Ab in die Gelbe Tonne! Mülltrennung ist Volkssport, volkswirtschaftlicher Unsinn und ein prima Geschäft für das Duale System Deutschland. Der Entsorgungs-Dinosaurier verteidigt sein Monopol mit allen Mitteln – doch er wankt.

Roland Belz wäre sehr gern Raubritter. Eine Burg hat er schon. Auf die Frage, was er gelernt habe, sagt er: " Schwabe." Dann verrät er "Diplomkaufmann" und erklärt seine Philosophie: "Wirtschaft ist wie Krieg. Man muss heute das Handwerk genauso beherrschen wie damals. Daran hat sich in Jahrhunderten nichts geändert. Deshalb sitzen wir hier im Schloss. Die Waffen damals waren Schwerter, heute ist es PR." Roland Belz spricht über seinen Gegner, den milliardenschweren Müllgiganten aus Köln-Porz: das Duale System Deutschland, kurz DSD, den Bewacher des Grünen Punktes.

Groß, mächtig, böse.

Belz hat kein Geld für Public Relations, seine Waffe heißt Powerpoint, die Präsentations-Software beherrscht er bis zur hohen Kunst. Bunte Pfeile, schattierte Säulen und eingefärbte Mengenquader geistern über die weiß getünchte Wand des Turmzimmers seines Schlosses Kühlenfels zu Pottenstein bei Pegnitz, einer Kleinstadt in der fränkischen Schweiz.

30 Abbildungen braucht Roland Belz, um das Geschäftsmodell seiner Firma Belland Vision zu erklären. Bereits beim dritten Bild steht der Zuhörer knietief in der Problematik der modernen Konsumgesellschaft. Belz nennt sie "eine Einbahnstraße zur Umwandlung von Rohstoffen in Müll", und der Zuhörer ahnt bei Tafel zwölf ("das neue Geschäftsfeld Belland Technologie"), wieso in Pottenstein von Krieg die Rede ist.

Links außen begrenzt eine lachsfarbene Säule das Bild, sie steht für nicht erneuerbare, fossile Rohstoffe. Ganz rechts wartet eine zweite lachsfarbene Säule: Müll. Dazwischen liegt ein dickes Quadrat, durch das der industrielle Weg aus Umwandlungprozessen, Transport, Produkten und Konsum läuft, eine Pfeilchenkarawane aus Herstellern, Industrie, Einzelhandel und Endverbrauchern. Alles wandert in Richtung Müll. So weit der Markt.

125 Millionen Euro hat die Investorengemeinschaft der Belland Vision Ltd., so der Name der Londoner Holding, bis jetzt in Roland Belz' Idee investiert. Belland Vision, die Pegnitzer Tochter, macht aber gerade mal 500 000 Euro Jahresumsatz. Was also erhoffen sich die Investoren wie Phil Collins oder die Familie Bahlsen von dem Raubritter auf Schloss Kühlenfels?

Roland Belz klickt auf die Computermaus. Zwei graue Felder fallen in die Grafik ein, quetschen die Säulen rechts und links. Auf dem einen Feld steht: " Schonung der begrenzten, natürlichen Ressourcen", auf der anderen "Reduzierung der Umweltbelastung durch Emissionen". Ein breiter Pfeil wölbt sich vom Endverbraucher zurück zum Anfang der Produktkarawane, und langsam senkt sich ein grüner Schleier über das komplette Quadrat, also den Verpackungsmarkt. "Da wollen wir rein", sagt Roland Belz, "seit zehn Jahren." Denn seine Schweizer Dependance Belland habe einen Kunststoff erfunden, der sich unbegrenzt recyceln lasse. Den wollen sie lizensieren. Auf dem Tisch stehen die Produkte: Plastikgeschirr, Becher, Flaschen. Ein Markt von einigen hunderttausend Tonnen im Jahr, schätzt Belz.

Hinter dem Grünen Punkt stehen mächtige Akteure, die ihre Claims mit allen Mitteln verteidigen

Im Schnitt flattert ihm im Monat eine Klage oder einstweilige Verfügung ins Haus. Vom Dualen System Deutschland, denn das vertritt die Interessen der Kunststoffindustrie, des Handels und vor allem der Entsorgungswirtschaft. Also die Interessen all derjenigen Akteure, die in Belz' Powerpoint-Präsentation gequetscht, gefärbt oder anderweitig beeinflusst wurden.

