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Bahn frei!

Fahren Sie mit dem Auto zur Arbeit? Allein? Ohne schlechtes Gewissen? Wenn Sie keines haben, kontern Sie vermutlich Fragen dieser Art mit wohl vorbereiteten Argumenten: Die Nahverkehrsverbindungen sind zu kompliziert. Ich komme abends immer erst spät aus dem Büro. Ich muss morgens immer noch die Kinder zum Kindergarten bringen. Oder Wäsche zur Reinigung. Oder schwere Getränkekisten nach Hause.




Die grundsätzliche Verteidigungsbereitschaft der Autofahrer ist der größte Erfolg der deutschen Mobilitätspolitik. Jahrzehntelang haben Verkehrspolitiker aller Parteien versucht, mit immer neuen Studien, mit Untergangsszenarien und Steuererhöhungen den Individual- zugunsten des Massenverkehrs zurückzudrängen. Genutzt hat es nichts. Und langsam muss die Frage erlaubt sein, ob ein Konzept richtig sein kann, dem kaum jemand folgt.

Wolf Lotter stieß auf der Suche nach Antworten auf einen Geburtsfehler: Die deutsche Verkehrspolitik ging selten davon aus, was der Burger will; viel mehr wollte sie ihn zu politisch korrektem Verhalten zwingen (S. 54). Was aber will der Burger?

Unterstellen wir mal, dass Hollywood das weiß: Dann will der Bürger vor allem weg. Das belegen die Road Movies, die auch noch andere Einsichten bieten (S. 88). Dafür sprechen die Touristenschwärme, die sich von Deutschland aus über die Welt verteilen (S. 62). Das lehrt uns aber auch die eigene Geschichte: Nach der Wiedervereinigung sehnten sich die Ostdeutschen, mehr noch als nach der deutschen Mark, nach Bewegungsraum. Was den Westdeutschen selbstverständlich schien, wurde zu einem neuen Begriff von Freiheit: fahren, wohin man will.

Fahren, womit man will - das könnte eine weitere Freiheitsstufe sein. Und der Beginn einer ganz neuen Mobilitätspolitik. Statt Fortbewegungsmittel in gut und schlecht einzuteilen, könnte es lohnen, sie sinnvoll und mit neuer Technik zu verbinden. Konzepte dafür gibt es schon, allerdings weniger in den Denkstuben der Verkehrspolitiker als in den Schubladen der Automobilindustrie. Ein erster, wenn auch kleiner Feldversuch ist bereits zu betrachten: Die Smart-Strategen bemühen sich noch immer, mehr anzubieten als ein Auto - mit unterschiedlichem Erfolg (S. 84). Auch die Deutsche Bahn denkt weiter, als ihre Kunden glauben: Zwar verabschiedet sie sich - zu deren Arger - vom Anspruch, jede Milchkanne zu erreichen. Doch das wäre kein Problem, wäre die Bahn Baustein in einem zukunftsfähigen Mobilitätskonzept (S. 74).

Alle Versuche, dem Deutschen sein Auto madig zu machen, sind gescheitert - gottlob: Immerhin ist die deutsche Automobilindustrie noch immer einer der Wachstumsmotoren. Ein richtiges Beschäftigungsprogramm aber könnte es sein, ihm sein Auto zu lassen. Und ihm daneben jene Mobilität zu bieten, die er ganz offensichtlich will.