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Spione und Start-ups

Amerikas massive Rüstungspläne bescheren der Großindustrie dank fester Bande zum Militär fette Jahre. Dabei springt auch für IT-Start-ups eine Menge heraus, vorausgesetzt, sie haben Ideen für Datensicherheit und gute Beziehungen zur Rüstungs- und Geheimdienstszene rund um Washington.




Jerry Harold weiß, wo man in Zeiten wie diesen Geld verdienen kann. "Verträge mit der Regierung sind hervorragend. Sie legen sich fünf bis sechs Jahre fest, zahlen ein bis zwei Jahre im Voraus. Und wer die Sicherheits-Checks besteht, hat das beste Gütesiegel und die besten Referenzkunden, um zur privaten Wirtschaft zu gehen", schwärmt der Gründer von Netsec, einem Anbieter von Managed Security Services (MSS). Das ist eine Art Wach- und Schließgesellschaft gegen Hacker, Terroristen und Vandalen online. Zwei Drittel seines Umsatzes holt Harold dieses Jahr durch Verträge mit dem Justizministerium, der Luftwaffe, der Armee, dem Pentagon und verschiedenen Geheimdiensten herein. Über seine Kunden aus Uncle Sams Großfamilie kann der 38-jährige Experte für Netzwerk-Sicherheit leider ebenso wenig detailliert reden wie über seinen Werdegang.

Harold ist einer aus dem Club. Geheimdienst, Sie wissen schon. Er suchte zwölf Jahre lang nach Löchern in den Computersystemen der National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, bevor er sich 1998 mit einem Arbeitskollegen selbstständig machte. Nur so viel verrät der stämmige Rotschopf, der aussieht wie der Football-Trainer von nebenan: "Egal, was wir bei der NSA testeten: Wir fanden immer einen Weg einzubrechen. Die Schutzvorkehrungen sind bei der Entwicklung meist nicht bedacht, sondern hinterher entwickelt worden. Das öffnete uns die Augen für den enormen Markt, der von der Regierung auf die freie Wirtschaft zurollen würde." Dank ihrer Kontakte zu anderen Spionage- und Militär-Insidern brauchten Harold und sein Partner Ken Ammon am Anfang nicht einmal Risikokapital aufzutreiben. Sie starteten vom ersten Tag an mit einer soliden Kundenkartei alter Bekannter. Erst ein halbes Jahr später brauchten sie die Hilfe von Risikokapitalgebern, um das weitere Wachstum zu finanzieren.

Heute beschäftigt Netsec 70 Angestellte und hat bislang 18 Millionen Dollar VC-Geld eingesammelt. Eine ehemalige Schule in Herndon, einem der aus dem Boden gestampften Vororte entlang des Autobahnrings um Washington, wird gerade als neuer Firmensitz hergerichtet. Tapeten mit Schmetterlingen und Teddybären haben grauer Raufaser Platz gemacht, die Fensterscheiben sind verdunkelt oder komplett abgeklebt. Aber unter dem Lichtschalter für den Konferenzraum, in den man nur nach Eintippen eines sechsstelligen Codes und Handauflegen auf einen biometrischen Scanner gelangt, steht immer noch " Musikzimmer". Harold gibt sich optimistisch: " Seit dem 11. September ist das Thema Schutz von Informationssystemen drängender denn je", stellt er fest. "Der Markt für öffentliche IT-Sicherheit ist mehrere hundert Millionen wert." Da kann man getrost noch ein paar Nullen dranhängen. Donald Rumsfeld lässt die alten und neuen Waffenschmieden der Nation glatt die Rezession vergessen. Der US-Verteidigungsminister hat für sie ein Geschenkpaket geschnürt, dessen Umfang Ronald Reagan stolz machen würde: rund 20 Prozent mehr für Verteidigung an allen Fronten, insgesamt 379 Milliarden Dollar im Haushalt 2003. Die Einkaufstour des Pentagon reicht von alten Waffensystemen, an dessen Nützlichkeit oder Rentabilität Experten schon lange zweifelten, bis zu neuen, halb angedachten Prototypen, Konzepten zu Land, zu Wasser, im All. Und natürlich jeder Menge Informationstechnik, die Terroristen, Saboteure und böse Regime entlang der Bush'schen "Achse des Bösen" in Schach halten soll.

