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... Armut?

Selig sind die geistig Armen – wenn sie über Armut diskutieren dürfen. Das gute alte "Mehr Geld für alle!" ist bis heute ihre liebste Problemlösung, die auf einer dünnen materialistischen Begriffsdefinition beruht. Doch Armut ist nicht nur eine Frage des Einkommens.




Armut ist nicht nur eine Frage des Einkommens. Bono Vox, Sänger der irischen Rockgruppe U2 und einer der populärsten Verfechter der Entschuldung der Dritten Welt, brachte auf dem Weltwirtschaftsforum im Februar in New York eine Allerweltsweisheit auf den Punkt: "Wenn man aus dem Schlamassel raus- und vom Topf der Entwicklungshilfe wegkommen will, braucht man gute Gesundheit." Er hätte genauso sagen können: Bildung, Kultur, politische Stabilität, eine gewisse Intelligenz. Oder um es noch kürzer zu machen: bessere Lebensumstände. Denn Armut, das ist heute in den Sozialwissenschaften Konsens, ist Ergebnis eines komplexen Wechselspiels unterschiedlicher Faktoren. Das macht die genaue Definition dieses Zustandes nicht einfach.

Unumstritten ist nur die absolute Armut: Wer kein Heim hat und nicht genug zu essen, um zu überleben, ist auf jeden Fall arm. Pro Jahr verhungern weltweit neun Millionen Menschen, also etwa einer alle 3,6 Sekunden. Das ist ziemlich weit entfernt vom Ideal der Armut, das im Mittelalter das Christentum, aber auch alle anderen Religionen kannten. Die Mittellosigkeit galt damals als geistiger Wert, sie war ein Schlüssel ins Reich Gottes, das von seinen Bewohnern Demut (paupertas) und Entsagung (humilitas) forderte. Doch die fortschreitende Verelendung auf dem Weg in die Neuzeit führte zu einer Neubewertung. Bald galt Armut als Makel, der Barmherzigkeit verlangte, aber auch mit Armengesetzen bekämpft wurde, die Mittellose zur Arbeit zwangen. Die Politik befindet sich bekanntlich noch heute auf diesem prämodernen Stand, doch in der Wissenschaft gab es seither Fortschritte.

Die Sprach- und Altertumsforscher Jacob Ludwig Carl und Wilhelm Carl Grimm, bekannt geworden durch ihre Märchensammlungen, führten das Wort "arm" im 19. Jahrhundert auf das lateinische "miser = unglücklich, elend" zurück. Dieser subjektive Unterton hat sich bis heute erhalten, auch wenn die Sozialwissenschaften lange um eine Objektivierung des Begriffes rangen. So entwickelte etwa der Niederländer Theo Goedhart 1977 ein hoch kompliziertes statistisches Modell der Armutsbestimmung, das durch eine Integration der in repräsentativen Umfragen ermittelten subjektiven Vorstellungen von lebensnotwendigem Einkommen weiche Faktoren integrieren sollte. Das Modell scheiterte, wenn auch auf hohem Niveau, an seiner Beschränkung auf die Frage des Einkommens: Weshalb sich eine Person mit einer bestimmten Menge Geld besser fühlt als eine andere und damit weiter kommt, ließ sich so nicht beantworten.

Ein kleiner mathematischer Trick, und schon ist Armut ein unlösbares Problem Die vielfältigen Widersprüche und die komplexen Zusammenhänge der Armut verhindern vermeintlich objektive, wissenschaftliche Lösungen ebenso wie populistisch politische. Trotzdem wird die Armut noch heute oft als objektiver Wert betrachtet, ausgehend von Definitionen des ökonomischen Existenzminimums wie etwa der von Sidney und Beatrice Webb 1912: "Die Armutsgrenze ist das Mindestmaß des zum bloßen Lebensunterhalt nötigen Einkommens eines Arbeiters mit durchschnittlicher Kinderzahl unter den heutigen städtischen Verhältnissen." Mit wachsendem Wohlstand wich das ökonomische dem sozialen Existenzminimum, ansonsten änderte sich im Denken wenig. Eine unter Nostalgikern immer noch beliebte Theorie etwa legte die Armutsgrenze bei 50 Prozent des Durchschnittseinkommens fest. Das führt allerdings nicht nur dazu, dass Armut selbst bei unendlichem gesellschaftlichem Reichtum nie beendet werden kann, da es jenseits der idealen mathematischen Gleichheit immer eine untere Hälfte des Durchschnittseinkommens geben muss, sondern sorgt auch dafür, dass bei einem niedrigem Gesamteinkommen die Armut statistisch gesehen geringer ausfällt als in einer reichen Gesellschaft. Auf dieser Grundlage kann man die Armut beseitigen, indem man den Reichtum abschafft. Ein Spaß für Leute, über die der Kabarettist Wolfgang Neuss sagte: Kommunisten sind gegen Reichtum, Anarchisten sind gegen Armut.

