Die Flut entlang der Elbe zerstörte im vergangenen Sommer Menschenleben, Gebäude, Straßen und Existenzen. Doch sie war auch Anlass für ein überwältigendes Netzwerk der Hilfe. Jetzt arbeiten die Beteiligten daran, dass es nicht mit dem Wasser verschwindet.

Am 3. Oktober ist in Dresden allerbeste Einheitsstimmung: Der Spätsommer zieht gemächlich durch die Stadt, Menschen spazieren durch die Fußgängerzonen oder sitzen vor den vielen Cafes, im teuren Teil der Neustadt schlendern Familien über den Jahrmarkt oder besuchen die neu eröffneten Kunst- und Handwerkerpassagen. Selbst in dem großen Einkaufszentrum in der Altstadt ist die Stimmung entspannt, auch wenn sich Massen durch die Läden schieben, die Rolltreppen rauf und runter, Happy Shopper. Das geht in Dresden an diesem Feiertag, denn in Sachsen ist bis Jahresende der Ladenschluss aufgehoben.

Die überflutete Elbe, die sich im August in Dörfer, Städte und große Teile Dresdens ergossen hat, die Jahrhundert- oder gar Jahrtausendflut, hat rund 20 Milliarden Euro Schaden angerichtet. Also dürfen die Dresdner nun rund um die Uhr einkaufen, damit die Wirtschaft wieder lächelt. Aber erinnert sich noch jemand an die Ursache dieser neuen Konsumfreiheit? Von den anderen Folgen der Flut ist jedenfalls nicht viel zu sehen. In einigen Schaufenstern hängen noch Schilder, "wegen Flutschäden geschlossen", doch in dem vor kurzem abgesoffenen Hof des Dresdner Zwingers grünt es dank Rollrasen bereits wieder prächtig. Und vor den unzähligen postkartentauglichen Baudenkmälern der Altstadt präsentiert sich auch das Ufer der Elbe mit Rasen und Strand als harmlose Touristenattraktion.

Es gibt allerdings einen Ort, an dem die Flut weiter rollt: in den Köpfen der Menschen, in ihren Erinnerungen. "Ein Freund von mir hatte abends um sieben sein Auto vor dem Haus abgestellt und rief mich am nächsten Morgen um fünf an. Er sagte, von seinem Auto guckt nur noch das Dach raus, und er wüsste nicht, was er jetzt machen solle." Das erzählt Christoph Anders, der Leiter des Kulturbüros Dresden, ein souveräner Mittdreißiger, fast lachend, aber wie bei allen Gesprächspartnern schwingt auch bei ihm ein leiser Unterton mit: Fassungslosigkeit. Angesichts der Naturgewalt des Wassers, das Häuser, Straßen und Brücken weggerissen hat. Und hinterher Schlamm, überall, unendliche Mengen, unvorstellbar. Aber auch angesichts dessen, was die Menschen der endlosen, zwei Wochen dauernden Katastrophe entgegengesetzt haben: Deiche, drei Meter hoch, vier Meter dick, aus tausenden von Sandsäcken. Auch. Aber vor allem persönliche Hilfe. Ein improvisiertes Netzwerk. Menschen für Menschen.

Und Anders war dabei, er hat das live erlebt. Das verdankt er den Neonazis. Denn vor zwei Jahren stand sein Job als Kulturberater vor dem Aus. Damals hieß sein Arbeitsplatz noch Büro für freie Kultur- und Jugendarbeit und galt als entbehrlich. Seit einem Jahr wird bei ihm aber auch das Bundesprogramm Civitas gegen Rechtsextremismus koordiniert, und so existierten Ort und Struktur noch, als die Flut kam. Welch ein Glück.

