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Ansteckende Depressionen

Unsere europäischen Nachbarn und auch die USA haben das Schlimmste überwunden: Die Konjunkturflaute ist vorbei, die Patienten sind auf dem Weg der Besserung. Allein Deutschland steckt im Tal der Tränen. So etwas hat nicht nur mit Zahlen zu tun, weiß Andrew Solomon, Experte für Depressionen, auch aus persönlicher Erfahrung. Der Berater des amerikanischen Ex- Präsidenten Bill Clinton und Bestseller-Autor hat mit seinem Buch "Saturns Schatten" eine Anatomie der Depression vorgelegt. Im brand eins-Interview zeigt er verblüffende Analogien zwischen der Verfinsterung der Seele des Einzelnen und ganzer Volkswirtschaften.




Herr Solomon, was macht ein Wirtschaftssystem besonders anfällig für eine Wirtschaftsdepression?

Wenn die einzelnen Systeme innerhalb eines Landes nicht miteinander in Einklang stehen - das ist zum Beispiel das Problem in Russland: Nahrungsmittel werden angebaut, aber es gibt niemanden, der sie dann zu den Menschen bringt, die hungern. Stattdessen verrotten sie auf den Feldern. Ein Großteil wirtschaftlicher Depression hat seinen Grund in solcher Ineffizienz, die sich in einer Gesellschaft festsetzt. Entscheidend ist auch die Arbeitslosigkeit. Solange die Leute Arbeit haben, können sie eine ganze Menge aushalten. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung wie in Deutschland nicht daran beteiligt ist, die Wirtschaft in Schwung zu halten, führt das zur Depression.

Konkret - wie entsteht eine Wirtschaftsdepression?

Beim einzelnen Menschen ist eine klinische Depression das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen einer genetischen Veranlagung und äußeren Ereignissen. Depressionen sind höchst ansteckend, die Leute infizieren sich gegenseitig. Wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der es viele depressive Menschen gibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man selbst auch depressiv wird - einfach deshalb, weil man permanent der Depression ausgesetzt wird. Man zieht sich gegenseitig runter. Auch eine Wirtschaftsdepression entsteht, wenn die Wirtschart an sich nicht gesund ist und dann noch ein externer Faktor dazukommt, der letztlich der Auslöser ist. Man muss rechtzeitig erkennen, wann die Wirtschaft anfällig für Depressionen ist. Es ist sehr wichtig, dass die Regierung, Geschäftsleute, einfach jeder, frühzeitig wahrnimmt, wenn eine Wirtschaft kunstlich aufgeblasen wird. Ein Wirtschaftssystem sollte grundsätzlich nach dem Laissez-faire-Prinzip funktionieren, und der Markt sollte die Entwicklung der Wirtschaft diktieren. Aber wenn ein Wirtschaftssystem künstlich aufgeblasen wird, muss man Maßnahmen ergreifen, damit es nicht außer Kontrolle gerät -denn wenn es erst einmal außer Kontrolle ist, folgt der Zusammenbruch. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir ernste Wirtschaftsdepressionen relativ erfolgreich verhindert, und zwar teilweise, weil wir zu Regulierungsmaßnahmen gegriffen haben.

Wenn es aber trotz aller Maßnahmen zur Krise kommt - wie gehen die verschiedenen Gesellschaften damit um?

Sie unterscheiden sich vor allem durch einen unterschiedlich hohen Grad an Passivität. In Amerika ist die natürliche Reaktion auf eine Wirtschaftskrise, den Gürtel enger zu schnallen, härter und länger zu arbeiten und wenn es sein muss, auch zwei Jobs zu machen, um über die Runden zu kommen. Es gibt ein sehr starkes Gefühl der Eigenverantwortung und eine ausgeprägte Arbeitsmoral. Wenn es keine weltweite Depression ist, sondern die Situation auf das eigene Land beschränkt ist, weiten US-Firmen außerdem ihren Export aus, wenn der eigene Markt seine Funktion nicht länger ausreichend erfüllt. Auch britische Unternehmen verfolgen diese Strategie. Großbritannien bewegt sich wohl auch deshalb wirtschaftlich zurzeit im Mittelfeld.

Wie wirkt sich eine Wirtschaftsdepression auf die Psyche des Einzelnen aus?

Sie schlägt den Menschen ganz stark aufs Gemüt. Das Wissen, dass der eigene Wille ausreicht, um positive Veränderungen in seinem Umfeld zu erreichen, ist ein äußerst wirksames Antidepressivum. Wenn man hingegen das Gefühl hat, an seiner eigenen Situation nichts ändern zu können, fühlt man sich hilflos und gleitet leicht ab in die Depression. Während einer Wirtschaftsdepression finden viele qualifizierte, intelligente Menschen keine Arbeit, mit der sie sich ernähren können. Dieses Gefühl, dass man nicht für sich selbst sorgen kann, macht sie depressiv.

Was kann man in einer solchen Situation gegen das Gefühl der Hilflosigkeit tun?

Das Vertrackte ist: Der Einzelne ist in einer Wirtschaftsdepression tatsächlich hilflos. Man kann zwar an Schulungen teilnehmen und einen Job suchen. Aber je depressiver man selbst wird, desto schwieriger wird es, mit Ablehnung umzugehen - und die Suche nach einem besseren Arbeitsplatz kostet viel Kraft und Energie. Deswegen ist es gerade während einer Wirtschaftsdepression sehr wichtig, Depressionen beim Einzelnen zu therapieren. Dann können die Leute auch wieder hart arbeiten und Überstunden machen. Depressive Menschen sind andauernd erschöpft. Wenn man zu ihnen sagt: "Auf geht's, lasst uns dieses oder jenes Projekt in Angriff nehmen!", werden sie antworten: "Ich kann einfach nicht." Sobald sie jedoch ihre persönliche Depression überwunden haben, werden sie sich allen Herausforderungen stellen, die Dinge vorantreiben und sehr erfolgreich sein.

