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Der späte Sieg der Besiegten

Die Engländer versuchten, die Völker ihrer Kolonien mit diesem Spiel zu disziplinieren. Und die Völker waren begeistert. Sie machten es zu ihrem Nationalsport, schufen neue Regeln und lieben es bis heute: Cricket.




Woran erkennt man erfolgreiche Menschen? Bei uns am Privatjet, bei den Trobiaandern am Yams. Nach jeder Ernte stellten die mächtigsten Männer dieser melanesischen Inselgruppe, die Big Men, ihre prächtigsten Yamswurzeln in den Gärten der Siedlungen aus. In den zwei Monaten bis zur neuen Pflanzperiode konkurrieren sie um Prestige und Macht und richteten neben Yams-Wettbewerben Tanzfeste und Rituale aus. Und Cricketspiele.

1903 hatte ein englischer Missionar die britischste aller Sportarten auf den Inseln eingeführt. Cricket sollte die Wilden zivilisieren und gewaltsame Energien, die sich in regelmäßigen Stammeskriegen entluden, in friedliche Bahnen lenken. Der Sport verkörperte die Werte der viktorianischen Oberschicht: Ausdauer, Männlichkeit, Fairplay und Teamgeist. Die rigide einzuhaltenden Spielregeln sollten Körper und Geist disziplinieren. Ihre kontrollierte Gefühls- und Körperwelt exportierten die Engländer ins ganze Empire, von der Karibik bis zum indischen Subkontinent.

Lord Harris, Ende des 19. Jahrhunderts Governor von Bombay, war einer von denen, die meinten, Cricket würde das Empire zusammenhalten und die verweichlichten, faulen Inder zu disziplinierten britischen Untertanen machen. Die vielen indischen Prinzen waren begeistert. Genussvoll spielten sie mit den Symbolen des Lebensstils der britischen Upperclass: Sie integrierten Cricket, Polo und Golf in der Hochperiode des Raj, zwischen 1870 und 1930, in ihr traditionelles aristokratisches Repertoire. Sie engagierten junge Talente, heuerten englische und australische Trainer an und bildeten die ersten einheimischen Teams.

Doch erst ab den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gewann Cricket, dank staatlicher Medien und privatwirtschaftlichem Sponsoring, an Wichtigkeit. Tausende von kleinen Radiostationen übertrugen die Spiele im ganzen Land, in Hindi, Tamil und Bengali und einer Vielzahl anderer indischer Sprachen. Radiokommentatoren und Sportmagazine übersetzten englische Fachausdrücke, erklärten anschaulich die komplizierten Spielregeln und bildeten die gesamte männliche indische Bevölkerung, soweit sie nicht selbst Cricket spielte, zu kompetenten Kommentatoren und Zuschauern aus. In den sechziger Jahren katapultierte das sich ausbreitende Femsehen die einheimischen Cricket-Größen dann endgültig auf den glitzernden indischen Star-Olymp. Hier tummeln sie sich seitdem neben Bollywood-Schauspielern.

Die finanzielle Förderung der Teams hatten große indische Unternehmen übernommen. Die Bank of India zum Beispiel heuerte in ihren Filialen im ganzen Land talentierte Männer quer durch alle Schichten und Kasten an. Die Firmen stellten die Spieler ein, ermöglichten ihnen intensive Trainingsperioden und - extrem wichtig - sicherten ihnen einen Arbeitsplatz nach Beendigung ihrer Sportlerkarriere. Für junge Männer aus benachteiligten Gesellschaftsschichten und abgelegenen Landesteilen wurde Cricket zu einem viel versprechenden Karrirestart. Es war die Zeit Gandhis und des Indian National Congress. Cricket, "indisches Talent" und "indischer Teamgeist" wurden zum Ausdruck eines leidenschaftlichen indischen Nationalismus - bis heute. Mag die nationale Einheit und Größe in der politischen Arena umstritten sein, auf dem Spielfeld wird sie gelebt.

1971 erhielt der Cricket-Narionalismus einen besonderen Schub. Bei den Test Matches besiegte das indische Team nicht nur die ehemalige Kolonialmacht, sondern auch die Mannschaft der British Virgin Islands, die den Sport zum damaligen Zeitpunkt dominierte. 1983, nach einem weiteren Sieg über ein starkes Insel-Team harte sich Indien endgültig als Cricket-Weltmacht etabliert. Deren Konkurrenten hießen jetzt nicht mehr Großbritannien und Australien, sondern Pakistan und die West Indies.

Doch das postkoloniale Cricket ist nicht mehr der puritanische Gentlemen's Sport. Mit nationalem Elan aufgeladen und kommerzialisiert, ist Cricket ein aggressiver, spektakulärer Sport geworden: Die Zuschauer hecheln nach Siegen, die Manager nach Geld. Typisch für das neue Ethos sind die vom Australier Kerry Packer erfundenen "World Cricket Series". Die normalweise mehrere Tage dauernden Spiele werden bei diesem globalen Wettbewerb auf einen einzigen Tag komprimiert, Risikobereitschaft und Aggressivität dementsprechend medienwirksam gefördert.

Auch beim Austral-Asia Cup, ausgetragen vom kleinen Golfemirat Sharjah, zeigt Cricket sein zeitgenössisches Gesicht. Bei Begegnungen zwischen Pakistan und Indien sind die Spiele ebenso blutrünstig wie die Preisgelder und die Werbeeinnahmen bombastisch. Die Begegnungen zwischen den Teams sind nur schwach verhüllte Kriege. Millionen von Zuschauern sitzen vor ihren heimischen TV-Geräten in Indien und Pakistan. Im Stadion selbst treffen tausende von indischen und pakistanischen Migranten aufeinander, die in Sharjah arbeiten. Auf den Tribünen sitzen eigens aus dem Subkontinent eingeflogene Filmstars: eine brisante Mischung aus Spitzensportlern, verfeindeten Proletariern, Sportmanagern, Kamerateams und Showbusiness- Größen.

Schon die Trobriander veränderten Cricket mehr, als dass es sie veränderte. Zu den zweitägigen Wettbewerben trugen sie ihre traditionelle Kriegsbemalung. Sie vergrößerten beliebig die Teams, sodass alle am Spielfeld erscheinenden Männer teilnehmen konnten, manchmal bis zu 50 auf jeder Seite. Statt den Ball zu werfen, schleuderten sie ihn wie einen Speer, tanzten zwischen den Spielrunden zu den Klängen britischer Marschmusik und verkleideten ihr Team-Maskottchen als Touristen. Vor allem aber erwiesen sie der gastgebenden Mannschaft alle Ehre: Von vornherein stand die nämlich als Sieger fest.

Quellen: Arjun Appadurai, 1996, Modernity at Large. University of Minnesota Press. Mineapolis, London Trobriand Cricket: An Indigenous Response to Colonialism, Jerry Leach, Gary Kildea, 1975 (53 Minuten)