"Seit 1993 versucht der Herr Belz, einen angeblich in Lauge löslichen Kunststoff in Umlauf zu bringen", sagt Wolfram Brück, Vorstandsvorsitzender Duales System Deutschland in seinem Büro in Köln Porz auf der anderen Seite der Republik, "bisher hat er aber nirgendwo einen Markt gefunden." Wenn man Wolfram Brück gegenübersitzt, wird schnell klar, wieso das mit den beiden nie was wird. Brück wie Belz treten äußerst selbstbewusst auf, was sich unter anderem im Umgang mit ihren Untergebenen zeigt, beiden steht stets eine latente Zornesröte im Gesicht. Doch während Roland Belz, der Ritter mit dem schütteren Haupthaar, den Biss des Herausforderers ausstrahlt, verströmt Wolfram Brück den Duft der Macht - und zwei Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Der Chef des DSD hat was von der erfahrenen, lebenslustigen Gerissenenheit eines Boxpromoters. Etwas deutsche Eiche ist auch dabei, eine Eiche, an der man sich zwar reiben oder sonstige niedere Tätigkeiten verrichten kann, die jedoch den Teufel tun und zeigen wird, dass sie das stört. Lieber steckt sich Brück noch eine Zigarette an. Zwei Schachteln raucht der Chef des DSD am Tag. Es waren mal weniger - vor der Hausdurchsuchung durch das Bundeskartellamt. Die hat er Roland Belz zu verdanken. Aber was juckt ihn das schon, schließlich geht er im Januar in Pension.

Jede Geschichte über den Grünen Punkt kommt früher oder später bei Wolfram Brück und Roland Belz an. Die beiden Charaktere trennen die Müll-Fraktionen sauberer, als die penibelsten Hausfrauen es je könnten.

Auf der einen Seite Wolfram Brück, das Duale System Deutschland, und mit ihm sein Lizenzzeichen, der Grüne Punkt. Sie stehen für die privatwirtschaftliche Umsetzung der ökologischen Richtlinien der Verpackungsverordung von 1991. Das Regelwerk besagt, dass jeder gewerbliche Verursacher seinen Verpackungsmüll selbst zurücknehmen und entsorgen muss. Weil bei Karstadt oder Hertie aufgestellte Mülltonnen nicht wirklich konsumfördernd wären, gibt es das Duale System, neben der kommunalen also eine zweite Müllabfuhr, die die Pflichten des Handels übernimmt. Als Erkennungszeichen für im System lizensierte Verpackungen entwickelte man den Grünen Punkt. Grüner Punkt heißt: ab in die gelbe Tonne.

Müll wird zu einer wertvollen Ware, die immer mehr Kommunen selbst verwerten wollen

Das Duale System steht aber auch für ein Entsorgungsmonopol, das Kritiker aus der Wissenschaft mit Großaufträgen ruhig stellt und kleine Wettbewerber mit unlauteren Methoden vom Markt abschirmt, so seine Gegner. Seit Herbst vergangenen Jahres ermittelt das Bundeskartellamt, die EU-Kommission hat bereits gemahnt. Das Duale System müsse Mitbewerbern den Zugang zum Verpackungsmüllmarkt ermöglichen, urteilte im vergangenen Jahr der europäische Gerichtshof. Brück findet, das DSD sorge quasi für das Gemeinwohl und legte in Luxemburg und Bonn Widerspruch ein. Die Urteile stehen aus.

Unterdessen allerdings entsorgen Unternehmen wie Schlecker, Müller, DM, Rossmann, Hellweg und Cinemaxx ihren Verpackungsmüll bereits bei der Landbell AG, die auch zur Gruppe des Müll-Dissidenten Belz gehört. Ursprünglich sollte die Firma seinen Recyclingkunststoff in Umlauf bringen und bringt stattdessen jetzt das Entsorgungsgeflecht des DSD ganz kräftig durcheinander.

