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Wir lernen zu leben, das ist nicht einfach, doch es macht Spaß. Bis wir irgendwann tot umfallen. Wer damit ein Problem hat, hat vermutlich ein Problem mit dem Leben.

Wir werden alle sterben. Und das wissen wir schon lange. Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir trotzdem Angst davor haben. Aber der Tod ist für uns nicht mehr normal: Wir leben fast ohne Krieg oder Katastrophen, und die Lebenserwartung steigt ununterbrochen - wir gehören zur ersten Generation, die den Tod ihrer Eltern oft erst erlebt, wenn ihr eigenes aktives Leben fast vorbei ist. Die Trauer? Ist ein böses Kind, das keinen Platz hat in unserem Leben des Zähne-Zusammenbeißens. Der Tod? Ist ein Hund, der leider draußen bleiben muss. Wir werden alle sterben - aber wir haben verlernt, wie das geht.

Das war früher anders. Seit seiner Bewusstseinswerdung kennt der Mensch den Tod. Er sagte "Ich", und das fühlte sich gut an. Dann sagte sein Nebenmensch "Aargh" und kippte um, und das fühlte sich schon nicht mehr so gut an, denn im Tod seines Nächsten ahnte der Mensch sein eigenes Schicksal. So kam er zur Religion. Die bot ihm nach dem Sterben zwei Wege an: Man konnte in der Gemeinschaft aufgehen, also zum Beispiel in Buddha. Dazu gehört die Feuerbestattung. Der Körper wird verbrannt, damit die Seele ihr irdisches Gefängnis verlieren und in Alles übergehen kann. Im Gegensatz dazu steht der individualistische Weg, den die Ägypter als Erste konsequent verfolgten. Die Mumifizierung bewahrte den Körper, um die in ihm lebende Persönlichkeit zu erhalten. Dieser individualistische Weg setzte sich später in Form des Paradiesversprechens durch. Nach dem Tod geht es für jeden Einzelnen zur ewigen Party in den Garten. Bis die Aufklärung kam und mit ihr nicht nur der Anfang vom Ende der Religionen, sondern auch die Pest: der primitive Materialismus.

Der Philosoph Ludwig Büchner fasste 1855 in dem Aufsatz "Kraft und Stoff" die Haltung der Materialisten in einem Satz zusammen: "Die persönliche Seele ist ohne ihr materielles Substrat undenkbar." Das war vor unserem heutigen Wissen über nicht materielle Phänomene, über Elektrizität, Radiowellen, Gravitation und lange vor der Teilchenforschung, aber leider ist dies trotzdem bis heute die Basis unseres Denkens und unserer Angst vor dem Tod. Glaubt man, wie ich, an den Fortschritt, kann man sich leicht ein komplexeres Weltbild jenseits des Materialismus vorstellen, das auch den Tod weniger trostlos begreift. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig, denn eventuell liegt das Problem dort, wo es Wilhelm Busch am Ende seines Gedichts " Wiedergeburt" sieht: Dennoch seh' ich dich erheben / Eh du in die Urne langst / Weil dir bange vor dem Leben / Hast du vor dem Tode Angst.

Das neue Buch des Amerikaners Studs Terkel heißt " Gespräche um Leben und Tod". Der 90-jährige Autor sagt: "Das ist ein Buch über das Leben. Wenn man über den Tod spricht, spricht man über das Leben. (...) Zugegeben, die Leute hassen es, über den Tod zu sprechen, aber wenn du sie einmal dazu gebracht hast, hören sie nicht mehr auf." Terkel macht aus seinen Gesprächen mit Menschen seit Jahrzehnten Bücher, in denen er die Geschichte der USA in Augenzeugenberichten erzählt: vom Börsenkrach 1929 über den Zweiten Weltkrieg bis zum Kampf gegen den Rassismus. Er lässt die Menschen reden, gibt ihnen Zeit, bewertet sie nicht und erreicht damit eine Offenheit, die in der Literatur ebenso selten ist wie im wirklichen Leben. Manchmal ist die Ehrlichkeit erschlagend: Da erzählt etwa ein Feuerwehrmann, der lange seinen Vater gepflegt hat, wie der alte Herr zu atmen aufhörte. Er war seltsam erleichtert, bis sein Vater nach zehn Minuten überraschend röchelte. Da wurde er wütend: "Ich hab' gesagt ,Scheißkerl!'. Eine völlig natürliche Reaktion, ich war stocksauer. Zwei Tage lang hat er es noch gemacht. Ich habe dann ein schlechtes Gewissen gehabt, aber ich weiß, er hätte das Gleiche gesagt."

Das ist der Kampf des Einzelnen mit dem Unvorstellbaren - dem Ende des Lebens - und weil es dafür keine Regeln mehr gibt, scharfen sich die Menschen ihre eigenen. Eine Frau erzählt von ihren vorherigen Leben, die sie gesehen hat, als sie zwei Jahre im Koma gelegen hat. Ein Drucker hält es für Quatsch, dass es nach dem Tod irgend etwas Neues geben soll. Der Schriftsteller Kurt Vonnegut meint: "Wenn jemand stirbt, ist das alles andere als eine Überraschung - so geht's nun mal. Was könnte es Normaleres geben?" Ein ehemaliger Tischler, der beinahe an Krebs gestorben wäre, erzählt: "In der Zeit, als ich krank war, habe ich mich meistens verpflichtet gefühlt, die anderen aufzuheitern, weil mein Zustand sie so bedrückt hat. Und ich habe festgestellt, dass es mir leichter gefallen ist, sie zu trösten als umgekehrt." Ein Priester erklärt: "Für mich steht fest, Menschen haben das Recht zu sagen: Ich habe genug, ich will jetzt gehen." Und ein Wissenschaftler vom National Laboratory in Los Alamos berichtet von einem Traum, in dem ihm ein Sammler verstorbener Seelen sagte: "Man muss verstehen, dass es auf dieser Welt nur ein einziges menschliches Gefühl gibt, das irgendwie von Wert ist.' Ich wollte wissen: Und was ist das? Er erklärte: ,Mitgefühl.'"

Man könnte sagen, diese Geschichten sind auch nur ein Teil dessen, was gerade überall passiert: Richtig und Falsch werden abgelöst von verschiedenen Standpunkten, die sich austauschen, ohne gewinnen zu wollen. Und das ist, wie es scheint, eine Voraussetzung für den weiteren Bestand unserer Zivilisation. Aber es verbessert auch das persönliche Leben, wie man an Studs Terkel sehen konnte, als er im September in Deutschland war. Der spitzbübische Alte lobte Martinis, einfache Menschen und die Arbeit. Dann erzählte er, seine Frau, mit der er 60 Jahre zusammen war, sei vor zwei Jahren gestorben, und er habe viele Freunde unter die Erde gebracht, also würde dann wohl auch für ihn bald die Zeit kommen. Doch dabei grinste der flotte Rentner, und man ahnte, was ihn konserviert hat. Er hat unzählige Leben geteilt und dabei sein eigenes Leben bestens genutzt. Vermutlich wird er damit weitermachen, so lange er kann, genau wie jene Frau, die in seinem Buch über den Tod sagt: "Wenn die Leute sagen: Ich hoffe, dass es bei mir schnell geht, frage ich: Warum eigentlich? Man stirbt nur einmal. Wollen Sie nicht lieber langsam sterben, damit sie darüber nachdenken und darüber sprechen können?"