Partner von
Partner von

Was sind eigentlich Web Services?

Ein neuer Internet-Standard könnte den Datenaustausch zwischen Unternehmen revolutionieren – wenn sich die IT-Wirtschaft zusammenrauft und die Sicherheitsprobleme löst.




----- Als das Internet Anfang der neunziger Jahre langsam bekannt wurde, war es eine Mischung aus Freakshow und akademischem Zirkel. Zu finden waren wissenschaftliche Aufsätze über Teilchenphysik oder Pamphlete über das heraufziehende digitale Zeitalter. Den meisten erschien das Ganze als unverständlicher Computerkram. Dabei war alles so einfach.

Mit Hilfe von nur zwei technischen Standards ließen sich Dokumente in Sekundenschnelle der ganzen Welt präsentieren. Geschrieben wurden sie mit der Hypertext Markup Language (HTML), deren Grundprinzipien sich in zwei Tagen erlernen lassen. Transportiert wurden sie von Rechner zu Rechner über das Hypertext

Transfer Protocol (HTTP). Dieses Kürzel steht bis heute am Anfang jeder Web-Adresse, die man in den Browser eingibt.

Jeder konnte im Prinzip ohne Programmierkenntnisse Web-Seiten bauen. Das World Wide Web wuchs; nach und nach kamen die ersten Schaufenster von Unternehmen dazu, mitunter auch schon virtuelle Ladentheken, über die man ein Buch oder eine CD bestellen konnte. Doch wenn sich die Auslage änderte, musste alles von Hand umdekoriert, das heißt umprogrammiert werden. Die Architektur des Webs erwies sich in diesem Punkt als statisch. Dynamik im frühen Internet beschränkte sich auf ein paar Animationen wie den berühmten blauen Punkt von Razorfish,

der 1995 im Browser-Fenster umhersprang und die Web-Welt staunen ließ.

Firmendatenbanken mit aktuellen Pro duktinformationen oder sich rasch ändernden Nachrichten wie etwa Börsenkursen fanden zunächst keinen Weg ins Netz Sie glichen felsigen Inseln ohne Hafen in Daten-Ozean. Obwohl die New Economy ausgerufen wurde, war das Web noch keil Wirtschaftsraum, in dem auf sich ständig verändernden Märkten Informationen aus getauscht werden konnten. Dieses Problem lösten neue Programmiersprachen wie Java oder Perl, die unabhängig vom Rechner des Nutzers arbeiten. Sie brachten Online-Shops und andere Dienste zum Laufen. Die notwendigen Informationer

holt sich ein Server aus der Datenbank des jeweiligen Betreibers - aber leider nur aus der eigenen. Programme anderer Anbieter können nicht auf diese Datenbank zurückgreifen: Datenbanken und Web-Anwendungen sind immer noch Inseln.

Insel-Hopping im Daten-Ozean

Wie diese Inseln miteinander verbunden werden, steht inzwischen im Großen und Ganzen fest: durch Web Services. Statt für jede Kombination von Datenbanken und Programmen im Internet jeweils eine eigene Verbindung zu schaffen, wird eine vermittelnde Instanz für alle eingerichtet. Ganz so, wie die Welthandelsorganisation WTO viele bilaterale Verträge der Nationen untereinander überflüssig macht. Die neue Instanz ist der Nachfolger des alten, statischen HTML: XML (Extensible Markup Language), ein Standard, auf den sich das World Wide Web Consortium bereits 1998 geeinigt hat. XML trennt den Inhalt eines Dokuments von seinem Aussehen, etwa eine Preisliste von ihrer Darstellung als blau unterlegte Tabelle. Das heißt: Wenn sich die Preise verändern, dann muss deshalb nicht gleich am ganzen Dokument gearbeitet werden. In heutigen Websites ist dies aufwändig, denn Form und Inhalt sind miteinander vermengt.

XML-Dokumente stellen Form und Inhalt zueinander in Bezug. So "weiß" XML beispielsweise, dass Berlin eine Ortsangabe ist und 0,9807 ein Wechselkurs. Das ist wichtig, weil solche Informationen in verschiedenen Datenbanktypen an unterschiedlichen Stellen gespeichert werden. Da Computer Datensätze der Reihe nach abarbeiten, könnte es sein, dass Berlin als Nachname und 0,9807 als Hausnummer interpretiert wird. XML interpretiert diese Daten richtig.

