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Wirtschaft ohne Markt

In der Mongolei, dem ehemals zweitältesten kommunistischen Staat der Welt ist die Marktwirtschaft eingezogen. Zumindest offiziell. Doch während in der Hauptstadt Ulan Bator die Wirtschaft blüht, besinnt man sich auf dem weiten Land auf die Vergangenheit. Neue Nomaden ziehen mit Tierherden übers Land, gründen Genossenschaften und entdecken den Tauschhandel.




Das Jahr, in dem Ogodol und Jura ihre Arbeit verloren, war ein glückliches Jahr. "Es war eine Befreiung, jedenfalls im Rückblick", sagt Ogodol.

1992; Die Marktwirtschaft hatte Einzug gehalten in der exsozialistischen Industriestadt Naiaikh, und die Straßenbaubrigade, zu der Eisenbahner Ogodol abkommandiert worden war, hatte sich ebenso schnell aufgelöst wie die Uniformfabrik, in der Jura sich zur "Heldin der Arbeit" emporgeschuftet hatte. Das Glaskombinat wurde geschlossen, die Bergwerks Stollen versiegelt, der Konsummarkt aufgelöst, das Heizkraftwerk schickte Arbeiter nach Hause. Die Plattenbauten, die die sozialistische Volksrepublik Mongolei für die Werktätigen von Nalaikh in den Sand gesetzt hatte, verfielen. Vor den modrigen Fassaden walteten Männer mit wodkaschlaffen Gesichtern auf die Zukunft.

Ogodol, der bei seinem Rufnamen genannt wird, wie alle in der Mongolei, Ogodol also, dachte an seine Kindheit als Nomadensohn im Zavhan Aimag, der gebirgigen, kargen Provinz tief im Westen, dachte an den Geruch der Steppe und die Schafe, die vor der Jurte dem Horizont entgegenliefen. Ein Leben, das er mit 18 hinter sich gelassen hatte, als er beschloss, etwas Besonderes aus seinem Leben zu machen. Etwas, das ihn abhob von den anderen aus der Sippe. Ogodol wollte Eisenbahner werden.

In Ulan Bator absolvierte er eine entsprechende Ausbildung und ergatterte einen Job als Mechaniker. Dann versetzte ihn der Staat nach Naiaikh. "Die Mongolei soll ein modernes Land werden", erklärte man ihm. Und: "Ein modernes Land braucht Straßen." So wurde Ogodol Leiter einer Straßenbaukolonne, die Schotterpisten zu den Bergwerksstollen und hinauf in die Hügel baute.

Jura, die Nomadentochter, war 17, als eine Tante ihr erklärte, dass Stadtmenschen zivilisierter leben. Jura fand einen Job in einem Bekleidungskombinat. Als sie Ogodol traf, spürte sie: Der hat eine ähnliche Geschichte. Sie heirateten und bekamen neun Kinder, die in einer Vierraumwohnung in der Nalaikher Plattenbausiedlung groß wurden. Die Kinder gründeten Familien und wurden Handwerker in der Stadt. "Ihr seid echte Städter geworden", sagten die Verwandten, die aus Zavhan zu Besuch kamen.

"In der Stadt hat man zu viele Sorgen", sagte Ogodol zu Jura, als sie arbeitslos geworden waren. Wenig später kauften sie eine Herde: Ziegen, Schafe, Rinder. Aus den Städtern wurden Nomaden, "neue Nomaden, die nichts wissen", wie die Alten in den Bergen herablassend sagten. "Nomaden haben in diesen Zeiten die sicherste Existenz", versicherte Ogodol seiner Frau. "Wer Tiere hat, kann nicht verhungern." Es ist kein einfaches Leben, das das Ehepaar in dem Bergtal 60 Kilometer nördlich von Nalaikh führt. Im Winter sinkt das Thermometer auf minus 40 Grad, und in der Jurte gefrieren die Bettdecken zu Brettern. Bei Schnee und Wind steigt Ogodol aufs Pferd, um die Herde in die Berge zu treiben. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, keine Straßen und keine Läden. Ogodol ist dünn, er hustet oft. Doch er sagt: "Hier draußen haben wir alles, was man zum Leben braucht." Fleisch, Milch und Wolle, einen Bach mit Wasser, Gras für die Tiere und Feuerholz in den Bergen. Ab und zu näht Jura Tischdecken für Touristen, von dem Erlös kaufen sie Mehl und Salz, Tabak, Radiobatterien und russische Bonbons für die Enkel. "Wir sind unabhängig", sagt Jura, und wie zum Beweis breitet sie auf dem Tischchen neben dem Ofen all die Schätze aus, die ihre Küche zu bieten hat: frische Schafsleber, gefüllte Teigfladen mit Hackfleisch, süße Quarkkringel, Tee mit salziger Butter und Schnaps aus vergorener Milch.

