Politiker und Manager träumen vom weltweiten Handel mit Treibhausgasen – der Markt soll auch beim Umweltschutz für mehr Effizienz sorgen. Konzerne wie BP gehören zu dem Promotern des Modells.

Sir John Browne war der Zeit voraus, als er am 19. Mai 1997 in seiner alten Universität im kalifornischen Stanford einen Vortrag hielt. Zwar sei der Grund für die globale Erderwärmung noch strittig, so der CEO des Ölmultis BP, doch "das heißt nicht, dass wir nichts tun sollten". Darum werde der Energiekonzern bis 2010 seinen Ausstoß an Treibhausgasen im Vergleich zum Jahr 1990 freiwillig um zehn Prozent drosseln.

Browne kam im März dieses Jahres erneut nach Stanford. "Ich bin hocherfreut, bekannt zu geben, dass wir unser Ziel erreicht haben", sagte der BP-Boss bestens gelaunt. Die Kohlendioxid-Emissionen des Konzerns lägen inzwischen bei 80 Millionen Tonnen und damit zehn Millionen Tonnen unterhalb des Niveaus von 1990. Das hat der Konzern unter anderem mit dem internen Handel von Treibhausgasen geschafft. So habe man "die richtigen Ressourcen am richtigen Platz" gehabt und konnte "die dafür nötigen Kosten senken".

Das hört sich geheimnisvoll an, ist aber im Prinzip ganz einfach: Seit Anfang 2000 gibt BP seinen weltweit rund 160 Geschäftseinheiten vor, wie viele Tonnen Treibhausgase sie maximal in die Atmosphäre pusten dürfen. Die erlaubte Menge wird mit einer - jährlich sinkenden - Zahl von Zertifikaten festgelegt. Manager, die durch effiziente Verfahren weniger dicke Luft produzieren als erlaubt, können die überschüssigen Erlaubnisscheine an Kollegen in anderen Geschäftseinheiten verkaufen und verdienen dabei Geld. Wer mehr Treibhausgase ausstößt als gestattet, muss seinen Kollegen zusätzliche Zertifikate abkaufen - was den Gewinn der Sparte drückt und die eigenen Boni schmälert. Gehandelt werden die Abgas-Wertpapiere im firmen-internen Computernetz.

Umweltschutz nach Marktgesetzen. Unternehmen sollen künftig um ein Gut feilschen, das bislang umsonst war: das Recht, die Luft zu verschmutzen. Auch auf diesem Markt sollen Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Die Weltbank sagt voraus, dass der Handel mit Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2 oder Methan (CH4) bereits 2005 ein Volumen von zehn Milliarden Dollar haben könnte, falls alle Staaten dem 1997 beschlossenen Kyoto-Protokoll folgen. Dann bekommt die Atmosphäre ihren Preis. Bis 2012 müssen die Industriestaaten den CO2-Ausstoß im Schnitt um 5,2 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 drosseln. Die Bundesregierung hat sich gar zu einem Minus von 21 Prozent verpflichtet.

Laut Kyoto-Vereinbarung können die Unterzeichnerstaaten ihre Treibhausgas-Bilanz mit Hilfe so genannter " flexibler Mechanismen" aufbessern: Klima-Pluspunkte lassen sich etwa durch die Aufforstung von Wäldern sammeln, aber auch durch die Förderung von Öko-Projekten im Ausland. Außerdem können Unternehmen, die beim Umweltschutz ihr Soll übererfüllen, Verschmutzungsrechte an andere Firmen weiterverkaufen.

Den internen Handel mit Emissionszertifikaten probiert neben BP inzwischen auch Shell. Auch einige Kyoto-Unterzeichnerstaaten experimentieren. In drei Jahren will die Europäische Union den Handel mit Treibhausgas-Zertifikaten einführen. Die dänische Regierung teilt ihrem Kraftwerksbetreibern bereits seit 1999 jährlich sinkende, handelbare Verschmutzungsrechte für den Schadstoff Kohlendioxid zu. Bläst ein Kraftwerk mehr CO2 in die Luft, als den Betreibern durch ihre Emissionszertifikate zustehen, müssen sie jede zusätzkich emmitierte Tonne eine Strafe von 40 Dänischen Kronen (rund 5,4 Euro) zahlen. Die Briten initiierten den Handel im Frühjahr vergangenen Jahres auf freiwilliger Basis. Unternehmen, die die zugewiesenen Emissions-Obergrenzen ~ durch Investitionen oder den Kauf von Umweltzertifikaten - unterschreiten, werden weitgehend von einer neu eingeführten Klimaschutzsteuer verschont.