Landbell bietet seinen Kunden dieselbe Dienstleistung an wie das Duale System - für knapp den halben Preis. Und liefert ihnen darüber hinaus eine Abrechnungs-Software, mit der sie anhand ihres Warenflusses die Summe errechnen, die nicht nach Köln, sondern nach Pottenstein fließt. Damit Schlecker seine gesetzlich vorgeschriebene Wiederverwertungsquote erfüllt, kauft Landbell Verpackungsmüll bei Cinemaxx oder Krankenhäusern ein und gibt den für Schlecker in die Entsorgung. Geht das? Das geht.

Wolfram Brück witterte Anarchie und die Auflösung des Systems. Das DSD schrieb paragrafentriefende Briefe an verunsicherte Kunden, senkte die Preise und diktierte über abhängige Institute und Lobbyisten verschärfte Rahmenbedingungen für den so genannten Selbstentsorgermarkt - die das Bundesministerium für Umwelt (BMU) ohne Beanstandung übernahm. Die Schöpfer der Verpackungsverordnung - der juristischen Grundlage des Dualen Systems - sitzen noch heute im BMU, und einer der Ministerialdirektoren, Dietrich Ruchay, saß jahrelang auch in den Aufsichtsratssitzungen des DSD.

"Das ist das Gleiche, als wenn der BMU-Spitzenbeamte aus dem Kernenergie-Referat ständig an den Gremiensitzungen von RWE und Eon teilnehmen würde", beschwert sich Clemens Reif, ein anderer Selbstentsorger. Das Bundeskartellamt reagierte umgehend, ließ die Geschäftsräume des DSD und des Bund Deutscher Entsorger (BDE) durchsuchen und deckte das Pottensteiner Geschäftsmodell bis zum Hauptverfahren mit einem Erlass.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft, denn Müll ist schon lange ein ausgezeichnetes Geschäft. Das weiß man spätestens seit den Kölner Bestechungsskandalen um Helmut Trienekens. Bis zum vergangenen Jahr zählte der Entsorgungsriese zu den wichtigsten Aufsichtsratsmitgliedern des DSD, danach trat er zurück - aus Altersgründen.

Der Höhepunkt im erbitterten Kampf um die Ausscheidungen der Konsumgesellschaft dürfte allerdings noch nicht erreicht sein. Ab 2005 darf kein Müll mehr unsortiert deponiert werden, Ab 2020 darf Müll überhaupt nicht mehr deponiert, sondern muss vollständig verwertet, verbrannt oder verkapselt werden.

Immer mehr Kommunen interessieren sich daher für die Ware Müll und deren finanziell verwertbare Komponenten. Die aber wandern zum Teil in die gelbe Tonne. Im vergangenen Jahr versuchte der erste Landkreis komplett aus dem Dualen System auszusteigen. Und wurde vorerst gestoppt, das Gerichtsverfahren, läuft allerdings noch.

Das Duale System - ein Dinosaurier der alten Deutschland AG: bürokratisch und unbeweglich

Die Aktivitäten von Belz & Co könnten in letzter Konsequenz zur Abschaffung des Grünen Punktes und der gelben Tonne rühren. Denn sortieren, trennen und, wenn es sein muss, gern auch recyceln, lässt sich bestens ohne das Duale System. Stimmt nicht, sagt das Duale System Deutschland, außerdem verlangt der Gesetzgeber die Mülltrennung. Dann lasst uns die Gesetze ändern, ruft die Aussteigerfraktion und hofft auf die rot-grünen Koalitionsverhandlungen in Berlin.

Aber Rot-Grün interessiert sich nicht sonderlich für Verpackungsmüll. Die Branche gilt als CDU-vermintes Gebiet. Im Haus von Bundesumweltminister Jürgen Trittin sitzen die Väter der Gelben Tonne fest im Sattel, im mittleren Management, mit direktem Draht nach Köln. So werden lediglich symbolische Ohrfeigen ausgeteilt. Wie jüngst die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den Müll-Pionier Hermann Hofmann. Hofmanns Herhof AG hat sich mit der Trockenstabilat-Technik verdient gemacht, "die bereits heute in weiten Teilen die Anforderungen an eine nachhaltige Siedlungsabfallwirtschaft erfüllt", so der grüne Staatssekretär Rainer Braake bei der Verleihung im Mai dieses Jahres. Pikanterweise sitzt Hofmanns Werk und Zentrale aber mitten im Lahn-Dill-Kreis. Eben jenem Landkreis, der dank der Herhof-Technik, einem aufmüpfigen Landrat und der Landbell AG den Präzedenzfall DSD-Komplettausstieg erproben will.

