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Die Zukunft hat ein Rad ab

Brasília ist der historische Versuch, eine Stadt nach den Gesetzen des Tempos und der Moderne zu planen. Ein Projekt, das als Museum einer nie existierenden Zukunft endete.




Was waren das doch für champagnerselige Zeiten, als wir internationale nächtliche Rennen durch die brasilianische Hauptstadt fuhren! Die Eixo Monumental, die Stadtautobahn, mit Vollgas rauf und runter. Es gab' da ein paar Schrammen und auch schon mal Totalausfälle - aber erstens hatten die jungen Diplomaten alle noch ihren Benz als Reserve in der Garage; der wurde nach Ablauf der Schamfrist von zwei Jahren steuerfrei ein paar 10 000 Dollar beim Händler bringen. Und zweitens war die Militärpolizei straff antikommunistisch und pro bundesdeutsch eingestellt; ihr Chef hatte eine vortreffliche Walther-Pistole von der Botschaff geschenkt bekommen. Deshalb wurden die rennrasierten Lampenmasten denn auch stillschwelgend unter den roten Teppich gekehrt, damals vor 15 Jahren.

Brasilia men amour: Der schönste Ort in Brasilia ist die Dachterrasse auf dem Flughafen - so gegen fünf Uhr nachmittags, wenn die Kumuluswolken im preußischblauen Himmel rosa Bäuche bekommen. Dann liegt das Schlimmste zurück, der Tagestrip in die futuristische Hauptstadt geht zu Ende, und gleich kommt die Maschine, die zurückfliegt nach Rio de Janeiro, Salvador da Bahia oder in eine andere gastliche Stadt.

Mehr als acht Stunden sollte man Brasilia auf keinen Fall einräumen. Besser ist es, auf den Besuch ganz zu verzichten oder ihn per Cyber-Handschuh im virtuellen Raum zu unternehmen. Keine andere Stadt der Welt ist dafür besser geeignet. Schon deshalb, weil die " Stadt des Dritten Jahrtausends" bis auf das kleinste Detail Ende der fünfziger Jahre auf dem Reißbrett entstand.

Brasilia: Stellen Sie sich bitte vor, Sie fahren im Hochsommer mit aufgedrehter Heizung auf der Avus (oder dem Kamener Kreuz) auf und ab; ersetzen Sie den Grunewald durch eine rote Steppe mit einer Menge Plattenbauten aus der DDR. So kommt man dem Brasilia-Gefühl schon nahe. Bis auf den blauen Himmel, den muss man sich malen.

Der Traum von Transportbändern, Grünzonen, Wohnmaschinen Um es gleich zu sagen: Brasilia bietet architektonisch wenig mehr als die ewige Wiederholung des Gestrigen: Wohnblöcke wie Bauklötze im rechten Winkel zueinander geordnet, meist sechs Etagen hoch und auf Stelzen ruhend. Sie unterscheiden sich in ihrem grauen Betonkleid so wenig wie die Särge eines Bestattungsunternehmens. Und jeder Wohnblock hat seine eigene Autobahnabfahrt. An den Wohnblocks, den " Superquadras", fahren die Touristenbusse schnell vorbei, es gilt, die Besucher zur Kathedrale zu karren, zum National-Kongress und auf den Platz der Drei Gewalten. Auf dem Weg dorthin durchquert man einige leere Raumkilometer.

Ein Entkommen gibt es nicht, und wer versucht, zu Fuß zu fliehen, wird in Brasilia schon nach wenigen hundert Metern unter der brennenden Sonne erschlaffen, bevor er die rettende Theke einer Limonadenbude erreicht. Schließlich ist diese Stadt nicht für Menschen, sondern für Autofahrer gebaut worden. Was konsequent dazu gerührt hat, dass in Brasilia die meisten Verkehrsunfälle (pro Kopf) passieren. Obgleich ein abgefeimtes Radarüberwachungssystem seit drei Jahren allen Autorennen, selbst solchen mit der blauen Diplomatennummer, einen Riegel vorgeschoben hat. Eine der unerwarteten Folgen: Es staut. Es staut morgens, mittags, abends gerade am Lago Sul, dort wo die Villen alle Doppelgaragen haben.

Wer zu Fuß geht, braucht eine gute gesundheitliche Kondition, feste Wanderstiefel, Sonnenschutz und etwas Proviant sind außerdem vonnöten. Der Mutige wird hoch belohnt. Er wird all das entdecken, was Brasilia nicht ausmacht -nämlich das ungeplante Leben. Man stößt auf Bretterbuden, wilde Müllkippen und Eselskarren, die Aktenstapel aus den Ministerien entsorgen, scheucht Gürteltiere auf, die sich blitzschnell in die rote Erde graben, entdeckt die Depots von fliegenden Händlern im Gestrüpp, die Wracks geklauter Autos, die Camps von Bauarbeitern und die Opferschalen mit Reis und Bohnen, die Jünger des afrikanischen Macumba-Kults unter einem Hexenbesenbaum hinterlassen haben.

