Cheshire ist ein kleines Kaff am Ohio River. Es lebt im Schatten eines Monsters: Gavin Plant, eines der größten Kohlekraftwerke der Welt. Aber nicht mehr lange.

Was man zuerst sieht, ist der Rauch. Gleich, ob man von Nordosten aus Parkersburg oder in entgegengesetzter Richtung aus Gallipolis kommt. Und von den schmalen Nebenstraßen westlich des Ohio River gesehen, ist es nicht anders. Fette, milchig weiße Fontänen quellen aus wuchtigen Schornsteinen, und auch aus den Kühltürmen dampft es wie über einem Suppentopf. Es geht eine bedrohliche Faszination aus vom General James M. Gavin Plant im Südosten des US-Bundesstaates Ohio. Die Schornsteine sind 253 Meter hoch, die Kühltürme an ihrer Basis 128 Meter breit, dazwischen riesige Betonquader. Ihre Schatten erreichen fast die kleine Ortschaft mit den gepflegten Gehsteigen und niedlichen Häusern, die direkt an die Anlage grenzt. "Gavin ist das Ungeheuer, das unser Leben dominiert", wird Ron Hammond später sagen.

Der brodelnde Klotz am Fluss, mit zwei Generatoren von 1300 Megawatt Leistung eines der weltweit größten Kohlekraftwerke, das jährlich 7,5 Millionen Tonnen Kohle verfeuert, raucht ohne Unterlass. "Jedes Kraftwerk hat Nachteile und erzeugt Belästigungen", sagt Greg Massey,.Gavins Produktionsmanager, "dieses hier liegt leider ungünstig." Weshalb die Ortschaft Cheshire, 211 Einwohner, eine Kreuzung mit Ampel, zwei Schulen, zwei Kirchen, Postamtleitzahl 45620, bald nicht mehr sein wird.

Noch nie zuvor hat ein Unternehmen ein ganzes Dorf gekauft, um seine Ruhe zu haben

Kraftwerk kauft Dorf. So lautete die Nachricht im April dieses Jahres, als American Electric Power (AEP), größter Energieproduzent der USA und Betreiber von Gavin, den Deal bekannt gab. 90 Hauseigentümer, einige Dutzend Mieter, vier Rechtsanwälte und ein Verwalter, der die Geschäfte abwickelt, erhalten 20 Millionen Dollar. "Wir sind glücklich, weil wir Platz für Expansionen brauchen", sagt Massey, "die Bewohner sind glücklich, weil es eine goldene Gelegenheit ist, ihre Immobilien zu Geld zu machen, jeder gewinnt."

Ist das so?

An der Ampel, in der Community Action Agency, einer Anlaufstelle für soziale Angelegenheiten, sagt eine freundliche Dame, sie sei nur die Buchhalterin, und sie könne nichts sagen. Die Buchhalterin sagt, wenn jemand etwas sagen könne, dann sei es die Direktorin, " aber die wird auch nichts sagen, wir haben mit dem Deal mit AEP nichts zu tun". Man solle doch den Bürgermeister fragen. Oder dessen Sekretärin.

Der Bürgermeister wohnt zwei Häuser hinter der Ampel rechts, die Sekretärin drei Häuser hinter der Ampel links. Dazwischen ein verriegeltes Backsteinhaus mit kaputten Fensterscheiben, spärlich möbliertem Sitzungssaal und einem abgedeckten Billardtisch in der Eingangshalle, die Village Hall. Am Privathaus des Bürgermeisters hängt ein Schild mit der Aufschrift "Welcome" und zwei Schwänen. Ein blondes Mädchen öffnet und sagt: "Ich bin bloß die Tochter." Bei der Sekretärin hängt eine Fahne mit der Aufschrift "Liberty" an der Tür, ein Hund bellt, hinter dem Fliegengitter erscheint ein schwitzender Mann mit nacktem Oberkörper, tätowiertem Oberarm. Er sagt: "Sie ist nicht da, am Abend vielleicht."

