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Wo geht's lang?

An ein geradliniges Leben hat France de Ranchin nie geglaubt. Seit sie denken kann, fühlt sie sich wie in einem Irrgarten: vor immer neuen Aus- und Umwegen. Und weil sie das auch als Glück begreift, hat sie daraus einen Beruf gemacht.




----- Sie liefen die Hauptstraße von Aix-en-Provence hinab. Er auf dem Gehweg der einen Seite, sie auf dem Gehweg der anderen. Beide brüllten sich an wie noch nie. Der Anlass war nichtig, die Wut aber so groß, dass sie sich selbst vor den gaffenden Menschen nicht beruhigten. Nach dem Streit zweifelte France de Ranchin: Soll ich mich von ihm trennen? Sie stand vor ihrem Leben wie vor der Weggabelung eines Labyrinths: Wenn ich mit ihm zusammenbleibe, gelange ich dann in eine cul-de-sac, eine Sackgasse? Oder zum Ausgang?

Wenn France de Ranchin zweifelt, sieht sie so aus: Ihre dünnen Augenbrauen heben sich und legen ein Faltenmuster mit vielen Querverstrebungen, Winkeln und ins Leere laufenden Linien auf ihre Stirn. Man schätzt sie auf 50, eine sehr kluge, lebenserfahrene Frau. Dann sagt sie: "C'est dröle - Das ist drôllig" und lacht, ihre Pippi-Langstrumpf-Zöpfe wackeln kurz. Jetzt sieht sie aus wie 20, ziemlich naiv. Ihr wirkliches Alter verrät sie nicht.

Sie blieb mit Jean zusammen. Bis heute. Immer wieder hat sie vor diesen Weggabelungen gestanden: als sie sich entschloss, Kunst zu studieren, als sie aus der Provinz nach Paris ging. Und auch, als sie eine feste Anstellung aufgab, um die "erste hauptberufliche Labyrinthistin der Welt" zu werden. "Ich bin besessen von der Idee, dass unser Leben wie ein Labyrinth funktioniert", sagt sie und fügt ihr "C'est drôle" hinzu, das meist nicht zu dem passt, was sie gerade gesagt hat.

Paris, 10. Arrondissement. Es spielt - das stimmt wirklich -ein Akkordeon "La vie en rose". Menschen aus aller Welt auf der Straße: aus Martinique, Vietnam, Algerien. Auch Franzosen. Die kleinen Geschärte am Fuß des Montmartre verkaufen Wein und Käse, Yamswurzeln und Mangos. Künstler mieten hier Ateliers, Wunderheiler ihre Praxen. Am Boulevard de Rochechouart, Ecke Rue Belhomme, hinter der Fassade eines Bürgerhauses, hat sich France de Ranchin zwischen Zeichenbrett und Fenster eingekeilt.

Die Scheiben drohen jedes Mal aus der Fassung zu springen, wenn ein Laster auf der Straße vorbeifährt. Übers Parkett schlängelt sich ein schmaler Pfad zwischen Farbpaletten, Leinwänden, schweren Relief-Glasplatten und Kacheln mit unregelmäßigen Mustern, deren Sinn man erst versteht, wenn France de Ranchin alle Teile auf dem Fußboden auslegt.

Ihre Kreationen haben eine Gemeinsamkeit: "Einen Pfeil, wo's reingeht, und einen, wo's rausgeht", murmelt France de Ranchin vor sich hin, während sie mit einem Zirkel die Linien für ihr neustes Werk auf einer großen Leinwand zieht. "Auf den weißen Gängen darf man gehen, die schwarzen Linien sind unpassierbare Grenzen." Sie rezitiert die Sätze wie aus einem geheimnisvollen Gesetzbuch. Aus ihrem Gesicht sind die Falten verschwunden, die Augenbrauen auf Normalhöhe zurückgesunken. An den Regeln des Labyrinths zweifelt sie nie.

