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Wohin geht die Reise?

Knapp 20 Jahre lang wuchs der größte Arbeitgeber der Welt immer weiter. Doch seit vergangenem Jahr verbucht die Touristikbranche albtraumhafte Ausfälle statt Traumreisen. Gleichzeitig verstricken sich die Branchenriesen in heftige Preiskämpfe. Was ist los? Brauchen die alle mehr Urlaub? Ein Interview mit dem Tourismusforscher Edgar Kreilkamp.




brand eins: Last Minute nach Madeira für 142 Euro, eine Woche Monastir in Tunesien für 199 Euro, Sonnenbaden auf Mallorca für sagenhafte 49 Euro - vermutlich war Urlaub noch nie so günstig wie heute. Verdient noch irgendein Veranstalter an solchen Angeboten?

Edgar Kreilkamp: Verdienen wohl kaum, aber darum geht es auch gar nicht. Das Ziel besteht darin, nicht zu verlieren. Der Charterflieger nach Monastir hebt sowieso ab, auch das Hotel will bezahlt werden - ob da nun Gäste drin sind oder nicht. Gewinne machen die Reiseveranstalter mit ihren voll zahlenden Gästen, über Last Minute veringern sie lediglich Verluste.

... und unterbieten sich dabei gegenseitig. Jahrelang hat die Reisebranche den Urlaubern eingehämmert, dass bei Pauschalreisen nur eines zähle: der Preis. Und der muss jetzt jede Saison günstiger werden.

Richtig, und was noch schlimmer ist: Das Niedrigpreis-Modell funktioniert nur bei hohen Umsätzen. Die meisten Großveranstalter fliegen erst ab einer Auslastung von 85 bis 87 Prozent in die Gewinnzone. Wenn sie diese Marge nicht erreichen, gehen die Verluste gleich in die Millionen.

Derzeit ist diese magische Marke für viele Veranstalter in weite Ferne gerückt. Nachdem die Branche im Jahr 2000 noch um 7,4 Prozent gewachsen war, sank 2001 die Zahl der Touristen weltweit um minus 1,3 Prozent auf rund 690 Millionen. "Die Monate September, Oktober und November waren ein Desaster für den Tourismus", klagte Francesco Frangialli, Generalsekretär der Welttourismusorganisation (WTO). Noch deutet nichts auf eine Entspannung hin.

Für Michael Frenzel, den Chef der TUl-Mutter Preussag, besteht die Kunst des erfolgreichen Tourismusmanagements darin, bis zum Ende der Saison volle Flüge mit vollen Hotels zu kombinieren. Derzeit sieht es jedoch so aus, als seien die Reiseprofis mit ihrer Kunst am Ende.

Nicht unbedingt. Wenn der Sommer näher rückt, wird die Menschen nichts daheim halten, davon bin ich überzeugt. Nahziele, bei denen man auf das Risiko Flug verzichten kann, könnten von der derzeitigen allgemeinen Flugphobie sogar profitieren.

Wann rechnen Sie mit der endgültigen Überwindung des September-Schocks?

Im Normalfall ist eine touristische Krise nach drei Monaten überwunden. Selbst in der Zeit des Golfkriegs Anfang der neunziger Jahre hat der Tourismus noch zugelegt. In vergangenen Rezessionen war es so, dass die Leute nicht trotz, sondern wegen der Konjunkturflaute ins Flugzeug gestiegen sind. Nach dem Motto: "Lass uns noch mal verreisen, wer weiß, was wird." Derzeit erleben wir aber einen Sonderfall, weil mehrere Faktoren zusammenkommen: Zum einen beobachten wir Sättigungserscheinungen, was die klassischen Sonne-Strand-Badeurlaube betrifft. Zum anderen waren die Veranstalter im vergangenen Jahr gezwungen, die Preise etwas zu erhöhen. Seit den Anschlägen von New York gilt es bei manchen Leuten sogar als chic, zu sagen: "Ich verreise nicht." Dennoch sind die großen Pleiten bislang ausgeblieben.

Weil die Großen flexibel reagieren. Ein Multi kann in der Krise Flüge zusammenlegen, Reisende von einem Konzernhotel aufs andere umbuchen oder ihnen im konzerneigenen Reisebüro ein anderes Ziel ans Herz legen. Die Zauberwörter fürs Überleben in der Reisebranche heißen Größe und Flexibilität. Einen monostrukturierten Mittelständler hingegen hauen ein, zwei Katastrophen gleich aus der Bahn. Erinnern Sie sich noch an Hetzel Reisen? Hetzel war ein guter mittelgroßer Stuttgarter Veranstalter, der sich auf Ägypten-Reisen für Kundschaft aus dem süddeutschen Raum spezialisiert hatte. Dann wurde in Kairo ein Touristenbus von Islamisten attackiert, wenig später musste der Stuttgarter Flughafen für mehrere Monate wegen Renovierung geschlossen werden - schon war Hetzel Reisen weg vom Markt.

