Die einen kämpfen für die Rechte der Frauen, die anderen für ein harmonisches Verhältnis zwischen chinesischen Gartenschläuchen und französischen Wasserhähnen – NGOs treiben die Globalisierung voran.

Multinationale Konzerne gelten als Vorreiter der Globalisierung, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch eine Globalisierung von unten, maßgeblich vorangetrieben von über Ländergrenzen hinweg operierenden Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). 1900 gab es lediglich 200, heute sind es bereits mehr als 4000. Greenpeace, Amnesty International oder das Internationale Olympische Komitee stehen im Rampenlicht, machen aber nur einen kleinen Teil aus. Mehr als 60 Prozent der Organisationen sind im wirtschaftlich-technischen Bereich tätig, vernetzen Brückeningenieure, Orthopäden oder Aluminiumproduzenten. Weitgehend unbemerkt arbeiten sie alle an einer Weltkultur.

Zum Beispiel durch die Entwicklung technischer Standards. Egal, ob es um die Stärke von Kreditkarten (0,76 Millimeter) geht, um die Empfindlichkeit von Filmen oder die Betriebsdauer von Batterien - die meisten Waren und Herstellungsprozesse werden in irgendeiner Form normiert. Mehr als 13 000 Standardsets hat die Internationale Organisation für Standardisierung (ISO) seit ihrer Gründung 1947 entwickelt, die 1906 gegründete Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) um die 5000.

Beide Organisationen verkörpern wesentliche Prinzipien von Nicht-Regierungsorganisationen. Sie basieren auf freiwilliger Mitarbeit: ISO und IEC haben nur etwa 300 feste Angestellte, die anderen rund 30000 Menschen, die in den Arbeitsgruppen und Ausschüssen sitzen, und das sind Freiwillige, finanziert von Unternehmen, Industrie- und Berufsverbänden. Niemand wird zur Teilnahme gezwungen, aber alle wollen mitmachen, um ihren Einfluss bei Standards geltend zu machen und so früh wie möglich strategisch wichtige Marktinformationen zu erhalten. Auch die Annahme der Standards ist freiwillig, aber weil die Teilnehmer ihren eigenen Marktzugang sichern wollen, setzen sich die Normen meist mühelos durch.

Inspiriert wird die oft mühselige Arbeit durch universelle Werte: Technische Hürden, die den freien Warenaustausch und Technologietransfer behindern, sollen fallen. So können chinesische Gartenschläuche auch an französische Wasserhähne angeschraubt werden oder deutsche Autos an brasilianischen Tankstellen befüllt werden. Die freiwilligen Mitarbeiter von ISO und IEC sind verpflichtet, die jeweils beste Lösung durchzusetzen - und nicht die Einzelinteressen ihrer Firma oder ihres Verbandes. So repräsentierte in der Arbeitsgruppe " Einfluss elektromagnetischer Strahlung auf elektronische Geräte" ein Mitarbeiter der Digital Equipment Corporation (DEC) alle betroffenen Industrien, von Kinobetreibern bis Fahrstuhlfabrikanten, unter ihnen auch DECs schärfste Konkurrenten.

Typisch für NGOs ist - anders als für Staaten oder Konzerne -, dass die Standardisierungsorganisationen über geringe finanzielle Ressourcen und keine formelle Durchsetzungsgewalt verfügen. Ihre Autorität basiert auf der Legitimität ihrer Verfahren, der Bedeutung ihrer Aufgabe und dem Ruf ihrer Mitglieder.

So weit das Ideal. In der Praxis geht es beim Verständigungsprozess über Landes- und kulturelle Grenzen hinweg natürlich nicht immer harmonisch zu. Viele vermeintlich universelle Ziele spiegeln zuerst einmal die Interessen des reicheren und politisch einflussreicheren Westens wider. Bis sie im interkulturellen Dialog verändert werden und mit der Zeit ein ausgewogeneres Meinungsspektrum wiedergeben, muss oft hart gekämpft werden.

Auch das Ringen um den gemeinsamen Nenner ist eine Gemeinsamkeit aller NGOs - ob es nun um technische oder soziale Fragen geht. Beispiel Frauenbewegung: In den siebziger Jahren erschien westlichen Feministinnen das Recht auf persönliche Entfaltung, Gleichstellung am Arbeitsplatz oder Abtreibung universell gültig. Doch auf den großen UN-Weltfrauenkonferenzen wurde deutlich, dass Frauen weltweit sehr unterschiedliche Ziele verfolgten. So stand in südlichen Ländern die wirtschaftliche und rechtliche Gleichstellung von Frauen im Vordergrund. Muslimische Frauen, Afro-Amerikanerinnen oder Afrikanerinnen bezogen sich zwar auf das ursprünglich westliche Konzept Feminismus, verstanden darunter aber oft etwas völlig anderes. Die Bewegung drohte zu zersplittern.

So wurde ein gemeinsamer Nenner gesucht - und mit der Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen gefunden. Vor 20 Jahren noch unbekannt, ist die Forderung heute zum wichtigsten Leitprinzip der internationalen Frauenbewegung avanciert. Themen wie Vergewaltigung und häusliche Gewalt in den USA und Europa; Verstümmelung der Genitalien in Afrika; sexuelle Versklavung in Asien und Europa; Witwenverbrennung und Abtreibung weiblicher Föten in Indien; Folter und Vergewaltigung von politischen Gefangenen in Lateinamerika mögen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Die übergeordnete Kategorie ermöglichte es jedoch, diese unterschiedlichen Probleme zusammenzufassen, um auf internationaler Ebene gemeinsam für das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu kämpfen.

Die Kampagne erlangte weltweite Aufmerksamkeit (u. a. durch Massenvergewaltigungen im früheren Jugoslawien) und beeinflusst heute die Politik von Staaten und internationalen Organisationen. Mit dem neuen Konzept konnten sowohl die Indifferenz eines extremen Kulturrelativismus - "in Afrika werden Frauen nun mal beschnitten" - als auch die Arroganz des Westens - "wir wissen, was gut für euch ist" - überwunden werden.

Literatur:

Margaret E. Keck/Kathryn Sikkink: Activists Beyond Borders - Advocacy Networks in International Politics. Cornell University Press, 1998; 240 Seiten; 16,95 Dollar

John Boli/George M. Thomas (Hg.): Constructing World Culture - International Nongovernmental Organizations Since 1875. Stanford University Press, 1999; 376 Seiten; 22,95 Dollar