Was wäre denn das Gegenteil einer Wirtschaftsdepression?

Das Gegenteil einer Depression ist nicht Glück, sondern Vitalität. Übertragen auf die Wirtschaft, ist das Gegenteil einer Wirtschaftsdepression nicht ein statischer Wohlstand, sondern Wachstum. Solange es Wachstum gibt und die Leute reicher werden, so lange funktioniert das System. Auch wenn es sich letztlich um ein relativ armes Land handelt.

Es gibt heutzutage eine richtiggehende Depressions-Industrie.

Ja, es gibt einen riesigen Markt an Psychopharmaka und Therapien. Aber es kostet letztlich mehr, akute Probleme zu behandeln, statt Depressionen nicht zu therapieren. Wenn ich an mich selbst zurückdenke: Als ich depressiv war, konnte ich kaum schreiben, es war eine Qual, ich saß stundenlang einfach da. Wenn es mir gut geht, schreibe ich einen Artikel nach dem anderen. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO geht mehr produktive Lebenszeit durch Depressionen verloren als aus irgendeinem anderen Grund, außer durch Herzkrankheiten. Depressive Menschen nutzen nur ein Viertel ihrer Kapazitäten.

Und: Geld schützt nicht vor Depression. Allerdings macht das Fehlen von Geld das Leben sehr kompliziert, und auch diese Schwierigkeiten können zu Depressionen fuhren. Deswegen gibt es ein hohes Risiko der Armuts-Depression. Andererseits gibt es die Leute am anderen Ende der Skala, die sehr viel Geld haben, die große Unternehmen rühren. Meist sind sie sehr perfektionistisch und ehrgeizig. Sie werden oft ihrem eigenen Ehrgeiz und ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Daher kommt es auch hier zu einer sehr hohen Depressionsquote.

Hat das auch etwas mit Macht zu tun?

Manchmal haben Menschen zu viel Macht und können nicht damit umgehen. Sie können die Erwartungen nicht erfüllen, die man in sie setzt, sie bekommen Angst - und die kann in Depression umschlagen. Aber viel depressionsgefährdeter sind die Menschen, die keine Macht haben. Das wirksamste Anridepressiva, das es gibt, ist das Gefühl, das eigene Schicksal bestimmen zu können.

Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf die wirtschaftliche Stimmung?

Die einzelnen Wirtschaftssysteme sind nicht mehr so unabhängig. Heute geschieht alles mehr oder weniger in der gesamten Welt. Eine Rezession oder Depression in den USA wird sich auch in Westeuropa bemerkbar machen. Dies wiederum beeinflusst die Wirtschaft in Japan. Alle großen Wütschaftssysteme hängen irgendwie miteinander zusammen. Man weiß nicht mehr, wo man ansetzen soll. Dadurch ist es viel schwieriger geworden, mit einer Wirtschaftsdepression umzugehen.

Die einzelnen Länder sind dadurch, dass sie sich in einem neuen, globalen Wirtschaftssystem einen neuen Platz suchen müssen, verunsichert.

Ja, auf jeden Fall. In Amerika herrschte beispielsweise eine große Angst und Aufregung wegen des Zusammenbruchs der brasilianischen Wirtschaft. Vor 20 Jahren hätte man gesagt: "Tut uns leid für die Brasilianer, aber wir machen weiter wie immer." Heute betrifft der Zusammenbruch einer Nation auch alle anderen. Deshalb war es wichtig und richtig, dass alle versucht haben, die brasilianische Wirtschaft zu stützen. Es muss ein System geben, durch das solche Aktionen koordiniert werden. Allerdings sollte eine Weltbank nie die komplette Kontrolle darüber haben, was in jedem einzelnen Land passiert. Jedes Land muss noch autonom seine eigene Wirtschaftspolitik machen.

Sie scheinen mit der Depression Ihren Frieden gemacht zu haben, da die Krankheit Ihnen viel für Ihre persönliche Entwicklung gebracht hat.

Nun, niemand würde sich eine Depression wünschen. Aber solange ich einen Depressions-Schub hatte, habe ich immer versucht, einen Sinn darin zu finden. Ich habe Dinge entdeckt, über die ich froh bin. Ich bin anderen Menschen gegenüber mitfühlender geworden. Ich habe selbst sehr intensive Gefühle durchlebt, das hat meinen Erfahrungshorizont erweitert. Ich bin sensibler geworden und habe eine größere Einsicht in das Wesen des Menschen gewonnen.

Glauben Sie, dass auch eine Gesellschaft aus einer Wirtschaftsdepression lernen kann?

Das ist eine interessante Frage. Um es noch einmal zu betonen: Eine Wirtschaftsdepression ist nichts Gutes, keine Gesellschaft würde sich so etwas wünschen. Aber eine Depression kann Dinge wieder zurechtrücken. Nehmen Sie als Beispiel, was an der Börse mit den Internet-Aktien passierte. Noch während des Booms, hielt ich für falsch, was da geschah. Ich meine nicht für moralisch falsch, es ergab einfach nur wirtschaftlich keinen Sinn. Alles war außer Kontrolle. Wirtschaftsdepressionen können so etwas korrigieren. Es ist wie bei einer wirklichen Depression: Wenn man mittendrin ist, ist es sehr unangenehm. Aber wenn man darüber hinweg ist, werden die Leute ihr Geld etwas vernünftiger ausgeben und anlegen. Nach einer Wirtschaftsdepression ist das Wirtschaften robuster und gesünder.