Kinder haben Spaß im Labyrinth. Sie kennen noch nicht die ganze, gefahrliche Wahrheit

Es ist kalt in der Wohnung. France de Ranchin trägt einen dicken Wollpullover. An einigen Stellen bröckelt Putz von den Wänden. Das bessert sie lieber nicht aus. Das Muster gefällt ihr besser als die weiße Wand. Als sie klein war, verfolgte sie stundenlang die Maserungen von Holzschränken und Tischen in ihrem Elternhaus. " Kinder brauchen keinen Anfang und kein Ende", sagt sie, "die machen Labyrinthe nie bis zum Schluss." Das hat sie an ihrer Tochter und den Kindern der Grundschule von Issy-les-Moulineaux im Süden von Paris studiert.

Deren Pausenhof legte sie mit gelb-grün-rotem Tartan aus. Die ganz Kleinen laufen ein paar Ecken, schubsen sich weg, rennen wieder zum Anfang. Die Älteren fahren mit Rollern die Strecke ab, schon viel ausdauernder. Ihre Lehrerin stellt Miniaturschilder >

aus Plastik auf und bringt ihren Schützlingen im Labyrinth die Verkehrsregeln bei. Im Gänsemarsch schlängeln sie sich durch die Gänge, halten kurz vor einem Stoppschild und lassen die andere Gruppe durch. Das Vorfahrtszeichen versteht noch keiner.

France de Ranchin schaut zu und freut sich über die Multifunktionalität ihres Labyrinths. Die Kinder haben Spaß, sie wissen noch nicht die ganze Wahrheit: " Labyrinthe können gefährlich sein", sagt sie, hebt wieder die Augenbrauen, und ihre Stirn legt sich in Falten. Sie erzählt etwas von einem Monster, das hinter jeder Windung lauem kann. Erklären will sie das nicht. Fürs Philosophieren ist Jean zuständig.

Der schreibt auch die Einleitungen für ihre Bücher. Für eines hat sie 1975 einen Preis der "New York Times" bekommen. Zum Thema Monster schreibt Jean: Der Stiermensch Minotaurus war auf Kreta in ein Labyrinth eingesperrt, das der geniale Erfinder Daidalos entworfen hatte. Alle neun Jahre bekam der Minotaurus sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen. Sie stammten aus Athen. Als Theseus, der Königssohn, geopfert werden sollte, legte dieser beim Gang durchs Labyrinth einen Gamfaden aus, tötete den Minotaurus und fand entlang des Fadens zurück ins Freie. König Minos von Kreta zürnte Daidalos, dem Erfinder des Labyrinths, und sperrte ihn selbst hinein, zusammen mit seinem Sohn. Sie sollten verhungern. Doch der geniale Erfinder Daidalos bastelte Flügel aus Federn und Wachs und entflog mit seinem Sohn diesem Ur-Labyrinth der Menschheit.

"Ein Labyrinth ist eine Prüfung", sagt France de Ranchin. "Sie kann hart sein, aber bei jeder Etappe lernen wir etwas dazu." Jean schreibt, dass Jugendliche in Ozeanien und Afrika in Labyrinthen eingesperrt werden, darin symbolisch sterben und wieder auferstehen. Wenn sie aus dem Ausgang finden - und das tun sie alle früher oder später - gelten sie als Erwachsene.

France de Ranchin war zwölf Jahre alt, als sie von ihren Eltern in ein Nonnenkloster gegeben wurde. "Du sollst eine religiöse Erziehung bekommen", sagten ihre Eltern. "Früher hatten Eltern nicht so ein enges Verhältnis zu ihren Kindern", sagt sie. Die Nonnen waren streng. Wer nicht spurte, bekam einen Klaps auf den Hinterkopf. Die Erlaubnis für einen Ausflug ans nahe gelegene Meer bekamen die Schülerinnen nur selten. France de Ranchin schwänzte oft, um im Meer zu baden. Noch mit 18 Jahren musste sie spätestens um 20 Uhr im Pensionat sein.

Sie wollte weg aus dieser engen Welt, in der sie ständig gegen unüberwindliche Wände rannte. Sie studierte an der Kunsthochschule in Aix-en-Provence und lernte Jean kennen, einen Arbeitersohn. Ihr Vater war ein reicher Fliesenfabrikant und erzkonservativ. France sollte heiraten, aber doch nicht so einen. Damit Finis. Sie heiratete. Jean.

