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Blasen-Forschung

Professor Quinn Mills von der Havard Business School hat mit seinem Team untersucht, wie Hypes auf Finanzmärkten entstehen. Er will herausfinden, wie man übermäßige Börseneuphorie künftig dämpfen kann.




brand eins: Herr Professor Mills, Sie haben mit einem deutsch-amerikanischen Forschungsteam die Ursachen für das Desaster an den Technologiebörsen untersucht und auch seine Folgen. Wäre all das zu verhindern gewesen?

Mills: Besonders dramatisch ist natürlich, dass so viele Privatanleger ihr Geld verloren haben. Und ihr Vertrauen dazu. Das trifft im Besonderen auf den deutschen Anleger zu. Damit ist die Börsenkultur in Ihrem Land schwer beschädigt, weit mehr als bei uns. In den Vereinigten Staaten haben die Menschen ihr Geld schon immer in Aktien angelegt. Viel dramatischer als in Deutschland ist hier zu Lande, dass viele Privatanleger ihre Altersversorgung verspekuliert haben. Das hat nicht nur individuell dramatische Auswirkungen, es hat auch unangenehme Auswirkungen auf die Volkswirtschaft - wenn diese Menschen im Alter zu Sozialfällen werden, weil sie zu schwach sind, um weiterzuarbeiten. Schon deshalb müssen wir schauen, wie so etwas künftig zu verhindern ist.

brand eins: Leicht gesagt.

Mills: Kleine Veränderungen haben manchmal große Wirkungen. In den USA werden Privatanleger nicht über die Risiken einer Investition in Aktien aufgeklärt. In Deutschland sind die Banken dazu verpflichtet.

brand eins: Genützt hat es nichts.

Mills: Weil sich niemand dem Hype entziehen konnte, den die Internet-Blase ausgelöst hat. Also müssen wir dafür sorgen, dass es künftig nicht mehr zu solchen Übertreibungen kommt. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass der Hype entgegen landläufigen Annahmen nicht etwa von den Privatanlegern ausgelöst wurde, sondern von den professionellen Investoren. Wir haben das in unserer Studie sehr klar nachgewiesen: Die Venture Capitalists (VCs) und die Investment-Banker haben ihre Anforderungen an die Unternehmen, in die sie investierten beziehungsweise die sie an die Börse brachten, systematisch heruntergeschraubt.

Die Unternehmen waren nicht IPO-reif. Im Schnitt waren sie auf der Höhe des Booms nicht älter als 2,2 Jahre beim Börsengang. 1995 lag das durchschnittliche Alter bei acht Jahren. Daran sieht man: Nicht nur die Anforderungen an die Unternehmen sind gesunken, auch die Anforderungen, die die VCs an sich selbst gestellt haben. Früher war es eine klare und selbst gestellte Aufgabe der VCs, das Management zu coachen, ihre Netzwerke für Unternehmen bereitzustellen und dabei zu helfen, tragfähige Unternehmensstrukturen aufzubauen. All dies ist in kurzer Zeit nicht möglich. Und damit fehlt schon in dieser frühen Phase ein wichtiger Mehrwert im Leistungsprozess.

brand eins: Die Unternehmer tragen keine Schuld?

Mills: Natürlich waren welche darunter, besonders während des Hypes, die das schnelle Geld machen wollten. Aber die meisten unterschieden sich nicht so sehr von den Gründern, die wir vor dem Boom gesehen haben. Okay, einige waren vielleicht jünger. Aber die meisten wollten, was Unternehmen eben immer schon wollten: eine gute, solide Firma mit guten Produkten. Und selbstverständlich eine, die Arbeitsplätze schafft und Geld verdient. Eine, die sie nach ihren Vorstellungen führen konnten: weniger Hierarchie, mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen. Aber, auch das belegt unsere Studie: Es hat nicht an den anderen Vorstellungen von Zusammenarbeit in den Neuen Wirtschaft gelegen, dass viele dieser Unternehmen gescheitert sind. Ihr Scheitern lag vielfach an der Finanzszene.

brand eins: Sehen Sie eine Möglichkeit, so etwas zukünftig zu verhindern?