Seit drei Jahren haben Ogodol und Jura Gesellschart. Im Tal sind die runden cremefarbenen Jurten der Nomaden mittlerweile so zahlreich, dass die Wiesen von weitem aussehen wie von Champignons übersät. Viele der neuen Nachbarn sind ehemalige Städter. Dort, wo früher wenige Herden grasten, ist heute der Boden platt getrampelt, die Krume dünn - eine Folge der Überweidung.

In der Hauptstadt tanzt die Wirtschaft, auf dem Land fliehen die Menschen vor der neuen Armut Es waren die Jahre, in denen die große linke Utopie des 20. Jahrhunderts ihre Strahlkraft verloren hatte und im Osten ein sozialistischer Staat nach dem anderen das erlebte, was in Deutschland "die Wende" genannt wurde: den Übergang von Einparteienherrschaft und Planwirtschaft zu Demokratie und Marktwirtschaft. Die Volksrepublik Mongolei, der Zweitälteste unabhängige sozialistische Staat der Erde, implodierte noch vor seinem großen Vorbild, der Sowjetunion. Im November 1989 demonstrierten tausende von Mongolen für wirtschaftliche Öffnung und politische Mitbestimmung. Nomaden und Landarbeiter waren nur selten darunter, die Proteste beschränkten sich auf die Hauptstadt Ulan Bator und die Provinzzentren. Im März 1990 traten Bürgerrechtler, Studenten und Intellektuelle bei minus 20 Grad vor dem Parlament in den Hungerstreik. Die Regierung schickte erst Soldaten, die tatenlos die Szenerie beobachteten, und dankte dann ab. Wenig später nahm eine Koalition unter Führung der MRVP, der Mongolischen Revolutionären Volkspartei, Nachfolgerin der Kommunistischen Partei, die noch nicht einmal ihren Namen gewechselt hatte, ihre Arbeit auf. Seitdem hat es sechs Neuwahlen gegeben. Sobald eine Partei Fehler macht, sobald etwas von Korruption durchsickert, wird sie abgewählt. Seit 2000 ist wieder die MRVP an der Macht. Eine große Politikmüdigkeit hat sich breit gemacht. Parteien finden kaum Nachwuchs, Bürgerinitiativen, öffentliche Diskussionen, Protest - all das existiert nicht mehr. Der Traumberuf der meisten Jugendlichen, so hat eine Umfrage in der Hauptstadt ermittelt, heißt Unternehmer.

Ulan Bator ist zu einem Ort geworden, an dem man reich werden kann, wenn man eine Nase für den Markt und die richtigen Kontakte hat, fast wie in Moskau, Kiew und anderen postsozialistischen Städten, in denen die übliche Gemengelage aus Konsumwut, Korruption und neuer Armut herrscht. In der Innenstadt rauschen S Klasse- Limousinen und japanische Jeeps über die schlaglochübersäten Pisten. Im neonhellen "State Department Store" drängen sich sorgfältig geschminkte Damen vor den Parfümständen. Überall wird gehandelt. Wer eine Erdgeschosswohnung besitzt, hat sie in eine Boutique oder Bar verwandelt, mit kyrillischen Buchstaben auf bonbonbunten Türschildern.

