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Im Salzburgerland fertigt ein ehemaliger Förster Holzelemente, die feuerbeständiger sind als Ziegel, energiesparender als Beton und gesünder als jedes andere Dach überm Kopf.

Dies ist die Geschichte eines Jägers und Ideensammlers, der auszog, die Bauwelt zu verändern. Eigentlich sind es aber zwei Geschichten:

Die eine, romantische, handelt von einem Naturburschen und Förster, der seine Bäume bei abnehmendem Mond fällt und ganz altmodisch mit Holzdübeln zusammenspannt (diese Geschichte lesen Sie in der linken Spalte); die andere, sachliche, erzählt von einem Technikfreak und Geschäftsmann, der sein Unternehmen jedes Jahr um die Hälfte vergrößert und seine Haus-Fertigteile mittlerweile bis nach Japan exportiert (siehe rechte Spalte). Beide Geschichten handeln von Erwin Thoma aus Goldegg im Salzburgerland. Und beide haben auf ihre Art zu jenem erstaunlichen Erfolg beigetragen, den dieser naturverliebte Entrepreneur derzeit feiert.

Eines Tages erhielt der einsame Förster Besuch von Männern aus der Stadt. Es waren Geigenbauer auf der Suche nach in Ruhe ausgereiften Bäumen - Bäumen, die jenes dauerhafte, fein strukturierte Holz hervorbringen, wie man es für den Bau feiner Instrumente benötigt. Gemeinsam mit seinen Besuchern machte sich der Förster auf die Suche und begann mit diesem Tag, seine Bäume mit anderen Augen zu sehen. Damals, Mitte der achtziger Jahre, blieb Erwin Thoma viel Zeit fürs Umsehen und Umdenken, denn von seinem Revier im österreichischen Karwendelgebirge, wo er mit Frau und Kindern lebte, waren es zehn Kilometer bis zur nächsten Ansiedlung und 40 bis zum nächsten Geschäft. Winters war die Förstersfamilie manchmal wochenlang eingeschneit.

In diesen weißen Wintern wuchs in Thoma ein Gedanke, stark wie eine Karwendelkiefer: dass das beste und gesündeste Baumaterial direkt vor seiner Nase stehe und dass man auf Holz bauen müsse, statt viel Energie in künstliche (und mitunter krank machende) Alternativen zu stecken. "Der Trick", so der hagere 40-Jährige, "besteht doch darin, nicht gegen die Natur zu arbeiten, sondern ihre Kräfte für sich arbeiten zu lassen. Dann ist sie eine Kraftquelle, die nie versiegt."

Und weil ihm dieser Gedanke ebenso klar wie einfach erschien, machte sich der Förster 1990 daran, diese Kraftquelle anzuzapfen. Hängte seine Jägerkappe an den Nagel, kaufte sich ein altes Sägewerk und verlegte sich zunächst aufs Montieren hölzerner Fußböden. Warb in Vorträgen und Interviews unermüdlich für den Holzweg. Und recherchierte bei alten Bauern, Zimmerleuten und Sägen wertvolles Wissen, das viele Generationen vor ihnen gesammelt hatten und das nun langsam verloren zu gehen drohte.

Dazu zählt auch der Glaube, dass Holz, im Winter und bei abnehmendem Mond geerntet, resistent gegen Schädlinge sei. Forstwissenschaftler halten das für Humbug, Thoma jedoch vertraut auf die jahrhundertealte Erfahrung und schickt seine Fällertrupps ausschließlich winters und bei abnehmendem Mond in die Wälder. "Im Winter sind die Bäume im Ruhezustand und enthalten weniger Nährstoffe - das macht sie für Schädlinge uninteressanter, und wir brauchen keine Holzschutzmittel einzusetzen", erklärt der Mann, der über seine Erkenntnisse 1996 ein Buch mit dem Titel "... dich sah ich wachsen" schrieb. "Wer kennt nicht das leichte, befreiende Glückgefühl beim Anblick eines blühenden Kirschbaums? Oder das zarte Säuseln der Espenblätter im Herbstwind?", heißt es dort in schönster Förster-Prosa.

