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Der Kanadier Patrick Moore gehörte 1971 zu den Gründern von Greenpeace. Er war neun Jahre lang Präsident von Greenpeace Kanada und weitere sieben Jahre Direktor von Greenpeace International. Seine Unterschrift steht unter dem Gründungsabkommen des deutschen Ablegers.

Ende der achtziger Jahre trennten sich die Wege. Heute tritt Patrick Moore für eine pragmatischen, wissenschaftlich fundierten Umweltschutz ein und kritisiert Angstkampagnen und Öko-Hysterie.

brand eins: Beginnen wir mit einer grundsätzlichen Frage. Viele Menschen glauben, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise unweigerlich die Umwelt zerstört. Wie könnte ausgerechnet dieses System helfen, die ökologischen Probleme zu lösen?

Moore: Wenn nicht der Kapitalismus, was dann? Gibt es eine Alternative? Die meisten Sozialisten haben heute begriffen, dass Märkte das beste Mittel sind, um Güter und Dienstleistungen zu verteilen. Kapitalismus bedeutet doch nicht, dass Menschen und Umwelt egal sind. Ich persönlich bevorzuge marktorientierte, sozialliberale, aber fiskalisch konservative Regierungen.

Umweltprobleme sind aber wohl nicht nur Sache einzelner Staaten, wie sie auch regiert sein mögen. Wie steht es mit der Globalisierung? Sie soll an Umweltkrisen in aller Welt schuld sein.

Globalisierung als solche ist weder gut noch schlecht für die Umwelt. Sie ist einfach eine Tatsache, die durch die neuen Möglichkeiten der Kommunikationstechnologie entstanden ist. Im Sinne von "eine Menschheit" und "ein Planet Erde" ist sie ein Gegenkonzept zu Rassismus und Nationalismus. Als Internationalist gefällt mir das. Es bringt uns zusammen: United Colors of Benetton!

Welche Rolle spielen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) heute in den internationalen Institutionen?

In den Vereinten Nationen - aber nicht nur dort - sind die NGOs sehr mächtig geworden. Sie haben viel Gutes erreicht. Greenpeace hat zum Beispiel die Versenkung von Atommüll erfolgreich beendet. Aber jetzt verhindern sie immer häufiger nützliche Entwicklungen, zum Beispiel die Grüne Gentechnik. Auch die grundsätzliche Ablehnung von Dämmen für Wasserkraftwerke ist kontraproduktiv. Dämme können Überschwemmungen verhindern und machen die Bewässerung trockener Böden möglich. Wasserkraft ist eine erneuerbare Energie und liefert Elektrizität für die Landbevölkerung. Beim Weltgipfel in Johannesburg haben Umweltaktivisten aus den reichen Ländern allen Ernstes erklärt, dass in afrikanischen Dörfern alles so bleiben soll, wie es ist: eine Elektrizität, keine modernen Toiletten, kein gentechnisch verbessertes Getreide, kein Wohlstand. Was ist das für eine Haltung? Was wollen diese Leute? Nachhaltige Armut?

Wie kam es Ende der achtziger Jahre zu der Entfremdung zwischen Ihnen und Greenpeace?

Ich bin nicht gegangen, weil ich mich mit Greenpeace überworfen hätte. Das kam später. Nach all den Jahren, die ich für internationale Kampagnen um die Welt gereist bin, wollte ich einfach wieder mehr für meine Kinder da sein. Im Übrigen hatte ich seit der Uni nirgendwo anders als bei Greenpeace gearbeitet und wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren.

Und dann?

In den achtziger Jahren hörte ich zum ersten Mal den Begriff "Nachhaltige Entwicklung", lange bevor er durch den Brundtland-Report populär wurde. Dieser Ansatz hat mich sofort begeistert. Ich begriff, dass es jetzt um konkrete Veränderungen ging und nicht mehr um unverbindliche Appelle und symbolischen Protest. Jetzt kam es darauf an, die Ziele der Umweltschutzbewegung in Staat und Wirtschaft zu verankern und sie mit den traditionellen gesellschaftlichen Zielen wie Wohlstand und soziale Gerechtigkeit zu verbinden. Dies bedeutete eine konsequente Weiterentwicklung der Umweltbewegung. In der frühen Phase ging es nur darum, die ökologischen Probleme bekannt zu machen und neue Werte zu verankern.

Ist das denn nicht genug?

Nein. Denn schon Mitte der achtziger Jahre stimmte praktisch jeder diesen Werten zu. Jetzt hieß die Herausforderung: Wie wandeln wir dieses Bewusstsein in praktische Politik um? Alle sozialen Bewegungen machen diese Entwicklung durch. Es beginnt immer mit konfrontativen Protesten, die das Thema stark polarisieren. Doch wer die Welt konkret verändern will, muss konstruktiv werden und Lösungen suchen.

Wie reagierte Greenpeace auf diese Entwicklung?