Doch Ulan Bator ist ein wirtschaftliches Ausnahmephänomen - Städte haben nie eine große Rolle gespielt im ehemaligen Reich des Dschinghis Khan, drei Viertel der Bevölkerung wohnen auf dem Land. So konnte nach der Wende eine Bewegung einsetzen, deren Protagonisten Namen wie Ogodol und Jura tragen, eine Entwicklung, die Wirtschaftsexperten und Politiker aus dem Westen verblüfft: der neue Nomadismus. Seit Anfang der neunziger Jahre haben zehntausende Mongolen ihre Siedlungen verlassen: Lehrer, Lkw-Fahrer, Krankenschwestern und Rentner bestreiten nun ihren Lebensunterhalt als "mobile Tierhalter". So fliehen sie vor den neuen Problemen, die die Marktwirtschaft dem riesigen, dünn besiedelten Land bescherte: Arbeitslosigkeit, steigende Mieten, Lebensmittelknappheit. Manche Orte haben mehr als 20 Prozent ihrer Einwohner verloren. Mit der Zahl der Nomaden stieg auch die Zahl der Tiere. 32 Millionen Schafe, Rinder, Ziegen, Kamele und Yaks grasen heute auf den Weiden der Mongolei, zehn Millionen mehr als vor der Wende.

Früher kannten Viehzüchter das Wort Existenzangst nicht. Doch die neue Zeit erweitert den Wortschatz Es wird Schnee geben heute Nacht. Schwer hängen die Wolken in den Felshängen über Yaruu, einer Viehzüchtersiedlung auf 2500 Meter Höhe im Zavhan-Aimag. Das nächste Dorf ist 80 Kilometer entfernt, eine halbe Tagesreise über Geröll und Eis, ohne Straßen und Wegweiser. Über die gefrorenen Pfade vor der Wasserstelle der Siedlung laufen Kinder mit Holzeimern und Kanistern, hauchen die Kälte aus den Fingern, schleppen weiter an ihrer Last. Wasserholen ist seit der Wende Pflicht der Kinder, Frauen kümmern sich um das Sammeln von Schafsdung für den Ofen. Die Wasserleitung ins Dorf ist geborsten, das Heizwerk eine Ruine, die Stromgeneratoren verrottet. Ersatzteile gibt es nicht. Der Laden: ohne Waren. Das Badehaus: geschlossen. In der Schule wird nur noch wochenweise unterrichtet. Im Spital arbeiten seit kurzem keine Ärzte mehr. Starr und kalt dämmert das Dorf dahin. " Früher hatten wir alles, was man zum Leben braucht", sagt Dorlig, ein sehniger Viehzüchter, der sich mit Schreinerarbeiten über Wasser hält, seit im letzten Winter ein Großteil seiner Herde verhungert ist. " Viehzüchtern war das Wort Existenzangst unbekannt." Jahrhundertelang galt in der Mongolei die mobile Viehzucht als erfolgreiche Existenzsicherungsstrategie. Doch auch die wandernden Tierhalter waren keine reinen Selbstversorger. Sie waren angewiesen auf den Handel mit Sesshaften, auf die Dienstleistungen von Handwerkern, Ärzten, Schulen. Mehrmals im Jahr kamen die Nomaden in die Siedlungen, um Felle, Milch und Fleisch zu verkaufen oder zu tauschen gegen das, was sie nicht herstellen konnten: Mehl, Werkzeuge, Streichhölzer, Töpfe.

Die Zentren, in denen sich der Handel abspielte, waren nicht kapitalistischen, sondern religiösen Ursprungs: Bis Ende der zwanziger Jahre kümmerten sich Mönche in Klostersiedlungen um den Warenaustausch, viele pflegten sogar Geschäftsbeziehungen ins Ausland, nach Tibet, in die Mandschurei, in chinesische Großstädte. Versorgungslücken gab es kaum: Die 900 Klostersiedlungen verteilten sich gleichmäßig übers ganze Land. Kein Nomade musste mehr als einen halben Tagesritt in Kauf nehmen, um einzukaufen. 1924 riefen mongolische Kommunisten die "Volksrepublik Mongolei" aus, eine Republik, in der es keine Feudalgesellschaft, keine Klassengegensätze zwischen Adligen, Geistlichen und Viehzüchtern geben sollte. Das Ziel "Wohlstand für alle" ließ sich nach der Auffassung der Partei nur in einem modernen Staat verwirklichen, in dem es kein Privateigentum und keine Religion gab. So wurden die Klöster zerstört und die Mönche vertrieben.