"Der Wettbewerb wird mit Sicherheit noch härter werden", fürchtet Stefan Pichler, Chef der Thomas Cook AG. Entsprechend haben sich die Branchengrößen in den zurückliegenden Jahren durch Zukäufe verstärkt. Zusammengenommen kontrollieren die Preussag-Tochter TUI (Airtours, 1-2-Fly, L'tur u.a.), Karstadt-Lufthansa-Joint-Venture Thomas Cook (Neckermann, Condor etc.) und die Rewe-Gruppe (IST-Reisen, Dertour, Meier's Weltreisen u.a.) heute knapp 70 Prozent des deutschen Marktes. Alle drei haben sich außerdem im Ausland mit ehemaligen Wettbewerbern eingedeckt. TUI ist heute Europas größter Reiseveranstalter. Damit scheinen die Grenzen des Wachstums erreicht. "Wenn die Konzerne schlau wären", so Kreilkamp, "würden sie die derzeitige Krise nutzen, um ihre Positionierung gründlich zu überdenken." Die Krisenreaktion der Großen scheint sich darin zu erschöpfen, dass sie weitere Konkurrenten aufkaufen, Synergien ausnutzen und rationalisieren, was das Zeug hält. Allein die TUI will bis zu 2200 Stellen streichen. Das klingt nicht gerade fantasievoll.

Die verdauen jetzt eben erst einmal ihre Einkäufe der vergangenen Jahre, da lässt sich noch einiges zusammenfassen und einsparen. Und vieles spricht dafür, dass sie die Kostenvorteile an den Markt weitergeben werden.

Heißt das, der Preiskampf geht weiter?

Vermutlich ja. Dadurch, dass die großen Veranstalter heute fast sämtliche Knoten der Wertschöpfungskette kontrollieren, können sie selbst mit Mini-Margen einigermaßen leben. Wenn man an vielen Stellen Krumen einsammelt, wird eben auch ein ordentlicher Kuchen daraus.

Die beliebtesten Reiseziele 2001 Frankreich 76,5 Millionen Urlauber Spanien 49,5 Millionen Urlauber USA 44,5 Millionen Urlauber (Quelle: WTO) Marktanteile der deutschen Reiseveranstalter TUI Deutschland 28,9 % Thomas Cook 22,9 % Rewe Touristik 17,2% FTI 5,5 % Alltours 5,4 % Öger Tours 3,6 % andere 16,5% (Quelle: FVW International 2001) Urlaubs-Lektüre: Bruce Chatwin: Traumpfade. Fischer TB; 393 Seiten; 9 Euro Daniel J. Boorstin: The Image - A Guide to Pseudo-Events in America. Vintage Books, 1992; 319 Seiten; 14 Dollar Öko-Institut e.V.: Umwelt und Tourismus - Daten, Fakten, Perspektiven. Berichte des Umweltbundesamtes, Band 4/02, Erich Schmidt Verlag. Erscheint voraussichtlich im März 2002 Hans Magnus Enzensberger: Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt. Eichborn, 1995; 352 Seiten; 20,90 Euro Institut für Mobilitätsforschung: Freizeitverkehr - Aktuelle und künftige Herausforderungen und Chancen. Springer, 2000; 264 Seiten; 49,95 Euro Edgar Kreilkamp u.a.: "Gemachter oder gelebter Tourismus?" Linde 2001: 178 Seiten; 24,85 Euro Termin: Die nächste Internationale Tourismus-Börse (ITB) findet vom 16. bis 20. März 2002 in Berlin statt. Tickets unter www.berlin.de oder per eMail unter reservation@btm.de Dieses Krumensammler-Modell - man transportiert Reisende im konzerneigenen Flieger, bringt sie im konzerneigenen Hotel unter und kassiert bereits bei der Buchung im konzerneigenen Reisebüro - klingt theoretisch toll. Funktioniert es auch praktisch?