Greenpeace startete damals bei uns in Kanada eine Kampagne gegen "Pragmatismus und Kompromisse". Das war die Stunde der Ideologen. Jeder, der von nun an geringfügig von der Linie abwich, wurde zum Verräter gestempelt. Und plötzlich war auch ich einer. Ein paar meiner alten Kumpels haben mich "Öko-Judas" genannt und behauptet, ich hätte mich kaufen lassen.

Hat Sie das getroffen?

Ich glaube an die Freiheit, bin von ganzem Herzen anti-ideologisch und kann Dogmen nicht ausstehen. Es ist sehr wichtig, seine Meinung ändern zu können, wenn man etwas dazugelernt hat.

Warum gefällt Ihnen Greenpeace heute nicht mehr?

Greenpeace setzt völlig falsche Prioritäten. Das lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen ab und schadet dem Umweltschutz. Brent Spar ist ein typisches Beispiel. Das Versenken dieser Ölplattform im Atlantik hätte keinerlei ökologischen Schaden angerichtet. Auch mit der totalen Ablehnung gentechnisch veränderter Nahrungsmitteln erweist man weder der Umwelt noch den Menschen einen Dienst.

Völlig aberwitzig wird es, wenn Greenpeace die Forstwirtschaft als Feind der Wälder hinstellt. Die Forstindustrie ist ökonomisch auf Wälder angewiesen, deshalb pflanzt sie ständig neue Wälder an. Der Tropenholzboykott - der zum Glück inzwischen aufgegeben wurde - war ein großer Schaden für die tropischen Wälder. Wenn Wald in armen Ländern nichts mehr wert ist, brennen die Menschen ihn ab, um Land für Plantagen und Ackerbau zu gewinnen.

Wie kommt es, dass ökologisch fragwürdige Parolen dennoch immer wieder Gehör finden?

Die Kampagnenprofis arbeiten vor allem mit emotionalen Bildern. Zum Beispiel sehen Fotos frischer Kahlschläge erschütternd aus, wie riesige hässliche Wunden im Wald. Für viele Menschen sieht ein Weizenfeld oder ein Tulpenfeld viel besser aus als ein frischer Kahlschlag, bei dem nur noch Baumstümpfe zu sehen sind. Allerdings: Die biologische Vielfalt eines Weizen- oder Tulpenfeldes tendiert gegen null. Aber viele denken leider nicht so weit, dass der Wald natürlich wieder nachwächst und dass die Forstindustrie ein starkes ökonomisches Interesse daran hat, dass er nachwächst.

Mehr und mehr werden Umweltkampagnen mit Gefühlsappellen, Angstmacherei, Falschinformationen und Tricks geführt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es dabei nur noch um Spendengelder geht.

Aber Emotionen sind doch wichtig, um Menschen aufzurütteln.

Emotionen waren immer die Stärke von Greenpeace. Wir wussten schon damals, wie man Auftritte dramatisch inszeniert, dass die Fernsehsender nicht widerstehen können. Ich finde, man darf emotional wirkende Bilder, Filme oder Reden einsetzen, wenn die Sache wahr und gerecht ist. Aber wenn die Sache nicht stimmt, ist es egal, welche Taktik oder Rhetorik angewendet wird. Es bleibt eine Lüge.

Welche aktuellen Umweltthemen werden aus Ihrer Sicht von Mythen und Hysterie bestimmt?

Die Kampagne gegen Grüne Gentechnik gehört in diese Kategorie. Es ist so leicht, Menschen Angst vor neuen Nahrungsmitteln zu machen. "Frankenfood", " Killertomaten", "Terminatorsamen": So sammelt man Spenden. Grüne Gentechnik könnte vielen Millionen Menschen helfen, besonders in den Entwicklungsländern. >

Die grüne Bewegung ist leider anti-human geworden und verbreitet Lügen, die zu mehr Hunger und Armut führen.

Das massenhafte Artensterben ist ebenfalls ein Mythos. Es wird immer wieder behauptet, dass 50000 Tier- und Pflanzenarten pro Jahr verschwinden. Doch das ist eine Hypothese, die aus Computermodellen entwickelt wurde. Niemand kennt diese Arten. Man nimmt nur an, dass es sie vielleicht geben könnte. Es gibt natürlich Arten, die wirklich vom Aussterben bedroht sind, Tiger zum Beispiel. Wir sollten uns auf diese konkreten Fälle konzentrieren, anstatt den Menschen das hoffnungslose Gefühl zu geben, dass wir in einem Zeitalter des Massensterbens leben würden. Das ist einfach nicht wahr.

Auch beim Thema Waldzerstörung werden die Fakten vollkommen verdreht. Nicht die Forstindustrie vernichtet Wälder. Es sind Großfarmer und Kleinbauern in Entwicklungsländern, die dort, wo Bäume wachsen, Felder und Weiden anlegen wollen. Wenn wir die Zerstörung von Wäldern stoppen wollen, müssen wir uns auf die Landwirtschaft konzentrieren: bessere Ausbildung für die Landbevölkerung, Familienplanung, Technologietransfer. Wir brauchen höhere Ernten auf weniger Land. Das kann man nur durch moderne intensive Anbaumethoden und durch die Grüne Gentechnik erreichen.