Von den sechs erklärten Aufgaben, um Amerikas Militär und Geheimdienste für die Gefahren des 21. Jahrhunderts zu wappnen, sind zwei wie für Netsec gemacht. " Unsere Informationsnetze vor Angriffen zu schützen" ist eine der Prioritäten des Pentagon, so Rumsfeld. Ebenso: "Informationstechnologie einzusetzen, um die verschiedenen US-Streitkräfte miteinander zu verbinden, damit sie wirklich gemeinsam kämpfen können". Viele der Ideen, auf denen diese IT-Hoffnungen ruhen, werden nicht in geheimen Regierungslabors, sondern in spiegelverglasten Flachbauten wie bei Netsec ausgetüftelt.

Die Grenze zwischen zivilem und militärischem Auftrag verwischt - das ist die Chance für IT-Start-ups Im Jahr 1 nach Osama Bin Laden bekommt die alte Eisenhower-Warnung vor dem " Militärisch-industriellen Komplex" eine neue Bedeutung. Die enge Verzahnung von staatlichen Sicherheitsinteressen mit politischen Wahlgeschenken für Hersteller funktioniert wie früher, zumal die Schatullen wieder weit geöffnet sind. Gleichzeitig findet eine Machtverschiebung zugunsten kleiner Start-ups statt. Dank der Hightech-Revolution haben sie die Chance, große Zukunftsmärkte zu erschließen, auf denen militärische und zivile Nutzung so schnell wie noch nie ineinander fließen.

Das war nicht immer so. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als jeder fünfte Arbeitnehmer in den USA für die Rüstungsindustrie arbeitete, war die Trennung zwischen zivilem und Regierungsauftrag noch relativ einfach. Heute arbeiten streng genommen nur noch zwei Prozent aller US-Arbeitnehmer im Rüstungswesen. Doch die Statistik hinkt der Wirklichkeit hinterher. Das Schlachtfeld von morgen reicht vom Büro bis zum Handy im Geländewagen. Ein Computervirus kann eine Waffe sein, die eine Sekretärin in Sarasota oder Saarbrücken zur ahnungslosen Komplizin einer Guerillagruppe in Syrien macht.

Wie viel Geld genau für IT-Aufrüstung in Militär und Geheimdiensten, Regierungsbehörden, staatlichen Forschungslabors und über die so genannte " Heimatland-Verteidigung" bis an Bundesstaaten, Kommunen, Bezirksstaatsanwälte oder den Grenzschutz fließen wird, hat noch niemand genau errechnet. Die Verknüpfung von Informationssystemen reicht von neu aufgelegten Plänen für eine Raketenabwehr bis zu neuen Abhör- und Kryptografie-Techniken. Ein paar Richtwerte: Für "Forschung, Entwicklung, Test und Beurteilung" hat das Pentagon 53,9 Milliarden veranschlagt. Dem Heimatschutz, auf 2000 Budgetposten in 40 bis 50 Regierungsstellen verteilt, sollen 38 Milliarden zugute kommen. Allein für die Investitionen in das so genannte "Warfighter Information Network", das für schnellen Informationsfluss mit hohem Datendurchsatz zwischen allen Waffengattungen sorgen soll, sind für die kommenden fünf Jahre eine halbe Milliarde Dollar geplant.