So weit sich der Fall rekonstruieren lässt, begann alles mit einem defekten neuen Filter

Cheshire ist kein echtes Dorf, Cheshire ist eine Ansammlung von Häusern zwischen einem Fluss und einem Bahngleis, sonst nur Wiesen. Also zurück zur Ampel und um die Ecke. Vor der Treppe des Hauses Nummer 7932 State Route 7 N sitzt eine alte Frau in einem Holzstuhl. Helen Preston ist 88. "Wo soll ich hin?", fragt sie. "Alles, was ich habe, ist hier." Ihre Tochter wohnt um did Ecke, ihre Freundin Boots 50 Meter weiter. Man kennt sich von Kindesbeinen an, mit Boots' Mann ging Helen zur Schule, ihr Mann war dessen bester Freund. Helen wurde hier geboren, hat nie woanders gelebt. Später im Wohnzimmer, zwischen getrockneten Blumen, gehäkelten Decken, meint sie: "Und überhaupt, ich gehe nicht für 3,5 Prozent. Sie haben uns verschachert, der Bürgermeister und das Village Council haben mich nie gefragt, von den Rechtsanwälten bin ich nur einmal angerufen worden." Die alte Dame sagt, sie wolle eigentlich nicht darüber reden, wo doch dieser Journalist aus Chicago geschrieben habe, ihre Wohnung sei unaufgeräumt, und dann sei ein Franzose gekommen, der konnte nicht mal Englisch. Ihre Putzfrau sagt: "Ach, Helen, sie geben dir nicht 3,5 Prozent, sondern dreieinhalbmal den im Grundbuch festgelegten Wert des Hauses." Helen fragt: "Wollen wir eine Spazierfahrt machen?"

So weit sich der Fall rekonstruieren lässt, begann alles im Sommer vergangenen Jahres. Weil Gavin stark schwefelhaltige Kohle verbrennt, aus Minen der Region gefördert und billiger als Material mit weniger Schadstoffen, wurde es von der staatlichen Behörde Environmental Protection Agency (EPA) aufgefordert, ein System zur Filterung von Stickstoffoxiden zu installieren; über eine Entschwefelungsanlage verfügt die Anlage seit Mitte der neunziger Jahre. Der Testlauf der neuen Installation wurde zum Desaster und wird in Cheshire "blaue Fahne" genannt. Die Bewohner klagten über Halsschmerzen, tränende Augen, taube Lippen und Bläschen im Mund. American Electric Power ließ deutsche Techniker von Eon kommen. Massey erzählt einem das, während man auf dem Dach der Generatoren von Gavin steht, Stöpsel im Ohr, Kohlestaub in der Nase. "Wir waren darüber nicht glücklich", sagt er, "aber nun ist alles in Ordnung." 85 Prozent der Stickstoffoxide würden entfernt, dazu 95 Prozent der Schwefeloxide und 99,7 Prozent der Flugasche. Und der Qualm über uns? Das, so Massey, sei Kondenswasser sowie eine Folge des Temperaturunterschieds zwischen Gasen und Luft.

Der Bürgermeister ist wieder nicht da, sagt die Tochter beim zweiten Anlauf, gerade sei er weggefahren. Aber er ließe bestellen, man solle gegenüber bei einem gewissen Ron Hammond klingeln. Ron wohnt ein Haus vor der Ampel, in der Türe erscheint ein dickes Gesicht mit Schnurrbart. Bis vor kurzem waren Fremde in Cheshire eine Seltenheit, da hätten sie sich gewundert über unangemeldeten Besuch. "Inzwischen war die ganze Welt hier", so Ron, "sogar den Dackel vom Besitzer des Ködershops am Fluss hat man fotografiert." Der "Columbus Dispatch" und eine lokale Fernsehstation hatten wochenlang Wohnungen gemietet. Ron mag die Ausländer lieber: "Die schreiben kritischer als unsere Presse."

Hammond ist Lehrer an der Kyger Creek Middle School. Vor 17 Jahren zog er nach Cheshire, verliebte sich in eine Kollegin und blieb. Lori Hammond sagt: "Damals war es die netteste Kommune, die man sich vorstellen kann, inzwischen leben wir in Angst." Abby, eine ihrer beiden Töchter, leide an Asthma, die Gefahr liege Tag und Nacht in der Luft. Ron sagt: "Es gibt in Ohio keine Höchstgrenzen für den Ausstoß von Schwefeloxiden, keine Standards für Quecksilber, und mir können sie nicht weismachen, dass sie die neue Anlage im Griff haben. Das Ding funktioniert nicht." Er mag gar nicht mehr daran denken, dass Gavin zwischenzeitlich eine Genehmigung zur Verwendung von kalziniertem Ammoniak hatte. Bei einem Austritt der hochgiftigen Substanz wären für die Räumung des Ortes acht Minuten Zeit geblieben; jetzt verwendet man Karbamid. Deshalb sei es zum Verkaufsangebot des Village Council, dem Ron angehört, an den Betreiber gekommen. "Die boten 20 Millionen", so Massey, "wir haben akzeptiert." Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Bewohner eine Erklärung unterzeichnen, sie würden AEP in Zukunft nicht wegen gesundheitlicher Schäden verklagen. Lori: "Ich will so schnell wie möglich weg."

