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Aufgelesen

Die neuen Buchprogramme der Verlage sind weitgehend von Visionen gesäubert. Der Mainstream marschiert wieder. Wären da nicht der Cluetrain-Manifest-Rebell Christopher Locke, der uns die reizende Idee des Gonzo Marketings näher bringt und kluge Geschichten von George Saunders.




Nichts ist unmöglich. Nachdem die Pioniere der Neuen Ökonomie erst das Laufen und dann das Schweben gelernt hatten, legten die nadelgestreiften Altvorderen in den Finanztempeln die Stirn in tiefe Falten: Husch, husch, zurück ins Körbchen mit dem vielen Neuen! Bevor die Verrückten noch etwas anstellen und die Gemäuer einstürzen.

Der Rest ist Geschichte. Die Verrückten sind abgestürzt und dürfen jetzt unter Aufsicht ehrwürdiger Professoren wieder herkömmliche Business-Pläne schreiben.

In Managementkursen werden wieder Masse und Macht gelehrt. Nach A kommt B, Ordnung vor Wildwuchs, Marketing vor Idealen. Stellt sich die Frage: War denn wirklich alles nur ein kurzer Ausrutscher in der kurzen Saison der Anarchie?

Die wilden Jahre sind vorbei -jetzt regiert wieder der Altersstarrsinn Man könnte es fast glauben, wenn man in die Buchprogramme des Frühjahrs blickt. Da ist wenig zu sehen von wilden Management- und Business-Ideen, dafür darf Altersstarrsinn regieren. Ganz nach dem Motto: Hinter jeder erfolgreichen Idee steht ein Grundlagenwerk. Doch keine Sorge: Bald schon werden sie wieder da sein: die Gedankenreisen der furchtlosen Abweichler, bedingungslosen Querdenker, exzentrischen Frevler, spontanen Ekstatiker und stolzen Erkenntnisapostel. Und die biederen Ordnungshüter werden wieder ins dröge Fachbuch oder auf das Rednerpult verbannt.

1 Vertreiben wir uns die Zeit zwischenzeitlich mit ein paar Spitzbuben. Christopher Locke wurde hier zu Lande als einer der Autoren des Cluetrain-Manifests bekannt. Im Mai 1996 hatte er überdies im Internet ein kleines Webzine mit eMail-Liste gegründet. Der Titel: Entropy Gradient Reversal, kurz EGR. Das Rezept: Leser, mögliche Sponsoren und Kunden werden hemmungslos durch den Kakao gezogen, bis hin zur Verleumdung. Locke nennt sich im Netz Rageboy. "Er vereinigt alle meine schlechtesten Eigenschaften und Charaktermängel in so etwas wie einer separaten Persönlichkeit, die sich frei im Internet bewegen darf und mittlerweile ein beunruhigendes Maß an Autonomie erlangt hat. Er ist mein Amok laufendes Sciencefiction- Monster", sagt er. Mit seiner Masche zieht Locke mittlerweile mehr als 5000 regelmäßige Leser in den Bann.

Jetzt hat er sein Treiben mit dem Begriff "Gonzo Marketing" auf den Punkt gebracht. Darin fordert er die Abkehr vom herkömmlichen Massenmarketing und Big Business. Mit Gonzo entstehen gefühlsechte " Beziehungen zu den neu entstehenden Online- Gemeinschaften". Man ist mittendrin, engagiert, mit Leidenschaft dabei und nicht nur Beobachter oder Abzocker mit Blick auf den eigenen Vorteil und Profit.

Darin sieht Christopher Locke eine Chance für Unternehmen. Sie sollen sich voll einbringen in die neuen Mikromärkte im Internet. Sie sollen dort lernen, die Bedürfnisse ernst zu nehmen und den Kunden mitgestalten und mitregieren zu lassen. Im Internet, so Locke, sei es erstmals möglich, was im Industriezeitalter vollkommen unmöglich war: Menschen beginnen sich über Dinge auszutauschen, die ihnen wirklich am Herzen liegen. In kleinen Communities, kleinen Zirkeln und kleinen Produktliebhaber-Gemeinschaften. Small is beautiful!

Schwachsinn, grunzen die Massenmarketing-Statthalter. Das koloniale Erfolgsrezept hat sich bewährt. Über Massenmedien ballern wir so lange Schrot ins Massenpublikum, bis eine höchstmögliche Anzahl von "Kunden" getroffen ist.

Locke umschreibt dies eleganter mit: " Broadcast-Verfahren auf abstrakte Kundensegmente". Die Macht des Massenmarketings scheint indes immer noch unbegrenzt zu sein. Über AOL Time Warner, Walt Disney in den USA und über Kirch, Bertelsmann und Burda hierzu Lande werden Kontaminierungsflächen geschaffen, an denen jeder kleben bleibt. "Diese Art, die Welt in eine Form zu pressen, kollidiert frontal mit dem Internet. Das Internet gibt jedem eine Stimme. Und vox populi - die Stimme des Volkes - ist weit vitaler als die sterilen Verlautbarungen der Unternehmen und Medienkonzerne." Von einsamen Angestellten, die von Befreiung tagträumen 2 In der amerikanischen Literatur gibt es Neues gegen den Mainstream. Ein absoluter Geheimtipp ist der New Yorker George Saunders, dessen Erzählband " Pastoralia" gerade wunderbar von Frank Heibert ins Deutsche übertragen wurde. Saunders begibt sich mittelstürmergleich dorthin, wo es weh tut. Gerempelt, gestoßen, getreten, gefoult, gezwickt, bespuckt und angekratzt liegen seine Opfer im Strafraum der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und sehnen sich danach, wie Phönix aus der Asche zu steigen. Bizarre und groteske Erzählungen führen den Leser an den Rand einer gleichgeschalteten Dinosaurier-Ökonomie. Die Großkopferten versperren den Blick auf die Kleinen, argwöhnt Saunders und zerrt die Kleinen ans Licht. Meisterhaft etwa dargestellt in der Eingangserzählung, wo zwei Laienschauspieler als Steinzeithöhlenmenschen in einem Erlebnispark herumturnen.

In seinen kleinen Erzählsträngen verheddern sich Männer, die an den Rockzipfeln ihrer Mütter hängen und von Befreiung tagträumen, ebenso wie einsame Angestellte, die von windigen Seminartrainern auf Veränderungspfade genötigt werden. Danke, Mr. Saunders, wir haben verstanden. Nehmt endlich die Schwachen ernst. Lasst Träume wahr werden. Denn "die Wahrheit ist das, wodurch geschieht, was wir geschehen lassen wollen" .

1 Christopher Locke: Gonzo Marketing - Nur die Verrückten überleben. Financial Times Prentice Hall, München, 2002; 300 Seiten; 19,95 Euro 2 George Saunders: Pastoralien. Berlin Verlag, Berlin, 2002; 208 Seiten; 18 Euro