Bangemachen gilt nicht mehr

Wer heute die 40 überschritten hat, wundert sich, dass er noch lebt. Waldsterben, Klimakatastrophe, Überbevölkerung - politisch Bewusste lebten lange in ständiger Gefahr. Bis sie irgendwann abstumpften. Oder begriffen, dass Alarmismus nicht das Gleiche ist wie Alarm.




Heute trennen sie vielleicht noch den Müll, stellen an der Bahnschranke den Motor ab - und halten sich ansonsten von allem fern, was auch nur nach Öko-Aktionismus riecht: Wer sich die Laune verderben lassen will, findet auch außerhalb umweltbewegter Gruppen einen Grund.

So war das nicht gedacht. Die leichten Übertreibungen der Achtziger, versichern Umweltschützer treuherzig, sollten nur sicherstellen, dass etwas passiert. Als falle es leichter, den Baum zu pflanzen, wenn der Untergang nahezu sicher ist.

Inzwischen ist Klimaerwärmung angesagt. Der Gegner von gestern, die Industrie, erweist sich in vielen Fällen als einzige Chance. Denn wo Umwelt nur mit Kapital und Management zu retten ist, empfiehlt es sich, nicht langer allein auf den Staat zu setzen. Der hat zum einen kein Geld. Und, wie der Grüne Punkt beweist, eine seltsame Vorstellung von Ökoeffizienz (S. 76).

Wie es anders geht, zeigt der vermeintliche Umweltfrevler, die Industrie. Mit immer neuen Innovationen hat sie die Energiebilanz in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert, den Schadstoffausstoß minimiert, das Überleben lebenswert gemacht (S. 48). Heute setzen selbst einstige Umweltaktivisten wie der Greenpeace-Mitbegründer Patrick Moore lieber auf eine Allianz mit den Pragmatikern: Nur der Kapitalismus könne die ökologischen Probleme lösen. "Wer die Welt konkret verändern will, muss konstruktiv werden und Lösungen suchen" (S. 64).

Zum Beispiel im Regenwald. Umweltschützer wollten ihn durch ein Tropenholzboykott retten - mit der Folge, dass er für die Einheimischen nichts wert war und einfach abgebrannt wurde. Die Schweizer Firma Precious Woods setzt Holzwirtschaft dagegen, was keineswegs gleichbedeutend mit Kahlschlag ist (S. 70).

Wenn sich Verstand und Umweltschutz paaren, wird mehr möglich als der Gelbe Sack. Dann werden aus Kraftwerkbassins Fischteiche (S. 60), Finanzstrategen denken über ökologische Fragen nach (S. 84) und ein romantischer Förster wird Unternehmer (S. 92). Was nicht heißen soll, dass jede marktwirtschaftliche Lösung eine ist, etwa, wenn ein Kraftwerksbetreiber lieber ein ganzes Dorf kauft, statt Emissionen zu vermeiden (S. 98).

Die Welt ist eben nicht perfekt und wird es auch nicht werden. Immer ein bisschen besser ginge aber schon. Dann macht es einfach mehr Spaß, den Baum zu pflanzen.

PS: Das nächste brand eins erscheint am 6. Dezember und wird eine ganz besondere Ausgabe: Gemeinsam mit den Kollegen von "The Economist" widmen wir uns der Frage, wie es in 2003 weitergeht.