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Alle ganz normal

Alles wird komplizierter, nicht nur die Welt, sondern auch unser Innenleben. Wer den Überblick über sich selbst verlorn hat, findet bei Dave Eggers Orientierungshilfe.




"Geheimnisse werden nicht dadurch wertvoller, dass man sie für sich behält. Es ist besser, man nutzt seine eigene Vergangenheit sinnvoll, sonst mutiert sie und wuchert wie Krebs." 1. Früher dachte ich, ich sei nicht normal. Zum Beispiel stellte ich mich in der Schule extra dumm, in der Hoffnung, die Kinder würden mich mögen, was aber nie passierte. Ich war ein Freak. Später traf ich andere Menschen, die es genauso gemacht hatten, und verstand, dass mein Verhalten nicht ungewöhnlich war. 2. Sibylle und ich rätseln, warum ältere Männer Frauen verlassen, mit denen sie es seit langem gut haben, nur weil sie sich in Babsi (19, Praktikantin, süß) verlieben. Kann es tatsächlich sein. dass es an der tendenziell schlechten Verbindung im männlichen Hirn zwischen der rechten, emotionalen und der linken, rationalen Hirnhälfte liegt, sodass der Mann einen kleinen Hormonrausch mir der großen Liebe verwechselt? 3. Hast du auch manchmal das Gefühl, dass du die Welt besser verstehst als die Welt dich?

"Um auch nur fünf Minuten an interner Gedankenproduktion angemessen darzustellen, brauchte man Ewigkeiten ..." Früher taten es nur Ärzte und Schriftsteller, doch heute machen es alle: Sie versuchen herauszufinden, was in ihnen vorgeht, denken, reflektieren, theoretisieren über Träume, Wünsche, Ängste, Fantasien. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, der Grund hingegen immer gleich: Verwirrung. Parallel zur Welt scheint auch unser Innenleben unübersichtlicher zu werden. Dafür gibt es kein Patentrezept, eventuell aber einen simplen Grund: die neurologische Evolution. Es heißt, die Generation der ab 1965 Geborenen sei schneller und könne mehr verarbeiten als Menschen je zuvor, man spricht von Turbohirnen. Aber was bedeutete das für jeden persönlich? 1965 gab es zwei schwarzweiße TV-Programme, Computer waren groß wie Multiplexkinos und Ferngespräche wurden vom Amt vermittelt. Seit damals ist keine halbe Lebenszeit vergangen. Aber hat wirklich irgendwer geglaubt, alles ändert sich, wie wir arbeiten, unsere Freizeit verbringen, gemeinsam leben, nur unser Gehirn, dieses sich in jeder Sekunde weiter entwickelnde Superorgan, bliebe davon unberührt?

"Ich weiß, dass ich nicht bin wie sie. Ich bin etwas anderes. Ich bin verkrüppelt, bin hundert Jahre alt." Dave Eggers ist ganz normal. Ein Vorstadtamerikaner, aufgewachsen mit Plastikspielzeug, TV-Predigern, Synthiepop und David-Hasselhoff-Fanclubs. Einer, der den Unterhaltungs-Trash der Siebziger und Achtziger liebt, der auch seinen Debütroman "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" durchzieht, in dem der heute 30-Jährige seine Geschichte erzahlt: wie seine Eltern innerhalb eines Monats an Krebs sterben, wie er mit seinem achtjährigen Bruder nach San Francisco zieht und wie er dorr 1994 mit einigen Freunden das Magazin "Might" gründet, ein innovatives Heft, das nach 16 Ausgaben pleite ist. Es sind die Neunziger, alles scheint einfach, und so verbringt Eggers seine Jugend mit Sex, Autofahren und Biertrinken. Er schreibt selbst darüber: "Diesen Lebensabschnitt interessant darzustellen ist enorm schwierig, selbst wenn er denen interessant erschien, die ihn durchlebten." Doch es gelingt ihm, denn Eggers erzahlt sein Leben von innen.

