rund drei Vierteln aus Kunststoffen, die aus Recyclingmaterial bestehen. Möglich ist das, weil ausgeklügelte chemische Verfahren und der Einsatz von automatisierten Werkzeugmaschinen höhere Qualität bringen.

7 Die Grüne Revolution

Computer, Internet und Telekommunikation haben das Antlitz der asiatischen Staaten in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikaler verändert als hier zu Lande. Sie liefern mehr Bildung und schaffen Zugang zu Wissen - den sichersten Kampfgefährten gegen Armut. Dass Schmutz und Hunger untrennbare Weggefährten sind, ist nicht neu. Was den Hunger angeht, so darf sich die "Grüne Revolution" des amerikanischen Biochemikers Norman Borlaug den Löwenanteil an der Verbesserung der Weltlage in den vergangenen drei Jahrzehnten zuschreiben. Borlaug entwickelte in den sechziger Jahren ertragreichere und widerstandsfähigere Getreidesorten, die vor allem in der Volksrepublik China und auf dem indischen Subkontinent eingesetzt wurden. Indien galt in den siebziger Jahren noch als die große Hungernation. Für seine Leistungen erhielt Borlaug 1970 den Friedensnobelpreis. Nun will der große Alte den nächsten Schritt gehen.

Die Grüne Gentechnik und die weitere Intensivierung von Land- und Porstwirtschaft sollen einerseits helfen, Hunger- und Mangelerkrankungen zu besiegen und gleichzeitig der Natur ihren Raum zu lassen. Die Unterstützerliste des "Growing More Per Acre Leaves More Land for Nature"-Clubs ist beachtlich: James Lovelock ist dabei, der Autor der " Gaia-Hypothese", ein Buch, das bei umweltbewegten Intellektuellen im Rang der Heiligen Schrift steht. Oder Eugene Lapointe, der Initiator des Washingtoner Artenschutzabkommens und Präsident des World Conservation Trust, ein Held der Umweltbewegung. Und Oscar Arias, Nobelpreisträger und Ex-Präsident von Costa Rica, der sich wie kein Zweiter für den Erhalt des Regenwaldes stark gemacht hat. Besonders engagiert sich auch der Biologe Patrick Moore, der älteren Umweltfreunden ein Begriff sein dürfte: Moore war Mitbegründer und späterer Direktor einer 1971 in Vancouver ins Leben gerufenen Umweltschutz-Aktivistengruppe namens Greenpeace (siehe Interview Seite 64). Eine Vielzahl an NGOs und Vertretern einer sozial gerechten Politik in der Dritten Welt hat die Petition unterzeichnet. Und, kein Widerspruch, natürlich auch Unternehmer und Forscher aus dem Biotech-Lager. Bloß deutsche Öko-Prominenz sucht man in Borlaugs Umfeld vergeblich genauso wie beim nächsten Vermittler von Wirtschaft und Umwelt, ebenfalls ein verdienter Held der grünen Bewegung.

8 Öko-Effizienz

Maurice Strong, der legendäre Vorsitzende des Umweltgipfels von Rio des Jahres 1992, schlägt statt Verboten und Blockaden handfeste Lösungen zur Behebung vorhandener Umwelt- und Armutsprobleme vor. Nachdem Strong bereits die Bürokratie und Selbstherrlichkeit von Umweltpolitikern und etablierten NGOs aus den reichen OECD-Staaten, die bei den Rio-Folge-Gipfeln von Berlin, Kyoto und Johannesburg unübersehbar herrschten, kritisch kommentierte, fordert er nun die konsequente Umsetzung der Lehren aus den vergangenen drei Jahrzehnten Umweltpolitik: "Behandelt die Erde und ihre Ressourcen so, als ob sie ein Unternehmen wären. Stoppt unnötige und kontraproduktive Subventionen in den Bereichen Wasser, Transport, Energie und Landwirtschaft. Entwicklungshilfe sollte vermindert werden, weil es besser ist, in das selbst erzeugte ökonomische Wachstum der armen Länder zu investieren."

