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Jagd auf der Arche Noah

250 000 exotische Tiere aus aller Welt leben in Texas in freier Wildhahn. Und fast alle werden früher oder später zum Abschuss freigegeben. Aber das dient nur ihrem Schutz. Heißt es.




----- Der Axishirsch ist eine von Gottes gelungeneren Schöpfungen. Ein schmales, schönes Tier, dessen schokoladenbraunes Fell von weißen Punkten gesprenkelt ist. Seine Bewegungen sind grazil und zugleich kraftvoll, die männlichen Exemplare tragen ein langes, kühn nach hinten strebendes Geweih. Über dem Rücken ein schwarzer Grat. Wenn Axis axis im Gehölz steht, die großen, feuchten Nüstern in den Wind gestellt, die flauschigen Ohren gespitzt, kann man nur staunen über die Vollkommenheit der Natur. Im alten Griechenland galten Hirsche als heilige Geschöpfe.

Sie entdecken die Herde, etwa 20 Tiere, gegen Mittag am Rande eines kleinen Eichenwaldes. Die Tiere äsen und trotten durch eine von kniehohem Büffelgras bewachsene Senke. "Kapitale Burschen", raunt Kim, als er durch seinen Feldstecher, Leica, 10 x 24 BA, späht. Seit Stunden durchforstet er vom Pick-up aus das hügelige Terrain, marschiert durch Weiden mit vertrockneten Zedern, durch schlammige Bäche und über dürre Bergkämme. "Ich sehe drei, vier, nein fünf", sagt Kim erregt, "mit Stangen von mindestens 30 Inch Länge." Genau das, was er sucht. Dewayne meint:

"Spätestens heute Abend haben wir einen."

Anfang Juli. Der Himmel über der Diamond K Ranch taubenblau und wolkenlos. Die Sonne im Zenit, das Thermometer zeigt 41 Grad. Die Hitze macht ihnen zu scharfen. Doch Kim und Dewayne wirken frisch und voller Tatendrang. Wie um sechs Uhr morgens, als sie aufgebrochen waren. Kim sieht die Hirsche und sich bereits schießen mit seiner Winchester, Kaliber 30 Millimeter, das Zielfernrohr ein Zeiss Diavari-Z 2,5 - 10 48 T*, Ladenpreis zusammen 5000 Dollar. Nervös fingert er an seiner Patronentasche, zwölf Patronen, 180 Grain in jeder Hülse, das Projektil aus Kupfer und Blei mit einer weißen Kevlarspitze. "Hinter der Schulter, unterhalb der Wirbelsäule", sagt Kim, "da muss ich treffen." Dewayne nickt. Er ist Kims Scout und Fährtensucher.

Die Munition hätte nicht gereicht, so groß war die Auswahl an diesem Vormittag. Zuerst begegneten sie einem halben Dutzend Großer Kudus, dann Hirschziegenantilopen, Springböcken, Addaxanrilopen und an einem Fluss einem Dutzend majestätischer Davidshirsche mit gewaltigen Stangen. In Namibia habe er mal ein Kudu geschossen, erzählt Kim; in Afrika gehöre das zum Standardangebot jeder Safari. Doch wir sind nicht in der Serengeti, wir sind in Texas, wo das Kudu genauso wenig hingehört wie die anderen Exoten. Kims heutiges Objekt der Begierde, ein Axishirsch, für dessen Abschuss er 1800 Dollar bezahlt hat, kommt aus Indien und Sri Lanka. Dort nennt man ihn Tschital.

Kim Hicks ist 44 und Jäger aus Leidenschaft. "Ich habe das große Glück", sagt er, "es beruflich machen zu können." Hicks verlegt das "Texas Hunting Directory", eine Postille für den ambitionierten Waidmann, die im Wesentlichen aus Werbung und als Reportagen getarnter Werbung besteht. Keine Spalte, in der nicht ein Gewehr, ein Fernrohr, eine Jägermontur oder ein Jagdterrain angepriesen wird. Alles klingt wunderbar verlockend in Hicks' Journal. Als er neulich mal was über die Diamond K Ranch schrieb,

begann der Artikel mit dem Satz: "Mark Watson hat eines der feinsten Jagdgefilde Amerikas gescharfen." Watson, der Besitzer von Diamond K, findet, Kim schreibe hervorragend. Kims moderne Flinte ist eine kostenlose Maßanfertigung des Herstellers.