"Wir haben schon seit zwei Jahren gepredigt, dass wir neue Teams und neue Werkzeuge brauchen, um neuen Gefahren zu begegnen. Sicherheit und IT - das ist eine Wachstumsbranche, in der es reichlich Raum für neue Mitbewerber gibt. Die alten großen Rüstungskonzerne müssen Territorium aufgeben", sagt Linda Millis. Die ehemalige ClA-Analystin, die in ihrem eng taillierten grauschwarzen Kostüm auch als Art Director an der Madison Avenue durchgehen könnte, streut die Botschaft von fruchtbaren neuen Partnerschaften zwischen Industrie und Regierung im Auftrag einer Denkfabrik, die an den Patriotismus amerikanischer CEOs appelliert. " Bens" nennt sich der Zusammenschluss von rund 500 "Business Executives for National Security". 200 Meter Luftlinie vom Weißen Haus entfernt arbeitet ein halbes Dutzend fest angestellter ehemaliger Insider wie Millis daran, den Wissenstransfer in beide Richtungen zu erleichtern.

"Die meisten Leute denken immer, die Regeln der Geschäftswelt gelten nicht für Militär oder Geheimdienste. Dabei sind das keine anderen Welten. Wir können dem Pentagon sagen: Seht her, ihr braucht das Rad nicht neu zu erfinden. Nehmt euch einfach die Teile und Prozesse aus der privaten Wirtschaft, die erwiesenermaßen funktionieren", erläutert Sprecher Michael Doubleday, ein pensionierter Marine-Hauptmann die Bens-Strategie. Als etwa die Marines ihre Logistik auf Vordermann bringen und insgesamt 207 verschiedene Computersysteme aufeinander abstimmen wollte, wandte sie sich an Zivilisten: Die harten Jungs heuerten das New-Economy-Beratungshaus Sapient und Experten der Penn State Universität an. Sie ließen sich von Wat-Mart, UPS und Caterpillar beraten und benutzen heute tragbare Scanner, um das Nachschubwesen zu managen. Aber ist Sapient deswegen ein Teil der Rüstungsbranche?

Früher durchkämmten Geheimdienste enorme Datenberge - heute kann das jeder Wie Netsec-Gründer Jerry Harold sorgt sich Bens darum, dass Amerikas Sicherheitsapparat in den vergangenen fünf bis sechs Jahren - zeitgleich mit dem Internet-Boom - seinen Vorsprung bei Sicherheitsanwendungen eingebüßt hat. "Früher war die Sammlung und Analyse von Datenbergen die Domäne der Nachrichtendienste", sagt Millis. "Heute kann das plötzlich jeder." Mit dem entscheidenden Unterschied, dass private IT-Firmen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und in wenigen Monaten mit Geld und ersten Produkten aufwarten konnten, während die Regierung sparen wollte. Die vom Internet-Boom angefachte Gründungswelle, in dem Jerry Harold und unzählige andere Nachrichtendienstler mitschwammen und sich mit eigenen Unternehmen selbstständig machten, verminderte den technischen Vorsprung der Regierungsbehörden. " Nicht nur die NSA kämpft mit dem Problem, smarte Leute und Ideen zu rinden und zu halten, die sie braucht, um technologisch an der Spitze zu bleiben. Nun rächt sich, dass sie nicht offen genug war, dem Input von draußen zu trauen", sagt Michael Doubleday, ein Mittfünfziger mit Bürsten schnitt und dem leicht gebückten Gang des Analysten. Ihm ist die "Vogelperspektive der nationalen Sicherheit" und die Telefonnummer zu Rumsfelds Vorzimmer wichtiger als die Entscheidung für ein bestimmtes Waffensystem und wo es entwickelt wird.

