Das behauptet jedenfalls der Marburger Wirtschafts-Professor Jochen Röpke.

Sein Leben verschwimmt zwischen Historie und Legende. Genau weiß niemand, ob der chinesische Philosoph Laotse im 6., im 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus lebte. Die ihm zugeschriebene Aphorismen-Sammlung Taoteking allerdings wurde die Grundlage des Taoismus, der religiös-philosophischen Lehre von der Harmonie zwischen Mensch und Kosmos.

Was diese jahrtausendealte Weisheit moderne Unternehmer angeht? Eine ganze Menge, sagt Jochen Röpke. Das Denken des 63-jährigen Professors für Ökonomie ist durch zwei Vorbilder geprägt, die auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten: durch den Chinesen Laotse und den berühmten Nationalökonomen, Neoliberalen und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek in Freiburg. Bei ihm habilitierte Röpke, der seit Mitte der siebziger Jahre Professor für Wirtschaftstheorie an der Philipps-Universität Marburg ist. Seine Vorliebe für Asien führt ihn regelmäßig nach Indonesien, wo der Wissenschaftler an der Universität Bandung Ökonomie lehrt.

Seine Erkenntnisse über die Vervollkommnung des schöpferischen Menschen in der östlichen und westlichen Hemisphäre hat Röpke in seinem neuen Buch "Der lernende Unternehmer" beschrieben. Mit brand eins sprach der Wissenschartler über den Versuch, das Geheimnis des wirtschaftlichen Erfolges zu entschlüsseln.

brand eins: Herr Röpke, sind erfolgreiche Unternehmer eigentlich lernfähiger als andere Menschen?

Röpke: Ja, das müssen sie sein. Wenn sie nicht lernen, gehen sie unter. Auf modernen Märkten müssen Unternehmer ihre Produkte und Technologien ständig verändern. Sie müssen lernen, was die Kunden wollen, aber auch, was ihr Banker will. Dieses Lernen ist allerdings ein sehr mechanisches, wenig reflektiertes, das nicht sehr in die Tiefe geht und trotzdem notwendig ist. Es handelt sich hier um die einfachste Form des Lernens, nämlich die Aufnahme professionellen Wissens.

In Ihrem Buch begegnet man immer wieder dem Philosophen Laotse und seinem Motto: Was auf dem Weg zählt, ist die Fähigkeit zum Wandel. Wollen Sie westliche Unternehmer zum Taoismus bekehren?

Der Taoismus ist nichts, zu dem man sich bekehren lassen muss. Darauf wird man gestoßen. Viele gehen diesen Weg schon, ohne es zu wissen. Wer auf dem Weg ist und ständig lernt, ist bereits Taoist. Tao heißt ja wörtlich: der Weg.

Welche von Laotses Lehren sollte ein Unternehmer beherzigen?

Der Taoismus ist ein System der Entfaltung des Selbst auf verschiedenen Ebenen. Man kann auf einer einfachen Ebene anfangen und dann immer weiter aufsteigen. Meine Vermutung ist, dass auch die kapitalistische Dynamik vom Menschen verlangt, dass er immer höhere Stufen erklimmt. Es reicht nicht, Wissen aufzunehmen, es reicht auch nicht zu lernen, wie man lernt. Man muss unternehmerische Energie erwerben, um die Herausforderungen zu bewältigen. Den Problemdruck kann man nicht bewältigen, wenn man sich nicht Methoden aneignet, solche Energien sozusagen aus dem Nichts zu gewinnen. Und der Taoismus ist eine Methode, sich solche Energien zu erschließen.

In Ihrem von Laotse inspirierten Stufensystem unterscheiden Sie die Entwicklungs- und daraus abgeleitete Lernstufen. Sie bezeichnen sie als die der Routine, der Arbitrage, der Innovation und der Selbst-Evolution. Was bedeutet das?

Die vier Stufen sind hierarchisch aufgebaut. Ein Unternehmer ist im Tagesgeschäft auf der Routinestufe, also der untersten. Wenn er an der Börse spekuliert, andere Firmen kauft oder billigere Arbeitskräfte sucht, hat er die Stufe des Arbitrageurs erreicht. Wenn er Neues ausprobiert, ist er Innovator. Und wenn er sich selbst weiterentwickelt, ist er ein evolutorischer Unternehmer. Das ist die höchste Stufe.

Den vier Funktionen entsprechen vier Lernebenen: Lernt der Unternehmer gar nichts hinzu, bleibt es bei der Routine. Wenn er aber etwa ein neues Buchhaltungssystem einführt oder lernt, wie er neue Kunden ansprechen kann, also seine kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern, befindet er sich auf einer höheren Lernebene. Die höchste Ebene wäre, wenn er lernt, wie er seine bisherige Routinetätigkeit mit Lebenssinn auflädt. Wer das schafft, ist kein Routine-Unternehmer mehr. Der in der westlichen Lehre vorherrschende Typ des Homo oeconomicus, der immer nur das einmal Gelernte reproduziert, verharrt allerdings auf der Grundstufe. Für einen innovativen Unternehmer dagegen ist das tägliche Lernen lebensnotwendig. Dazu gehören dann auch kommunikative und emotionale Fähigkeiten. Ohne sie lassen sich selbst gute Produkte kaum auf dem Markt platzieren. Wer nicht vernünftig kommunizieren kann, vergrault seine Kunden.