Diamond K ist eine Game Hunting Ranch. Man kann das nur schwer übersetzen. Allein schon, weil Garne im Englischen zwar Wild heißt, aber auch Spiel bedeutet. Hunting steht für Jagen. Diamond K beherbergt auf 20 Quadratkilometern neben 1500 einheimischen Weißwedelhirschen, 30 aus den Rocky Mountains importierten Wapitihirschen und Hunderten von Truthähnen weitere 4500 Exemplare nicht heimischer Spezies, die man zu üppigen Preisen erlegen kann. Das ist nichts Besonderes in Texas, wo 97 Prozent des Bodens in Privatbesitz ist und es Hunderte solcher Einrichtungen gibt; dazu zahlreiche Safari-Parks, auf denen sich australische Emus, Giraffen, Nashörner, Lamas aus den Anden, Damwild aus Europa, sizilianische Esel, afrikanische Watussi-Rinder und Weißbartgnus tummeln, etwa 250 000 exotische Tiere.

Ein Schutzgebiet, in dem man alles abknallen darf

Texas ist eine Art modemer, öffentlich zugänglicher Arche Noah. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine größere Artenvielfalt. Texas beherbergt mehr indische Hirschziegenantilopen als Indien, mehr arabische Spießböcke als Saudi-Arabien, mehr Säbelantilopen als ganz Afrika. Wenn eine Gruppe dieser kräftigen Tiere mit ihren sanft gebogenen, parallel verlaufenden Hörnern, dem sandfarbenen Fell und den breiten, für die Dünen der nordafrikanischen Wüstenlandschaft geformten Hufen, wenn also diese Kreaturen, die die Legende vom Einhorn inspiriert haben sollen, in Sichtweite von texanischen Langhom-Rindem stehen, sehen sie aus wie Kühe auf einem Maskenball.

Dewayne Täte wusste, dass die Axishirsche hier stehen würden. "Ich beobachte sie seit Wochen." Er deutet auf eine kleine, dicht bewaldete Erhebung. " Dort oben schlafen sie, am späten Vomittag kommen sie runter zum Äsen." Doch nun sind sie auf einmal weg. "Sie müssten beim Teich hinter den Mesquitebüschen sein", sagt Dewayne und deutet auf dichtes Gestrüpp, etwa 500 Meter entfernt. Der Teich liegt in einer Mulde. Kim und Dewayne beschließen, gegen den Wind vorzurücken. Gebückt bewegen sie sich durch hartnäckige Disteln und langstielige Blumen mit fetten Blütenständen und roten Blättern. Als Kim und Dewayne von einer Kuppe aus auf das Wasser blicken, ist von der Herde keine Spur zu sehen. "Wo zum Teufel sind sie bloß hin?", zischt Kim. Rascheln im Busch. Es ist ein Gürteltier.

1924 stellte ein ehrgeiziger Manager der King Ranch im Süden von Texas fest, dass sich auf 33 000 Quadratkilometern mehr unterbringen lässt als Baumwoll-, Zuckerrohr- und Zitrusplantagen und ein paar Vollblutpferde. Selbst die Rinder, mit denen man eine Stadt mit fünf Millionen Einwohnern hätte ernähren können, füllten nicht das weite Land. Also besorgte sich der Mann ein paar

Nilgauantilopen aus einem Zoo. Die Idee fand Nachahmer, die sich bei bankrotten Zirkussen und überfüllen Tierparks bedienten Als texanische Rancher nach dem Zweiten Weltkrieg während einer siebenjährigen Dürre um ihre Existenz bangten, beschlosser sie, mit der Jagd auf Exoten Geld zu verdienen. Viehzucht erwirtschaftet heutzutage fünf Dollar Gewinn pro Quadratkilometer. eine auf Jagd ausgerichtete Ranch 17 Dollar.

20 Millionen Jäger sorgen in den USA für 20 Milliarden Dollar Umsatz jährlich, und jeder zehnte geht in Texas auf die Pirsch. Texas ist immer noch Cowboy-Land, wo die Flinte zur Grundausstattung gehört wie der breitkrempige Hut, spitze Stiefel und Gürtelschnallen groß wie Untertassen. Man pflegt im einstigen Wilden Westen eine Mischung aus kerniger Gastfreundlichkeit und unverhohlenem Chauvinismus. Kim sagt, als er neulich im Femsehen mit ansehen musste, wie sich zwei Homosexuelle küssten, sei ihm schlecht geworden. Er spuckt aus dem Fenster des Pick-ups, es ist eine braune Melange aus Speichel und Snuff, Schnupftabak, der unter die Oberlippe geschoben wird. Kim mag Präsident Bush, plädiert für die Todesstrafe und redet unentwegt. Das Töten von Tieren, meint er, sei genetisch bedingt: "Das steckt im Menschen drin, er steht an der Spitze der Nahrungskette."

