Umweltschutz war in der Chemie-Industrie lange ein Reizwort – heute ist es Unternehmensziel. Was dahinter steckt, erklärt Walter Seufert, oberster Umweltschützer bei BASF.

brand eins: Nachhaltigkeit ist ein allgegenwärtiger Begriff in der Umweltbewegung. Auch die BASF hat einen Nachhaltigkeitsrat. Was macht der?

Seufert: Unsere Unternehmensgrundsätze beinhalten bereits im ersten Satz die Nachhaltigkeit. Der Nachhaltigkeitsrat sorgt dafür, dass sich die BASF nach diesem Leitbild ausrichtet. Die zentrale Aufgabe dieses Gremiums ist die Entwicklung einer Strategie, die die drei Elemente Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft gleichermaßen berücksichtigt.

Der Begriff ist ziemlich abgenutzt.

Es ist klar, dass das 1992 in Rio auf dem Umweltgipfel beschlossene Konzept des Sustainable Developments Interpretationsspielräume offen lässt. Aber wir wollen sicherstellen, dass das Konzept der Nachhaltigkeit, das für uns alle - nicht nur für die BASF - von größter Bedeutung ist, nicht beschädigt wird. Weder durch die einen, die alles fordern - möglichst jetzt sofort und dazu kostenfrei - noch von anderen, die den Begriff missbrauchen. Im Übrigen wird sich sehr bald zeigen, wer Nachhaltigkeit ernst nimmt. Bei der von Kofi Annan ins Leben gerufenen Initiative Global Compact geht es um die Umsetzung konkreter Projekte. Und da wird man sehen können, welche Staaten und Unternehmen sich engagieren und welche nicht. Und diejenigen, die nichts tun, müssen dann eben wieder raus aus der Initiative. Dann werden wir auch sehen, wie wichtig die Gesellschaft die Nachhaltigkeit nimmt.

Ich selbst bin fest davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit zum echten Business-Case wird. Schon heute ist es so, dass Firmen, die dieses Konzept ernst nehmen, im Dow Jones Sustainability Index gerührt werden. BASF ist da weit vom mit dabei. In Zukunft wird die Gesellschaft ein entsprechendes Umwelt-Engagement von respektablen Firmen ganz selbstverständlich erwarten.

Wegen ihrer Haltung zum Emissionshandel wischen Firmen ist die BASF von den Öko-Instituten kürzlich ziemlich abgewatscht worden. Die BASF hat in Bezug auf Emissionen Unglaubliches geleistet. Das gilt auch für die CO2-Emissionen. Die Industrie hat seit 1990 mit minus 22 Prozent den einzigen relevanten Einsparbeitrag geliefert. Die privaten Haushalte haben minus zwei Prozent beigetragen, beim Verkehr hat die Emission von CO2 um elf Prozent zugenommen.

Um es klar zu sagen: Wir unterstützen die Ziele von Kyoto. Und wir unterstützen auch den Emissionshandel auf Ebene der Staaten. Den Handel von Treibhausgasen auf Unternehmensebene allerdings unterstützen wir nicht. Denn er würde bedeuten, dass bestimmte Investitionen, und ich spreche nicht für die BASF allein, nicht mehr in Deutschland oder in Europa getätigt würden, sondern in Nord- und Südamerika oder in Asien, wo es andere Gesetze gibt. Das bedeutet, wir exportieren Arbeitsplätze und Geld dorthin, wo es möglicherweise günstigere Regelungen gibt. Dem Klima wäre damit nichts, aber auch gar nichts Gutes getan.

Aber für manche Gruppen gehört Klappern zum Geschäft. Ich denke, mit Sachargumenten wird man letztendlich zu einer Lösung kommen, mit der die Industrie in Deutschland besser lebt. Die BASF steht mit ihrer Ablehnung jedenfalls nicht allein, auch der Verband der Chemischen Industrie und die Arbeitnehmerverbände der Branche sind unserer Meinung. Das sind immerhin eine halbe Million Menschen.

Die BP hat den Schadstoffausstoß durch den Emissionshandel im eigenen Unternehmen erheblich gesenkt. Wäre das nicht auch für Sie eine Chance?

BASF hat eine internationale Truppe, die sich mit effizienter Energie-Optimierung beschäftigt, und zwar schon mehr als 20 Jahre lang, weil der Kostenfaktor Energie für uns größer ist als für fast alle anderen Industrien. Wir haben aber keinen internen Handel, denn die Unterschiede bei den anfallenden Stoffen in der BASF sind dafür zu groß. Es wäre also kein hilfreiches Instrument für uns. Die BP hat publiziert, dass sie eine Emission von mehr als 100 Millionen Tonnen von CO2 hat. Das ist eine Größenordnung, an die wir nicht annähernd herankommen.