Die Situation der Branche spiegelt ihr Produkt. Die Müllwirtschaft scheint rein äußerlich in zwei saubere Lager getrennt, doch sobald man die Sache näher betrachtet, geht es zu wie auf der Müllkippe. Unübersichtlich und spannend. Für die einen bleibt die Müllwirtschaft eine überschaubare Szene, für die anderen ist sie die Ausgeburt des Stamokap, Staatsmonopolkapitalismus, oder schlichter: die Müllmafia. Elf Jahre nach seiner Einführung mutet das Duale System wie der letzte Dinosaurier aus Zeiten der Deutschland AG an (diesem Geflecht aus Kreuzbeteiligungen und Aufsichtsratsmandaten, das dem Land der Mitte Stabilität, aber auch Stillstand bescherte).

Ein heillos in Regulierungen und Aktionärsinteressen verstricktes, politisch geführtes Industriemonopol, das sich mit seinen Gegnern in einer leidenschaftlichen Symbiose weiterentwickelt. Die Stoffwechselprodukte der Hassliebe sind verunsicherte Kommunen, steigende Umsätze für Öko-Institute, deren Forschungsaufträge zu PR-Bomben umgerüstet werden, und eine florierende, exportfähige Hightech-Sortierindustrie, die in der Lage ist, sogar Aluminiumdeckel von Milchportionsdöschen abzulösen - und den Kritikern des D S D das Killer-Argument frei Haus liefert: Wer Verpackungsmüll maschinell so perfekt sortiert, der kann das auch mit Hausmüll. Wieso also noch getrennt erfassen?

Weil es Spaß macht und beruhigt. In keinem Land der Erde hat sich aus schlechtem Gewissen, planwirtschaftlichem Reformeifer und einer letzlich nur durch kollektive Analfixierung zu erklärenden Sortierlust eine milliardenschwere Industrie entwickelt, die mit nichts anderem beschäftigt ist als mit Müll. Der Grüne Punkt ist Öko für alle. Die täglich gute Tat, am verzichtsund schmerzfreien Ende des Warenkreislaufs, eine Art Anti-Atomkraft-Bewegung, der auch Atomkraftbefürworter guten Gewissens zustimmen können.

Ungeachtet aller Müll-Skandale trennt der Verbraucher munter seinen Abfall und verteilt dabei alle Bestandteile gleichmäßig auf braune, gelbe und graue Tonnen. Verteilen heißt allerdings nicht sortieren. 40 Prozent des Inhalts der gelben Tonne besteht aus Restmüll, bis zu 50 Prozent der mit dem Grünen Punkt lizensierten Verpackungen landen im normalen Haushaltsmüll. Und Biotonnen, die in der Nähe von Großwohnanlagen stehen, sind zu zwei Dritteln mit ausgedienten Videobändern, Shampoonaschen und Babywindeln voll gestopft. Es gilt die Regel: je unpersönlicher die Wohnverhältnisse, desto problematischer der Müll. Das Durcheinander wird anschließend erfasst, getrennt, sortiert, verdichet, verwertet, aufbereitet, recycelt, so die Fachtermini. Wolfram Brück spricht sogar schon von " Veredelung".

Drei Viertel des getrennt gesammelten Mülls bestehen aus Glas und Papier, für diese Stoffe hat sich erfolgreich eine Verwertungsindustrie etablieren können. Das Thema Recycling jedoch und somit der gesamte Streit um das Duale System werden dominiert vom Kunststoff. Der aber macht lediglich drei Prozent des Inhaltes der Tonne mit dem Grünen Punkt aus. Die Hälfte dieser drei Prozent landet in Hochöfen oder wird vergast. Die andere Hälfte wird tatsächlich als Spielzeugauto oder Limoflasche wiedergeboren, wie im Werbe-Spot mit Uwe Ochsenknecht dargestellt.