Und wodurch zeichnet sich ein Unternehmer auf der höchsten Lernebene aus, der Stufe der Selbst-Evolution?

Das ist die Stufe der Reflexion über die Stufen, die darunter liegen. Er könnte zum Beispiel darüber nachdenken: Warum habe ich Probleme mit meinem Banker? Der Businessplan stimmt, alle anderen Daten stimmen auch. Er muss erkennen können, warum er emotional mit dem Banker nicht zurechtkommt. Etwa weil er nicht empfindsam genug war, nicht dessen Sprache gesprochen hat. Er muss also sich selbst beobachten, um die eigenen Defizite zu erkennen.

Wie gelangt er auf diese höchste Stufe?

Welcher philosophischen oder spirituellen Schule er sich anvertraut, ist seine Sache. Erfolgreiche Unternehmer haben oft eine starke spirituelle Komponente. Viele überdurchschnittlich erfolgreiche Unternehmer sind in diesem Sinn taoistisch. Sie verbinden starke Zielsetzungen mit großer Bescheidenheit und Reflexionsvermögen. Und sie haben gelernt, negative Emotionen wie Angst oder Neid auszulöschen. Denn diese Emotionen verderben die Interaktion mit anderen. Aber man kann umlernen: das Erschaffen von Werten nicht aus Egoismus, sondern altruistisch. So gewinnt man Mitarbeiter, die ein Unternehmen auch durch Krisenzeiten bringen können.

Emotionen als Geheimnis des unternehmerischen Erfolges?

Ein innovativer Unternehmer tut Dinge, die er vorher nicht kalkulieren kann und die deshalb ein starkes emotionales, intuitives, kreatives Element enthalten. Je radikaler die Innovation, desto mehr muss er sich auf dieses Element einlassen.

In der westlichen Ökonomie ist die Emotion geradezu negativ belegt. Aber der Homo oeconomicus, der Kalkulierer, der ein Programm in seinem Kopf abspult, funktioniert im innovativen Bereich nicht. Dazu wird es eine andere Art von Rationalität benötigt.

Wer Kunden mit einem neuen Produkt ansprechen will, braucht zusätzlich emotionale Kompetenz für eine Welt, die nicht mehr berechenbar ist. Er braucht Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie ist die notwendige Bedingung für einen Innovator. Er muss in die Psyche anderer Leute einsteigen. Da reichen keine Marktforschungsdaten.

Kritiker könnten mit dem Niedergang der New Economy kontern; zu viel Fantasie, zu viel Emotionalität, zu wenig Orientierung an Fakten.

Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, denen zufolge viele der gescheiterten Start-ups von Leuten geführt wurden, die Schwächen im emotionalen Bereich hatten. Sie hatten Schwierigkeiten, aus ihrer Software-Logik auszusteigen und nachzuvollziehen, welche Bedürfnisse die Kunden wirklich haben. Oder es waren die klassischen Abzocker, die noch schnell auf den Zug aufgesprungen sind und abkassieren wollten. Bei den erfolgreichen Übriggebliebenen, etwa bei eBay oder Amazon, herrschten dagegen auf der Führungsebene hohe emotionale und kommunikative Kompetenz vor.

Sie unterscheiden zwischen dem Erlernen fruchtbaren und trägen Wissens. Und meinen, es gäbe zu viel träges.

Fruchtbares Wissen wird in die Tat umgesetzt. Träges Wissen wird nur im Kopf herumgetragen. In der Universität etwa wird geforscht, aber das Wissen, das dort erworben wird, ist aus Sicht der Wirtschaft träge. Es zirkuliert in der Wissenschaft, findet aber keine Kopplung an die Wirtschaft. Das kann an den Fähigkeiten seiner Träger liegen, die gar nicht erkennen, dass sie durch eine Verbindung mit der Wirtschaft Werte schöpfen könnten. Oder an gesetzlichen Beschränkungen: Der Staat weist den Forschem die Wissenschaft zu, aber nicht die Aufgabe, damit auch Geld zu verdienen. Auch ansonsten gibt es keine Anreize für die Umsetzung dieses Wissens.

Sie leiten das Mafex, das Marburger Förderzentrum für Existenzgründer aus der Universität. Wie sorgen Sie dort dafür, dass aus Gründern lernende Unternehmer in Laotses Sinn werden?