Mills: Da gäbe es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Lassen Sie mich ein paar für die IPOs nennen. Denkbar wäre beispielsweise eine Regelung, nach der VCs und andere Großinvestoren ihre Anteile beim Börsengang nur nach einem vorher festgelegten Zeitplan in Tranchen verkaufen dürfen. Also die ersten Anteile erst nach einem halben Jahr, das zweite Paket drei Monate später und den Rest dann ein Jahr nach dem IPO. Insider sollten in den ersten zwei Jahren nach dem IPO ihre Anteile ebenfalls nur nach einem festgelegten Plan verkaufen dürfen. Zusätzlich sollten Institutionen, die eine Emission am Markt platzieren, bescheinigen, dass das Unternehmen ein funktionierendes Geschäft betreibt. Im Besonderen im Hinblick auf die Gewinne -gerade, wenn die Firma bislang noch keine schwarzen Zahlen geschrieben hat. Zusätzlich sollten diese Institutionen auch einen Zielkorridor für bestimmte betriebswirtschaftliche Kennzahlen angeben. Wenn das Unternehmen die Ziele nicht erreicht, sollte es die Möglichkeit geben, denjenigen, der es an die Börse gebracht hat, zu verklagen.

brand eins: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass so etwas durchsetzbar wäre.

Mills: Es wird neue Blasen geben. Mit diesen Reformen könnte man aber zumindest das Ausmaß der Schäden begrenzen, die sie anrichten. Aber natürlich weiß ich, dass viele aus der Finanz-Szene gegen solche Reformen Sturm laufen werden. Ihr Argument ist bekannt: Eingriffe ins Regularium, etwa für die emittierenden Banken, würden die Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung über Eigenkapital zerstören. Meine Antwort darauf ist: Es gibt für diese These keinen Beweis. Sicher dagegen ist, dass es weit schwieriger sein wird, IPOs erfolgreich zu platzieren, wenn der Interessenkonflikt zwischen den Privatanlegern und der Finanzwelt nicht gelöst wird. Wenn das nicht gelingt, werden die Privatanleger ihr Geld lieber anders investieren.

brand eins: Aber vielleicht haben die Marktteilnehmer auch aus dem Crash gelernt - ohne Regularien. Manche Experten halten einen Schock für heilsam.

Mills: Es gibt im Moment eine Menge Diskussionen darüber, ob die großen Blasen nicht ein gesunder Bestandteil freier Märkte sind. Diejenigen, die das glauben, sind natürlich gegen jede Regulierung. Auch weil sie glauben, Regulierungen hemmen den Fortschritt und Innovationen.

Ich bin da ganz anderer Meinung. Eine schwere Krise wie die, die wir im Moment haben, wirft uns alle unnötig weit zurück. Nicht nur die Aktienkultur und die Anleger finanziell, sondern auch die Unternehmen. Von den verlorenen Arbeitsplätzen ganz zu schweigen.

Übertreibungen wie die, die wir gesehen haben, sind nichts Gutes. Ich kann nicht feststellen, dass ein solches Desaster Fortschritt bringt. Man braucht Zeit, um eine solide Firma zu formen, man kann sie nicht einfach gründen und neun Monate später an die Börse bringen, wie es während des Börsen-Booms geschah. Wenn man es doch macht, schädigt man eine Menge anderer Unternehmen, die, wenn sie denn mehr Zeit gehabt hätten und auch eine vernünftige Finanzierung, sicherlich zu stabilen Firmen gewachsen wären. Leider kann man daran nun nichts mehr ändern, wir werden es einfach durchstehen müssen. Meines Erachtens würde es allerdings auch sehr helfen, wenn sich die Regierungen mehr als bisher um die momentan prekäre Lage der Wirtschaft kümmern würden.

brand eins: Kann die Regierung tatsächlich so viel ausrichten?

Mills: Unter normalen Umständen hätte die Politik längst ein effektives Care-Paket für die Wirtschaft geschnürt. Hätte sie ernsthaft daran gearbeitet, auch nach dem 11. September, dann hätten wir möglicherweise keine Krise. Das wäre das richtige Signal gewesen. Wirtschaft ist ja auch viel Psychologie.

Und wir könnten uns das leisten: Wir haben seit Jahren hohe Budget-Überschüsse erwirtschaftet, unsere Schulden sind drastisch zurückgegangen. Wir haben die Kapazität dafür. Es wäre im Übrigen nicht nur für Amerika gut, sondern auch für Europa.

brand eins: Wenn die Regierung nichts tut, was können die Unternehmen tun, um der Krise zu begegnen?

Mills: Der Wettbewerb ist sehr stark. Der Absatz wird stagnieren oder sogar fallen, zumindest in den traditionellen Märkten, das Wachstum wird weit geringer ausfallen. Die meisten Unternehmen tun da im Moment schon das Richtige: Sie werden schlanker und damit auch effizienter. Die Zeit der kostspieligen Firmenpartys und der schicken Designermöbel in den viel zu großen Büros ist vorbei. Back to the roots heißt in vielen Fällen auch, wieder zu einem kostenbewussten Unternehmen zu werden.

brand eins: Und wo bleiben die Ideen?