Strongs Credo lebt der Schweizer Unternehmer Stephan Schmidheiny, einer der Erben des größten Baustoffkonglomerats der Welt. Der philantropische Milliardär rekrutierte bereits im Vorfeld des Rio-Gipfels Manager und Unternehmer, die erkannt hatten, dass Wirtschaft und Umwelt zusammengehören. "Es geht um Öko-Effizienz", erläuterte Schmidheiny vor einigen Monaten vor Aventis-Managern: "Effizienz ist ein gemeinsamer Nenner zwischen Interessen, die man in Konflikt sieht, nämlich ökonomisches Wachstum und Erhaltung der Umwelt. Es gibt einen Berührungspunkt, einen gemeinsamen Nenner, und der heißt Effizienz. Es war erstaunlich, wie wenig Grüne das angreifen konnten. Denn es ist auch für rundamentale Umweltschützer relativ schwierig, gegen Effizienz zu argumentieren." Naturgemäß gehört für Schmidheiny, wie auch für die nicht von politischen Stimmungen abhängigen Öko-Veteranen wie Borlaug, Strong und Moore, die Biotechnologie zu dieser Effizienzsteigerung dazu.

Schmidheiny ist kein bunter Vogel mehr - das von Maurice Strong und ihm gegründete Business Council for Sustainable Management hat enormen Einfluss auf die praktischen Planungen von Unternehmen. Bill Gates etwa verspätete sich beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, wo er als Redner geladen war, um Stunden - sein Kumpel in Zürich hatte um einen Abstecher gebeten. Das Wichtigste zuerst.

Eigennutz und Zukunftsgestaltung passen hervorragend mit einer besseren Welt zusammen - doch sie gehen auf Kosten nationaler Kleinkrämerei, einer seltsamen Spielart des Spießertums, das zwar ständig behauptet, global zu denken, aber letztlich doch nur lokal handlungsunfähig bleiben möchte. Oder wie Maurice Strong richtig bemerkte: "The biggest force amongst humans is called inertia" - "Die stärkste Kraft unter den Menschen ist die Trägheit."

Schmidheinys Öko-Effizienz ist das Gegenteil von Öko-Suffizienz, dem Verzichtsprinzip, das der etablierten deutschen Umweltpolitik eigen ist: So klagte Bundesumweltminister Jürgen Trittin in einer Rede vor dem BDI vor zwei Jahren darüber, "dass jeder Deutsche mehr als 10000 Produkte besitzt und benutzt" . Er wisse zwar nicht, ob das der Umwelt schade, aber es wäre doch "klar, dass das zu viel ist". So argumentiert der erfolgreichste Umweltminister aller Zeiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass er es nicht besser weiß, und auch nicht, dass er nicht anders kann. Vielmehr hemmt Trittin, wie viele seiner Weggefährten, die eigene Vergangenheit, in der Technologie und Wirtschaft als stereotype Umweltschädlinge hingestellt wurden. Jetzt muss der Popanz weiter am Leben gehalten werden. Der Journalist Thomas Schmid, lange Jahre Weggefährte der grünen Ikone Daniel Cohn-Bendit, vermutet hinter einem solchen Verhalten schlicht " Biografie -Rettungsversuche". Es darf bis heute nicht wahr sein, was nicht wahr sein durfte: dass Innovation die Welt verbessert, nicht bedroht.

9 Technik für den Frieden

"Wer im Wohlstand lebt, hat keine Lust zur Innovation. Technik-freundlich sind die, die etwas zu gewinnen haben. Das sind in der Regel die Jungen und die Armen, nicht das Establishment", sagt Ortwin Renn, Leiter der Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg (TA-Akademie). Renn und sein Institut gehören zu den führenden ökologisch-ökonomischen Think Tanks der Republik. Kaum eine parlamentarische Studie zum Thema kommt ohne das Wissen und die Analysen der TA-Akademie aus. "Ökonomie und Ökologie waren nie ein Widerspruch", sagt Renn, der sich freut, "dass der Steinzeit-Fundamentalismus der frühen Öko-Bewegung endlich vorbei ist."