Nur bedingt. Die größten Fehler werden in den Reisebüros gemacht. Deren Aufgabe müsste es eigentlich sein, dem Kunden aus dem Konzernportfolio ein passendes Produkt anzubieten. Denn egal, was ein Kunde vorher im Internet gelesen, von der Werbung oder Freunden gehört hat: Seine endgültige Entscheidung fallt er im Reisebüro. Dort sitzen aber noch vielfach Leute hinterm Schalter, deren einzige Qualifikation im Beherrschen der Buchungssysteme besteht. Entschieden wird der Wettbewerb jedoch über Kompetenz, Freundlichkeit und verkäuferische Fähigkeiten.

Warum funktioniert das World Wide Web als Reisebüro so schlecht?

Es funktioniert sehr wohl. Fast 20 Prozent aller Reisenden informieren sich im Internet und treffen auf diese Weise eine Vorentscheidung. Gebucht wird dann allerdings meist im Reisebüro.

Warum dieser Umweg?

Das liegt an der Sicherheitsmentalität der Deutschen, denen sich schon die Nackenhaare sträuben, wenn sie im Internet nur ihre Adresse angeben geben sollen - ganz zu schweigen von ihrer Kreditkartennummer. Zweitens ist die Urlaubsreise ein extrem emotionales Produkt. Die schönsten Wochen des Jahres müssen hundertprozentig perfekt werden - also geht man sicherheitshalber in ein Reisebüro und lässt sich von einem Fachmann bestätigen, dass man sich für eine perfekte Reise entschieden hat. Dieser Fachmann ist dann auch jemand, bei dem man sich beschweren kann, wenn der Urlaub die Erwartungen doch nicht erfüllt hat. Im Internet können Sie das nicht.

Was denken Sie: Wohin geht in Zukunft die Reise? Glaubt man den Marktforschern, dann werden wir in Zukunft immer öfter, kürzer und weiter verreisen.

Das habe ich auch gelesen. Tatsächlich gilt dieser Trend in der Hauptsache für die Leute, die ihn beschreiben. Fast 80 Prozent der Deutschen verreisen mindestens einmal im Jahr, und zwar durchschnittlich für zwei Wochen. Diese Quote ist seit Jahren relativ stabil. Radikale Schwankungen gibt es hingegen bei der Zweit- und Drittreise. Eine kleine Gruppe Gutverdienender verreist tatsächlich immer kürzer und häufiger. Dieses Mini-Segment, das bereit ist, für Urlaub viel Geld auszugeben, ist für Veranstalter naturgemäß hochinteressant.

Die Condor beispielsweise, die gemeinsame Charterfluggesellschaft von Lufthansa und Karstadt, hat zum November vergangenen Jahres ihre sämtlichen Langstreckenflieger mit einem Comfort-Class-Abteil ausgestattet. "Die Ansprüche haben sich geändert, auch bei Chartergästen", erklärt Pressesprecher Boris Ogursky. Für mehr Platz, mehr Unterhaltung und besseres Catering müssen Comfort-Class-Reisende etwa doppelt so viel wie für einen Sitz in der " Holzklasse" zahlen. Dennoch liegt die Auslastung der jeweils 24 Charter-de-Luxe-Sitze bei schätzungweise 80 bis 85 Prozent und damit genauso hoch wie auf den billigen Plätzen. Vom kommenden Sommer an will Condor die Comfort Class auch auf Flügen Richtung Kanaren anbieten.

Der Massenmarkt wird von Urlaubern der Kategorie " Hauptsache Sonne, Hauptsache günstig" bestimmt. Nach Schätzungen des Soziologen Erwin K. Scheuch machen so genannte 3-S-Touristen, denen es im Urlaub lediglich um "sun, sea and sight" geht, mehr als zwei Drittel der Reisenden aus.

Es gibt eine Unmenge Typologien des Touristen - vom Bildungsreisenden, der in Birkenstock-Sandalen durch Ausgrabungsstätten schlurft über den Fun-& -Action-Traveller, der im Urlaub ausgiebig taucht oder surft, bis zum Spaß-und-Baggern-Freak, der für 200 Euro nach Mallorca fliegt, um dort ein Vielfaches in Alkoholika anzulegen. Interessanterweise verreisen sie häufig mit demselben Produkt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Alle drei Typen buchen dasselbe Flug-und-Hotel-Paket, steigen in denselben Flieger und orientieren sich vor Ort entsprechend ihren Neigungen. Die treffen sich erst beim Einchecken zum Rückflug wieder. Den Veranstaltern stellen sie damit ein deutliches Armutszeugnis aus, weil sie zeigen, wie austauschbar deren Angebote sind.