Es sollte ein kleines Telefonzentrum werden. Mit 1400 Anrufen pro Tag hatte niemand gerechnet

Am Mittwoch, dem 14. August, als um sieben Uhr morgens der Wasserpegel 6,92 Meter über normal stand, setzten sich Christoph Anders und der Vorstandsvorsitzende der Initiative für Dresden Dietrich Hermann zusammen. Hermann ist ein Profi in Sachen Selbstorganisation. Er war einer der Gründer der Bürgerinitiative OB für Dresden, die 2001 den FDP-Politiker Ingolf Roßberg gegen den Willen seiner Partei als unabhängigen Bürgermeisterkandidaten aufstellte, der dann die Wahl überraschend gewann. An jenem Morgen stellten sich die beiden vor, was in den nächsten Tagen passieren könnte und was dann auch tatsächlich passierte: Das Rathaus und damit der Krisenstab versank, die Leitstelle des Roten Kreuzes war irgendwann nicht mehr zu erreichen, die allgemeine Versorgung mit Strom und Lebensmitteln brach zusammen, und so gab es schließlich niemanden mehr, an den sich Menschen mit Fragen, Ängsten und Hilfegesuchen wenden konnten. "Also haben wir mit zehn Leuten eine Logistik entworfen für ein Telefonzentrum im Kulturbüro", erzählt Anders. "Wir wollten Bürgerhilfe vermitteln, deshalb haben wir es ,Hilfe fürt Dresden' genannt. Unsere Nummer wurde abends bekannt gegeben, und als wir am nächsten Morgen ins Büro kamen, klingelten alle Telefone. Danach hörte es nicht mehr auf. Wir haben rund um die Uhr, 24 Stunden, gearbeitet und ungefähr 1400 Anrufe pro Tag bekommen."

Aus der winzigen Idee wurde innerhalb kürzester Zeit ein gigantisches Unternehmen. Die Deutsche Telekom lieferte eine neue Telefonanlage, ein Tierarzt stellte eine weitere Anlage zur Verfügung, später entstand ein Logistikzentrum, das verschiedene Angebote zu Hilfspaketen schnürte: "Wir bekamen zum Beispiel 5000 Besen, aber ohne Stiel, da haben wir dann eben Stiele besorgt." Und so weiter: "Wir haben anfangs gedacht, das wäre überschaubar, aber es wurde immer mehr. Angereiste Helfer wollten wissen, wo sie helfen können, und Helfergruppen in der Stadt, wo sie als Nächstes gebraucht wurden. Die Sandsackfüllstationen mussten koordiniert, alle mussten mit Essen versorgt werden. Ohne Handys hätte das alles nicht funktioniert. Das Telefonnetz war in der halben Stadt zusammengebrochen, also haben alle über private Mobiltelefone telefoniert. So bekamen wir auch laufend Meldungen von Leuten draußen, damit wir einigermaßen den Überblick hatten."

Nichts war geplant oder geübt. Ralf Lippold, der am fünften Tag zu Hilfe für Dresden kam und vier Wochen in der Telefonzentrale saß, erzählt: "Während der Krisenstab für die große Struktur zuständig war, für die Bundeswehr, Feuerwehr und das Technische Hilfswerk, haben wir die kleinen Sachen erledigt. Wir haben den Leuten geholfen, sich selbst zu organisieren, indem wir die Kommunikation übernommen haben. Jeder konnte da seinen Platz finden. Manche haben nur telefoniert, andere haben sich alles Mögliche angehört, um Informationen zu nutzen. Manche haben stur Sandsäcke gefüllt, andere haben das koordiniert, die hatten 300, 400 Leute unter sich und waren schon froh, wenn sie ein Megafon bekamen, weil die Stimme nicht mehr mitmachte."