Die CIA als Firmengründer und Freund des Start-ups - auf der Suche nach "patriotischen Anwendungen" Inzwischen hat Washington reagiert - aus Angst vor einem zweiten Debakel wie dem 11. September. Um auf dem Gebiet C4 -Kontrolle, Kommando, Kommunikation und Computer - wieder den Anschluss zu finden, müssen das Pentagon und die Nachrichtendienste Expertise und Innovationen aufsaugen. "Doch der langsame und beschwerliche öffentliche Beschaffungsprozess schreckt Start-ups davon ab, mit der Regierung überhaupt ins Gespräch zu kommen", berichtet Paul Taibl, früher Oberst bei der Air Force. Heute untersucht er Methoden, wie die Männer in Uniform schnell an neueste Technologien gelangen können, ohne die alten Top Ten der Rüstungs-Lieferanten anzuzapfen: LockheedMartin, Boeing, Raytheon oder TRW, die Jahr für Jahr zweistellige Milliardenbeträge einstreichen.

Die CIA wagte als Erste den Sprung ins Wasser und gründete vor drei Jahren eine eigene Venture-Firma mit 28 Millionen Dollar Startkapital. In-Q-Tel mit Sitz in Silicon Valley sollte den Kulturschock auf beiden Seiten minimieren, Berührungsängste nehmen und vor allem Start-ups finanzieren und beraten, von deren Erfindungen die Geheimdienstler sonst nie etwas hören würden. Daraus wurden Produkte wie Triangle Boy von Safe Web, mit dem sich Surfer in repressiven Ländern wie China anonym im Internet bewegen konnten. Oder Systems Research & Development aus Las Vegas, die mit CIA-Startkapital Casino-Datenbanken nach möglichen Betrügereien durchforstet. Das halbautonome Unternehmen hat bislang knapp 1000 Business-Pläne begutachtet und in zwei Dutzend Neugründungen investiert.

"Vieles deutet darauf hin, dass In-Q-Tel ein Erfolg ist", sagt Taibl, der Hauptautor einer vom US-Kongress in Auftrag gegebenen Studie über den CIA-Fond. "Es kann ein zukunftsweisendes Modell dafür sein, wie die CIA und andere Regierungsbehörden schnell an wichtige, neue Technologien herankommen." Die Armee hat bereits 25 Millionen für ihren eigenen Venture-Fonds bereitgestellt, und bis Ende dieses Jahres wird In-Q-Tel noch mehr Nachahmer finden, ist sich Taibl sicher. Probleme sieht er indes immer noch auf der Empfängerseite, wenn es darum geht, die angeschobenen oder angekauften Technologien im CIA-Sitz in Langley zu integrieren. "Die Leute an der Spitze verstehen, was ihnen fehlt, aber der Widerstand der Bürokratie darunter ist ein Hindernis." Manchmal kommt der Dienst aber auch zum Unternehmer. Restes Beispiel ist John Frank. Der 25-jährige Hüne mit Wuschelkopf war Physik-Doktorand am Massachusetts Institute of Technology, bevor die Agenten bei ihm anklopften und er im Zeitraffertempo zum Unternehmer und Geheimnisträger wurde: Mit seiner Hilfe wollen die USA Osama Bin Laden erwischen. Frank bastelte vor zwei Jahren an Software, um komplexe Systeme abzubilden. Er wollte den Regenfall auf Inseln im Rechner simulieren und analysieren - eine besonders komplexe Angelegenheit. Franks Programm verwandelte unstrukturierte Texte in Tabellen mit geografischer Position. Daraus wurde rasch die Idee, Datenberge mit Positionsbestimmungen zu verknüpfen - etwa als Dienstleistung für Web-Portale. "Heute ist daraus eine patriotische Anwendung geworden", sagt Frank, der dank einer Anschubfinanzierung der Pentagon-Forschungszentrale Darpa - übrigens die Hebamme des Internets - eine eigene Firma namens Meta-Carta in Cambridge gegründet hat.