Aber wenn man sich den Markt anschaut, stößt man doch auf jede Menge Markenprodukte.

Richtig ist, dass es eine Menge mittlerer und kleinerer Spezialisten gibt, die im Schatten der Giganten ganz gut existieren können. Im Extremfall sind das drei Leute, die ihr Hobby verkaufen. Aber die organisieren insgesamt weniger als zehn Prozent aller Reisen. Der Massenmarkt hingegen wird von Produkten beherrscht, die sich allein durch ihren Preis voneinander unterscheiden. Da ist langsam das Ende der Fahnenstange erreicht. Für die Konzerne bietet sich nur ein einziger Ausweg aus der Preisfalle: Markenbildung, Differenzierung, Abgrenzung gegenüber den Wettbewerbern. Die TUI probiert es bereits mit einer breit angelegten, teuren Kampagne. Die sagen jetzt nicht mehr: "Wir verkaufen Ihnen einen tollen Urlaub", sondern: "Wir bringen Sie zum Lächeln." Warum kommen die Reisemultis erst jetzt auf diese Idee?

Weil in der Vergangenheit überhaupt keine Notwendigkeit bestand, über Markenprofile oder Marketing nachzudenken. Der deutsche Reisemarktumsatz ist in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 300 Prozent gewachsen, da konnte fast jeder gut leben. Jetzt aber lässt sich Wachstum fast nur noch über Preiserhöhungen realisieren, und um einen höheren Preis durchzusetzen, muss ich dem Verbraucher einen eulleuchtenden Grund liefern, warum er ihn zahlen soll. Ein sympathisches Profil ist ein guter Grund.

Wenn Sie Herr Frenzel von der TUI oder Herr Pichler von Thomas Cook wären - was würden Sie jetzt machen?

Ich würde zusätzlich zum bestehenden Geschäft gezielt hochwertige neue Marken aufbauen und in die Konzerne integrieren. Außerdem würde ich viel stärker die Hotelmarken ins Spiel bringen. Die deutschen Reisenden richten ihre Reisebuchung nämlich verstärkt am Hotel aus. Die sagen: "Ich möchte in dieses eine bestimmte Hotel, weil ich weiß, dass es dort nett ist." Wie sie dorthin kommen und mir welchem Veranstalter, spielt eine ebenso untergeordnete Rolle wie die Frage, ob ihr Traumhotel an einem spanischen, türkischen oder tunesischen Strand steht.

Ganz anders sehen es die Vereinten Nationen: Sie würden beim Reisenden gern mehr Selbstbewusstsein schaffen und haben 2002 zum Internationalen Jahr des Öko-Tourismus erklärt. Wie viel sich damit erreichen lässt, ist allerdings ebenso ungeklärt wie die Frage, was genau eigentlich unter ökologischem Tourismus zu verstehen ist. Dritte-Welt-Organisationen haben bereits in einer Petition an die Vereinten Nationen gefordert, das Jahr des Öko-Tourismus in ein "Jahr zum Überdenken des Öko-Tourismus" zu verwandeln.

Welche Rolle spielt Öko-Tourismus heute?

Eine eher geringe. Die meisten Reisenden wollen im Urlaub nicht darüber nachdenken, wie oft sie duschen dürfen. Viele der existierenden ökologischen Projekte sind zwar als beispielhaft anzusehen, vernachlässigen jedoch die Probleme, die der Massentourismus generell mit sich bringt. Außerdem arbeiten sie primär mit Verboten. Richtungsweisender wäre es, einen nachhaltigen Tourismus zu entwickeln, der die Wünsche der Reisenden berücksichtigt, aber gleichzeitig einen hohen Schutz von Umwelt und Kultur ermöglicht.

Klingt wie das magische Viereck der Wirtschaftspolitik: schöne Vorstellung, aber unerreichbar.

Nein, das ist durchaus machbar.

Wirklich? Selbst in den Zielländern ist der nachhaltige Tourismus umstritten. Die indische Tourismusexpertin Nina Rao kritisiert, "unter dem Mäntelchen des Öko-Tourismus" würden große Reiseveranstalter "unsere Länder, unsere Naturschätze und unsere Kulturen vermarkten".

Was ist eigentlich falsch daran, die Besonderheiten eines Landes zu vermarkten? Solange man das vernünftig gestaltet - das heißt: Kulturschätze, Landschaft und Bevölkerung vor Ausbeutung schützt - können alle Beteiligten davon profitieren, Tourismus schafft mehr Arbeitsplätze als jede andere Industrie und hat gerade für Dritte-Welt- und Schwellenländer eine enorme wirtschaftliche Bedeutung.