Recycling, absurd: Milliardenaufwand für 1,5 Prozent Kunststoff in der gelben Tonne

400 000 Tonnen Kohlendioxid wurden durch das Recyceln von Leichtverpackungen im vergangenen Jahr eingespart, meldet das Duale System. Die eingesparte Schadstoffmenge entspricht dem jährlichen Heizölverbrauch einer Kleinstadt wie Heidelberg, rund 128 Millionen Liter. Diese Einsparung jedoch ist teuer erkauft: zu einem Literpreis von umgerechnet sieben Euro. Denn die drei Prozent Kunststoff verschlingen 50 Prozent des Etats des Dualen Systems: eine Milliarde Euro. Und das alles, um nur 1,5 Prozent des deutschen Mineralölverbrauchs (so viel wird für die Produktion von Verpackungen verbraucht) energetisch umzuwandeln. Volkswirtschaftlich ist das Unsinn. Und höchstens mit den 17 000 Arbeitsplätzen, die laut Dualem System am Grünen Punkt hängen, zu rechtfertigen.

Aber die Zahl ist uralt, und die Betreiber der vollautomatischen Sortieranlagen bauen Arbeitsplätze so rasant ab, wie die Automobilindustrie in den Achtzigern. Geht man von aktuell 12 000 Arbeitsplätzen aus, macht das 83 000 Euro, die auf jeden Arbeitsplatz entfallen. In einem Entschließungspapier des Europäischen Parlaments vom September heißt es: "Die stoffliche Verwertung kann zur Schaffung vieler Arbeitsplätze rühren, die der Gesellschaft in anderen Bereichen verloren gegangen sind, und so dazu beitragen, Ausgrenzung zu verhindern." Auch in Brüssel hat man erkannt: Verpackungsverwertung bedeutet staatsquotenfreie, rein konsumfinanzierte Vollsubventionierung von Arbeitsplätzen. Typische Blaumann-Jobs, genau die Jobs, die in der Wissensgesellschaft europaweit verschwinden.

Wolfram Brück kennt die Vorwürfe in- und auswendig. Er weiß wahrscheinlich auch, dass da furchtbar viel Geld für Versprechen ausgegeben wird, die vor mehr als zehn Jahren gemacht wurden, die man aber erst seit kurzer Zeit auch nur ansatzweise in der Lage ist zu erfüllen. Daher beendet Wolfram Brück auch die Antwort auf die Frage nach Ziel und Daseinsberechtigung des Dualen Systems mit dem Hinweis auf Ressourcenschonung und schließt die rhetorische Mauer mit einer typisch amtsdeutschen Feststellung: "Die Qualität des Verwertungsgeschehens hat Vorrang vor ökonomischen Argumenten."

Dabei ging es ursprünglich, als Klaus Töpfer das Duale System entwickelte, um mehr, um die Kreislaufwirtschaft oder den Erhalt der so genannten Veredelungsenergie eines Produktes, Das war ein Teil der Revolution, denn diese Begriffserweiterung definierte erstmalig den Mehrwert eines kaputten Klaviers gegenüber einem Stapel Holz. Das Kunststück lag 1991 darin, der Verpackungsindustrie genau diese Verantwortung zu übertragen und diese Bürde mit genügend politischem Nachdruck zu verhandeln. Diesen Druck schafft nur ein Monopol. Die Reform der Abfallwirtschaft wäre anders gar nicht zustande gekommen.

Innerhalb von nur 15 Monaten war in Deutschland ein zweites privatwirtschaftliches Entsorgungssystem installiert. Nach weiteren 24 Monaten stand das DSD mit fast einer Milliarde Mark Überschuldung vor der Pleite. Die Deutschen sortierten wie verrückt, mehr als kalkuliert. Die örtlichen Entsorger forderten Fantasiepreise, denn sie wussten: Das DSD stand unter enormem Zeitdruck. Die Folge: Plastikflaschen wurden in Bulgarien verklappt statt verwertet, und der Handel zahlte seine Rechnungen nicht. "Branchensolidarität gibt es nicht", sagt Wolfram Brück mit dem Blick des Mannes, der schon so manches erlebt hat, "der Wettbewerb ist immer stärker."

