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Äh, also Ihr Gesicht..., das kenn' ich doch von irgendwoher!? Sagen Sie, waren Sie nicht der in dem Flieger, der abstürzte?

Peter Hogenkamp und Jacqueline Badran haben Ende November 2001 einen Flugzeugabsturz überlebt. Das war das erste Unglück. Dann kam das zweite: die Medien.




Ach, das Übliche. Ein Sandwich (meist politisch korrekt, also allenfalls mit Huhn, sonst Frischkäse oder eingelegte Peperoni). Ein Gläschen Mineralwasser. Draußen Nacht und Schnee, und Herr Lutz, der Kapitän, sagt auf Englisch: "Landung in zwei Minuten." Ein Flug von Berlin-Tegel nach Zürich-Kloten neigt sich dem Ende zu. Es ist Samstag. Ein Wochenende für Peter Hogenkamp und seine Freundin Jacqueline Badran.

Auf einer Bühne in einem Berliner Einkaufszentrum hatten die beiden im Rahmen der Netdays ihre Ideen verkauft. Liebe Senioren, das Internet wartet auf Sie! Treten Sie näher! Und sie hatten die Kinder verscheucht, die an den Bildschirmen klebten und den Alten den Platz im Kurs klauten. Zeix heißt die Firma der beiden, zehn Mitarbeiter hat sie und macht Usability-Beratung. " Zeix zeigts in 5 Postern und 5 Heften" heißt einer ihrer Werbesprüche für den Gebrauch des Internets. Mehrere Schweizer Kantonalbanken drücken ihrer Kundschaft Zeix-Broschüren in die Hand, damit sie ihre Bankgeschäfte übers Internet erledigen.

Ein letzter Blick nach draußen, ins Dunkel.

Er: "Und? Sieht man schon was?" Sie (wie üblich auf dem Fensterplatz): "Klar!" Er: "Und? Ist René im Büro?" Sie: (Schweigen.) "Jetzt sehe ich gar nichts mehr." Rumpeln, Schütteln, Schleifen, alles vibriert heftig, zum Auf und Ab kommen seitliche Bewegungen, die beiden umklammem die Armlehnen und hoffen, dass diese grausame Achterbahnfahrt irgendwann vorbei ist.

Er denkt: "Donnerwetter, das ist aber eine harte Landung!" Sie denkt: "Hoppla, das ist aber eine harte Landung!" Die Maschine kommt zum Stehen. Und dann: Feuer! Menschen schreien. Bloß raus hier! Es geht um Leben und Tod.

Er hat seine Erinnerung aufgeschrieben: "Ich finde, ich bin völlig ruhig und rational. Sofort greife ich nach meinem Gurt und will mich losmachen. Erst im zweiten Anlauf gelingt es mir, und zu meiner großen Überraschung stürze ich sofort quer durch das Flugzeug und schlage hart mit dem Kopf auf der gegenüberliegenden Seite auf. Offenbar liegen wir auf der Seite. Ich will Jacqueline warnen und rufe ihr zu: ,Mach dich nicht los, sonst fällst du!' Aber schon fliegt sie auf mich zu. Ich strecke ihr beide Arme entgegen und versuche, sie aufzufangen. Jacqueline ist erstaunlich schnell wieder auf den Beinen und sagt nur: ,Los, raus!' Sie sagt; "Da war dieses paradiesische Loch. Dieses Loch, das dich einlädt hinauszurennen!" Er schreibt: " Ich rapple mich hoch und klettere ihr hinterher. An den eigentlichen Ausstieg kann ich mich später nicht erinnern, ich weiß nur, dass die Sitzreihen, über die ich klettere, plötzlich durch verschneite Äste abgelöst werden." Es war gespenstisch im Wald bei Bassersdorf. Die beiden liefen vom Wrack weg, das zwischen den Bäumen lag wie ein ausgeweideter Walfisch. Es stank eklig nach verbranntem Plastik. Da war Feuer. Und es knallte ab und zu.

Was denkt man in so einem Moment?

Er dachte an ein Tankwagenunglück vor vielen Jahren auf einem Campingplatz im Süden und an seine Mutter, die damals gesagt hatte: "Geh nicht so nah ran, Junge!" Worauf er, der Junge, zu Mama sagte: " Was soll das? Es brennt doch nur!" Etwa 60 Meter vom Wrack entfernt sieht er einen Menschen, die erste Person überhaupt, die er außer Jacqueline seit dem ersten Aufprall wahrnimmt. Es ist eine der beiden Stewardessen. Die Blonde. Wo die ist, da muss es sicher sein, denken die beiden. Sie bleiben stehen. Jacqueline weint und sagt: "Wir haben es geschafft, wir sind draußen, wir leben - oh Gott, da hinten sterben gerade Leute!" Sie sehen eine Feuersäule aufsteigen - und fallen sich in die Arme.