Mit MetaCartas Software kann die CIA etwa Millionen von eMails oder anderer abgefangener Texte prüfen lassen und automatisch auf einer animierten Karte sehen, von wo sie kommen, wohin sie gehen und sogar, welche Orte im Text erwähnt sind. "Es ist alles eine Frage der Aggregation. Man nimmt zwei separate, an sich unergiebige Informationen. Durch die Verknüpfung werden sie nachrichtendienstlich relevant. Diese Idee deckt sich exakt mit der Tätigkeit von ClA-Analysten, die nach geografischen Regionen arbeiten", sagt Frank. In seinem Büro, das an eine unaufgeräumte Studentenbude erinnert, bedeckt eine riesige US-Flagge die ganze Wand. Im Sommer 2001 löcherten ihn Nachrichtendienste bereits, wie man Terroristen auf die Spur kommen könnte. Nach dem 11. September konnte er sich vor Anfragen für ein Briefing von Armee, NSA etc. nicht mehr retten. In-Q-Tel überlegt, sich an MetaCarta zu beteiligen.

Die IT-Gründer lieben die Geheimdienste - sie sind die besten Kunden, die sie sich vorstellen können Für John Frank, der seine Dissertation auf Eis gelegt hat, ist die enge Partnerschaft und finanzielle Beteiligung der Regierung kein Problem. "Der Internet-Boom war der erste Wilde Westen. Jetzt beginnt der zweite Teil. Diesmal gibt es genauso viele neue Chancen für Ideen und Technologien. Mit einem Unterschied: Es geht um relevante Produkte, nicht um cooles Zeug. Diesmal sind deine Kunden bereit, ungeschliffene Beta-Versionen zu testen, die der nationalen Sicherheit dienen können. Das sind die besten Früh-Anwender, die ich mir wünschen kann. Es geht um den Einsatz für das Gemeinwohl, nicht um ein IPO. Außerdem wollen sie, dass eine Idee schnell für den kommerziellen Markt reif ist, damit wieder neue Impulse kommen. Das ist ein positiver Kreislauf für alle." Der nahtlose Austausch von IT-Innovationen zwischen Regierung und Industrie ist nirgendwo lebendiger als im Raum Washington, in dem nach Schätzungen bis zu 2000 Sicherheitsfirmen sitzen. "Keine Frage. Wir haben hier eine Anballung ähnlicher Unternehmen, deren Gründer alle etwas mit der Regierung zu tun hatten", sagt Amit Yoran. Der West-Point-Abgänger arbeitete fünf Jahre bei der Defense Information Systems Agency (DISA), die sich für das Verteidigungsministerium um sichere Datenübertragung und Telekommunikation weltweit kümmert. 1998 kehrte er dem Nachrichtendienst den Rücken und gründete gemeinsam mit seinem ebenfalls militär-erfahrenen Bruder Elad Riptech, eine der rührenden MSS-Firmen, die im laufenden Jahr hundert Millionen Umsatz angepeilt hat. Ein Dutzend der ersten 15 Mitarbeiter rekrutierten die Yoran-Brüder aus dem Umfeld des Clubs: CIA, NSA, Pentagon. Heute verkaufen sie ihre Netzwerküberwachung an dieselben Behörden, die sie vor nicht allzu langer Zeit ausbildeten, sowie an Multis, die lieber ungenannt bleiben wollen.

"Es gibt im Internet noch keinen Schutz, wie ihn der Staat in der physischen Welt bietet. Das Gewaltmonopol online ist nur eine Fiktion, also muss irgendjemand die Lücke füllen", sagt Yoran und springt auf, um aus einer eMail zu zitieren, die ihm sein ehemaliger Boss, DISA-Sicherheitschef John Thomas, gerade geschickt hat: "Traditionelle, staatlich betriebene Verteidigungsmechanismen sind entweder technisch, gesetzlich oder kulturell blind. Damit gewinnt das Wort Verteidigungswesen eine neue Bedeutung, und wir müssen uns auf neue Kriegsteilnehmer einstellen." Wenn Sicherheits-Firmen zu virtuellen Waffenlieferanten oder gar Hilfs-Sheriffs werden, verwischen die Grenzen zwischen Militär, Regierung und Wirtschart. Das ist für Bens-Denker Paul Taibi sogar gut so: "Wir wollen, dass das Militär so weit wie möglich in die Volkswirtschaft integriert ist. Nur so lässt sich Konsens bilden und Know-how übertragen." Die ehemalige CIA-Analystin Linda Millis sieht einen klaren Kurs, um zur Verteidigungsbereitschaft des 21. Jahrhunderts zu gelangen: "Erst müssen wir Partnerschaften bilden, daraus werden neue Werkzeuge hervorgehen." Sie kann sich vorstellen, den Kurierdienst FedEx einzuspannen, um bei einem Bioterror-Angriff Impfstoffe auszuliefern. Oder die Lagerhallen der Baumarktkette Home Depot für Notrationen zu nutzen.