Atomkraft ist ein weiteres Hysterie-Thema. Selbstverständlich sollte alles für die Sicherheit von Atomkraftwerken getan werden. Sie sind jedoch ein sehr effektives Mittel, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu senken und aus der Abhängigkeit vom Öl zu entkommen. Global betrachtet, sieht die Schadensbilanz der Atomkraft sehr gut aus. Tschernobyl war eine Ausnahme, die aus einer Kombination von schlechter Technik und schlechtem Management entstanden ist. Die neue Generation von Atomkraftwerken ist wesentlich sicherer als die alte.

Heißt denn das, es gibt nichts mehr zu tun? Alles ist okay?

Keineswegs. Es geht nur darum, die wichtigen Dinge anzupacken. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen sauberes Wasser, sanitäre Anlagen und saubere Luft für die armen Länder. Die Entwicklungsländer brauchen mehr ökonomisches Wachstum, damit sie wohlhabend genug werden, um Kläranlagen zu bauen, Wälder neu anzupflanzen und die Bodenerosion zu bekämpfen. Armut ist das größte Umweltproblem.

Ebenso wichtig ist die Umstellung der Energieversorgung in Kombination mit einer Verminderung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Aus Umweltgründen und weil unsere Abhängigkeit von den Ölstaaten sehr gefährlich ist.

Wir brauchen einen neuen Energiemix. Brennstoffzellen, Wasserstofftechnologie, Solarenergie und Windkraft müssen weiterentwickelt und ausgebaut werden, auch Atomkraftwerke der dritten Generation gehören dazu. Bis diese neuen Techniken wirtschaftlich sind, könnten Wasserkraft- und Holzkraftwerke eine Überbrückungsfunktion einnehmen. In Europa gibt es beispielsweise große Flächen früheren Ackerlandes, die man mit Bäumen zur Energiegewinnung bepflanzen könnte.

Priorität Nummer drei: die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität in aller Welt. Nur so können wir die wachsende Menschheit ernähren, ohne dass wertvolle Naturgebiete unter den Pflug kommen. Hier sehe ich die größte Hoffnung in den Möglichkeiten der Grünen Gentechnik.

Das vierte wirklich wichtige Umweltthema ist die Überfischung. Das Problem ist entstanden, weil die Fischgründe auf See niemandem gehören. Wir brauchen internationale Eigentumsregelungen, zum Beispiel handelbare Quoten, damit die Fischereiflotten ein Eigeninteresse entwickeln, ihre Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften. Auch Aquakulturen sind ein gutes Mittel, um den steigenden Bedarf an Fisch zu befriedigen.

Sie haben jetzt schon ein paar Mal die Grüne Gentechnik gelobt. Was versprechen Sie sich von dieser Technologie konkret?

Sie eröffnet interessante Möglichkeiten, um Umweltprobleme zu lösen. Durch gentechnisch verbesserte Pflanzen werden heute schon große Mengen Pestizide eingespart. Durch Gentechnik steigt der Ertrag pro Hektar. Das bewahrt Naturflächen vor der Umwandlung in Ackerland. Wenn Bauern gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen, die resistent gegen ein bestimmtes Herbizid sind, müssen sie wesentlich weniger oder gar nicht mehr pflügen. Das schützt vor Erosion.

Was stört Sie an den Anti-Gentechnik-Kampagnen?

Es ist einfach unredlich, eine neue Technologie nur auf ihre potenziellen Risiken zu reduzieren. Natürlich kann man mit Grüner Gentechnik auch böse Sachen machen. Es wäre zum Beispiel ziemlich einfach, mit Hilfe der Gentechnik giftige Nahrungsmittel zu entwickeln. Aber wozu? Jede Technik kann für üble Zwecke missbraucht werden. Wollen wir Lampen und Kühlschränke, abschaffen, weil man an einem elektrischen Schlag sterben kann?

Wie wird die Umweltbewegung der Zukunft aussehen?

Ich glaube, langfristig wird sich die Wahrheit herumsprechen. Wissenschaftlich fundierte und lösungsorientierte Gruppen werden mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Lage der Umwelt wird eines der großen gesellschaftlichen Themen bleiben. Die gesellschaftlichen Mechanismen, um wirklich wichtige Umweltprobleme frühzeitig zu erkennen und schnell zu reagieren, sind installiert.

Und niemand darf vergessen: Bewegungen haben immer eine begrenzte Lebensdauer. Früher haben wir bei Greenpeace gesagt: Wir arbeiten daran, überflüssig zu werden.

Kurz nachdem ich Greenpeace verlassen hatte, gab es die erste betriebliche Rentenregelung. Da habe ich wohl gerade noch die Kurve gekriegt. Ich hatte mir die Umweltbewegung nicht als bürokratischen Betrieb mit Rentenanspruch vorgestellt.