Das System lohnt sich: für die DSD-Aktionäre, deren Anteile pro Jahr zehn Prozent abwerfen

Das Duale System wurde gerettet, die Geschichte ist bekannt. Die Stricke und Seilschaften jedoch, die 1993 und 1994 während der Rettungsaktion geknüpft wurden, halten noch heute. Zur Absicherung der ausstehenden Lizenzen wurden Verbände gegründet, der politische Druck erhöht, und vor allem wurde die Aktionärsstruktur auf 600 Unternehmen erweitert. Die Struktur des Aufsichtsrates entsprach nun den vier Interessengruppen: Materialhersteller, Abfüller, Händler und Entsorger zu gleichen Teilen. Der größte Schuldner war die Entsorgungsindustrie, die auf einen Teil der Schulden verzichtete. Den anderen Teil jedoch bekamen Trienekens, RWE & Co in Form von Beteiligungen umgewandelt, die seit Jahren, dank der "stabilen Entwicklung der Gesellschaft", wie die Presseabteilung formuliert, mit zehn Prozent jährlich verzinst werden. Perfekte Kreislaufwirtschaft. Alle Veredelungsenergie verbleibt im System.

Die schiere Größe ist die Achillesferse des Grünen Punktes. Das DSD bekämpft seine Gegner mit den Mitteln eines selbstherrlichen Großkonzerns - und liefert mit jeder Attacke neue Argumente für seine Zerschlagung. Da werden Redaktionen fingierte kritische TV-Beiträge untergeschoben, es werden Dossiers über die Schwachstellen von Gegnern geführt und das Thema Mülltrennung dermaßen politisiert, dass einzelne Kommunen schon "Müll-Sheriffs" durch die Vorstädte schicken und Verstöße durch Ordnungsgelder ahnden. Ohne rechtliche Grundlage wohlgemerkt. Denn hier zu Lande ist - noch - niemand verpflichtet, seinen Müll zu trennen.

Ernüchternde Öko-Bilanz: Der Entsorgungskonzern trägt zum Klimaschutz gerade mal 0,1 Prozent bei

"Ach wissen Sie", sagt Günther Dehoust, " das Thema ist verdammt verzwickt. Das wird emotional höher bewertet, als es das verdient." Seit 13 Jahren beschäftigt er sich beim Freiburger Öko Institut mit dem Thema Müll. Er schwäbelt in den Telefonhörer und klingt dabei sehr müde. "Sie haben es gut", sagt er, "nächste Woche machen Sie was anderes. Und ich bleibe beim Müll."

Selbst schuld, denn Günther Dehoust hat die Gutachten geschrieben, die vom DSD taktisch eingesetzt werden, und dem Öko-Institut seit Jahren den Vorwurf eintragen, man habe sich bei ihnen eingekauft. Ein Vorwurf, der bei einem Volumen von nur 2,5 Prozent, den das DSD zum Instituts-Umsatz beisteuert, nicht zu halten ist. Er, Dehoust, jedenfalls habe selten mit einem " Auftraggeber zusammengearbeitet, der so wenig versucht hat, Einfluss zu nehmen. Im Gegenteil, wir wurden sogar zu Kritik aufgefordert. Wenn ich für eine Bürgerinitiative arbeite, habe ich mehr Diskussionen."

Sicher, optimal ist DSD noch nicht, räumt auch Dehoust ein. "Aber überlegen Sie mal", sagt der Wissenschaftler, "bei dem ganzen Streit, Verpackungsmülltrennung und Sortierung hin oder her. Ökobilanziell, also da, wo am Ende aufgrund der internationalen Vereinbarungen zum Thema Klimaschutz abgerechnet wird", und jetzt klingt Günther Dehoust wieder sehr, sehr müde, "bewegt sich das in einer Größenordnung von 0,1 Prozent. Hauptsache ist doch, es entsteht keine kriminelle Energie. Und die Leute verhalten sich vor der Mülltonne vernünftig."

Doch mit der Vernunft ist das so eine Sache auf dem weiten Weg zwischen Rohstoff und Müll, wo sich in Pottenstein ein grüner Schleier über ein Quadrat voller Pfeile senkte.