Finanzielle Anreize sind der Schlüssel des marktorientierten Umweltschutzes. Das System ist unter Wissenschaftlern bereits seit mehr als 20 Jahren als "cap and trade" bekannt: deckein und handeln. Deckeln deshalb, weil der Staat ein genau festgelegtes Maximum an Verschmutzungsrechten zuteilt und damit das Öko-Ziel vorgibt. Handeln, weil die Lizenznehmer ihre Rechte verkaufen können, ihnen der Weg zum festgelegten Ziel also freisteht. Das Konzept schafft zum einen den Anreiz, Emissionen schneller als nötig zu reduzieren, weil sich mit dem Überschuss Geld verdienen lässt. Zum anderen werde "das angepeilte Öko-Ziel zu minimalen Kosten erreicht", sagt Johann Eekhoff, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln.

Unternehmen, so das Kalkül, werden dort zuerst Emissionen reduzieren, wo es für sie am günstigsten ist. Lizenzinhaber verkaufen ihre Verschmutzungsrechte, wenn ihre Einnahmen aus dem Geschäft höher sind als ihre Investitionskosten zur. Verringerung der entsprechenden Schadstoffmenge. Die Käufer der Zertifikate gehen dagegen davon aus, dass es günstiger ist, Geld für zusätzliche Verschmutzungsrechte auszugeben, als selbst Emissionen zu drosseln.

Der Handel mit limitierten Verschmutzungsrechten allein reduziert also nicht automatisch den Schadstoffausstoß, aber er macht Umweltschutz zum lukrativen Geschäft. "Die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls könnte sowohl große Energiekonzerne als auch mittelständische Öko-Unternehmer motivieren, in effizientere Kraftwerke zu investieren und sauberere Techniken zu entwickeln" , sagt Professor Eekhoff. Absehbar sei, dass sich weltweit Treibhausgas -Märkte entwickeln, auf denen Unternehmen zwei Arten von Emissionsgutschriften handeln werden. Neben Emissionszertifikaten, die Manager von ihren Regierungen erhalten, werden solche Schmutzgutscheine kursieren, die Unternehmen durch die Förderung klimaschonender Projekte im Ausland erworben haben. Dies ist ein weitaus komplizierterer Markt, bei dem die Projektpartner und jene, die mit den Gutscheinen handeln, am Anfang zu Experimenten bereit sein müssen.

Helmuth Groscurth ist so ein Typ. "Sich auf neue Dinge einzulassen birgt Chancen", sagt der Leiter der Abteilung Energiekonzept Zukunft der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW). Der Energiekonzern probt seit zwei Jahren freiwillig ein Klimaprojekt mit einem kanadischen Partner-Unternehmen. Einen Teil der Investitionen, die die HEW in den Bau eines Windparks in Deutschland steckten, bekamen sie von dem kanadischen Stromkonzern Transalta zurück. Der erhält im Gegenzug seit dem Jahr 2000 bis 2007 jährlich Emissionsrechte für 3000 Tonnen Kohlendioxid gutgeschrieben. Der Deal ist das erste transatlantische Geschäft dieser Art. Eine vom Verkäufer bestimmte neutrale Institution - die HEW wählten den TÜV - musste den Handel absegnen und kontrolliert seitdem, ob die Hamburger ihren CO2-Ausstoß tatsächlich wie angegeben drosseln. Diese Prüfung kommt einem Gütesiegel gleich, das den Verkauf der Emissionsrechte an andere Interessenten erleichtern soll.

Laut Kyoto-Protokoll wird grundsätzlich unterschieden, ob Industrieländer gemeinsame Klima-Geschäfte machen (Joint Implementation) oder ob ein Industrieland seine Treibhausgas-Bilanz aufpoliert, indem es das Klima in einem Entwicklungsland verbessert (Clean Development Mechanism). Für beide Investitions-Kategorien gibt es unterschiedliche Emissionsgutscheine und noch viel mehr Projekt-Ideen. Dazu zählt ein Experiment der niederländischen Regierung, die für rund 30 Millionen Dollar unter anderem einen Windpark in Polen errichtete und dafür mehr als vier Millionen Tonnen CO2-Reduktionen gutgeschrieben bekam.

Die deutsche Ruhrgas AG investiert seit Jahren in die automatische Computersteuerung der Pipeline-Systeme des russischen Energiekonzerns Gazprom und bessert so ihre Klima-Bilanz auf. Der Autokonzern General Motors beteiligte sich jüngst an einem Zehn-Millionen-Dollar-Projekt zur Wiederaufforstung des brasilianischen Regenwaldes. Und ein anderes US-Unternehmen bringt in Indien Lampen mit Solarzellen statt mit Kerosin zum Leuchten.