Die neuen Machthaber gründeten hunderte von " Negdel", kolchoseähnliche Landkooperativen, in denen die Nomaden sesshaft werden und als Viehfacharbeiter ihre Herden betreuen sollten. Negdel-Mitglieder mussten sich weder um den Verkauf von Heisch und Fellen noch um den Einkauf von Lebensmittel und Kleidung kümmern. Ende der fünfziger Jahre waren fast alle Tiere in Negdel-Eigentum übergegangen. Während die Partei in den dreißiger Jahren vergeblich versucht hatte, die Nomaden mit Gewalt zu enteignen, lockte man sie nun mit einem festen Einkommen und kostenloser Krankenversorgung, Futterdepots, Heizwerk, Krankenhaus, Postamt, Internatsschule und Kulturclub. Hirtenkinder wurden in die Stadt geschickt und kehrten als Lehrer und Handwerker zurück. Doch es war nicht so, dass alle ehemaligen Nomaden sesshaft wurden. In Yaruu zogen knapp drei Viertel von ihnen weiterhin übers Land, sie kamen nur ins Dorf, wenn sie etwas einzukaufen hatten oder die Kinder im Internat abgeliefert werden mussten.

Auch Dorlig lebte weiterhin in der Steppe, obwohl seine Herde dem Negdel gehörte und Arbeiter seine Jurte auf einen Lastwagen luden, wenn er den Weideplatz wechseln wollte. Die Menge der Erzeugnisse, die Dorlig abzuliefern hatte, bestimmte die Verwaltung, beziehungsweise der große Plan, der auch festlegte, wohin sie gelangten. Seine Schafe wurden nach Ulan Bator gebracht, wo sich der große Schlachthof der Mongolei befand. Von dort ging das Fleisch nach Sibirien und die Felle meist nach Westrussland. Ziegenkammhaar wurde in den Kombinaten der Hauptstadt zu Kaschmir verarbeitet, die Jacken und Pullover wurden im In- und Ausland verkauft.

Marktwirtschaft und schlechtes Wetter: Hier heißen solche Katastrophen Zud Von der Marktwirtschaft erfuhren die Yaruuer zunächst aus dem Radio. Dann blieben plötzlich die Mehllieferungen aus. Die Futtervorräte in den Scheunen schrumpften, bald lief das Heizwerk nur noch auf Sparflamme. Doch das Negdel nahm Dorlig immer noch seine Felle ab. 1993 wurde die Negdel im Zuge der Privatisierungen aufgelöst. Jedes Negdel-Mitglied bekam Anteilscheine für das Vermögen der Kooperative, einzutauschen gegen Schafe und Yaks, Lastwagen, Maschinen oder Gebäudeteile. Die meisten Yaruuer entschieden sich für Tiere. Was in Deutschland das Eigenheim ist, ist in der Mongolei das Schaf: ein Stück Sicherheit. "Wer Tiere hat, übersteht alle Krisen", dachte Dorlig. Diese Lebensregel hatten ihm noch seine Eltern beigebracht.