Von diesen Koordinatoren war auch Sabine Apelt beeindruckt: "Anfangs haben viele Helfer unkoordiniert gearbeitet. Aber dann gab es hier und da einige Organisatoren, manchmal auch mit Megafon. Die haben dafür gesorgt, dass die Sandsäcke nur halb voll gemacht wurden, damit man sie noch tragen kann, oder dass die Schlange nicht so lang war. Teilweise haben sich die Leute im Zickzack aufgestellt, damit jeder mal den Sandsack anfassen kann. Die Koordinatoren waren eigentlich alle Unternehmensführer, die haben innerhalb weniger Stunden funktionierende Strukturen aufgebaut. Die hatten zum Beispiel einen Sandsackplatz unter sich, da haben sie sich um Sand gekümmert, Arbeitskräfte, den Transport, die haben das zum Teil mit 200, 300 Leuten organisiert. Da ist ein unglaubliches Potenzial freigesetzt worden."

Sabine Apelt gehört selbst zu diesem Potenzial. Die Psychologiestudentin, die gerade ihr Diplom schreibt, wollte helfen und füllte anfangs Sandsäcke. Dann machte sie sich Gedanken über die Flutopfer. "Als ich gehört habe, dass die Leute in Turnhallen oder Schulen evakuiert werden, habe ich gedacht, dass die irgendwann psychische Probleme bekommen werden. In den USA gibt es Notfalllisten mit Leuten, die für solche Krisensituationen bereitstehen, aber bei uns existiert das nicht. Also habe ich einige Psychologen angerufen und vorgeschlagen, nach den Leuten in den Lagern zu sehen. Die erste Reaktion war positiv, so haben wir gemeinsam mit Outlaw, einem sozialen Träger, Teams gebildet aus Psychologen und Sozialarbeitern, die später zum Teil allein weitermachten. Die hatten ihre Lager und haben sich um die Menschen dort gekümmert. Die Leute waren total dankbar, dass jemand für sie da war. Sie sind zu einem gekommen und wollten reden. Man brauchte nur zu fragen, und sie haben erzählt. Oft musste man sonst nicht viel sagen, nur es wird wieder, es wird wieder, es wird wieder."

Die 29-Jährige, die früher als Sängerin und Gitarristin einer Punkband schon eine zentrale Rolle gespielt hat, organisierte in den folgenden Tagen die gesamte psychologische Betreuung, erstellte einen Schichtplan und richtete eine Rufbereitschaft ein. Über den Sinn der Arbeit hat sie keinen Zweifel: "Manche Leute haben nur die materiellen Schäden gesehen, aber die älteren Menschen haben ihr ganzes Leben verloren, ihre Erinnerungen. Zum Glück gab es unter den Helfern viele emphatische Menschen, die mitdenken und mitfühlen und die sich gefragt haben: Wie würde ich reagieren, wenn mir so etwas passiert? Da war zum Beispiel eine Frau, die hat die ganze Zeit nichts anderes gemacht, als Fotoalben aus dem Schlamm zu ziehen, sie zu säubern und zu schauen, wem die gehören. Manche haben gefragt, ob sie nicht mal was Vernünftiges tun will, aber sie hat gesagt, das ist wichtig, das ist das Leben dieser Menschen. Und die Leute waren super dankbar, die haben da gesessen und geheult."

Die Flut schwemmte eine seltene Gelegenheit in viele Leben: helfen zu können und zu dürfen

Das war also die Zeit des Desasters, des Schreckens, des Verlustes, bekannt aus dem Fernsehen. Und genau auf diese Zeit sind im Gespräch alle stolz, daran erinnern sie sich gern und erzählen davon mit Freude. Nein, niemand leugnet das Elend, Natürlich gibt es Leute, die alles verloren haben. Orte, die fast verschwunden sind. Stadtteile, die komplett überflutet wurden. Menschen, die mehr als eine Woche in ihren Wohnungen hockten, ohne Strom, versorgt nur von Schlauchbooten. Aber die Erfahrungen der Helfer waren vollkommen anders, etwa die von Wolfgang Kaufmann.