Wie würden Sie denn Öko-Tourismus definieren? Reisen bedeutet doch per se eine Umweltschädigung - besonders, wenn es massenhaft betrieben wird.

Am ökologisch saubersten ist es natürlich, zu Hause zu bleiben und sich einen Film über Afrika anzusehen. Wenn man dagegen mal das Reiseverhalten derer untersucht, die gewöhnlich Tourismuskritik betreiben, stößt man auf einen hohen Anteil an Fernreisen und ein sehr individuelles, anspruchsvolles Verhalten - nicht gerade das, was ich sanften Tourismus nennen würde.

Dagegen ist der 3-S-Tourist ein sanfter, nachhaltiger Tourist.

Diese Gruppe hat tatsächlich einen großen Vorteil: Man kann sie in hoch konzentrierten, strandnah angesiedelten Urlaubssilos glücklich machen. Solche quasi-industriellen Anlagen zur Herstellung des Massenproduktes Urlaub bedeuten ein Minimum an Flächenversiegelung, eine geringe Schädigung der Kultur des Landes und ein meist effektives, weil industrielles Ressourcenmanagement. Auch wenn uns das aus unserer intellektuell hochtrabenden Warte anspruchslos erscheint, ist ein solcher Urlaub ökologischer als die Individualreise in ein Dritte-Welt-Land, wo unter Umständen das Abwasser ins Meer geleitet wird.

Was halten Sie denn davon, wenn eine tourismusgeschädigte Destination wie Mallorca versucht, die Schraube zurückzudrehen?

Eine Öko-Steuer, wie Mallorca sie jetzt einrührt, ist problematisch, weil sie enormen Image-Schaden anrichtet und zu deutlichen Buchungsrückgängen rühren wird. Maßnahmen wie strengere Bauvorschriften hingegen, die eine Hinwendung weg vom Massentourismus und hin zu Qualität bedeuten, sind der richtige Weg. Mallorca ist jetzt schon eine der wenigen Destinationen, die es geschafft haben, ihr Billig-Image loszuwerden und ganz neue Zielgruppen anzusprechen.

Woher rührt überhaupt unser Fernweh? Was bringt Menschen dazu, sich in enge Flugzeugsitze zu zwängen, sich zuerst am Strand und später am Büfett mit ihresgleichen zu drängeln, nur um nach 14 Tagen mit einem ordentlichen Sonnenbrand auf dem Rücken nach Hause zurückzukehren? Für den Reiseschriftsteller Bruce Chatwin erklärt sich unsere Reiselust mit "einem instinktiven Wandertrieb des Menschen", vergleichbar dem Zugtrieb der Vögel im Herbst. "Alle großen Lehrmeister haben verkündet, der Mensch sei ursprünglich ein Wanderer in der ausgebrannten und unfruchtbaren Wildnis dieser Welt gewesen und dass er, um seine Menschlichkeit wiederzufinden, sich aller Bindungen entledigen und auf den Weg machen müsse", schreibt Chatwin in seinem Buch "Traumpfade". "Wenn die Wüste das Zuhause ist, wenn unsere Instinkte geformt wurden, damit wir die strengen Bedingungen der Wüste überleben - dann ist es leichter zu verstehen, warum grüne Wiesen uns langweilen und Besitz uns ermüdet." Das nüchterne Gegenmodell stammt vom Kölner Soziologen Erwin K. Scheuch. "Der 3-S-Tourist aus Köln-Nippes", konstatiert Scheuch lakonisch, "sucht in Spanien nicht Sonne, sondern Köln-Nippes mit Sonne." Was glauben Sie: Warum reisen wir?

Im Kern geht es um ein menschliches Grundbedürfnis: die Freiheit zur Mobilität - nicht umsonst hat das Thema Reisefreiheit die deutsche Wiedervereinigung entscheidend mit vorangetrieben. Ein weiteres Motiv: mal rauskommen aus dem Alltag, ein anderer Mensch sein, Leute kennen lernen. Wenn wir die Bedürfnisse, die eigentlich zum Alltagsleben gehören, im Alltag besser leben könnten, müssten wir sie nicht auf unsere zwei Wochen Jahresurlaub projizieren.

Der Historiker Daniel Boorstin hält Tourismus für den Gipfel (oder besser: Tiefpunkt) der Pseudo-Ereignisse, weil der Tourist am fremden Ort im Prinzip immer nur die Bilder bestätige, die er von zu Hause mitgebracht habe.