Dennoch: Trotz aller Bemühungen gehörte die chemische Industrie lange Zeit zu den Lieblingsfeinden der Umweltbewegung.

Wir haben vor zwei Jahren ein Büchlein mit den Leitlinien und Grundwerten für die BASF-Gruppe herausgegeben. Der allererste Satz lautet, wie schon erwähnt: Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg im Sinne des Sustainable Development ist die Voraussetzung für alle unsere Aktivitäten.

Diesen Satz hätte man natürlich vor 20 oder 30 Jahren so nicht formuliert, weil sich niemand um Nachhaltigkeit als Begriff gekümmert hat - man hat die Dinge in dieser Zeit anders formuliert. Damals konnte sich allerdings auch noch niemand vorstellen, dass wir heute einen Katalysator in jedem Auto haben. Dennoch wäre es unfair, dies den Autobauern aus der Nachkriegszeit vorzuwerfen.

Und ich bin davon überzeugt, dass wir damals wie heute alles getan haben, was zum entsprechenden Zeitpunkt getan werden konnte.

Trotzdem klappte die Kommunikation in den achtziger und neunziger Jahren nicht immer reibungslos. Nach dem Störfall bei Sandoz, der 1986 zu einem dramatischen Fischsterben im Oberrhein führte, und den Störfällen bei Hoechst, nach denen 1993 unter anderem gelber Regen fiel, war der Ruf der chemischen Industrie ruiniert.

Es ist sicher richtig, dass die Chemie-Industrie in den Achtzigern unter einem für alle unglücklichen Zusammentreffen von größeren Problemen zu leiden hatte. Es ist sicher auch richtig, dass wir mit unserem Wissen, den vielen neuen Produkten und unserem Technologie- und Fortschrittsglauben anders in die Öffentlichkeit gegangen sind, als wir es heute tun.

Richtig ist aber auch, dass wir bei der BASF keine großen Unfälle in dieser Zeit hatten. Zudem sind und waren wir unseren Nachbarn gegenüber, die ja in hohem Maße auch unsere Mitarbeiter sind, immer offen.

Waren die Gefahren bekannt, die ein Chemiewerk mit sich bringt? Unsere Leute wessen sehr wohl, was sie tun, und sind auch außerordentlich verantwortungsbewusst. Und sie haben eine exzellente Ausbildung.

Wie kommt es dann zu der Diskrepanz zwischen dem Wissen im Unternehmen und dem in der Öffentlichkeit? Zu der Angst vor der Chemie?

Ich glaube, man muss hier zwei Dinge unterscheiden. Wir hatten in der Chemiebranche einige große und spektakuläre Probleme in den achtziger Jahren. Das will ich nicht bestreiten. Auf der anderen Seite haben wir aber auch das ständige Miteinander-Umgehen, ein ständiges Informieren im Alltag. Und die Kommunikation mit den regionalen und überregionalen Medien war im Grunde nie von Unverständnis und Unsachlichkeit geprägt. Auch wenn über einige der großen Unfälle bei den Wettbewerbern spektakulär berichtet wurde. >

Inzwischen steht die Chemie weit weniger im Kreuzfeuer. Liegt das an der verbesserten Kommunikation - oder ist die Chemieindustrie tatsächlich umweltfreundlicher geworden?

Wir haben gemeinsam mit den Umweltgruppen und den Behörden versucht, den Umweltschutz zu optimieren. Heute ist das gegenseitige Verständnis viel besser. Und wir arbeiten gemeinsam an Lösungen für Sachprobleme. Ein Beispiel dafür ist unsere Ökoeffizienz-Analyse. Mit diesem Instrument untersuchen wir, wie sich Wirtschaftlichkeit, Umweltfreundlichkeit und gesellschaftlicher Nutzen über den gesamten Lebensweg eines Produktes entwickeln. Wir haben sie unter anderem auch für Projekte mit den Grünen eingesetzt - etwa bei einer Studie über den Energieverbrauch von Kühlschränken.

Wir selbst nutzen die Ökoeffizienz, um unser Portfolio anzupassen. Dabei geht es um Forschungsprojekte, Produkt- und Verfahrensvergleiche. Darüber hinaus ist sie ein gutes Instrument, um mit unseren Kunden den Lebensweg eines Produktes zu optimieren. Mit Bosch und Siemens haben wir die Ökoeffizienz von Stahl- und Kunststofftrommeln in Waschmaschinen untersucht.

Und wir haben mit Hilfe dieses Instruments das Drei-Liter-Haus entwickelt. Durch die entsprechende Sanierung eines Altbaus haben wir erreicht, dass der Heizölverbrauch, der normalerweise zwischen 20 und 25 Litern pro Jahr und Quadratmeter liegt, nun nur noch drei Liter beträgt. Wenn man weniger Aufwand betreibt, liegt der Verbrauch zwischen fünf und sieben Litern. Das ist im echten Sinne ökoeffizient: Die Handwerker, die Fensterbauer etwa, bekommen zusätzliche Aufträge, die Heizrechnung des Bewohners verringert sich massiv und die Umwelt profitiert. Bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung reduziert sich der Ausstoß von CO2 von sechs Tonnen auf eine Tonne im Jahr.