Die Stewardess sitzt auf einem Baumstamm. Sie reibt sich die nackten Füße. Ihre Schuhe hat sie verloren. Sie schreit: "Jetzt ist Schluss mit Fliegen! Ich habe zwei kleine Kinder! Das war das letzte Mal. Ehrenwort!" Neun Passagiere überleben den Absturz der Crossair-Maschine vom 24. November 2001. 24 Menschen sterben. Darunter Pilot und Copilot, Mediziner, Manager. Und die Sängerin Melanie Thornton. Einträge in ihrem Internet-Trauerbuch: Sie war eine gute Person!

Ich habe sie schon live gesehen!!

Und jetzt erst ist sie ein richtiger Star!!!

Und sie ist auch mit ihrem Mann richtig glücklich!!

Aber sie hat sich auch auf Weihnachten gefreut!!

Ich hätte ihr auch noch eine richtige Familie gegönnt!

Sie soll in ruhe weider (sic!) leben. STEPHANIE Peter Hogenkamp, warum haben Sie eingewilligt, mit den Medien zu sprechen?

"Es war ein Bauchentscheid. Wir hatten die ,Medienorientierung' auf dem Lokalsender Tele 24 so häufig gesehen, dass wir die Texte beinahe hätten mitsprechen können. Das war in der Nacht auf den Sonntag. Da waren bereits erste Falschmeldungen dabei, nichts Wichtiges, aber wir wussten, dass dies oder das nicht stimmen konnte. Es passiert einem ja selten, dass man etwas besser weiß. Diesmal war es aber so. Jacqueline sagte: ,Ich gehe ins Schweizer Fernsehen und spreche mit Tele 24, aber nicht mit den deutschen Privatsendern.' Die Beiträge wurden am Sonntag in der Cafeteria des Uni-Spitals aufgezeichnet. Danach gingen wir nach Hause. Dann ging es los. Während ich unter der Dusche stand, ging das Telefon. Die "Neue Zürcher Zeitung", dann eine weitere Sendung des Schweizer Fernsehens DRS, das ,Mittagsjournal' oder so, und kaum hatte ich mich umgedreht, da saßen die Leute vom "Blick" im Wohnzimmer. Erst denkt man, Fernsehen? Kommt nicht in Frage. Ich will nach Hause. Dann ruft die "Neue Zürcher" wieder an, mit Empfehlung von einer Studienkollegin - und der Widerstand bröckelt. Hinzu kommt: Wir hatten monatelang versucht, mit unserem Produkt in die Medien zu kommen. Weil wir uns eine Werbekampagne als kleine Firma nicht leisten können, sind wir auf der PR-Schiene gefahren. An eine der Absagen erinnere ich mich gut: ,Sie sind halt nicht Nutella!' rief eine Journalistin ins Telefon. Es war genau dieselbe Journalistin, die jetzt ein Interview mit mir haben wollte." "Zu Weihnachten kommt er in seine alte Heimat Detmold: zu Familie, zu Freunden und zum Einkaufen. "Ich gehe gern hier einkaufen, ich fühle mich hier heimisch', erklärt der 33-Jährige, warum er nicht in seinem Wohnort Zürich, sondern im beschaulichen Detmold die Lücken füllen will, die der Flugzeugabsturz in sein Hab und Gut gerissen hat. Der Grund für die Heimatgefühle des selbstständigen Internet-Experten: Er hat seine Kindheit in Detmold verbracht, ist hier zur Schule gegangen, hat am Leopoldinum 1 sein Abitur gemacht. Mit der alten Heimat ist er immer in Verbindung geblieben, viele Familienmitglieder wohnen nach wie vor in Detmold." "Lippische Landes-Zeitung" Am Sonntag, dem Tag nach dem Absturz, waren am Abend etwa zehn Freunde spontan in Jacqueline Badrans Wohnung gekommen, sie aßen zusammen Pizza und tranken Bier. An der Tür klingelten immer wieder Medienleute. "Ich trug noch immer die lehmverschmierte Hose vom Absturz", erzählt Hogenkamp, "ich hatte keinen Schlüssel für meine Wohnung. Das Telefon ging dauernd. Erstaunlich war, wie die Medienvertreter sich vorstellten. Einer sagte: ,Sie sollten MIR ein Interview geben, ich bin der beste Kumpel von Soundso von der Hochschule St. Gallen, wir sehen eine Rekonstruktion vor.' Zeitweise bemühten sich beim Schweizer Fernsehen Redakteure von drei Sendungen um Interviews." Ein Interview mit der Crossair-Care-Team-Expertin und Pfarrerin Nadine Hassler Bütschi www.jesus.ch: Sie betreuen bereits die Betroffenen des zweiten Crossair-Unfalls. Ihnen ist wohl im Moment nicht nach Weihnachten zumute?