Der 30-Jährige war früher Steuerfachgehilfe, Filmvorführer, Kurierfahrer, schließlich machte er eine Ausbildung zum Mediengestalter, vor einem Jahr hat er sich mit seiner Agentur Essentialdream selbstständig gemacht. Er erzählt: "Die Stadt hat sich in diesen Tagen extrem verändert. Unter meinem Fenster donnert sonst die Straßenbahn entlang, die fuhr natürlich nicht mehr - es war überall totenstill. Außerdem hatte man das Gefühl totaler Hilflosigkeit. Aber in so einem Moment beginnt man zu arbeiten, auch wenn man eigentlich weiß, dass man gegen das Wasser keine Chance hat. Man tut es trotzdem und freut sich über jeden Erfolg. Ich war jeden Tag unterwegs. Ich habe Sandsäcke gefüllt und Deiche gebaut, bis ich Schwielen an den Händen hatte. Aber es hat Spaß gemacht. Der Zusammenhalt war fantastisch, das habe ich so vorher nie erlebt."

Helfen zu können war für viele Menschen eine ungeheure Erfahrung. Christoph Anders sieht hier einen Grund für die enorme Welle an Hilfsangeboten: "Viele sagen, das Bürger-Engagement war da, weil wir Hochwasser hatten, aber ich glaube, das Hochwasser war nur der Anlass, nicht die Ursache. Die Ursache war, dass Menschen plötzlich helfen durften, dass sie nicht bevormundet wurden. Man musste nicht einen Bauantrag stellen, um einen Deich zu bauen, man konnte ihn einfach bauen und sah, dass das hilft. Eines Abends nach der Flut stand ein Typ bei uns im Hof, einer, den man sonst mit einer Büchse Bier an der Bushaltestelle sieht. Der war total verschwitzt und rief, er habe zwölf Stunden gearbeitet, doch jetzt sei alles in Ordnung, die Neustadt sei wieder sauber. So war die Stimmung. Wir haben allerdings auch erlebt, wie das Engagement nachließ. Die Leute meinen, weil das Hochwasser zurückging, aber mein Eindruck war, dass es eher daran lag, dass die öffentliche Verwaltung das Heft wieder in die Hand nahm. Wir hatten zum Beispiel in der Innenstadt in einem Park Container und 50 Leute, die nach der Hut aufräumten, aber dann durften die nicht weitermachen, weil es hieß, das sei Aufgabe des Grünflächenamtes. Das war eine Schlüsselsituation. Da sagten die Leute, okay, dann helfen wir euch nicht mehr. Das lag nicht am Wasserpegel. Das lag an der Bürokratie, die wieder aufgewacht war."

Die Freiheit und die Zivilisation. Das ist für viele Menschen kein gutes Paar. Passt man auf die Leute nicht auf, tun sie, was sie wollen. Und kann das gut sein? Edith Franke, die Chefin der Dresdner Tafel, glaubt das nicht. Sie erinnert an den Katastrophenschutz in der DDR, in dem jeder seinen Platz hatte und alle wussten, was zu tun ist. Das ist ein erstaunlicher Standpunkt für eine energische 60-Jährige, die mit ihrem Verein höchst erfolgreich die unbürokratische Seite vertritt. Die Dresdner Tafel verteilt, wie alle rund 300 Tafeln in der Bundesrepublik, Essen an Bedürftige. Im Westen werden eher Obdachlose versorgt, im Osten mehr Langzeitarbeitslose: "Wir betreiben auch ein Haus für Straßenkinder, aber vor allem versorgen wir Empfänger von Arbeitslosenhilfe und Leute, die kein Einkommen haben: abgestürzte Selbstständige oder junge Menschen, die nicht wollen, dass die Eltern für sie zahlen. Außerdem haben wir viele Alleinerziehende oder Familien mit vielen Kindern, deren Eltern keine Arbeit haben."