Ein Energieunternehmen will Gewinn machen, kleine Hausbesitzer auch - wenigstens einmal im Leben

Die Hammonds werden sich gedulden müssen. Inzwischen stellen einige Bewohner lieber naheliegende Fragen, anstatt zu unterschreiben. Warum beinhaltet die Abfindung nur eine Gegenleistung für Häuser und Grundstücke nach ihrem Wert von 1999 ? Weshalb werden Renovierungen an den Gebäuden danach nicht berücksichtigt? Wieso sind die kommerziellen Betriebe, die beiden Kirchen, zwei Schulen und die Behörden nicht im Deal integriert? Und womit rechtfertigen die Rechtsanwälte ihr opulentes Salär? Nach Abzug aller Kosten bleiben durchschnittlich 100 000 Dollar pro Hauseigentümer. Manche glauben, Gavin solle zur Versuchsstation neuer Technologien für andere Kraftwerke von AEP werden, mit latexbeschichteter Kohle wird bereits experimentiert. Teresa Mills von der Umweltschutzorganisation Buckeye Environmental Network meint: "Sind 20 Millionen fair? Nein, vor allem, weil Ausverkauf immer billiger ist als Saubermachen." Ron sagt: "Wir sind ein Risiko. Wenn wir gehen, können sie machen, was sie wollen." Neben der Luft ist nun auch noch das soziale Klima verpestet; ganze Familien sind zerstritten. Licht hinter den Gardinen bei der Sekretärin des Bürgermeisters, deren Mann auch dem Village Council angehört, es macht aber niemand auf. Und so wird es Abend über Cheshire, es riecht ein bisschen säuerlich.

Gavin wurde zwischen 1974 und 1975 gebaut und kostete 660 Millionen Dollar, nur unwesentlich mehr als seine Entschwefelungsanlage. Mit dem Strom, den das Kraftwerk produziert, kann eine Stadt mit 2,6 Millionen Einwohnern versorgt werden. Das Unternehmen bedient 4,9 Millionen Haushalte in elf US-Bundesstaaten und hat sieben der neun weltweit betriebenen Generatoren mit 1300 Megawatt gebaut, dessen Stromleitungen fast so lang sind wie die Entfernung von der Erde zum Mond. Das Unternehmen mit Sitz in Columbus erwirtschaftet jährlich 61 Milliarden Dollar Umsatz und beträchtliche Gewinne. AEPs bevorzugte Standorte liegen im Mittleren Westen und Süden Amerikas, in Bundesländern ohne regulierte Strompreise. Massey: "Wir müssen Profit machen, das ist Teil des Geschäfts."

Massey sagt, man achte auf die Vorschriften und weist darauf hin, "dass wir anfangs hier sehr willkommen waren". Der Südosten Ohios ist strukturschwaches Gebiet, und Gavin bietet rund 400 Arbeitsplätze, zahlt jährlich 20 Millionen Dollar Gehälter und 6,8 Millionen Grundsteuer für sein 24 Quadratkilometer umfassendes Areal. Der Manager betont wiederholt, wie teuer die neue Stickstoffanlage war, immerhin 850 Millionen, und meint: "Wer Asthma hat, leidet auch unter dem Rauch von Lagerfeuer."