Wirklich gewundert hat ihn diese Frontstellung allerdings auch nicht. Denn die Wirtschaft hat, getreu einer alten evolutionären Regel, auf dem Weg zur Vereinigung mit der Ökologie kaum eine Dummheit ausgelassen: "Nehmen wir mal die Gentechnik - da ging es zuerst um matschfreie Tomaten. Die schmeckten nicht besser, die waren nicht schöner - alle Vorteile lagen bei den Produzenten und Händlern, die ihre Ware länger lagern konnten." Ein ähnliches Desaster erlebte die Industrie bei der Einführung von gentechnisch verändertem Mais: Doch Renn ist überzeugt, "dass die Einstellung zur Grünen Gentechnik kippen wird - und das auch dort, wo heute noch am heftigsten dagegen gekämpft wird." Der Weg zurück zur Vernunft ist allerdings kein Picknick - und nicht über Nacht zu machen. Jahrzehntelange demagogische Untergriffe gegen Innovationen, Veränderungen, Technologie und Wirtschaft, die all das treibt, haben aus dem einstigen Land der Ingenieure und Entwickler eine naturwissenschaftliche Einöde gemacht. So fehlen heute Physiker und Chemiker, die Zukunftstechnologien wie Wasserstoff-Energie sinnvoll erforschen und praxistauglich machen könnten. Biologen wandern in Scharen ab - im Anti-Gentech-Paradies Deutschland haben sie keine Chance auf Beschäftigung. Informatiker sind in dem Land, in dem vor mehr als 60 Jahren Konrad Zuses erster funktionstüchtiger Computer lief, Mangelware.

10 Die Politik der Satten

Nicht allein die Ideologie ist daran schuld, sagt Renn, dass es an Technikern fehlt, er verweist auf die Sattheits-Theorie, die Lehre von den Reichen, die Innovationen nicht mögen. "In allen Ländern mit einer wohlhabenden Bevölkerung sind es die Einwanderer, die naturwissenschaftlich-technische Studiengänge bevorzugen." Das gilt für die USA gleichermaßen wie für die Bundesrepublik - ein voller Bauch studiert nicht gem. Mit den praktischen Folgen der alten Volksweisheit dürfen sich dann Leute wie Renn rumplagen - etwa bei Podiumsdiskussionen mit Soziologen, Philosophen und Politologen: "Da merkt man schnell, dass man ganz wesentliche Dinge nicht diskutieren kann, weil manche Leuten die einfachsten Grundlagen der Gentechnik nicht kennen." Wenn Renn dann ein wenig Allgemeinbildung zum Thema einfordert, werden die - sich meist in der Überzahl befindlichen - Schöngeister pampig: "Dann kriegen Sie zur Antwort: ,Mit so profanem Schnickschnack beschäftigen wir uns doch nicht.'" Für "profanen Schnickschnack" wie Biologie, Ökonomie, Rechnen, Planen und Lernen hat der Herrgott den deutschen Gutmenschen nicht erschaffen.

Dabei ist es so einfach, wenn es um die Lösung tiefer Geheimnisse geht. Man muss zuhören. Etwa den Antworten eines Ortwin Renn, wenn er die Frage beantwortet, was Nachhaltigkeit ist und damit ein gewaltiges Mysterium entzaubert. "Ganz einfach", lautet seine Antwort: "Nachhaltigkeit heißt rechtzeitig nachdenken." -

50er Jahre

Die Geburtsstunde des Recyclings liegt in der Rohstoffknappheit, die im Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich herrscht. Alles wird penibel gesammelt und wiederverwertet. Das ist auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch selbstverständlich. Bei einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen von umgerechnet etwa 59 Euro pro Monat, wovon fast ein Drittel auf die Miete entfällt, darf nichts vergeudet werden. Die wenigsten leisten sich den Luxus elektrischer Haushaltsgeräte wie etwa einen Kühlschrank. Die Ausstattung der ersten Kühlgeräte allerdings ist bereits ziemlich ökologisch: Die Isolierung besteht aus Kork, einem nachwachsenden Rohstoff. Auch wer sich ein Auto kaufen kann, von 1000 Menschen sind das gerade mal vier, spart Rohstoffe: In vielen der damals produzierten Modelle bestehen die Bauteile aus Recycling-Pappguss.