Doch nach der Auflösung der Negdel gab es niemanden mehr, der den Yaruuern ihr Fleisch oder ihr Ziegenhaar abkaufen wollte, niemanden, der bis hinauf in die Berge kam, um ihnen Lebensmittel zu verkaufen. Dorlig beharrte trotzdem darauf, dass es richtig war, die Coupons für eine Herde einzutauschen. "Audi die Negdel-Strukturen haben sich erst langsam entwickelt" , sagte er zu seiner Frau. "Wir müssen uns eben einschränken." Dann kam die Zud. "Zud" nennen die Mongolen eine Katastrophe, die alles umfasst, was die Nomaden seit Jahrhunderten fürchten: eisige Kälte. Monatelang Schnee. Viehsterben. 40 Jahre lang hatten die Negdel-Scheunen den Schrecken gebannt: Hier lagerte Heu und Kraftfutter genug für härteste Winter. Doch seit Einführung der Marktwirtschaft zitieren Radiosprecher die Zahl der verendeten Tiere mit der Regelmäßigkeit von Börsennachrichten. 90 000 Tiere haben die Viehbesitzer von Yaruu allein in den vergangenen drei Jahren verloren. Die Winter waren so kalt, dass das Thermometer an der Poststation die Minusgrade nicht anzeigen konnte - die Skala reicht nur bis minus 40 Grad, Dann setzte ein monatelanger Schneesturm ein. Die Schneedecke war so hart, dass die Tiere vergeblich nach Gras scharrten. Einige wurden notgeschlachtet, die meisten verendeten auf der Weide.

Heute sehen die Hänge rund um Yaruu aus wie ein Massengrab. Knochengerippe, Schädel, Kiefernspalten mit Hautfetzen überall. Niemand wagt, sie wegzuräumen, denn Schafskelette zu berühren bringt Unglück. "Wir konnten nichts gegen das Tiersterben tun", sagt Dorlig. Futtervorräte anzulegen konnte sich niemand leisten: Das kurze Gras der Hochebene eignet sich nicht zum Heumachen. Und wer hat schon Geld, um auf dem Markt im Tal Heu zu kaufen? Wer hatte überhaupt noch Geld?

Eines Tages tauchte ein kleiner, untersetzter Mann im Dorf auf, der die Viehzüchter für eine neue Idee begeistern wollte. Er riet ihnen, sich zusammenzuschließen, um ihre Erzeugnisse gemeinsam zu verkaufen und Lebensmittel einzukaufen. " Genossenschaft" nannte er das. Er sagte: "Das könnte die Zukunft für die Mongolei sein." Der Mann hieß Sededsüren, ein arbeitsloser Mathematiklehrer aus der Provinz, der für die Gesellschaff für Technische Zusammenarbeit (GTZ), eine deutsche Entwicklungsorganisation, arbeitete. Die Dorfbewohner waren skeptisch. Genossenschaff klang nach Kommunismus. Dann wollten plötzlich alle eine Genossenschaff gründen, "man brauchte irgendwas, was Hoffnung gab", sagt Dashdondog, ein Endvierziger, der zum Chef der heute größten Genossenschart gewählt wurde.

Im Winter, als die Tiere verhungerten, zeigte Sededsüren den Genossenschaftlern Grassorten für kräftiges Heu, die in der Höhe wachsen, und schwärmte von Kartoffel- und Steckrübenfeldern, die das halbe Dorf ernähren könnten. Dass die neuen Vereinigungen etwas mit Demokratie zu tun hatten, merkten sie daran, dass sie sich auf kein Projekt einigen konnten. Schließlich riskierte einer einen Alleingang. Er besorgte sich einen Kredit von einer kirchlichen Hilfsorganisation und begann, Heu anzubauen, mit Grassaaten aus dem Westen. "Die Marktwirtschaft hat uns Nomaden auf neue Ideen gebracht", erzählt Enkhbaatar, der Jungunternehmer, stolz. Als die modrigen Scheunen aus Negdel-Zeiten bis zum Dach gefüllt waren, erlebte seine Genossenschaft einen gewaltigen Zulauf, doch verkauft hat sie bis heute kaum einen Ballen. Denn ein Problem konnte auch die Genossenschaft nicht lösen: die fehlenden Absatzmärkte und -wege. Außer ein paar fliegenden Händlern gibt es niemanden hier oben, der sich für Scharfelle interessiert. Und wer nichts verkauft, hat auch kein Geld, um etwas einzukaufen. Selbst wenn es so dringend benötigt wird wie das Heu für die Herden von Yaruu.