Auf XML setzen drei weitere Standards auf, die leider, wie so oft in der Kultur der Netzingenieure, kryptische Kürzel haben. SOAP, das Simple Object Access Protocol, legt fest, wie die Nachricht eines Web Services für einen Datentransport

durch das Internet verpackt wird. U D DI, für Universal Description, Discovery and Integration, ist ein einheitliches Verzeichnis angebotener Web-Dienstleistungen von Unternehmen, inzwischen auch die Gelben Seiten für Web Services genannt. Und WSDL, die Web Services Description Language, gibt eine Gliederung für die Beschreibung der neuen Dienste vor. Dass so häufig von Sprachen die Rede ist, hat Sinn. Denn diese vier Standards stellen zusammen eine Art Daten-Esperanto für jegliche Hard- und Software dar, die sich mit dem Internet verbindet.

So wie jeder neuen Handelsrunde der WTO ein großes Gefeilsche vorausgeht, müssen auf dem Weg zu neuen Internet-Standards Meinungsverschiedenheiten innerhalb der IT-Industrie ausgeräumt werden. Sie basieren nur selten auf unterschiedlichen technischen Vorstellungen. Entscheidender für das Fortschrittstempo ist die Zwickmühle der Konzerne: Einerseits sind sie zur Einigkeit verdammt, damit Web Services künftig wirklich universell funktionieren, andererseits wollen sie ihren Vorsprung und ihre Lösungen vor der Konkurrenz retten.

Innovation unter der Oberfläche

Microsoft setzt deshalb bei seiner Web-Services-Strategie .net (spricht sich: Dotnet) auf seine neue Programmiersprache C# statt auf das etablierte Java des Mitbewerbers Sun. Java wird aber von Suns Konzept ONE (Open Net Environment) genutzt, während IBMs WebSphere für beide Welten offen ist. Weitere Mitspieler sind Hewlett-Packard mit HP Net-Action, Oracle mit DotNow sowie spezialisierte jüngere Firmen wie Cape Clear Sortware, Bea Systems oder lona Technologies. Alle kämpfen um einen Markt, dessen Volumen sich laut Marktforschungsunternehmen Sartner Group bis 2005 auf 21 Milliarden Dollar verzehnfachen soll.

Die Nutzer werden vom Übergang zu Web Services trotz aller Revolutions-Rhetorik etwa von Microsoft-Gründer Bill

Gates nicht viel mitbekommen. Die ersten Dienste, die tatsächlich auf XML und SOAP basieren, sehen ganz vertraut aus. Da ist Microsorts MapPoint.net, mit dem Online-Reisebüros Landkarten in ihre Seiten einblenden können, ohne selbst eine entsprechende Datenbank betreiben zu müssen. Der britische Web-Dienstleister Xara Online bietet Dia-Überblend-Shows, Newsticker und Ahnliches an.

Digitale Dienstleistungen -just in time

Was für den privaten Kunden erst mal nicht besonders aufregend ist, weil die Innovation unter der Oberfläche stattfindet, ist für Unternehmen, die untereinander im Web Handel treiben, eine echte Erleichterung. Werden etwa bei der Bestellung von Ersatzteilen an sich inkompatible Datenbank-Systeme beispielsweise von SAP und von IBM mit XML-Technik verbunden, fallen lästige und zeitaufwändige manuelle Arbeiten wie das Faxen einer Bestellung weg. So kann mithilfe von XML die komplette Beschaffung über das Netz abgewickelt und sogar die herkömmliche Lagerhaltung überflüssig gemacht werden. Die Just-in-time-Produktion realer Güter erhält einen weiteren Schub, für digitale Dienstleistungen wird sie durch Web Services überhaupt erst möglich.

Unklar ist, wie sicher der neue Kommunikationsstandard ist. Da die Web Services ein unmittelbares Zusammenspiel diverser Server und Datenbanken voraussetzen, müssen sie hinter Firewalls agieren können. Wie geschützt aber sind in einem Reisebüro gespeicherte Flugdaten, die automatisch in den Online-Terminplaner eines anderen Anbieters integriert werden? Solche Unwägbarkeiten sind ein Grund dafür, warum Microsofts Angebot .net Services langsamer vorankommt als geplant. Web Services werden nur dann einen wirklich funktionierenden virtuellen Wirtschansraum schaffen, wenn Diskretion gewährleistet ist und Computer-Hacker die neue Infrastruktur nicht ernsthaft beschädigen können. -----1