1951 kommt das Vollwaschmittel auf den Markt. Dank Persil muss die Wäsche nun nicht mehr ins Bleichbad oder mühsam auf dem Waschbrett geschrubbt werden, denn es enthält das Bleichmittel Perborat und Silikat als Schmutzlöser. Der Einsatz synthetischer Tenside soll bei härterem Wasser Waschmittel sparen. Verglichen mit vorher wird Waschen ökonomischer und ökologischer.

Das eigene Auto ist für die meisten ein unerreichbares Ziel. Die erschwingliche, überdachte Alternative zum Roller kommt 1955 auf den Markt: das Goggomobil. Es hat 14 PS, fahrt 74 Stundenkilometer Spitze und verbraucht nur 4,6 Liter. Das erste Fünf-Liter-Auto wird zum Verkaufsschlager.

Die Einführung hydraulischer Fußbremsen verlängert die durchschnittliche Lebensdauer von Fahrer und Autos. Bei mehr als einer halben Million Pkw, Tendenz steigend, eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Neuerung. 1950 gibt es auf eine Milliarde gefahrene Autokilometer mehr als 40 Tote, im Jahr 2000 dank besserer Sicherheitstechnik weniger als zehn.

60er Jahre

1959 ist der Sommer sehr heiß. Leider kann man in diesem Jahr in vielen Flüssen nicht baden, denn überall stehen weiße Schaumberge. Der Auslöser ist ein biologisch schlecht abbaubares Waschmittel-Tensid. Tenside sind die Herzstücke moderner Waschmittel, durch ihre besondere Oberflächenbeschaffenheit lösen sie den Schmutz schnell aus der Wäsche. Werden sie danach im Wasser nicht zügig abgebaut, gefährden sie die Umwelt. Die Hersteller ersetzen die Tenside kurz darauf durch solche, die biologisch abbaubar sind - und reagieren damit schneller als der Gesetzgeber. Erst 1961 verbietet ein Gesetz den Einsatz nicht abbaubarer Tenside.

70er Jahre

Die Automobilindustrie berücksichtigt, neben weiterer Leistungssteigerung, auch immer mehr ökologische Aspekte. 1970 wird die erste europäische Abgasrichtlinie zur Reduzierung von Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffen verabschiedet. Deshalb werden magere Motoren gebaut, die auch den Kraftstoffverbrauch durch Verdichtungserhöhung senken. Dadurch steigt allerdings der Ausstoß an Stickoxiden. Dem versucht man durch Gemischanpassung, Brennraumgestaltung, Ventilzeitänderung, Zündwinkelverstellung und Abgasrückführung beizukommen. Das verringert zwar die Schadstoffe, erhöht aber gleichzeitig den Kraftstoffverbrauch. Ein Zielkonflikt, der auch mit der Einführung des Katalysators nicht gelöst werden kann.

Von 1970 an setzt Henkel verschiedene Enzyme in Waschmitteln ein. Sie sollen gezielt Flecken beseitigen. Die Eiweißstoffe funktionieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip, je nach Zusammensetzung der Flecken kommen bestimmte Enzyme zum Einsatz. Da sie schon bei niedrigeren Temperaturen aktiv sind, sparen sie Energie und Wasser.

Bis Anfang der siebziger Jahre entwickelt sich der Energieverbrauch parallel zum Bruttoinlandsprodukt. Auch als Folge der beiden Ölkrisen 1973 und 1979 findet dann jedoch eine Entkoppelung von Energieverbrauch und Wirtschaftsentwicklung statt, die bis Ende der achtziger Jahre anhält. Der Grund: Industrielle Produktionsverfahren werden effizienter. Der sparsamere Dienstleistungssektor entwickelt sich weiter, der Strukturwandel trägt dadurch auch zum Sinken des Energieverbrauchs bei.