Hassler Bütschi: Ja und nein. Weihnachten öffnet mir gerade in dieser Zeit eine Perspektive der Hoffnung, Wärme und Sinn in aller Sinnlosigkeit. Auch die Gespräche mit den vom Unfall betroffenen Menschen können in die Botschaft von Weihnachten eingebettet werden. Das persönliche Erlebnis des Einrichtens und Schmückens der Wohnung mit Kerzen und Weihnachtsschmuck entgeht mir allerdings an diesem Weihnachtsfest, Für das Besinnliche fehlt in diesem Jahr schlicht die Zeit.

www.jesus.ch: Sie betreuen Menschen mit ganz unterschiedlichem. Hintergrund. Was sagen Sie den Hinterbliebenen dieses Unglücks?

Hassler Bütschi; Bei der Beerdigung eines vom Unglück Betroffenen habe ich den Hinterbliebenen selbst gebastelte Weihnachtskugeln geschenkt. Das wurde von ihnen unheimlich positiv aufgenommen. Sie haben die Botschaft von Licht und Geborgenheit verstanden und sich gefreut, etwas ganz Konkretes zu bekommen, das diese Hoffnung symbolisiert. Die Fragen der Hinterbliebenen sind sehr unterschiedlich. Ich versuche vor allem zuzuhören.

Am Montag hätte der erste Arbeitstag sein sollen. Peter Hogenkamp und Jacqueline Badran blieben zu Hause, den Telefonstecker zogen sie vorsichtshalber heraus. Probeweise, und weil sie selbst ein paar Gesprache zu erledigen hatten, steckten sie ihn wieder ein. Zuerst rief niemand an. Doch von elf Uhr früh an, als die Journalisten erwacht waren, war die Hölle los. " Ständig dieses und jenes", sagt Hogenkamp. " Lassen wir uns für die "Rundschau" filmen oder für "Schweiz aktuell"? Alle wollten etwas Persönliches. Zum Beispiel, wie ich neue Kleider kaufe. Oder wie ich frische Kleider aus meiner winzigen Wohnung im Kreis 4 in Zürich hole. Oder Filmen neben der Absturzstelle. Ein paar Tage spater sah ich eine Sendung über einen Altenpfleger in Bremerhaven, der bei seinen Eltern wohnte und acht Frauen umgebracht hat. Die Eltern merkten nichts vom Treiben ihres Sohnes. Ich konnte mir nach dem Tag mit der ,Rundschau' lebhaft vorstellen, wie das gewesen sein muss, als die Mutter ein bisschen weinte. ,Hör'n se mal gute Frau, also das war jetzt gar nicht so, wie wir uns das vorstellen. Stellen Sie sich doch nochmals ans Fenster, und beginnen Sie von vorn!' Ich meine, wann ist denn jemals eine Kamera dabei, wenn etwas Wichtiges passiert?!" "Scientology drängt immer wieder ins Rampenlicht. Die Katastrophen-Serie in den USA und der Schweiz animierte die Sekte, unter dem Namen ,Volunteer Ministers' Einsatzkorps aufzubauen.