Die Tafel interessiert nicht Vorschriften, sondern Notwendigkeiten: "Wir nehmen zum Beispiel das Gemüse, das die Euro-Normen nicht erfüllt, dicke oder dünne Gurken, zu kleine oder große Äpfel." So war es auch während der Flut. "Einige Bodensee-Bauern haben am Freitagnachmittag Gemüse geerntet, das hatten wir am Samstagmorgen hier, das war ganz frisch. Doch das Landwirtschaftsministerium hätte das nicht nutzen können, denn das Gemüse hatte kein Zertifikat, die haben das geerntet und losgeschickt. Wir können das, denn wir sind ein Verein, der niemanden über sich und unter sich hat, und der souverän Entscheidungen treffen kann, als juristisch selbstständige Person."

Nein, an die Bürokratie glaubt auch Edith Franke nicht, die Soziologin, die an der TU Dresden Ingenieurökonomie für Maschinenbau studiert hat und mit einem Doktor abschloss, die schon lange arbeitslos ist und seit siebeneinhalb Jahren die Dresdner Tafel leitet, die von sich selbst sagt: "Ich hangle mich so durch, wie viele in meinem Alter." Aber zumindest sollte alles besser organisiert sein, darauf besteht sie. Besser als die Dresdner Tafel, auf deren Arbeit sie zu Recht stolz ist? Das ist schwer vorstellbar. Die Organisation wurde mit Lebensmitteln überschüttet: Bäcker buken extra Brot, Edeka schickte 5000 Kilo Lebensmittel, aus Brandenburg kamen 25 Tonnen Kartoffeln und vom Bodensee das Gemüse - das waren 17 Tonnen. "Das stimmt, wir sind logistisch in der Lage, mit Riesenmengen umzugehen. Wir bekommen oft große Lieferungen, die Hälfte verteilen wir an andere Tafeln, den Rest verarbeiten wir selbst. Die Logistik dazu hat keiner finanziert, die ist im Kopf."

Das bewegt Menschen: Wenn man hart gearbeitet hat, das spürt und dann auch noch Erfolge sieht

Die Organisation im Netzwerk funktioniert ebenfalls bestens. "Die Firma Speisenproduktion Fritsche aus Limbach bei Chemnitz rief an, die wollte für uns jeden Tag 2000 Portionen Suppe kochen. Ich habe gezögert, das war ein bisschen viel. Da meinte der Mann, wir seien bereits die sechste Stelle, die sein Angebot ablehnt - keiner will die Suppe haben. Da habe ich gesagt: Moment mal! Denn mein Prinzip ist, ich lasse keine Lebensmittel, kein Geld und keine Leute vorbeigehen. Ich habe sie also genommen, aber wir hatten kein Geschirr. Und wir konnten kein Porzellangeschirr benutzen, weil die Leute nicht abwaschen konnten, außerdem gab es Angst vor Seuchen. Doch wir fanden kein Einweggeschirr. Ich habe dann die Stuttgarter Tafel angerufen, die hatte auch kein Einweggeschirr, aber die hat an der französischen Grenze eine Firma ausfindig gemacht, die das herstellt. Die haben für uns eine Nachtschicht eingelegt, und die Stuttgarter haben das gebracht: 20000 Schüsseln, Besteck, Becher, alles. Wir haben dann zwei Wochen lang täglich 2000 Portionen Suppe verteilt. Und wenn ich mal für ein paar Stunden nach Hause gefahren bin und habe Leute essen gesehen, habe ich nur nach den Schüsseln geschaut und wusste, aha, da war die Tafel."

So etwas hält den Menschen am Laufen. Edith Franke sieht das auch bei ihren Helfern. "Im Westen arbeiten bei den Tafeln Damen der besseren Gesellschaft, aber im Osten sind es meist Arbeitslose. Und viele von denen stehen am Rande eines seelischen Abgrunds. Sie haben das Gefühl, sie seien nichts wert, außerdem wird ihnen immer wieder gesagt, sie seien an ihrer Lage selbst schuld - wer Arbeit finden will, findet auch welche. Das hat etwas abgenommen, seit die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, aber trotzdem fühlen sie sich unnütz. Für diese Menschen ist die Arbeit bei uns, bei der Tafel, existenziell. Da wird richtig geschuftet, man verausgabt sich und ist hinterher stolz auf das, was man geleistet hat. Während der Flut haben 65 unserer Leute rund um die Uhr gearbeitet, wir haben unter anderem ungefähr 50 000 Frühstückspakete gepackt. Da weiß man hinterher, was man getan hat."