Vor einem neuen, anders strukturierten Militärisch-industriellen Komplex des Informationszeitalters sorgt sich der breitschultrige Unternehmer Yoran nicht. "Kann schon sein, dass es so etwas heute noch gibt. Aber bei uns besitzt die Regierung weder finanzielle noch sonstige Einflussmöglichkeiten. Wir operieren in einem handfesten Markt, das ist alles." Yoran hat die Abhängigkeit von Regierungsaufträgen seit Riptechs Gründung sogar von 25 auf zehn Prozent des Umsatzes gesenkt, um mit Geheimhaltungs-Beschränkungen keine kommerziellen Kunden abzuschrecken - auch im Wissen, dass der eine Kundenkreis in den anderen übergeht. "Im Moment übersteigt die Nachfrage das Angebot so gewaltig, dass wir alle im Umkreis von Washington in freundlichem Wettbewerb miteinander stehen." Wenn sich Nachrichtendienstler, Bürokraten und Offiziere mit Ingenieuren und Unternehmern treffen, die die "Namensschildchen gewechselt" haben, wie es in der Szene heißt, herrscht Stimmung wie auf einem Klassentreffen. "Man kennt sich von früher. Persönliche Kontakte sind der Schlüssel zum Erfolg in dieser Branche." Das paramilitärische Valley funktioniert ähnlich wie sein Pendant in Kalifornien. Das Netzwerk der verschwiegenen Männer wird oft von spezialisierten Geldgebern koordiniert. Einer von ihnen ist Roger Novak. Der 53-jährige Venture Capitalist investiert seit Mitte der neunziger Jahre in Firmen im Einzugsgebiet von Uncle Sam. "Wir suchen Ingenieure, die Antworten auf schwierige Probleme finden. Aufgrund unserer Lage kommen die meisten dieser Tüftler aus Regierungslabors", beschreibt er die Investitionsphilosphie von Novak Biddle Venture Partners, die in Bethesda, Maryland, einen 200-Millionen-Fonds verwaltet. Aus ursprünglich zehn Portfolio-Firmen sind inzwischen 25 geworden, die insgesamt 3500 Menschen beschäftigen.