Was hat das Instrument bei Ihnen im Unternehmen bewirkt?

Bei all unseren Fabriken - das sind allein in Ludwigshafen mehr als 200 - ist der nachsorgende Umweltschutz ein wichtiges Kriterium. Wir achten stets darauf, dass sich zwischen den Werken Synergien ergeben. Wenn es geht, verarbeiten wir Abfallprodukte weiter. Durch diese Strategie haben wir unsere Emissionen dramatisch reduziert: Von 1991 bis 2001 ging unsere produktionsspezifische Umweltbelastung (Kilogramm Belastung pro Tonne eines Produkts) um 76 Prozent zurück. Natürlich auch, weil unsere Entsorgungsanlagen immer besser werden. Aber die haben sicherlich eines Tages ihre Leistungskraft erreicht, wobei wir mit der Nitrifikation, dem biologischen Abbau von Ammonium durch Bakterien, nochmals einen Quantensprung erreicht haben. Dabei handelt es sich übrigens um eine freiwillige Leistung, der Gesetzgeber sieht die Nitrifikation bei Industriekläranlagen nicht vor.

Wesentlich mehr Gewicht hat inzwischen auch der so genannte produktionsintegrierte Umweltschutz. Das betrifft die Konstruktion neuer Fabriken, aber auch die Prüfung und Anpassung existierender Produktionen. Denn ein Produkt im Abwasser oder in der Verbrennungsanlage ist ein verlorenes Produkt. Viel lieber würden wir damit Geld verdienen.

Am interessantesten ist jedoch der innovationsintegrierte Umweltschutz. Auf dieser Stufe können wir allein nichts mehr erreichen, sondern nur noch in Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Denken Sie an die Bereiche der Wärmedämmung oder der Verbundsysteme. Es reicht ja nicht, dass wir einen Kunststoff oder ein Schaumprodukt herstellen, er muss schließlich genau auf die Anforderungen passen, und das schaffen Sie nur gemeinsam mit anderen Vorlieferanten und dem Abnehmer.

Ein gutes Beispiel für den innovationsintegrierten Umweltschutz sind die Kunststofftanks in Autos. Die müssen zwar vor der Verschrottung eines Fahrzeuges im Gegensatz zu Blechtanks wieder ausgebaut werden, aber auf 150 000 bis 200 000 Kilometer Laufleistung bezogen, ist die Ersparnis an Treibstoff und die damit zusammenhängende Reduzierung des CO2-Ausstoßes so erheblich, dass sich die Mühe lohnt.

Die Umweltgruppen behaupten, dass derlei Verbesserung erst auf ihren Druck hin entstanden sind.

Die Gesellschaft verändert sich ständig. Ich will nicht abstreiten, dass sie einen Veränderungsprozess beim Umweltschutz eingeleitet hat oder fordert. Aber es ist auch richtig, dass die BASF immer ganz weit vom dabei war. Wir haben mehr gemacht, als die gesetzlichen Vorschriften vorsahen, wir haben freiwillige Selbstverpflichtungen zu Sachverhalten, über die die Gesellschaft noch gar nicht nachdenkt, wie die Nitrifikation etwa.

Aber es ist nur natürlich, dass Organisationen, die auf Spendengelder angewiesen sind, ihre Sicht der Dinge in den Vordergrund stellen, wenn sie auf der Suche nach Unterstützung sind.

Sind Ökologie und Ökonomie denn überhaupt noch so weit voneinander entfernt?

Ökonomie und Ökologie bauen aufeinander auf. Ohne ökonomischen Erfolg, wird es keine ökologischen Erfolge geben. Das gilt auch umgekehrt. Weder das eine noch das andere kann langfristig allein leben. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlichen Ansprüchen, wie sie die Nachhaltigkeit definiert. Das stellt keinen Konflikt dar, sondern eine Aufgabe.

Langfristig wird die Gesellschaft ein Produkt, das nicht ökologisch ist, nicht akzeptieren. Wir als Unternehmen können es uns einfach nicht erlauben, in ein Produkt, das nicht ausreichend ökoeffizient ist, zu investieren - unsere Investitionen kosten in der Regel dreistellige Millionenbeträge, eine neue Fabrik steht 30 Jahre lang. Wenn Sie so wollen, ist es Selbstschutz, dass wir ständig nach besten Lösungen, nach der Ökoeffizienz suchen. Ich will dabei nicht ausschließen, dass es vielleicht in fünf bis zehn Jahren bessere Lösungen gibt als heute. Aber aus heutiger Sicht tun wir, was wir tun können.