Sinn macht süchtig, wer anfängt, zu helfen, will nicht mehr aufhören. Und es gibt genug zu tun

Das alles klingt zu gut, um nicht wahr zu sein. Zu tun, das wissen wir alle, gibt es genug. Und hier war endlich eine Gelegenheit. Das Problem ist bloß, dass man sich an so einen Funken Sinn leicht gewöhnt - und dann? Wolfgang Kaufmann hat sich nach der Flut entschlossen, jeden fünften Euro, den er im nächsten halben Jahr mit seiner Agentur verdient, einer Familie zu geben, die alles verloren hat: "Ich hatte die Idee, während ich durch die Straßen ging, als das Wasser abgeflossen war. Es war wie beim Sperrmüll, nur dass normalerweise ein bisschen vor der Tür steht - hier stand alles vor der Tür. Die Leute hatten alles verloren. Ich wollte etwas abgeben, aber ich hatte nichts, und so dachte ich, na gut, dann muss ich was verdienen." Ganz so selbstlos war das allerdings nicht, wie er selbst zugibt: "Das war natürlich auch ein Versuch, meine Firma zu retten. Meine potenziellen Kunden waren abgesoffen, die hatten Wichtigeres zu tun, als sich über Image-Videos Gedanken zu machen. Da habe ich gehofft, vielleicht so ein paar Aufträge zu bekommen. Das funktionierte aber nicht. Inzwischen habe ich außerhalb Dresdens eine Reihe Aufträge akquiriert, aber diese Leute wissen überhaupt nichts von meinem Plan. So geht das."

Kaufmann wohnt übrigens in der Neustadt, nicht in dem schicken Teil mit den schönen Restaurants und den edlen Galerien, sondern in der abgerockten Hälfte, bei den Studenten, zwischen den Kneipen und Clubs, den Plattenläden und Tattoo-Studios. In einem Viertel also, das man früher alternativ genannt hätte und in dem heute die Zukunft entsteht, wie in all diesen Vierteln in allen Großstädten Deutschlands, zwischen Internetsurfern, Musikmanagern und Trendmuttis. Die Flut kam nicht hierher, und das ist fast schon metaphorisch: Die kleinen Läden und die multikulturelle Szene, aber auch die Galerien einige Straßen weiter blieben verschont, während auf der anderen Uferseite die Prager Straße versank, eine üble DDR-Prachtmeile, Aufstandsbekämpfungsarchitektur, eine Schneise aus Beton mit drei Hotelhochhäusern und Ablegern der Kaufhausgiganten, die es gibt, weil sie billiger sind: H &M, Karstadt, Hertie und so weiter. Als wäre die Vergangenheit abgesoffen, die des Sozialismus und des Kapitalismus gemeinsam. Ein Zufall, klar. Aber die Hilfe für Dresden befand sich natürlich in der Neustadt. Gegenüber einer Kneipe namens "Knast". Und Sabine Apelt wohnt nur ein paar Straßen weiter.

Die Psychologiestudentin baut weiter an einem Versorgungsnetzwerk: "Ich habe vorher jeden Abend ferngesehen, aber ich habe kein Interesse mehr daran, mein Fokus hat sich total geändert. Ich will etwas schaffen. Wir haben das Vertrauenstelefon Hochwasserkatastrophe eingerichtet, da sprechen Psychologiestudenten höherer Semester und Psychologen mit Leuten, die Unterstützung brauchen. Außerdem versuche ich, Kriseninterventionsteams (KIT) für Dresden zu organisieren. Das sind ehrenamtliche Notfallseelsorger und Psychologen, die Rettungskräfte und Feuerwehr unterstützen. Die KITs nehmen sich Zeit für Menschen, die Unfälle mitgemacht haben, aber nicht schwer verletzt sind, etwa bei Massen-Crashs auf der Autobahn. Rettungskräfte haben dafür keine Zeit, die müssen Leben retten. Doch in solchen Momenten ist es auch wichtig, dass jemand da ist, der Zeit hat."