Die Diskussion über die Ölpreise rückt die Sparsamkeit auch in Haushalt in den Vordergrund: Die Ölkrise von 1974 löst breites Interesse an Umweltthemen aus. Abseits ideologischer Debatten beginnt der Umschwung im Haushalt: Gerade bei dem energie-intensivsten Hausgerät, dem Kühlschrank, versucht man Strom zu sparen. Durch den 24-Stunden-Betrieb entfallen 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs eines Haushalts auf Kühlgeräte. Die Hersteller senken den Verbrauch beispielsweise durch verbesserte Isolierung. Dickere Kunststoff-Isolierungen erlauben den Einsatz sparsamerer Motoren. Nachteil: Die Kühlschränke werden immer größer. Die geringe Nachfrage nach den sparsamen, aber riesigen Geräten beendet den Trend zur Überisolierung.

1975 reinigt in zwölf Prozent der deutschen Haushalte eine Spülmaschine das Geschirr. Sie braucht für ein normales Programm etwas mehr als 60 Liter Wasser und etwa drei Kilowattstunden Strom. Um die gleiche Menge von Hand zu waschen, braucht man zwischen 40 und 60 Litern Wasser und zwei Kilowattstunden.

Mitte der Siebziger wird der Kunststoff Polyurethan auch auf dem Bau verwendet. Der Schaum dichtet gegen Wärme, Kälte und Schall, beispielsweise zwischen Fenster und Wand. So können in einem Haus mit 50 m2 Fensterfläche etwa 180 Liter Heizöl pro Jahr eingespart werden. Der Schaum der Erkenntnis wird aber fast zeitgleich auch zum Umweltkiller ernannt, weil er durch Treibgase aus der Dose kommt.

80er Jahre

1982 kommt zum ersten Mal ein Waschmittelkonzentrat auf den Markt. Der Weichspüler ist zehnfach konzentriert: Statt in einer Fünf-Liter-Flasche wird es in 500-Milliliter-Fläschchen angeboten und soll Verpackungsmaterial, Energie und Geld sparen. Leider wird das Konzentrat ständig überdosiert, die ökologischen Vorteile des Produkts können Verbraucher deshalb nicht überzeugen. Kurz darauf verschwindet es wieder aus den Regalen. Einem Waschmittel-Konzentrat, das etwa die Hälfte an Pulver einspart, ergeht es ähnlich - erst zehn Jahre später können sich die Konzentrate durchsetzen.

Anfang der achtziger Jahre gibt es immer mehr elektrische Kleingeräte in deutschen Haushalten: Eierkocher, Toaster, Wasserkocher und Kaffeemaschinen sind praktisch und erschwinglich. Und sie sparen auch noch Strom. Ein elektrischer Eierkocher benötigt nur ein Drittel des Stroms, den man zur Zubereitung im Kochtopf braucht. In einem Jahr kann man so sieben Kilowattstunden Strom sparen.

Kaffeemaschinen benötigen rund 50 Kilowattstunden, um drei Personen ein Jahr lang mit frischem Kaffee zu versorgen. Wer seinen Kaffee dagegen auf dem Herd kocht, erwärmt meistens mehr Wasser als nötig. Der jährliche Strombedarf steigt auf etwa 150 Kilowattstunden. Selbst bei exakt bemessener Wassermenge würde doppelt so viel Strom verbraucht wie beim Kaffeeautomaten.

1986 führt Mercedes-Benz den Dreiweg-Katalysator serienmäßig ein. In den USA ist der Katalysator schon seit 1974 Pflicht. Bei der Konstruktion des Katalysators greift man auf ein bereits 1909 patentiertes Verfahren zurück. Dreiweg-Katalysatoren funktionieren nur mit bleifreiem Benzin. Da das Blei im Sprit die Zylinder kühlt und auch die Ventile schmiert, muss die Technik an bleifreies Benzin angepasst werden. Die Ventilführung wird beispielsweise erweitert, das wiederum erhöht anfangs den Ölverbrauch. Auch der Kraftstoffverbrauch steigt nach Einführung des Katalysators an, die Schadstoffe im Abgas werden aber bis zu 90 Prozent reduziert.