Franz-Volker Müller, der Chef von Sededsüren, wird in der Mongolei der "Pate des Genossenschaftswesens" genannt. Vor ein paar Jahren hat sich der 51-jährige Geografiedozent von seinem Job an der FU Berlin beurlauben lassen, um im Auftrag der GTZ an einer Wirtschaftsstrategie für Dörfer wie Yaruu zu basteln. "Auf dem Land sind die Märkte zusammengebrochen", sagt er, "wir wollen den Menschen helfen, neue zu finden." So fährt er mit seinen mongolischen Mitarbeitern über die Dörfer und berät Viehzüchter; erklärt ihnen, wie sie Genossenschaften gründen können, hilft ihnen. Geschäftsideen zu entwickeln, Werkzeuge, Maschinen und Kredite zu organisieren und Verträge mit möglichen Abnehmern zu schließen. Er friert in ungeheizten Holzhäusern, trinkt die üblichen mongolischen Wodkamengen und spricht in anschaulichen Bildern. In seinem Büro in Ulan Bator verwandelt er sich wieder in einen Wissenschaftler. "Ohne Absatz- und Vermarktungsstrukturen ist eine sozial und ökonomisch nachhaltige Entwicklung der Mongolei nicht möglich." Der Held der Arbeit fährt einen Geländewagen und isst "Toffifee". Die anderen leben vom Tauschhandel Leider interessiert sich der Staat nicht für die Landbewohner. Stattdessen fördert er Großprojekte wie die "Milleniumsroad", einer Asphaltstraße quer durch die Mongolei, an der entlang fünf neue Wirtschaftszentren mit Wohnsiedlungen und Industrieanlagen entstehen sollen. "Dabei ist es viel wichtiger, dass sich dieses Land erst mal auf die wichtigste Säule seiner Wirtschaft konzentriert: die mobile Tierhaltung." Damit folgt Müller modernen Entwicklungsstrategien: die Geschichte und Kultur zu achten und den strukturellen und geografischen Besonderheiten Rechnung zu tragen, statt jedem Land eine Entwicklung nach westlichem Muster zu verordnen. Die Stärken einer Volkswütschaft auszubauen statt an den vermeintlichen Schwächen herumzudoktern. Nicht auf Selbstregulierungskräfte des Marktes zu vertrauen, sondern Strukturen zu schaffen, in denen sich die heimische Ökonomie entfalten kann. Also: nicht den Markt in die Mongolei zu tragen, sondern die Mongolei in den Markt.

In Dörvöljin in der Wüstenregion des Zavhan-Provinz wurden die neuen Ideen aus dem Westen schon umgesetzt. Die größte Genossenschaft dort gilt als die erfolgreichste im gesamten Zavhan-Aimag. Geschäfte sind hier vor allem eine Frage von Beziehungen. Solche, wie Dorjsambuul sie hat. Gute Beziehungen. Die stammen aus alten Zeiten. Dorjsambuul war Parteikader und Chef des Dörvöljiner Negdel, das schon zu kommunistischen Zeiten das leistungsfähigste war. Die 3500 Dörvöljiner züchteten Ziegen, deren Kammhaar das Bekleidungskombinat Gobi zu Kaschmirpullovern und -decken verarbeitete. Ein Exportschlager, denn mongolisches Kaschmir galt als feiner als das indische und besser verarbeitet als das chinesische. Nach der Wende wurde Dorjsambuul Handelsvertreter von Gobi, das sich als Staatsbetrieb in die neue Zeit gerettet hatte. Gleichzeitig beförderte man ihn im Dorf zum Chef der Genossenschaft. Wenig später hatte die Genossenschaft einen Vertrag, der ihr die Abnahme der gesamten Ziegenhaar-Produktion garantierte.