70 000-mal wurde Erwin Thomas Holz-Philosophie verkauft, in Ökologenkreisen erschrieb sich der Vater dreier Kinder schnell den Ruf eines New-Age-Vordenkers der Bauwelt. "Wer dieses Buch anfängt zu lesen, kann nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken - über die Wirtschaft, Konsumgesellschaft, Habgier und Wegwerfgesellschaft", schwärmt auf Amazon.de ein ergriffene Leser.

Thoma selbst wechselte vom Nachdenken in die Praxis. Aus seinem Sägewerk wuchs ein Blockhaus-Bauteam, aus der Blockhausfinna ein hundert Mitarbeiter starkes Unternehmen, das vermutlich als einziges dieser Welt serienmäßig Hauselemente aus unbehandeltem Mondholz baut (Markenname: Holz 100). Selbst in Japan steht eine Kirche aus Thomas Hölzern, im November eröffnet auf der Seiseralm ein 54-Betten-Wellnesshotel, das komplett aus Holz100 gebaut wurde. Und der Förster, der nie Unternehmer werden wollte, lenkt plötzlich eine Firma, die in diesem Jahr 15 Millionen Euro umsetzen will. " Dös is' scho a Wahnsinn", sagt Thoma, "mei' Frau und i', zwischenzeitlich hatt' ma uns bis auf die Unterhos'n verpfändet." Immer aber sei das Unternehmen aus eigener Kraft gewachsen.

Heute reisen reihenweise Gesundheitsfreaks aus der Esoterikfraktion ins Dörfchen Goldegg und schlurfen - nachdem sie am Eingang ihre Straßenschuhe durch Besucher-Pantoffeln ersetzt und sich ins lederne Gästebuch eingetragen haben - beglückt durch den Thoma-Firmensitz. In dem lichten, mit Stechpalmen und Ficus Benjamini bevölkerten Naturholzbau duftet es kerngesund nach Harz, Zirbelkiefer und Kräutertee. Vor dem Eingang gurgelt ein Bach, aus der Feme dringt das Läuten der Kuhglocken.

"Viele haben a bisserl die irreale Vorstellung, dass der Herr Thoma noch mit ihnen durch seinen Wald stapft und zwischen Rehkitzlein die Bäume aussucht, aus denen wir dann ihr Haus bauen", spottet Johannes Cserer, Verkaufsleiter bei der Thoma GmbH. "In Zeiten mit zwei, drei Kunden pro Monat ging das vielleicht noch. Heute natürlich nicht mehr." Aber immer noch bescheinigt die Thoma GmbH Kunden auf Wunsch, wann und wo das Holz für ihr Haus geschlagen worden ist. Heute gehen 80 Prozent des Holzes in den Export nach Deutschland und Norditalien, dort "vor allem in Großstädte, wo die Sehnsucht, in den eigenen vier Wänden ein bisschen heile Welt zu spielen, besonders groß ist", wie Cserer anmerkt.

Mindestens ebenso groß ist indes der Leidensdruck jener Menschen, die auf Holzleime, Kunststoffausdünstungen und synthetische Baustoffe allergisch reagieren. Groß ist auch das lokale wirtschaftliche Potenzial, das im Holz steckt, weshalb die Salzburger Landesregierung Thoma nach Kräften unterstützt. Geradezu unermesslich scheint das ökologische Potenzial: Holz ist der einzige Baustoff, der zu seiner Herstellung lediglich Sonnenenergie verbraucht. "Ein einziges Holz100-Haus", rechnet Thoma vor, "nimmt aus der Atmosphäre so viel Kohlendioxid auf, wie ein Autofahrer im Laufe seines ganzen Lebens durchschnittlich rauspustet."

Der Förster ist jetzt, ein gutes Dutzend Jahre nach seinem Auszug aus dem Forsthaus, wieder im Wald angelangt. In die Fenster seines Büros lugen die Kiefern des Naturparks Hohentauem. "Wissen S'", schwärmt Thoma, mit verschränkten Armen auf die wogenden Wipfel blickend, "was so eine Tanne macht, wenn der Sturm sie angreift? Eigentlich müsst' so a Baum umfallen. Sofort. Aber jetzt kimmt's: Jede einzelne Zelle der Tanne misst in jedem einzelnen Augenblick die angreifenden Kräfte und richtet sich entsprechend aus. Und so was", schließt der Ex-Förster, "wächst bei uns im Wald! Genial, oder?"