1988 läuft der hundertmillionste Braun Elektro-Rasierer vom Band. Das ist für die Umwelt gut - schließlich spart die Trockenrasur neben Zeit auch Energie. Zwar braucht die klassische Rasur mit der Klinge keinen Strom - um das verwendete Wasser zu erwärmen, braucht man jedoch gut 40 Kilowattstunden pro Jahr, der 40-fache Verbrauch eines Elektrorasierers.

90er Jahre

Zur Herstellung einer Kilowattstunde Strom benötigt man in Wärmekraftwerken etwa 350 Gramm Brennstoffe. In den fünfziger Jahren verbrauchte ein Wärmekraftwerk noch die doppelte Menge. Die Verbesserung des Wirkungsgrades war der Grund für die Einsparungen. Der Wirkungsgrad definiert das Verhältnis des gewonnenen Stroms im Vergleich zur aufgewendeten Energie. Die ersten Dampfkraftwerke Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatten beispielsweise einen Wirkungsgrad von vier Prozent. In den achtziger Jahren erreichte ein deutscher Kraftwerks-Park schon 33 Prozent. Größere Kraftwerkseinheiten, bessere Werkstoffe und technische Verbesserungen, zum Beispiel die Optimierung der Turbinen, machten diese Entwicklung möglich. Die Einführung der Abgasreinigung 1983 erhöht den Eigenverbrauch der Anlagen, der Wirkungsgrad geht anfangs um zwei Prozentpunkte zurück.

1996 bringt der Haushaltsgeräte-Hersteller Bosch eine Classic Edition von Kühlschränken heraus - das Design aus den Fünfzigern, die Technik von heute. Bei vergleichbaren Maßen fassen die neuen Geräte etwa 40 Liter mehr, verbrauchen aber etwa 30 Prozent weniger Strom durch optimierte Wärmetauscher und verbesserte Isolierung aus Kunststoff-Schaum, der seit einigen Jahren auch ohne FCKW hergestellt werden kann.

Von 1997 an lohnt sich der Abwasch per Hand nicht mehr: Ein normales Spülprogramm braucht mittlerweile nur noch etwa 16 Liter Wasser und 1,5 Kilowattstunden Strom. Die Mehrheit der Deutschen, knapp 60 Prozent, spült weiterhin von Hand.

Im Jahr 1999 belegen die End-Energiebilanzen, die den gesamtwirtschaftlichen Verbrauch von Gas, Öl, Fernwärme, festen Brennstoffen und Strom dokumentieren, Erfreuliches: Die Energie-Intensität sinkt seit Beginn der Neunziger. Etwa 1,7 Prozent können jedes Jahr eingespart werden. Ein Grund liegt im fortschreitenden Strukturwandel - nur ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs geht inzwischen noch an die Industrie.

2000 sinkt der Absatz von Benzin im Vergleich zum Vorjahr um 2,8 Prozent. Der Trend zu wenig verbrauchenden Autos hält an. Allerdings kompensiert energie-intensive Zusatzausstattung das meiste davon.

In 2001 kann man mit einem Liter Öl einen Quadratmeter Wohnraum ein Jahr lang heizen. Dabei hilft spezielles Styropor. Um einen Quadratmeter davon herzustellen, braucht man zehn Liter Erdöl, spart aber in 50 Jahren rund 1200 Liter ein.

Buchtipps/Literatur/Websites

Web: Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg. Alles über Nachhaltigkeit in der Praxis, www.ta-akademie.de Die von Norman Borlaug angestoßene Initiative Air mehr Wachstum auf weniger Fläche findet sich unter www.highyieldconservation.org

Fakten zur Welt- und Umweltlage fasst Bjorn Lomborgs Buch Apocalypse No! - Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln zusammen. Zu Klampen, Lüneburg, 2002; 556 Seiten; 29 Euro

Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Das Lexikon der Öko-Irrtümer. Piper-Taschenbuch, München, 2000; 9,90 Euro und

Die Zukunft und ihre Feinde, Eichborn, Frankfurt/Main, 2002; 250 Seiten; 19,90 Euro