Seitdem ist Dorjsambuul reich. Er fährt einen Geländewagen, trägt Markenhosen aus dem Westen, sein Haus hat Stromleitungen auf dem Dach. Beim Dorffest zu Jahresbeginn feierte man ihn als "Helden der Arbeit"; eine Auszeichnung, die die Dörvöljiner nach dem Ende des Sozialismus mangels neuer Ehrentitel einfach weiterverwendet hatten. "Es könnte uns schlechter gehen", sagt Frau Zezgee, die Buchhalterin der Genossenschaft. 1993 haben sie und ihre sechs Kinder sich monatelang nur von Fleisch und Milch ernährt. Es gab keine Seife im Dorfladen, kaum Wodka. Dann fiel auch noch das Dorffest aus, weil niemand mehr Mehl für die Krapfen hatte. Das Fest, die einzige Ablenkung im Jahreslauf. Heute sind die Mehllager gefüllt. Frau Zezgee hat frisch gefärbte Haare, rotbraun wie die Frauen in der Stadt, und ihre Bluse riecht nach Lenor. Im Laden nahe der Schule werden Kerzen angeboten und Windeln, Schokokekse und Feldschlösschen-Bier. Stolz deutet Frau Zezgee auf eine bunte Verpackung im Regal. "Toffifee! Die habe ich meinem Sohn mitgebracht!" Im Winter muss sie allerdings anschreiben lassen. Denn Geld wird in Dörvöljin nur im Mai ausgezahlt, nach dem Ziegenkämmen, wenn das Rohkaschmir in der Fabrik abgeliefert wird. Und mehr als ein paar tausend Tugrik, der Wert eines Stapels Brennholz, springen selten für ein Genossenschaftsmitglied heraus. So lebt Dörvöljin vor allem vom Tauschhandel.

Im Februar fährt ein Auto mit Mehl- und Zuckersäcken, Salz und Öl ins Dorf. Der Fahrer gibt eine Vorkasse in Naturalien auf den zu erwartenden Kaschmirpreis. " Tauschhandel ist momentan das Beste für uns", sagt Mijiddor, Zezgees Kollege aus der Verwaltung. "Die liefern uns Lebensmittel, auch wenn wir noch nicht bezahlen können." Wer "die" sind? Vertragshändler von Gobi vielleicht? Fabrikangestellte aus Ulan Bator oder etwa doch von Dorjsambuul, dem " Held der Arbeit"? "Was meinen Sie?", fragt Mijiddor und lächelt. "Dörvöljin ist das einzige Dorf im Aimag, das sich ein Gästehaus und eine Wasserpumpe leisten kann." "Die Kaschmirpreise sollen im nächsten Jahr wieder fallen, haben sie angekündigt", sagt Frau Zezgee. Und: "Denen, den es früher gut ging, geht es auch heute wieder gut." Geld kann man nicht essen. Das ist keine Weisheit der neuen Zeit, sondern ganz alter Materialismus Battuvshin ärgert sich über die alten Seilschaften. Deswegen hat sich der Mittdreißiger, der 1990 zu den Demonstranten vor dem Parlament gehörte, zum Ziel gesetzt, die "demokratischen Strukturen auf dem Land zu stärken". Das lässt sich nur auf einem Weg erreichen: durch Abschaffung des Zentralismus. Die Provinzgemeinden sollen selbst Steuern erheben und über ihre Einnahmen und Ausgaben entscheiden. "Kommunale Selbstverwaltung" heißt dieses Prinzip, das er bei einer Fortbildung der Konrad-Adenauer-Stiftung kennen gelernt hat. Bisher zieht immer noch einmal im Jahr der Steuereintreiber aus der Stadt durch die Provinzen, um Geld bei Nomaden und Dörflern einzusammeln. Überall hängen die handgemalten Plakate der Finanzbehörde, die erklären, wie wichtig Steuern sind. Doch kaum jemand zahlt, viele schwindeln bei der Anzahl ihrer Tiere oder erscheinen nicht zum Termin. Und kein städtischer Verwaltungsbeamte macht sich die Mühe, Nomaden in der Steppe aufzuspüren. Interesse, Steuern zu zahlen, hat niemand, denn das Geld fließt nach Ulan Bator, von dort wird es nach dem Gießkannenprinzip verteilt. Wer Beziehungen hat, darf auf ein paar Tugrik mehr hoffen. In den Dörfern kommt selten etwas an.