Die Thoma GmbH hat 2001 nach eigenen Angaben einen Umsatz von zehn Millionen Euro erwirtschaftet. Das Unternehmen liefert Fertigbauteile, die nach Plänen der Bauherren gefertigt und montiert werden.

Erwin Thoma: ... dich sah ich wachsen - Über das uralte und das neue Leben mit Holz, Wald und Mond; 1996; 21,65 Euro Erwin Thoma: ... und du begleitest mich - Wie Bäume und Hölzer dem Menschen nützen; 1999; 25,65 Euro Beide Bücher können auch bezogen werden über www.thoma.at

Es war frühmorgens gegen vier, als Erwin Thoma sprung federngleich aus dem Bett schnellte, im Schlafanzug hinunter in die Küche hastete, nach Zettel und Stift suchte und wie in Trance zu zeichnen begann. Zwei Stunden später, als seine Frau müde hinterhergeschlurft kam, hatte er auf dem Küchentisch einen kompletten Patentantrag skizziert. Da war es Zeit für einen Kaffee.

"Wissen S', ein Jahr lang hatten meine Techniker und ich uns mit der Lösung gequält", sinniert der Erfinder, ein schlanke 40-Jähriger mit kurzen blonden Haaren, zarten Fingern und dem hageren Gesicht eines Marathonläufers, "und ein Jahr lang warer wir einfach nicht auf die Lösung gekommen. Wir haben nur immer wieder die gleichen Probleme gewälzt. Und dann ist mir die Idee quasi im Schlaf gekommen."

Diese Idee, die Thoma jetzt, drei Jahre danach, zehn Millioner Euro pro Jahr einspielt, bestand darin, Holz so zu bearbeiten, dass es sich zu einem kompakten, hochdämmenden, feuerfesten Baustoff schichten lässt. Das klingt einfach, ist aber schwer wie Mahagoni, weil sich der Stoff, aus dem die Bäume sind, naturgemäß modernen Baustandards widersetzt. Holz lässt sich nur schwer zähmen, und wenn doch (zum Beispiel unter Zuhilfenahme vor Leim, Schrauben, Holzschutzmitteln, Dämm- und Kunststoffen) kommt das einer Vergewaltigung gleich.

Massive Blockhäuser zum Beispiel, mit denen auch Thoma früher sein Geld verdiente, sitzen voller feiner Fugen, durch die Kälte, Feuchtigkeit und Feuer kriechen können. Weil sich die dicken Bohlen nach dem Einbau gern verziehen, sehen alte Block bauten mitunter aus, als seien sie von schielenden Architekter geplant worden. Als gängige Alternative werden gern hölzerne Riegel- beziehungsweise Ständerstrukturen verbaut, doch diese moderne Variante des Fachwerkbaus kühlt relativ schnell aus bietet nur geringen Brandwiderstand und muss mit Klebern Folien oder Schäumen wärmegedämmt werden. Eine Mogelpackung: Das, was aussieht wie ein naturbelassenes Holzhaus ist "in Wirklichkeit häufig nichts anderes als eine moderne Giftmülldeponie" (Thoma).

Anders mit Holz100, wie Thoma seine Idee taufte, weil sein Baustoff eben tatsächlich zu 100 Prozent aus Holz besteht. Dazu werden mehrere Schichten von unbehandeltem Fichten- oder Kiefernholz übereinander gelegt und mit Buchenholzdübeln zu 14 bis 36 Zentimeter dicken Massivholzwänden verzapft. Vor außen sehen sie aus wie Holzplatten, durch die sich besonders fleißige Würmer gefressen haben. Von innen bieten sie, wenn sie zu Häusern verdübelt werden, ein gesundes, behagliches Raumklima, bessere Dämmeigenschaften als Ziegel- oder Stahlbetonwände und - unglaublich, aber wahr - sogar wirksameren Brandschutz. "Schauen S' her", sagt Thoma triumphierend und deutet auf einen dicken rußschwarzen Holzblock, der an einer Wand seines Ausstellungsraumes lehnt: "Den haben wir stundenlang mit 1200 Grad beflammt. Massives Holz brennt aber nicht sondern kohlt langsam durch - langsam genug jedenfalls, um sich in Sicherheit zu bringen." Weil HolzlOO zudem ohne Stahlverstrebungen und Stahlschrauben auskommt, birgt es keine Metallteile, die im Ernstfall schmelzen und ein scheinbar robustes Gebäude wie etwa das World Trade Center zum Einsturz bringen können.