Mills: Natürlich müssen sich die Unternehmen vor allem Gedanken darüber machen, wo das Wachstum herkommen soll. Darauf gibt es nur eine Antwort: neue Produkte, neue Dienstleistungen. Das Problem dabei: Große Firmen sind nicht besonders begabt darin, echte Neuerungen einzuführen. Ihre Begabung liegt in der Verbesserung oder der Ergänzung von schon bestehenden Produkten. Was sie lernen müssen, ist die Kunst, Wachstumsbereiche auszugliedern. Und sie müssen sich trauen, sie von anderen Leuten als den typischen Konzernmitarbeitern managen zu lassen. Um die Spin-Offs dann wieder zurückzukaufen, wenn sie erfolgreich sind. Außerdem gibt es noch eine ganze Menge anderer Dinge, von denen wir wissen, wie sie funktionieren - nur gehören sie nicht zum allgemeinen Methoden-Set der Unternehmen.

brand eins: Was können die kleinen Unternehmen, im Besonderen die Hightech-Firmen tun, um die Krise zu überstehen?

Mills: Das ist ein echtes Problem. Denn im Moment investiert so gut wie niemand mehr in Hightech. Hier könnte zum Beispiel die Politik helfen. Etwa mit Steuerbegünstigungen für Investitionen in kleinere und mittlere Hightech-Unternehmen.

brand eins: Bis das durch die politischen Instanzen ist, sind diese Firmen pleite.

Mills: Es ist tragisch, dass ausgerechnet viele von den Unternehmen, die uns etwa in technologischer Hinsicht voran gebracht und die Arbeitsplätze kreiert haben, nun Waisen des Booms sind. Und viele werden diese Zeit nicht überleben. Einstweilen bleibt mir nur, Firmen folgendes zu raten: Lassen Sie sich nicht hetzen, egal von wem. Die Zeit, dem Beispiel Amazon nachzueifern, ist nun endgültig vorbei. Einzige Ausnahme: Sie erkennen, dass ein neuer Zyklus beginnt und verkaufen Ihre Unternehmensanteile schnell. Dann sind Sie reich. Aber kein Unternehmer.

brand eins: Wie lange wird die Wirtschaft noch leiden müssen?

Mills: Ein halbes Jahr wird es bestimmt noch dauern, bis Investoren wieder Geld in Venture Fonds, Start-ups und kleinere Unternehmen stecken werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Zyklen immer kürzer werden. Genau genommen leben wir in einer Zeit der Finanzzyklen. Echte volkswirtschaftliche Zyklen, wie wir sie noch aus den ersten 80 Jahren des vergangenen Jahrhunderts kannten, erleben wir derzeit nicht mehr. Damals hat es natürlich auch dramatische Wirtschaftskrisen mit hoher Arbeitslosigkeit gegeben, aber sie lagen viel weiter auseinander.

Die Finanzzyklen verursachen, wenn man nicht versucht, sie zu regulieren, alle zwei Jahre eine Wirtschaftskrise. Denken Sie an Mexiko 1995, Südostasien 1997, 1999 das Jahr-2000-Problem, 2001 die Dot.com-Blase. Die letzte Krise ist dadurch entstanden, dass Risikokapitalgeber und Investment-Banker versucht haben, die Wirtschaft an den Wahnsinn der Finanzmärkte anzupassen.

brand eins: Und Sie glauben, das lässt sich in Zukunft verhindern?

Mills: Man könnte jedenfalls versuchen, schädliche Übertreibungen zu unterbinden. Etwa indem andere Mindestvoraussetzungen für einen Börsengang etabliert werden: Wenn etwa nur noch Unternehmen an die Börse dürften, die mindestens drei profitable Quartale in Folge vorweisen können. Das ist übrigens nicht neu. Es ist eine alte Faustregel der Investment-Banker. Sie haben sie nur vergessen.

brand eins: Damit versperren Sie aber manchen Unternehmen, die Kapital für ihre Technologien brauchen, den einzigen Weg, sich zu finanzieren. Von den Banken bekommen solche Firmen jedenfalls kaum ausreichend Kapital.

Mills: Na und? Dann brauchen sie eben länger. Es ist ja nicht so, als ob der Börsengang der einzige Weg wäre, sich zu finanzieren. Dafür gibt es wohlhabende Privatinvestoren und eben VCs. Am Ende gäbe es jedenfalls werthaltige Unternehmen mit marktfähigen Produkten und echten Erträgen. Nur so kann das Vertrauen in die Märkte zurückgewonnen werden. Nur so bekommen die Unternehmen, was ihnen zusteht. Und nicht zuletzt auch die Anleger. Wenn wir uns nicht trauen, das Große und Ganze zu schützen, wird es uns im Kleinen erst recht nicht gelingen.