Die Zufriedenheit eines Reisenden misst sich am Maß der Erfüllung seiner Erwartungen, das ist nun mal so. Ich sehe das aber ganz wertfrei. Wenn jemand nach Las Vegas reist, sich dort die Mini-Kopie Venedigs anguckt und nun meint, Venedig erlebt zu haben, ist das für mich in Ordnung. Unterm Strich bedeutet es nämlich, dass das wirkliche Venedig durch einen Besucher weniger belastet wird.

Wie erklären Sie sich, dass gerade wir immer nix wie weg wollen? Wo immer man hinkommt - die Deutschen sind schon da.

Der Eindruck täuscht. Auch Skandinavier und Niederländer reisen viel, sind aber natürlich zahlenmäßig in der Minderzahl. Franzosen und Italiener leben dagegen ihr ausgeprägtes Reiseverhalten im eigenen Land aus. Es gibt allerdings tatsächlich eine deutsche Besonderheit: Uns hat Neckermann mitten im Wirtschaftswunder in den sechziger Jahren ein unschlagbares Angebot gemacht. Es lautete: Wir fliegen euch mit Vollcharter nach Mallorca, ihr lernt ein Land kennen, braucht euch aber um nichts zu kümmern. Dieses Angebot war so erfolgreich, dass es schnell Schule machte. Ergebnis: Die deutschen Pauschalveranstalter haben sich peu à peu ihren eigenen Markt geschaffen. Und das erklärt auch, warum die Deutschen heute neben den britischen Reiseveranstaltern weltweit dominierend sind.

Mittlerweile hängen 200 Millionen Jobs (das sind zehn Prozent aller Arbeitsplätze weltweit) direkt oder indirekt am Reisegeschäft. In Deutschland ist die Tourismusbranche mit 2,8 Millionen Arbeitsplätzen der zweitgrößte Dienstleistungssektor. Und noch ist -ungeachtet aller Krisen und Konjunktureinbrüche - kein Ende des Wachstums in Sicht: Nach Berechnungen der World Tourism Organization dürfte sich die Zahl der Fernreisen bis 2040 auf 3,2 Milliarden pro Jahr fast verfünffachen.

Mehr als drei Milliarden Fernreisen jährlich - das klingt ganz so, als stünde unserem Planeten ein touristischer Overkill bevor.

Natürlich ist der Transport solcher Massen ein Problem. Aber Reisen gehört nun mal zum Leben, das kann man nicht einfach negieren. Man muss nur darüber nachdenken, wie man das Mengenproblem in den Griff bekommt.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel, indem man verstärkt attraktive Urlaubsalternativen im eigenen Land anbietet.

Ferien in Deutschland sind laut einer Tourismus-Studie heute doch nur noch etwas "für Arme, Alte und Arbeitslose".

Ganz falsch, gerade die Reichen verbringen ihren Urlaub häufig in Deutschland. Denken Sie nur an die Golfresorts, an Sylt, an das neu eröffnete Land Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern oder das Fünf-Sterne-Grand-Hotel Heiligendamm. Wenn in Deutschland anstelle verstaubter Pensionen mehr attraktive, zeitgemäße Angebote bereitstünden, würden noch mehr Deutsche zumindest ihren Zweit- oder Dritturlaub hier zu Lande verbringen. Für Familien mit Kindern beispielsweise sind die Center Parcs eine interessante Alternative zur Flugreise - da haben sie ein Tropenparadies unter der Glaskuppel, nicht mal eine Autostunde von zu Hause entfernt.

Das alte Bildungsideal des Land-und-Leute-Kennenlernens spielt in solchen virtuellen Urlaubsparadiesen allerdings überhaupt keine Rolle mehr.

Tut es das denn am Strand von Gran Canaria? Und: Ist der Tourismus dazu da, die Menschen zu bilden und zu erziehen?

Gegenfrage: Ist er nur dazu da, die Bedürfnisse der Kundschaft zu bedienen - egal, wie niedrig diese sein mögen?

Natürlich nicht, es ist vor allem Sache der Zielländer, für sich eine Untergrenze zu definieren. Burma und Namibia beispielsweise haben die Zahl der einreisenden Touristen pro Jahr streng limitiert. Das funktioniert hervorragend. Es steht jeder Regierung frei, für sich ähnlich verantwortungsbewusste Regeln aufzustellen. Da muss jedes Land seinen eigenen Weg finden. Und es wird nicht immer der sein, der uns gefällt.