Christoph Anders kämpft derweil mit der Bürokratie, einem Missklang in der Symphonie des Lebens, der von der Hut kurz übertönt wurde. Na gut, so pauschal kann man das nicht sagen. "Unsere Erfahrungen waren sehr unterschiedlich, mir ist ziemlich deutlich geworden, dass die Verwaltung auch nur aus Menschen besteht. Wir hatten unter den Helfern viele Beamte, aber in der mittleren Entscheidungsebene gab es einige, die mit der Situation nicht umgehen konnten. Die haben zum Beispiel ihren Angestellten befohlen, normal zu arbeiten, während draußen die Flut tobte. Andererseits stand der Ortsamtsleiter der Neustadt kurz nach der Flut bei uns im Büro und hat sich nach Hilfe erkundigt. Er hat gesagt, er möchte eine Straße räumen, er braucht 50 Leute und einen Container, und wir haben gesagt, morgen um neun sind die da. Am nächsten Tag kam er wieder, hat sich bedankt, weil alles so gut geklappt hat, und gleich die nächste Straßenräumung abgemacht. Da sah man, dass auch jemand, der in Verwaltungsstrukturen denkt, da raus kann und sich freut, wenn sein Stadtteil sauber wird, ohne Anträge oder so was."

Seit dem Ende der Krise ist die Situation schwieriger geworden: "Nach der Flut haben wir groteske Diskussionen geführt, zum Beispiel darüber, wer Spendenquittungen ausstellt. Wir sollten das machen, doch wenn wir das getan hätten, wären die Spenden in unser Eigentum übergegangen. Aber die Leute haben nicht uns gespendet, sondern Dresden", sagt Anders. Hilfe für Dresden existiert immer noch, es hat jetzt Räume im Rathaus und wird mit ABM-Stellen betrieben. "Nach vier Wochen mussten die freiwilligen Helfer wieder in ihre Jobs, also haben wir ABM-Plätze beantragt. Wir haben 15 Stellen bewilligt bekommen und hatten 25 Arbeitslose. Wir hatten viele Leute dabei, die sehr komplex gedacht haben, das muss man, wenn man so viel koordiniert, und das kann nicht jeder. Trotzdem konnten wir nur drei Stellen mit Leuten besetzen, die Erfahrung haben, weil uns das Arbeitsamt unsere Arbeitslosen nicht vermitteln konnte, zum Teil, weil sie schon andere ABM-Maßnahmen gehabt hatten, aber zum Teil auch nur, weil sie in anderen Abteilungen des Amtes waren. Ich habe unzählige Bewerbungsgespräche geführt, um Stellen zu besetzen, für die die passenden Leute hinter mir saßen. Wir waren ein Netzwerk, in dem die Leute Hand in Hand gearbeitet und sich blind vertraut haben, aber zu dieser Zeit habe ich manchmal gedacht, macht doch euren Scheiß allein. Menschen, die wochenlang umsonst gearbeitet haben und auf eine ABM-Stelle hofften, haben mich gefragt, wieso das nicht klappt. Und ich konnte nur antworten, das Arbeitsamt ist eine Behörde, die nicht gemerkt hat, dass Hochwasser war."