Großeinsätze hatten die ,ehrenamtlichen Geistlichen' - so nennen sich die Helfer - nach dem Einsturz des World Trade Center und beim Flugzeugabsturz in New York. Da kam das Crossair-Unglück vom Samstag für die Schweizer Scientologen wie gerufen, um ihre Katastrophentauglichkeit zu beweisen. Doch sie kamen zu spät. Die Verletzten waren bereits im Spital und das Care-Team des Flughafens längst bei der Arbeit. Selbst wenn sie rechtzeitig an der Absturzstelle erschienen wären, hätten sie tatenlos zusehen müssen. ,Wir akzeptieren die Scientologen als Helfer nicht', erklärte Hans Baltensberger, Pressesprecher der Kantonspolizei kategorisch." "Tages-Anzeiger" RTL war "extra mit dem Übertragungswagen nach Zürich gefahren" und hatte ihn auf dem Helvetiaplatz geparkt, um keinen Schritt zu verpassen: Am Helvetiaplatz sind die Zeix-Büros. Sat 1 wollte "unbedingt was vor halb sieben". (Wochen später sagte ein Vertreter des MDR zu Hogenkamp: "Wie? Sie waren bloß zweimal im Fernsehen? Das denken bloß SIE! Sie waren ü-ber-all!" Die Stationen hatten die Aufnahmen weiterverkauft.) Abends um 22 Uhr rief der Herr Magister des österreichischen Magazins " News" an. "Wir sind jetzt gerade aus Wien angekommen. Wenn Sie jetzt nicht mit uns sprechen, sind wir umsonst hergereist", sagte der Redakteur.

Und Hogenkamps Mutter wollte wissen, warum der Sohn, als das Fernsehen kam, dieses weiße Shirt trug, das am Kragen schon etwas grau geworden sei. "Nach drei Tagen Medienpräsenz", erinnert sich der Sohn, " war mir das meiste völlig egal. Früher hätte ich mich aufgeregt, dass ich über eine Stunde lang in derselben Pose verharren musste, weil die Fotografen unterschiedliches Licht auf dem Gesicht haben wollten." Dann rief das Schweizer Magazin " Facts" an und wollte "O-Ton". Hogenkamp setzte sich hin und schrieb bis Dienstagmorgen 3500 Anschläge mit dem Titel "Hallo, wir sind gerade mit dem Flugzeug abgestürzt...", ja, und irgendwann muss "Bild" da gewesen sein und so weiter.

Um fünf Uhr früh knipste Hogenkamp die Bürolampe aus.

Dienstag. Noch nie in der kurzen Firmengeschichte der Zeix AG klingelten die Telefone derart häufig. Vier, fünf Mitarbeiter waren den ganzen Tag damit beschäftigt, mit Medienschaffenden zu sprechen. Elstner wollte, Beckmann, Kerner, Fliege und der Jauch auch. Schließlich saß Peter Hogenkamp bei Günther Jauch, "weil er sympathisch ist" - und weil "Stern TV" versprochen hatte, den Firmennamen einzublenden.

Hogenkamp mochte nicht nach Köln fliegen, also setzte er sich in den Zug. Nach längerer Reise und Hin- und Herschieben der Termine wurde gar die Mutter des Frauenmörders vom Schminkstuhl gezerrt, weil Hogenkamp vor ihr von Jauch befragt werden sollte.

Nach sieben Minuten war der Auftritt vorbei. Und statt Zeix wurde dort eingeblendet: Peter Hogenkamp hat eine Internetfirma.

"Jauch ist tatsächlich sympathisch, bei der Einblendung haben sie mich verarscht", stellt Hogenkamp fest. "Aber was kann man dagegen tun, wenn man nur eine Woche lang prominent ist?" Eine Nacht lang hatten die Zeix-Leute aufgewendet, um ihren Server auf einen möglichen Ansturm vorzubereiten. Denn, so rechneten sie sich vor, wenn bloß jeder tausendste Jauch-Zuschauer www.zeix.de, .at oder .ch tippt, sind das immer noch mehrere tausend, und wie viele neue Kunden das geben wird!

Alles umsonst.

Was hat sich in seinem Leben verändert?

"Praktisch nichts. Eine Woche nach dem Absturz hörten die Telefone schlagartig auf zu klingeln. Heute rufen nur noch wenige Journalisten an. Die größte Veränderung: Ich bin aus meiner Wohnung, die ich nie mochte, endlich aus- und mit meinem sechs Jahre jüngeren Bruder zusammengezogen." Was würden Sie einem Menschen in Ihrer Situation raten?

"Man sollte versuchen, sich von den Ereignissen nicht überrollen zu lassen. Es ist völlig legitim, mit der einen Zeitung oder Sendeanstalt zu sprechen, mit der anderen hingegen nicht. Das andere: die Person vom Medium zu trennen. Die meisten Journalisten sind sympathisch. Lassen Sie sich davon nicht bestechen. Man kann durchaus irrationale Entscheidungen treffen, ohne eine Begründung dafür abgeben zu müssen."