Hilft der Emissionshandel also in jedem Fall der Umwelt? Nicht unbedingt. Die ersten Probleme sind absehbar. Länder wie Russland oder die Ukraine können gewaltige Mengen an Emissionszertifikaten verkaufen, weil sie durch den Einbruch ihrer Volkswirtschaften bereits heute bis zu 30 Prozent weniger CO2 ausstoßen, als ihnen das Abkommen von Kyoto erlaubt. Kritiker befürchten, einige der größten und finanzkräftigsten Umweltsünder könnten sich billig mit diesen Zertifikaten eindecken und sich so vor dem Klimaschutz drücken.

Trotz solcher umstrittener Schlupflöcher des Kyoto-Protokolls ist klar, dass der Emissionshandel bald zum Alltag der globalen Klimapolitik gehören wird. Unklar ist noch, wie dieser Markt konkret funktionieren soll. Wie lange darf ein Unternehmen, das in einer bestimmten Periode mehr Abgase vermeidet als vorgeschrieben, dieses Plus horten? Wie lassen sich die eingesparten Emissionen überhaupt bewerten? Alle bisherigen Projekte sind hoch spekulativ: Eine Tonne Kohlendioxid kann von 60 Cent bis zu 25 Dollar kosten, abhängig davon, wer sie anbietet und wie hoch die Chancen sind, dass eine Regierung die Treibhausgas-Einsparung im Ernstfall anrechnen wird.

Besonders experimentierfreudig beim Emissionshandel sind nordamerikanische Unternehmen. Auf den ersten Blick ein Paradoxon, da die Amerikaner sich dem Kyoto-Protokoll bislang hartnäckig verschließen. Für den amerikanischen Volkswirt Richard Sandor dagegen nur logisch: "Egal, ob die USA den Kyoto-Vertrag unterzeichnen, multinationale Konzerne wissen, dass die Emissions-Rechtsprechung sie ebenfalls betreffen wird." Und: Auch wenn die US-Regierung noch keine nationalen Treibhausgas-Limits festgelegt hat, haben mit Vermont und Massachusetts bereits die ersten beiden US-Bundesstaaten den ansässigen Kraftwerksbetreibern in Eigeninitiative Grenzen für die Kohlendioxid-Emission auferlegt.

Sandor ist Initiator der Chicago Climate Exchange (CCX), des bislang größten US-Marktes für Treibhausgase. Der Handel soll voraussichtlich im kommenden Frühjahr starten. Mehr als 40 Unternehmen wollen mitmachen, darunter US-Schwergewichte wie der Autobauer Ford oder der Chemieriese DuPont. Dass die Amerikaner auf marktorientierte Lösungen setzen, ist kein Wunder. In den Vereinigten Staaten handeln Firmen seit Jahren das Recht auf Wasserverschmutzung genauso wie das Recht auf Fischfangquoten. Besonders interessant sind die Erfahrungen beim Handel mit Emissionszertifikaten für den Schadstoff Schwefeldioxid (SO2). Um den sauren Regen zu bekämpfen, teilt die US-Regierung ihren Kraftwerksbetreibern seit 1995 handelbare SO2-Verschmutzungsrechte zu, wobei die Politiker die Menge schrittweise reduzierten. Obwohl die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren beträchtlich gewachsen ist, wurden die aus den Schloten der Kraftwerke quellenden Giftmengen schneller als erwartet und zu wesentlich niedrigeren Kosten reduziert.

"Das System aus Anreizen und Verboten hat sich auf den Finanzmärkten bewährt", sagt Neil B. Cohn, Broker beim US-Wertpapierhändler Natsource. Der Handel mit Schadstoffen ist auf dem US-Finanzmarkt schon lange etabliert. Der Blick von Cohns Schreibtisch fällt auf Ground Zero, die Wall Street ist gleich um die Ecke, in seinem Rücken läuft der TV-Finanzsender CNBC mit den neuesten Meldungen zum Aktienmarkt. Der Schwefeldioxid-Markt, in dem jährlich rund vier Milliarden Dollar verschoben werden, ist inzwischen so ausgeklügelt, dass Käufer und Verkäufer mit so differenzierten Finanzinstrumenten wie Swaps, Forwards, Puts, Calls und Optionen umgehen.

Auch in Kanada, China und der Slowakei gibt es bereits SO2-Handelsprogramme. Zwar seien alle Märkte zusammen heute noch relativ klein, so Cohn. Doch er geht davon aus, dass vor allem der Handel von Treibhausgas-Zertifikaten wachsen werde. Ein Markt, der nicht nur etwas für das Big Business sein wird. Das Unternehmen Sustainable Forestry Management (SFM) will etwa weltweit Rechte zur Landnutzung gerodeter Flächen kaufen und diese gemeinsam mit einheimischen Gruppen aufforsten. Im Gegenzug erhält SFM das für das Projekt gutgeschriebene Kohlendioxid.