Im Gewirr von Paris fand France sich bald zurecht. Hilfreich: Metro-Stationen mit nur einem Ausgang

Das junge Künstlerpaar sah wenig Perspektive in der Provinz. Es emigrierte in den sechziger Jahren nach Paris, in die Hauptstadt, das Künstler-Mekka, in dessen Theatern, Cafes und Ausstellungen Ideen waberten. France de Ranchin hatte jeden Fingernagel anders lackiert, sie trug Minirock und Blusen in Paradiesfarben. Sie wusste nicht, was sie, Jean und ihre neugeborene Tochter erwartete. Wusste etwa ihr Vorfahre Alexander Benoit, dass er einmal Koch der Zarin von Russland sein würde, als er nach der

Französischen Revolution mit nichts als ein paar Kupfentöpfen über Finnland ins Zarenreich flüchtete und 18 Kinder zeugte, zu deren Enkel sie und auch Peter Ustinov gehören? Mit wem ist sie sonst noch über drei Ecken verwandt? Mit solchen Gedankenspielen vertreibt sie sich gern die Zeit. Warum bekam sie schon mit 20 Jahren graue Haare und wirkt heute immer noch jung? C'est drôle.

Sie fand sich schnell im Gewirr von Paris zurecht. Bald hatte sie die Tricks raus: dass man sich zu Verabredungen am besten an der Metro-Station Etienne Marcel traf, die hat nur einen Ausgang. Nie dagegen bei Chatelet Les Halles, da verfehlt man sich. Schwieriger wurde es bei der Arbeitssuche. Drei Jahre lang hatte sie keine Versicherung. Was tun, wenn sie - oder noch schlimmer:

ihre Tochter - krank würde? Sie trat in die Zeichner-Gewerkschaft ein. Um Geld zu verdienen, entwarf sie wie eine Besessene Grafiken für große Zeitschriften und Zeitungen wie "Elle", "L' Express" , "L' Expansion" oder "Le Point". Als Künstlerin unterforderte sie diese Arbeit. Doch sie hatte einen enormen Vorteil: Sie konnte Labyrinthe malen und hatte über die Blätter einen viel wirksameren Vertriebsweg als manch berühmter Künstler, der nur für ein kleines Publikum in Galerien ausstellt.

"Liberation", eine der drei großen französischen Tageszeitungen, wollte eine Grafikabteilung einrichten und suchte einen Chef-Zeichner. France de Ranchin bewarb sich. Als sie vor dem Zimmer der Chefredaktion auf das Bewerbungsgespräch wartete, kam eine Frau heulend herausgestürzt. Aus Schüchternheit hatte die Frau immer nur der Kritik an ihrer Arbeit beigepflichtet, bis sie wie ein Häufchen Elend vor ihrer aufgeschlagenen Mappe saß. Nach ihr ging France de Ranchin in den Raum. Auch ihre Grafiken und Labyrinthe griff der Chefredakteur an. Sie hielt dagegen, wurde heftig im Tonfall. Und bekam den Job.

Wie im Leben merkte sie auch bei ihren Labyrinthen schnell, dass Menschen immer versucht sind, den leichtesten Weg zu wählen. Sie entwickelte eine geradezu sadistische Freude daran, diese Schwäche auszunutzen. Neue Entwürfe legte sie Jean vor. Der wollte es besonders schlau machen und suchte den kürzesten Weg zum Ausgang. Aber genau da baute France de Ranchin einen cul-de-sac ein und entwarf so verschlungene und weitschweifende Wege, dass Jean immer wieder die Geduld verlor und auf eine angebliche Abkürzung hereinfiel. "Meine Labyrinthe müssen schön aussehen, damit man nicht die Lust an ihnen verliert."