Es war alles da: das Potenzial, die Gelegenheit, die Notwendigkeit. Und heute? Ist es nicht anders

Einer der wenigen, der eine ABM-Stelle bekam und Erfahrung hatte, war Ralf Lippold. "Ich war arbeitslos und bin ins Büro gekommen, weil ich helfen wollte. Anfangs habe ich sieben Tage die Woche gearbeitet, später nur noch sechs, dann kamen die ABM-Stellen, und ich dachte, warum nicht. Nun bin ich fest eingestiegen, mein ABM-Geld liegt allerdings nur zwölf Euro über meinem Arbeitslosengeld. Andere Leute hätten mit dem ABM-Geld weniger bekommen als das Arbeitslosengeld, die arbeiten lieber ehrenamtlich weiter." Christoph Anders ergänzt: "Die aktuelle Hilfe läuft sehr dezentral, sie ist noch stärker eine Frage der Vernetzung. Die Leute brauchen vier, fünf Helfer, aber es kommen ganze Schulklassen, die helfen wollen, das muss also organisiert werden. Außerdem haben sich Nachbarschaftsinitiativen gebildet, die brauchen Ansprechpartner. Wir haben Kontakte, wir kennen inzwischen sehr viele Leute und denken, dass man Hilfe für Dresden als Bürgertelefon weiter laufen lassen sollte. Es gibt lokale Netzwerke in den Stadtteilen, aber es sollte eine Stelle geben, die alles koordiniert. Außerdem machen wir Werbung für die Stadt. Die Leute rufen bei uns an und finden einen kompetenten Gesprächspartner, der ihnen passende Nummern und Ansprechpartner vermittelt und ihnen sagt, wo sie hingehen müssen. ,Dafür sind wir nicht zuständig' gibt es bei uns nicht."

Christoph Anders sagt "wir", denn er ist zwar wieder in seinem alten Job, aber: "Ich bin immer noch da, weil ich für viele der Ansprechpartner bin." Auch er will das Helfen nicht aufgeben. Vielleicht hat Edith Franke Recht, wenn sie sagt: " Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Es liegt in seiner Natur, zu helfen." Aber leider darf er das eben nicht immer. Stellen Sie sich vor, Sie helfen ohne Ausbildung - dann werden Sie mit Pech hinterher verklagt. Aber vielleicht haben Sie auch Glück, es ist Sturm, und keiner kriegt was mit. "Living in Utopia, waiting for a Hurricane." Das ist ein toller Songtitel - aber will man so leben?

"Ich glaube, man muss den Menschen mehr Freiheit geben und ihnen vertrauen. Man kann das, das hat man hier gesehen. Hier zu Lande wird das aber nicht gefördert: Wenn jemand etwas machen will, werden erst mal viele sagen, lass das, das ist nichts für dich. Dabei wäre es doch interessant, wenn alle zusammen etwas machen würden." Das sagt Wolfgang Kaufmann. Und Ralf Lippold ergänzt später: "Ich glaube, die Selbsthilfe hat auch was mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Damals mangelte es an allem, und diesen Mangel gab es jetzt wieder: Es mangelte an Sandsäcken, an Essen, an Organisation. Doch die Menschen kamen damit zurecht, weil sie es kannten. Vielleicht geht es Leuten ähnlich, die einen Krieg erlebt haben. Aber wenn du dir anguckst, wie das heute abläuft: Du gehst in den Kindergarten, in die Schule, in die Uni, du kriegst einen Job und lebst möglicherweise noch bei deinen Eltern - wo sollen da Erfahrungen herkommen?"

Aber es gibt Hoffnung. Sabine Apelt trifft als vorsichtige Optimistin vermutlich den Kern: " Während der Katastrophe sind soziale Netzwerke entstanden, die es vorher nicht gegeben hat. Die Leute haben ihre Nachbarn kennen gelernt, weil sie gemeinsam auf dem Dach saßen oder Schlamm aus dem Keller geschippt haben. Diese sozialen Netzwerke sind sehr lose, sie können halten oder mit dem Einzug der Normalität wieder brechen. Aber was die Helfer angeht, denke ich, da sind Potenziale aufgedeckt worden, die sie nutzen werden. Gerade die Koordinatoren sind hoch engagiert, motiviert und haben Teamgeist. Diese Katastrophe, so makaber das auch klingt, ist jetzt eine Chance für etwas ganz Neues."