Der Pfadfinder wird sogar einen Hundefriedhof finden, gleich neben den Gentechnik-Labors der Embrapa, der Forschungsbehörde für Landwirtschart, im Norden. Des Öfteren werden Sie die Schnellstraßen Haken schlagend wie ein Hase überqueren müssen - man ist in Brasilia auf Zweibeiner schlecht vorbereitet. Sie können natürlich wie das Heer der Dienstmädchen, Büroboten und Parkwächter einen Omnibus nehmen, bloß braucht man dazu viel Zeit.

Modern sollte sie sein, die neue Hauptstadt des modernen Brasiliens, supermodem sogar. Großartig und aus einem Guss. "In fünf Jahren 50 Jahre überspringen" - so lautete der Marschbefehl des damaligen Präsidenten Juscelino Kubitschek de Oliveira. Die Reißbrett-Täter waren brave Schüler des Schweizer Star-Architekten Le Corbusier, ein Mann, der Paris abreißen wollte zugunsten von einem Dutzend Wolkenkratzern, der Kombinate für Stalin und Fabriken für Adolf Hitler gezeichnet hatte. Dieser Le Corbusier hasste nichts mehr als die mittelalterliche enge europäische Stadt mit ihren " Eselsgängen". Er träumte von Transportbändern, Grünzonen und Wohnmaschinen. Kreuzungsfreier Individualverkehr!

In Brasilia konnten die Corbusier-Schüler Lúcio Costa und Oscar Niemeyer ihre Utopie einer funktionalen - und das hieß allemal: bereiften - Stadt in Stahlbeton gießen. In tausend Tagen hatten Bauarbeiter-Heere Brasflia aus der roten Erde des Planalto gestampft. Doch mit den Baugruben begann der Schuldenberg zu wachsen. "Candangos", Tagelöhner und Obdachlose aus den Hungergebieten des Nordostens zogen in die künftige "Hauptstadt der Hoffnung". Wild-West-Städte wucherten neben den Fundamenten. Die Bauarbeiter, die eine Stadt für Minister, Diplomaten und Beamte gemauert hatten, weigerten sich, nach getaner Arbeit weiterzuziehen. Für Bauarbeiter, Dienstboten und Schuhputzer war Brasilia nicht gedacht. Gegen die " Invasores", die unerwünschten Bewohner, musste sich die neue Hauptstadt von Anfang an wehren.

Bereits bei der Einweihung Brasilias hausten im Regierungsdistrikt mehr Menschen in Favelas, den aus Brettern zusammengezimmerten Armutsvierteln, als in Niemeyers Wohnmaschinen. Mal versuchten die Behörden, die Immigranten zurückzuschicken, mal in hastig planierten, unendlich monotonen Trabantensiedlungen zu binden. Ohne Licht und Wasser, aber mit dem Recht auf einen winzigen Fleck Erde: Mit solchen " Geschenken" gewannen Lokalpolitiker die Wahlen.

Dass die Menschen, die dort draußen hausen, rund ein Drittel ihres schmalen Einkommens für den Bus zur Arbeit in der Hauptstadt ausgeben müssen, regt niemanden auf. Hauptsache, das Volk bleibt auf Distanz.

Brasilia - das ist ein Monument der vergangenen Zukunft Aber die Metro! Schon dreimal ist sie mit Scherenschnitten und Bronzeschildern eingeweiht worden, eine ganze Amtszeit lag sie wegen leerer Kassen tief unter der Erde begraben - und sie fährt immer noch nicht, jedenfalls nicht bis in die Nähe der Macht, in das Regierungszentrum. Sie war ja auch niemals im Masterplan von Lücio Costa und Oscar Niemeyer vorgesehen. Die gingen davon aus, dass sich der Homo brasiliensis auf vier eigenen Rädern fortbewegt.

Brasilia und seine Trabantenstädte sind ein getreues Abbild der brasilianischen Gesellschart von wenigen Privilegierten und der Masse der Ausgeschlossenen. " Urbane Apartheid" nennen das die Soziologen. Heute, 42 Jahre nach ihrer Errichtung bekommt die "Stadt des Dritten Jahrtausend" langsam Runzeln. In der Regenzeit tropft es von den Decken, Beton brökelt ab, Risse tun sich auf. Nach jedem Gewitter stehen die Pisten unter Wasser. Mit Brasflia ist kein Staat mehr zu machen, es ist ein Monument der vergangenen Zukunft: So wie Brasilia sollten einmal alle Städte gebaut werden, modern, fortschrittlich, gerade, funktioneil und ohne Parkplatzsorgen - grenzenlos.

Die Unesco hat Brasilia unter Denkmalschutz gestellt: die Stadt aus der Retorte.