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Anstand und Augenhöhe

Wofür kämpft der DGB? Für Gerechtigkeit oder das Recht auf mehr in eigener Sache?




Wir leben in turbulenten Zeiten, und Manches, was der Wandel mit sich bringt, mag uns verwirren. Nicht immer zu unrecht. Denn da stellt sich zuweilen heraus, dass das eine oder andere am Wandel gar keiner ist. Sondern schlicht ein billiger Trick.

Nur mal zum Beispiel: Nehmen wir an, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wäre eine Firma, und Lohnerhöhungen sind Preissteigerungen. Das geht so: Die Firma erhält von jedem ihrer Klienten jeden Monat ein Prozent des Bruttolohns. Bei der IG Metall zum Beispiel, einer ziemlich erfolgreichen Tochter der DGB AG, sind das immerhin 22,50 Euro im Schnitt pro Kunde alias Mitglied. Bei 2,7 Millionen Mitgliedern brächte eine Tariflohnerhöhung von 6,5 Prozent, wie sie gefordert wird, rund vier Millionen Euro pro Monat mehr in die Kasse. Als Jahreseinnahmen blieben dann der IG Metall 777600000 Euro.

Immerhin noch 450 Millionen Euro pro Jahr fährt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ein. Frank Bsirske, grüner Chef dieser Abteilung, kann dann für gut acht Millionen Euro Jahresmiete in einer schönen Büroanlage am Potsdamer Platz in Berlin arbeiten, gleich bei Kanzlers um die Ecke, als Nachbar der Großen und Mächtigen in Wirtschaft und Politik.

Warum auch nicht? Ach ja, darum nicht: Gewerkschaften sind keine Unternehmen. Ihr Job ist es, ihre - übrigens unverzichtbare -Rolle in der Arbeitswelt zu spielen, ein Job, der Gerechtigkeit und faire Bedingungen für alle ermöglicht, die Teil der Wirtschaft sind. Wo organisierte Solidarität fehlt, verschärfen sich die Bedingungen letztlich für alle. Doch längst machen Gewerkschaften etwas ganz anderes: Sie sind für die da, die schon haben und weiterhin haben werden. Arbeitslose und Menschen, die nicht mehr zum Almosenempfänger degradiert werden wollen, sind im DGB nicht so beliebt. Die bürokratische Politik des Ex-IG-Metall-Funktionärs Walter Riester sorgt dafür, dass sich jeder, der in der Republik etwas unternehmen will, automatisch auch übernimmt.

Macht nix. Ist auch nicht Platz genug für alle. Moralisch sind die Gewerkschaften längst ein Insolvenzfall geworden.

Und was die Anpassung an den ehemaligen Gegner angeht, sind sie einsame Spitze. Die alte Elite versucht aus der zerbrechenden Welt der Industriegesellschaft zu retten, was zu retten ist. Im Klartext: Geld, Macht, Einfluss, Posten. Wie ungeniert sie das tun, zeigt den Ernst ihrer Lage.

Da erklären Funktionäre der Verdi, man müsse die Gehälter der Spitzenfunktionäre auf das Level von Topmanagern in der Privatwirtschaft heben. VerdiLandesbezirksvorsitzende Susanne Stumpenhausen nennt auch gleich die Gründe dafür. Schließlich müssten die Funktionäre mit "Arbeitgebern auf gleicher Augenhöhe verhandeln". Klar.

Was dabei herauskommt, ist vor allem mehr netto: Frank Bsirske, zerfließende Hoffnung auf einen Gewerkschaftsboss, der sich des Wandels in der Gesellschaft bewusst ist, genehmigte sich mittendrin im grandiosen Mitgliederschwund seiner Gewerkschaft und in der schönsten Wirtschaftskrise seit langem eine Gehaltserhöhung von fast 60 Prozent. Jetzt verhandelt er wohl augenhöhenmäßig richtig.

Der Berliner Gewerkschaftsfunktionär Christian Wiesner-Stippel reagierte darauf treffsicher mit dem Vergleich, ob die Augenhöhe auch für Erwerbslose gelten solle, "die ihrer Arbeitsamtsberaterin tief in die Augen schauen". Es ist nicht die Gage, die den linken Gewerkschafter in Rage bringt: "Die Begründungen (dafür) legen den moralischen Verfall sowie die inzwischen erreichte Ferne zur sozialen Lage der beitragszahlenden Mitglieder offen." Recht hat er.

Wer sich darüber erregt, dass Gewerkschafter mit anderem Maß gemessen werden als Unternehmer, hat nicht verstanden, was Gewerkschaften sind: Die führenden DGB-Funktionäre sind nicht in einem hoch bezahlten Management-Nachwuchskurs, der darin münden soll, dass sich der durchschnittliche Funktionär am Golfplatz so wohl fühlt wie in der Gewerkschaftsgruppe. Fern von jeder Realität plaudert ein Gewerkschafter in der Tagesschau von einer Chemiebranche, die sich "sehr gut" entwickelt habe. Richtig ist, dass die Chemiebranche im vergangenen Jahr um zwei Prozent schrumpfte. Sehr gut finden das wohl nur Homöopathen.

Dienstleistungs-Gewerkschafter Bsirske, der sich vom aufgeklärten Arbeitnehmervertreter in wenigen Monaten zum Hardcore-Funktionär der alten Schule entwickelte, bringt auf der Suche nach einer 6,5-prozentigcn Umsatz-, pardon: Tariflohnsteigerung monoton immer nur die hochprofitable Volkswagen AG ins Spiel. Der geht es ausgezeichnet. Der Schluss des Neu-Managers Bsirske ist offensichtlich: So geht es allen anderen auch.

Stimmt natürlich nicht. Es scheint fast so, als ob die DGB-Funktionäre eben lieber mit den Erfolgreichen reden, die dem alten Vorurteil entsprechen, die deutschen Unternehmer schwimmen in Geld. Ist das Dialektik? Oder ein Missverständnis?

Damit könnte auch der Wunsch der Gewerkschafter nach "gleicher Augenhöhe" erklärt werden. Vielleicht meinen die bloß: Augenhöhe erreichen, Augen zu und durch.