"Wisst ihr, wovon viele Nomaden träumen?", fragt Battuvshin beim Essen mit Freunden und nimmt einen langen Zug von seiner Zigarette, als müsse er über die Antwort nachdenken. Die Gespräche am Tisch verstummen, als er fortfährt: "Dass ihre Kinder in der Stadt studieren und Geschäftsleute werden." Wenn Gäste kommen, gibt es immer ein Fest bei der Chot Ajl, einer Hütegemeinschaft von drei Nomadenfamilien. Die Mitglieder der Chot Ajl sind reich: Mehr als 2000 Tiere zählt die Herde, die sie aus den 300 Schafen und Ziegen gezüchtet haben, die ihnen 1993 bei der Privatisierung zugesprochen wurden. Geschlachtet wurde immer nur so viel, wie sie zum Sattwerden brauchten. Und verkaufen wollten sie nicht. So ist die Herde gewachsen und gewachsen. Zu essen gibt es vor allem eines: Fleisch. So auch heute. Nur ein baumlanger Kerl in Kunstlederjacke und Rapper-Mütze isst nicht mit. "Der Junge hat seit ein paar Jahren Flausen im Kopf", erklärt einer, "er fährt bis nach China, um Scharfelle zu verkaufen, kommt mit den Taschen voll Geld zurück und redet von Märkten, Geld und Gewinn." "Lass ihn, der ist im Dorf aufgewachsen", antwortet ein anderer. "Irgendwann wird er kapieren, dass man Geld nicht essen kann." Mongolei Fläche: 1,6 Millionen Quadratkilometer, viereinhalbmal so groß wie Deutschland Politisches System: parlamentarische Demokratie Derzeitige Regierungspartei: Mongolische Revolutionäre Volkspartei, MRVP, die Nachfolgerin der Kommunistischen Partei Geschichte 1206: Temüdschin vereint alle größeren mongolischen Stämme und bekommt als oberster Herrscher den Titel "Dschingis Khan" verliehen. Bis ins 14. Jahrhundert expandiert das Reich zu einem der größten in der Menschheitsgeschichte und reicht von der chinesischen Pazifikküste bis zur Donau, von Russland bis ans Arabische Meer und in die Region des heutigen Istanbul. Das südliche Reich gerät im 17. Jahrhundert unter die Herrschaft der chinesichen Manchu; der Norden wird chinesische Garnison.

1911: Die Manchu werden gestürzt, die (Nord-)Mongolei ruft ihre Unabhängigkeit aus.

1919: China annektiert den Norden.

1921: Befreiung durch General Roman von Ungern-Sternberg, der eine weiß-russische Truppe anführte und ein Terrorregime errichtet. Russland schickt Truppen gegen ihn, als Gegenleistung soll eine pro-sowjetische Regierung geschaffen werden.

1924: Gründung der "Mongolischen Volksrepublik" , ein Einparteienstaat, der zweite kommunistische Staat der Welt.

1986 beginnt "il tod", die mongolische Version von "Glasnost", ab 1989 werden Reformen eingeleitet. Nach Demonstrationen und Hungerstreiks (März 1990) gibt die Partei stufenweise Macht ab. Bei den ersten freien Wahlen entsteht eine Koalitionsregierung unter Vorsitz der MRVP.

Wirtschaftssystem Bis 1924: nomadische Wirtschaft, Handelszentren in buddhistischen Klöstern 1924 bis 1990: Planwirtschaft Seit 1991: Einführung der Marktwirtschaft, anfangs mit Preishindung und Staatsbetrieben 1993: Privatisierungsgesetz. Jeder bekommt Anteilscheine für Wohnungen, Arbeitsgeräte, Viehherden. Besonderheit: Grund und Boden bleiben staatlich, damit Nomaden weiterhin überall Weideflächen nutzen können.