Was bleibt, ist der Friedhof von Cheshire - einer der schönsten überhaupt, sagen die Leute

Am Hochufer des Ohio River steht eine rüstige, resolute Dame und sagt: "Ich bin vielleicht alt, aber ich bin nicht dumm." Boots Hern, 82, will 1,5 Millionen Dollar, "sonst unterschreibe ich nicht, basta". Geboten hat man ihr 250 000. Doch Boots weiß, dass ihr Grundstück unerlässlich ist für Gavins geplante Expansion. Täglich machen 26 Kohleschlepper ein paar hundert Meter weiter flussabwärts fest und kommen sich beim Entladen bedrohlich in die Quere. Sie hat es von ihrem Küchenfenster aus beobachtet. "Die Sache stinkt", sagt sie, "AEP will unsere Grundstücke für ein Almosen und unser Schweigen umsonst." Boots versteht nicht, warum der Bürgermeister Panik und die Rechtsanwälte Druck machten. "Sie sagen uns, es sei unsere einzige Chance, zu Geld zu kommen, und eine Klage gegen Gavin könne zehn Jahre dauern. Und wenn schon, in Wahrheit sind wir die Stärkeren." Ihre einzige Erklärung: Der Bürgermeister und die Mitglieder des Village Council sind bestochen, wenngleich sie das vor laufendem Tonbandgerät nicht wiederholen will. "Was ist Politik?", fragt Boots. "Politik ist Schall und Rauch, was sich dahinter verbirgt, sieht doch niemand."

Ohio lebt primär von Bergbau, Stahl und von Kraftwerken wie Gavin. Die Leute sind einiges gewöhnt. Arthur Wojtascek etwa hat ein halbes Leben lang beim Bau- und Landmaschinenhersteller Caterpillar in Cincinnati am Förderband gestanden. Als dessen Produktion nach Korea ausgelagert wurde, verschlug es ihn in das Dorf hinter dem Kraftwerk. Seit 16 Jahren betreibt er in einer wackeligen Bude an der Kreuzung "Deani's Pizza Place". Arthur: "Ich fand es nie schlimm, in Cincinnati war mehr Dreck in der Luft." Zwölf Stunden täglich steht er am Herd, sein T-Shirt ist fettig, sein Gesicht zerfurcht. "Das Kraftwerk war gut für mich." Ohne den Umsatz mit dessen Angestellten hätte er schon längst zusperren müssen. Roberta Payne aus dem örtlichen Friseursalon meint: "Wenn sie die Investitionen in mein Geschäft zurückzahlen, gehe ich morgen." Der Haarschnitt kostet neun Dollar, weniger kriegt sie woanders auch nicht. Und Charles Reynolds, Besitzer des Ködershops, "Reel 'em In Bait & Tackle", war früher Trucker, er würde dreimal mehr Geld für sein Haus bekommen, als er bezahlt hat. "Ich unterschreibe alles, was AEP mir vorlegt." Sein Recht auf Ausgleich für gesundheitliche Schäden, die bei Atemwegserkrankungen erst Jahrzehnte später auftreten können, interessiert ihn nicht. "Ich bin 58, ich war lange genug unterwegs, woran ich sterbe, ist mir egal."

Die Spazierfahrt mit Helen Preston führt durch Cheshire, vorbei an den Schulen mit 500 Kindern, vorbei an Hochspannungsleitungen und Förderbändern; sie überziehen die Felder und fräsen sich in die Hügel hinter Gavin wie ein asymmetrisches Spinnennetz. " Wir waren mal ein hübsches Plätzchen", sagt Helen, früher hätte es fünf Lebensmittelläden gegeben, und in den Bahnhof seien täglich ein halbes Dutzend Personenzüge gerollt. Aber das war lange bevor das Kraftwerk kam. Dann taucht der Friedhof von Cheshire auf, malerisch gelegen an der Gravel Hill Road, gepflegt, viele Bäume. "Die Leute behaupten", so Helen, "es ist einer der schönsten Friedhöfe, den sie kennen." Der Bürgermeister soll neulich bemerkt haben, wer bleiben will, solle bleiben, er werde das Geschäft jedenfalls zum Abschluss bringen. Ron meint: "Bald gibt es kein Postamt mehr, keine Pizzabude, keine Kirchen, keinen Kiosk. Was will man dann in einem Haus mitten in einer Kohlegrube?" Vom Friedhof aus blickt man hinunter zum Ohio River, wo Gavin kokelt und dampft und schmaucht aus allen Kaminen. Massey hatte gesagt: "Wir werden noch lange hier sein."

Helen Preston will dennoch nicht weg. Das Grab ihres Mannes liegt vom links, nicht weit vom Eingang.