Von ihrem Job bei "Liberation" lebte sie gut, doch sie wollte einen neuen Weg einschlagen: den der freischaffenden Labyrinthistin. Damit war sie im Zentrum ihres Lebenslabyrinths angekommen. Stopp. So komplizierte Dinge malt sie lieber auf einen Zettel. Sie skizziert einen Kreis mit vier Eingängen, deren Wege in der Mitte zusammenlaufen. "In der Kathedrale von Chartre gibt es so ein Labyrinth. Ins Zentrum muss man betend gelangen. Es repräsentiert die Pilgerfahrt nach Jerusalem oder den Weg ins Paradies, eine Initiation, eine bestandene Prüfung."

Seit France de Ranchin freischaffende Labyrinthistin ist, muss sie jeden Tag rackern, damit sie genug zum Leben verdient. Bis spät in die Nacht sitzt sie an ihrem großen Zeichenbrett, und die Scheiben hinter ihr haben schon lange aufgehört zu zittern, weil kein Bus mehr fährt. Dann schleppt sie sich müde über die knarzenden Dielen ins Schlafzimmer und sagt sich immer wieder:

Man muss die Energie einer Verrückten aufbringen, um seiner Leidenschaft zu frönen.

Die Auflösung ihres eigenen Lebenslabyrinths kennt die Künstlerin nicht. Aber es wird eine geben

Ihre Ausdauer hat sich gelohnt. Sie zeichnet nicht mehr für Zeitschriften, sondern die Zeitschriften schreiben über sie. Sie stellt in der Bibliothèque Nationale Francois Mitterand aus und in Museen im ganzen Land. Bei 2000 Euro fangen die Preise für ihre Labyrinth-Bilder an, sie hängen als Granitplatten in Wohnanlagen, vertreiben auf Autobahnraststätten Reisenden die Zeit. Für das nationale Zuckerinstitut hat sie ein Labyrinth aus Zuckerwürfeln gestapelt, jeden Sommer lässt sie riesige Maisfelder zurechtschneiden. Die ähneln dem Garten von Henry II, der darin Frauen während Festen verführte, ohne dass die Gesellschaft etwas merkte. Seine Technik wurde vom barocken Adel in ganz Europa nachgeahmt, bis die Moralisten der Aufklärung Gartenlabyrinthe verboten.

Den Samstag reserviert sie sich für einen Bummel mit Jean auf dem größten Rohmarkt von Paris. Schneller als die Rolltreppe eilt sie die Stufen daneben an der Metro-Station Porte de Clignancourt hinauf. "Ich bemühe mich jeden Tag neu um Jean", sagt sie. sie lebt nun seit 3 6 Jahren mit ihm zusammen, sechs Jahre länger als sie Labyrinthe zeichnet. Selbst nach dieser langen Zeit rechnet sie jeden Tag mit einem cul-de-sac. "Nach vielen Ehejahren langweilt man sich leicht. Ich will Jean mit meiner Arbeit überraschen, er liest mir im Gegenzug seine Texte vor." Sie versteht junge

Leute nicht, die ohne Zwang heiraten. Für sie und Jean machte die Ehe vieles einfacher: Die Eltern nörgelten nicht mehr, die Tochter war schon da, und sie hatten mehr Chancen auf dem Wohnungsmarkt als zu Zeiten ihrer wilden Ehe.

Sie schlendern von Stand zu Stand, wo Trödler ihre Ware eilbieten: alte Bücher, Porzellangeschirr, Kleider, eine verbeulte Trompete, antiken Schmuck und wurmstichige Möbel. Jean und

France de Ranchin suchen nach Bildern mit dem Salome-Motiv ür ihre Sammlung: eine Frau, die den abgeschlagenen Kopf von Johannes dem Täufer überreicht bekommt. Wie ihr eigenes Lebenslabyrinth zu Ende gehen wird, weiß France de Ranchin licht. Es wird nur einen Ausgang geben, wie bei der Metroitation Etienne Marcel, das ist klar. Zuvor wird sie aber noch in eine Menge Weggabelungen kommen, an denen sie sich entscheiden muss. "Dafür ist man nie zu alt. Das hört nie auf. Ist das nicht drollig?" -----