Wesentlich weiter ist die UN. In ihrem jährlichen Human Development Report legt sie vier Bereiche der Armut fest: Analphabetentum, Lebensdauer, Mangel an materiellen Gütern und sozialer Ausschluss. Letzteres dient in den Industrieländern ausschließlich als Indikator. Entscheidend ist für die Armut nicht mehr das materielle Überleben, sondern das soziale Funktionieren. Die soziale Mindestausrüstung umfasst dabei alles, was eine soziale Integration verlangt. Haben also fast alle Leute ein Telefon, gehört das zum menschenwürdigen Minimum. Dasselbe würde gegebenenfalls auch für Handys gelten. Allerdings gibt es hier ein kulturelles Problem: In einer von Sozialneid und Statussymbolen beherrschten Gesellschaft wie zum Beispiel in Deutschland wird Armut, die sich nicht in Gütern zeigt, eben anders definiert, etwa durch Marken. Wer in der Schule keine Nike hat oder teure Tigerenten, ist draußen. Da hilft kein Sozialprogramm: Wer Hierarchien will, wird sie schaffen.

Eine Ahnung der kulturellen Dimension von Armut gibt David Landes in seinem Buch "Wohlstand und Armut der Nationen - Warum die Einen reich und die Anderen arm sind". Der amerikanische Wirtschaftshistoriker erklärt in seinem Überblick über die Geschichte der Welt, warum die westlichen Länder so erfolgreich sind. Dabei verbindet er geografische, geologische und biologische Gegebenheiten mit sozialen, politischen und kulturellen Eigenheiten. Seine Folgerung: Es kann Starthilfen geben, etwa eine günstige geografische Lage, doch letztlich entscheidet die Kultur einer Region. Ideal sind: Bildung für alle, ein Minimum an Gleichheit, Kritikmöglichkeiten, Dezentralisierung und ein grundsätzliches Fortschrittsdenken, das er im Christentum begründet sieht.

Wer den Hunger besiegen will, verteilt keine Fische, sondern lehrt das Angeln Wendet man diese These auf die persönliche Armut an, bekommt man nicht nur einen Eindruck von der Komplexität des Problems, sondern auch eine Ahnung von seiner Lösung: Bessere Bildung, bessere Gesundheitsversorgung, ein allgemeines Grundeinkommen, eine dezentralisierte Wirtschaftsförderung und eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins könnten Armut weitaus besser beheben als das als Sozialhilfe getarnte Sponsoring von Mittellosigkeit und Abhängigkeit. Obwohl auch dies ein guter christlicher Zustand ist, wie die "Vita Elegii" aus dem 14. Jahrhundert nahe legt, in der es zur Barmherzigkeit gegenüber den Armen verblüffend ehrlich heißt: "Gott hätte alle Menschen reich erschaffen können, aber er wollte, dass es auf dieser Welt Arme gibt, damit die Reichen Gelegenheit erhalten, sich von ihren Sünden freizukaufen." Literatur Walter Krämer: Armut in der Bundesrepublik - Zur Theorie und Praxis eines überforderten Begriffs. Campus, 2000; 21,50 Euro David Landes: Wohlstand und Armut der Nationen - Warum die Einen reich und die Anderen arm sind. Siedler, 1999; 34 Euro G. Drekonja-Kornat: Warum sind wir reich, warum sind die Anderen arm? In: Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2002