Eines der ersten Geschäfte hat die Firma mit den Salish und Kootenai, zwei Indianerstämmen in Montana, gemacht. SFM zahlte 50 000 Dollar an die Indianer, die das Geld zur Aufforstung des Landes benutzen. SFM bekommt das Recht auf geschätzte 48 000 Tonnen eingesparter Kohlendioxid-Emissionen, die die Bäume in den kommenden 80 Jahren absorbieren werden. Wenn der Preis für eine Tonne CO2-Ausstoß künftig tatsächlich bei 70 Dollar liegen wird, wie manche Experten meinen, könnte SFM an dem Geschäft knapp 3,4 Millionen Dollar verdienen - oder aber nichts, sollte niemand die Emissionsreduktionen akzeptieren.

Ob aus dem derzeitigem Glücksspiel ein funktionierender Markt wird, hängt davon ab, ob die Akteure sich auf einheitliche Regeln einigen. Christoph Bals, Projektleiter Rio Konkret der deutschen NGO Germanwatch, befürchtet, dass "ein Flickenteppich nationaler Handelsmärkte für Treibhausgase entstehen könnte". Bereits die beiden ersten europäischen Konzepte in Großbritannien und Dänemark seien nicht kompatibel. Dänemark handelt nur vier, Großbritannien alle sechs im Kyoto-Protokoll festgehaltenen Treibhausgase. Das macht Preisvergleiche und den Handel schwer. "Aus ökologischer Perspektive, aber auch wegen der notwendigen Liquidität ist es sinnvoll, dass die EU jetzt die Initiative ergreift", fordert Bals politische Intervention für den vermeintlich freien Markt.

In jedem Fall dürften Wagemutige, die schon Trockenübungen beim Geschäft mit dem Schmutz hinter sich haben, auch langfristig von ihren Erfahrungen profitieren. Dazu zählt die Mehrzahl der deutschen Manager allerdings nicht. Die Angst vor neuer staatlicher Ordnungswut - zusätzlich zur Ökosteuer und meterdicken Vorschriften zur Luftreinhaltung - machte den Emissionshandel als vermeintlich neue Spielart grüner Politik hier zu Lande lange zum Tabu-Thema.

Zudem galt die Idee, "Schmutz zu handeln, in Deutschland als unmoralisch", so Germanwatch-Mann Bals. Bislang unterzeichneten die Industrieverbände in Deutschland lediglich eine halbherzige freiwillige Selbstverpflichtung zum Klimaschutz. Die verschonte sie vorerst vor gesetzlichen Vorschriften. Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündete im Juli 2002 vor BASF-Mitarbeitern zum Thema Emissionshandel: "Wir brauchen dieses Instrument nicht."

Einer der ersten deutschen Befürworter des Modells ist Jürgen Trittin. Vor knapp zwei Jahren berief der grüne Bundesumweltminister erstmals Vordenker aus Politik, Wirtschaft und Umweltverbänden zur Arbeitsgruppe Emissionshandel. Auch auf regionaler Ebene tut sich etwas: In Schleswig-Holstein und Hamburg sowie in Hessen üben Firmen den Handel mit Emissionszertifikaten in Pilotprojekten. Und auch in Großkonzernen läuft " unter der Hand einiges an Vorbereitungen", weiß Axel Michaelowa. Zu offensichtlich ist inzwischen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen bald zu einem wesentlichen Kostenfaktor werden könnte. Auf dem World Economic Forum im Jahr 2000 machten die Teilnehmer die Klimaveränderung bereits als eine der wichtigsten Geschäftsfaktoren der Zukunft aus. Und auch bei der Bundesregierung zeichnet sich nun eine Kehrtwende ab. Rot-Grün hat die Industrie der Bundestagswahl aufgefordert, die Machbarkeit eines verbindlichen Emissionshandels-Systems zu. prüfen.

Kein Wunder, dass Sir John Browne inzwischen auch hier zu Lande ein gefragter Redner ist. Der Emissionshandel, sagte der BP-Chef im April an der Berliner Humboldt-Universität, sei "unverzichtbar für die Lösung des Problems Klimawandel". Und belehre all diejenigen eines Besseren, "die behaupten, Maßnahmen zu ergreifen sei wirtschaftlich nicht sinnvoll".

(Siehe dazu auch das Interview mit Walter Seufert, Leiter des Bereichs Umwelt bei BASF, auf der nächsten Seite.)