"Das Einzige, was wir wirklich wollen, ist, dass niemand ein langweiliges Leben hat, dass alle beeindruckend sind, damit wir beeindruckt sein können." Es ist lustig, wenn er von seinem Magazin berichtet: wie sich Freunde für eine Reportage über Aufsteiger als erfolgreiche Macher verkleideten. Oder wie 40 Leute nackt fotografiert wurden, um zu zeigen, dass normale Menschen keine Hochglanzkörper haben, und dann, als die Fotos entwickelt waren, sich alle wunderten, wie grotesk nackte Körper aussehen. Es ist anrührend, wenn er erzählt, wie seine Mutter stirbt und er jahrelang unter einem schlechten Gewissen leidet, weil er überlebt hat. Oder wenn eine 23-jährige Freundin innerhalb einer Woche überraschend von einem Virus dahingerafft wird und er nicht weiß, wie er darauf reagieren soll. Es ist aber vor allem faszinierend, weil Eggers nicht versucht, das Durcheinander in ihm zu sortieren. Wie auf einer Bahnfahrt durch eine Urwelt vor dem Erkalten führt es die Leser durch seine innere Landschaft, die sich ständig verändert: Eben noch erhebt sich ein Traum von Liebe und Glück. Sekunden später verhängen Angst und Hoffnungslosigkeit den Horizont. Natürlich fehlt da was: Den Alltag jenseits von Extremsituationen lässt Eggers aus, eine Schwäche, die ihm bewusst ist und die er auch diskutiert: In einigen Dialogen springen seine Figuren aus ihren Rollen, um ihren Autor deswegen zu kritisieren. Aber genau diese Zweifel über Zweifel über Zweifel gehören eben auch dazu. Wer keine Zweifel hat, hat nichts verstanden. Und wer mehr verwirrt ist, ist schlecht informiert.

" Es gibt zuviele von ihnen, von uns. Zu viele, zu ähnlich. Was machen die alle hier?" Es ist die Massengesellschaft: das Wissen darum, dass alles schon mal da war, erlebt und durchdacht, und dass dennoch das eigene Leben, das nur eine Aneinanderreihung von Klischees zu sein scheint, so unerklärlich real ist. Es ist die Informationsgesellschaft: Wir wissen zu viel, und doch schwillt unser Wissen weiter an, ein Input-Sturm wie wochenlanger Regen, erst ein zukunftsträchtiges Pladdern auf ausgedörrten Böden, doch inzwischen angewachsen zu einem tobenden Monsun, der niemanden nützt, weil wir unter all dem, was wir wissen, vergessen, was wichtig ist. Es ist alles, was passiert: das Wissen um die eigenen Grenzen trotz grenzenloser Möglichkeiten, das Wissen um unsere Privilegien, ein Zuhause, Essen, Freunde, und, trotzdem!, die Unfähigkeit, glücklich zu sein, und, klar!, dem daraus folgenden schlechten Gewissen. Eggers Roman ist wie das Reisebuch eines Ethnologen des 19. Jahrhunderts, eine Fahrt in die Sümpfe eines äußerst reflektionsfähigen Innenlebens, das sich zwischen unbegründeter Hoffnung und gut nachvollziehbarer Verzweiflung ein Heim sucht, mit all den unbegreiflichen Widersprüchen und den riesigen Gefühlen, von denen er ehrlich und detailliert spricht, wie wir davon sprechen könnten: über uns, die Menschen um uns herum, unser Leben. Gibt es irgendetwas Wichtigeres?

Dave Eggers Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität. Droemer, 2001: 528 Seiten. 22.90 Euro (Alle Zitate sind aus der deutschen Ausgabe, außer dem ersten, das aus dem Anhang der erweiterten US-Taschenbuchausgabe stammt und das ich sehr frei übersetzt habe. Wäre ich Erich Fried, würde man sagen: nachgedichtet. Aber wäre ich Erich Fried, wäre ich tot.)