Geschäft ist nicht immer Krieg - aber wahrscheinlich ist Krieg das Geschärt der Zukunft Mehr als die Hälfte von ihnen wurden von ehemaligen Regierungsangestellten gegründet. Ein Großteil arbeitet an Technologien, die für Spione und Soldaten ebenso interessant sind wie für CEOs: Sender mit großer Reichweite, die sich in Etikettgröße auf jeden beliebigen Gegenstand kleben lassen und dessen Position funken, oder phasenverschobene Antennen, die sich zur Steuerung mehrerer Raketen gleichzeitig ebenso einsetzen lassen wie für den Mobilfunk. "Bis vor kurzem hatten wir vor allem die Kommerzialisierung für den Zivilsektor im Auge. Jetzt gibt es auf einmal so viele öffentliche Gelder für fortgeschrittene Verteidigungs- und Sicherheitstechnik, dass sich unser Fokus geändert hat. Ich bin seit den Achtzigern in dieser Branche - ich habe noch nie so viel Bereitschaft und Interesse auf Regierungsseite gesehen, sich mit VCs und Start-ups an einen Tisch zu setzen. Sie legen die Karten auf den Tisch und sagen: Das brauchen wir. Hört euch um, ob jemand daran arbeitet. So etwas kann einer Neugründung auf die Beine helfen." Bei vielen IT-Anwendungen, glaubt Novak, lässt sich der Trennstrich zwischen ziviler und militärischer Nutzung ohnehin nicht mehr ziehen. "Nehmen wir Software zum Risikomanagement von Gebäuden und anderen Einrichtungen. Das brauchen Großunternehmen genauso wie Regierungen oder das Militär." Riptech-Gründer Amit Yoran haut in die gleiche Kerbe: "Was vor ein paar Jahren vom Staat intern entwickelt wurde, kaufen sie jetzt von Cisco, Checkpoint oder Riptech ein. Das ist keine Einbahnstraße: Der Zeitpunkt ist nicht mehr fern, an dem der Chief Information Officer oder der Vorstand dafür gerade stehen müssen, wenn ein Unternehmen gehackt wurde." Der neue Militärisch-industrielle Komplex hat mit dem Koloss nicht mehr viel gemein, vor dem Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1961 warnte und der aus einer überschaubaren Anzahl großer Namen bestand. Inzwischen ist daraus ein zunehmend fragmentiertes Netz von Outsourcing-Partnern geworden - ähnlich dem Rest der Volkswirtschaft. Regierungsstellen haben in den vergangenen Jahren Beschaffungsmechanismen für IT-Anwendungen und Dienstleistungen kreiert, die Safeguard, iAssure, Groundbreaker oder Infraguard heißen.

Wer in einen solchen Pool vorab geprüfter Vertragspartner aufgenommen wird, hat eine Reihe wichtiger Hürden bereits genommen und kann auf üppige und langfristige Verträge hoffen, sobald grünes Licht für ein Projekt gegeben wird.

Großfirmen, denen Expertise in einem neuen Gebiet fehlt, können sich Neugründungen wie Netsec als Subunternehmer sichern und so eine Schleppe von Start-ups nach sich ziehen. "Die großen Rüstungsfirmen haben sich seit Jahren auf den Wandel zu integrierten Informationssystemen vorzubereiten versucht", sagt Daniel Smith. Der pensionierte Oberst ist Forschungsdirektor beim Center for Defense Information, einem Think Tank ehemaliger Militärs, das seit 1972 Zahlen und Strategien unter die Lupe nimmt. "Wenn sich zukünftige Kriege und Konflikte um Networks drehen, wird IT die Schlüsselposition einnehmen. Das ist ein weites Feld, in dem Nischenkandidaten mitspielen können, weil sie Lösungen schneller parat haben." Was nicht heißen soll, das Interessens-Dreieck aus Kongress, Pentagon und Konzernen werde zwangsläufig den Davids der IT-Branche erliegen. Am Ende der Übergangsphase, in der der Staat dringend benötigten Innovationen alle Türen öffnet, kann auch ein anderes Ergebnis stehen; Alte Bekannte des Rüstungsspiels wie General Dynamics, die mit dem Bush-Clan eng verbandelte Carlyle Group oder die Computer Sciences Corp. könnten die besten Start-ups einfach schlucken - ganz so wie Cisco oder Microsoft in der zivilen Welt. Microsoft hat sich bereits bei Netsec in Herndon wegen einer möglichen Zusammenarbeit gemeldet, nachdem Bill Gates die zeitgemäße Parole " Sicherheit über alles" ausgegeben hat.

Selbst die Wandel-Prediger des Magazins "Fast Company", für die martialisches Management mit einem Hauch Zen schon immer die Zukunft war, sind sich nicht mehr sicher, wer zu welchem Lager gehört: " Vielleicht haben wir die Sache von hinten aufgezäumt. Vielleicht ist Geschäft kein Krieg. Vielleicht ist in dieser verrückten neuen Welt der Krieg das Geschäft."