Idealerweise sollte der Unternehmer in einen Reflexionsprozess eintreten über die verschiedenen Funktionen, die wir gerade besprochen haben. Wenn er als Routine-Unternehmer oder Arbitrageur sein Geld verdienen will, muss er erkennen, dass diese Modelle nur begrenzte Potenziale haben. Und dann muss er lernen, wo er sich selbst weiterentwickeln muss. Wir lassen den Gründer seine Lebensvision entwickeln und ihn daraus erkennen lernen, wo seine Stärken und Schwächen liegen.

Vision ist ein arg strapazierter Begriff.

Nennen wir es überragendes Ziel. Nicht Gewinn- oder Umsatzmaximierung, sondern ein Ziel für das gesamte Leben in 10, 15 Jahren. Eine solche Vision hat viele Komponenten und ist sehr umfassend. Reduziert man sein Ziel auf eine einzige Komponente, geht das gesamte Unternehmen wahrscheinlich früher oder später den Bach runter.

Wann wird der lernende Unternehmer zum Standard der ökonomischen Ausbildung?

Informell gab es diesen Standard schon immer: Wer nicht lernt, ist irgendwann weg vom Fenster. Was wir jetzt mit diesem Buch begonnen haben, ist, die Mechanismen des evolutionären Lernens zu entschlüsseln. Um dann Wege aufzuzeigen, wie sich jeder selbst vervollkommnen kann. Man kann das mit dem genetischen Code vergleichen: Es gab ihn immer, erst jetzt wird er dokumentiert. Es wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass sich innovative Unternehmer hervorbringen lassen, die in der Marktwirtschaft gut überleben können.

Ihr Buch geht von einem hohen Lern-Ideal aus - aber beinahe jeder Mensch neigt dazu, lieber auf Bewährtes zu setzen, als alles und vor allem sich selbst ständig neu in Frage zu stellen.

Es geht in meinem Buch um lebenspraktisches Tun. Die Erkenntnisse, die wir auch im Mafex anwenden, sind ja auch aus den existierenden Problemen junger Unternehmer gewonnen. Ich meine damit nicht die Probleme des Abzockers - der kann natürlich Mittel wie Macht, Ellenbogen oder Ausbeutung einsetzen, um seine Lernunfähigkeit zu überspielen. Aber das sind Strategien, die immer weniger greifen. Deshalb muss man andere Methoden des Erfolges und eben des Lernens erproben.

Das Erfolgsgeheimnis des "Made in Germany" schien lange Jahre ein viel simpleres zu sein: Gerade deutsche Unternehmer galten als technikfixierte Pedanten, ohne Innehalten und ohne Selbstzweifel.

Vielleicht gab es diesen Typ. Aber diejenigen, die dauerhaften Erfolg hatten, würde ich eher dem Typ des lernenden Unternehmers zurechnen: reflektiert, sehr selbstkritisch, mit hoher emotionaler Qualität. Sie behandeln ihre Mitarbeiter eher wie Partner, obwohl sie auch hart sein können, wenn es sein muss. Übrigens zeigt sich Qualität auch in der Niederlage. Nehmen Sie Mobilcom: Nur wenn man im Erfolg nicht abhebt, sondern selbstkritisch bleibt, kann man ihn stabilisieren. Wenn sich aber jemand für den Größten und Besten hält, ist der Zenit überschritten, der Abstieg eingeleitet. Das ist eine ganz pragmatische Einstellung.

Wenn ein Unternehmer ganz pragmatisch mit der Methode "Ich maximiere und optimiere einfach, was sich bei anderen bewährt hat, ich erfinde nichts Neues" Erfolg hat - ist das dann ein Bruch in Ihrem Weltbild?

Nein, denn er denkt ja schon entsprechend unserer Theorie: Was fehlt mir, was kann ich von anderen lernen? Damit operiert er bereits auf einer reflexiven Ebene. Auch andere, ebenfalls nicht gerade esoterische Denkschulen machen sich das zunutze. Ein Grundzug etwa des Neurolinguistischen Programmierens (NLP) ist: Was der kann, kann ich auch erlernen.

Bislang sind die meisten Manager in Deutschlands Top-Etagen ganz ohne die Hilfe des Taoismus dorthin gelangt. Sind die alle auf dem Holzweg?

In einer Top-Etage zu arbeiten heißt nicht zwangsläufig, menschlich und unternehmerisch besonders weit gekommen zu sein. Ein bestimmter Typ kommt eben auch mit den erwähnten anderen Mitteln nach oben. Aber dieser Stil wird nicht mehr lange tragen, es bildet sich bereits der neue Typus heraus, von dem das Buch handelt. Nicht lawinenartig, aber Schritt für Schritt.

Zum Buch:

Jochen Röpke: Der lernende Unternehmer - Zur Evolution und Konstruktion unternehmerischer Kompetenz. Book on Demand, 2002; ISBN 3-8311-3722-6; 333 Seiten; 39,80 Euro. Die Lieferzeit des Buches beträgt ein bis zwei Wochen. (Auch zu bestellen über www.brandeins.de)