"Wissen S' jetzt, warum i' den Morg'n so elektrisiert g'wesen bin?" Dabei war Thomas Idee, die ihn damals aus dem Bett trieb, eigentlich ganz nahe liegend: Den Trick mit den Dübeln hatte er dem Großvater seiner Frau, einem 92-jährigen Zimmermann abgeschaut. Georg Brugger, so hieß der Mann, an den eine Ehrentafel im Ausstellungsraum der Thoma GmbH erinnert, trocknete Holzdübel im Backofen gründlich aus, bevor er sie in Balken trieb. Dort nahmen sie die Feuchtigkeit des umgebenden Holzes auf und verquollen mit diesem zu unlösbaren Einheiten. Neu ist lediglich die Idee, mit dieser Methode Holzschichten zu einem massiven, verarbeitungsfähigen, standardisierbaren Holzstück zu verbinden. Völlig neu entstand damit auch die Möglichkeit, einen natürlichen Werkstoff serienmäßig, mit computergesteuerten CNC-Fräsmaschinen zu produzieren. Und das zu konkurrenzfähigen Preisen. "Es nützt eben gar nichts, nur bio zu sein", sagt der Herr der Jahresringe. "Wir müssen auch technologisch neu und besser sein!"

Dass Thoma besser ist als die konventionelle Konkurrenz, belegen mittlerweile mehrere Studien. Fachleute der Universität der Bundeswehr in München fanden heraus, dass Holz100 unter den tragenden Baustoffen in Sachen Wärmedämmung Weltmeister ist. Ein Weltmeister hat natürlich seinen Preis: Noch liegt der etwa zehn Prozent über dem eines vergleichbaren Ziegelbaus. Thoma hofft jedoch, den Preisunterschied bald mittels steigender Absatzkurven begradigen zu können.

Helfen soll dabei eine ganze Reihe von Holz100-Ablegem in Europa und Übersee. In Norwegen produziert bereits ein erster Lizenzbetrieb, weitere sollen folgen und im Laufe der Jahre zu einem Netzwerk unabhängiger Produzenten wachsen. Auf seiner Website spricht der Entrepreneur bereits großspurig vom "weltweiten Erfolg von Holz100", obwohl bislang erst hundert solcher Bauten in Norditalien, Deutschland, Österreich, Norwegen und Japan fertig gestellt sind. Derzeit ist Thoma zudem ziemlich abgebrannt: Im August haben die Flammen das Holz100-Werk im steiermärkischen Stadl dem Erdboden gleichgemacht. Klingt nach einem schlechten Scherz, ist aber leider wahr. Brandursache: vermutlich Selbstentzündung.

"'S is' scho hart, wenn einen die Feuerwehr morgens um vier aus dem Bett holt und man vor einem Berg aus Schutt und Asche steht", sagt der Firmenchef bitter. Ein Teil der Belegschaft sei sofort nach Norwegen geflogen, um im dortigen Werk in Nachtschichten ein wenig von dem aufzuholen, was nun zwangsläufig liegen bleiben müsse. Glücklicherweise sei er gut versichert gewesen. Und glücklicherweise hätten bislang alle Kunden Verständnis für die Lieferverzögerungen gezeigt.

Natürlich soll das Werk jetzt schnellstmöglich wieder aufgebaut werden. Dieses Mal aber nicht mehr in Ständerbauweise, sondern komplett in HolzlOO. Gegen sein Holz, ist Erwin Thoma überzeugt, hätten die Flammen keine Chance gehabt.

Österreich ist mit fünf Millionen Kubikmeter pro Jahr der fünftgrößte Holz-Exporteur der Welt. Die Forstwirtschaft mit gut 33 000 Beschäftigten gilt als größter Devisenbringer nach dem Tourismus. In 2000 wuchs die Branche um mehr als 15 Prozent. Ganz anders in der Bundesrepublik: Von den 58 Millionen Kubikmetern frischholz, die jedes Jahr nachwachsen, werden nur etwa 40 Millionen geerntet und verkauft. Die Preise sind durch sinkenden Verbrauch, Billigimporte u. a. aus Skandinavien und Russland sowie einem großen Angebot an Schadholz durch Stürme so weit gefallen, dass sich der Einschlag oft nicht mehr lohnt.