Wayne Pacelle sieht das ein bisschen differenzierter; er ist Senior Vice President der Humane Society of the united States und hält die Jagd auf eingezäuntem Gelände für Barbarei, er nennt es ein " glorifiziertes Schlachthaus". Pacelle erzählt von Ranches in Texas, die exotische Tiere für Kunden per Hubschrauber einfliegen lassen und in kleine Gehege zwängen, wo sie dann mitunter vom Jeep aus erlegt werden. Er besitzt ein Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Leopard aus einem Käfig gezerrt wird und - nachdem er panisch unter ein Auto flüchtete - abgeknallt wird. ,Jäger sprechen gern von sportlichem Ehrgeiz, von Fairness", sagt Pacelle, "ich sehe weder Sport noch eine faire Chance für das Wild." Die Bundesstaaten Montana und Oregon haben das Jagen auf privatem Boden bereits verboten, in Florida, Pennsylvania und Colorado stehen Referenden zum Thema an.

Zurück im Hill Country, nachmittags gegen zwei. Die Euphorie bei Kim und Dewayne ist verflogen. Die Sonne brennt, sie liegen schwitzend im Gras hinter verdorrtem Geäst, umkreist von Fliegen. Bis auf einen Axishirsch, der unvermittelt auftauchte und ebenso blitzartig verschwand, keine Beute in Sicht. "Sie machen es einem nicht leicht", sagt Dewayne. "5:0 für den Hirsch", meint Kim lapidar, "mein schlechtestes Ergebnis war 30:0, da kam ich erst nach fünf Tagen zum Schuss." Kim sagt, das sei zu bedenken, wenn man über unfaire Praktiken auf Game Hunting Ranches schwadroniere. Tierschützer? ,Jammemde Babys, die kein Blut sehen können." Plötzlich springt er auf und schlägt sich hektisch auf die Hände. "Feuerameisen", murmelt Dewayne. Auf dem Boden wimmelt es von ihnen. Es heißt, sie seien von Bananendampfem aus Südamerika gekommen. Exoten auch sie, wenn man so will, dummerweise gefeit gegen jede Kugel. >

"Ich glaube, ich weiß, wo sie sind", sagt Dewayne. In Arkansas aufgewachsen, erlegte er schon als Zwölfjähriger in den Ozark Mountains Hasen und Waschbären, er erkennt, wie alt ein Huftritt im Lehm ist und ein Kothaufen im Gras. Über sich spricht er nicht gem.

Es sind stille, kantige Burschen, die auf der Diamond K als Führer arbeiten. Da ist Levi, rotblond, ein Mann wie ein Baum und auf einer Farm groß geworden. Da ist Justin, der Bullenreiter war und als Marine im Golfkrieg und in Somalia im Einsatz; auch Dewayne war Berufssoldat. Am imposantesten aber ist Ronnie Rose, der Manager der Ranch, ehemaliger Footballspieler, Hilfssheriff, 315 Pfund schwer. Ronnie liebt seinen Job: "Meine Vorstellung von Urlaub wäre: hier zu sein ohne Telefon." Er vergräbt Mineraltabletten für die Tiere und hat Okra im Outback gepflanzt, ein zu 33 Prozent aus Protein bestehendes Gemüse, das den Bestand groß und kräftig macht. "Ich will", sagt Ronnie, "dass sie ein gesundes, möglichst langes Leben haben."

Auf den ersten Blick will die Crew gar nicht zur exklusiven Ranch passen, die über eine 850 Meter lange Flugzeuglandebahn verfügt und deren Gäste in einer luxuriösen Lodge oder Safarizelten aus Südafrika mit Parkettrußboden untergebracht sind. Ronnies Frau Beverly verköstigt die Jäger mit Filet vom Weißwedelhirsch, Ronnie entkorkt dazu eine edle Flasche Rotwein für mindestens 150 Dollar im Einkauf. Die Kundschart der Diamond K besteht aus Rechtsanwälten, Ärzten und Geschäftsleuten, die 1600 Dollar für ein Wochenende Kost und Logis bezahlen sowie bis zu 20 000 Dollar für einen Abschuss, je nach Spezies und Größe der Trophäe. Aber warum hier, wenn eine Safari in Kenia kaum kostspieliger wäre? "Wir schrecken vor den Problemen in der Dritten Welt zurück", sagt Kim. Durchfall. Malaria. Tsetse-Fliegen. Aids.

Die Zeiger von Kims Armbanduhr rücken unerbittlich vor, seine Nervosität steigt. Schon fast halb fünf. Immer noch stapft er durch die Botanik auf der Suche nach dem Hirsch. Er muss am nächsten Morgen in Fredericksburg sein, der nächsten größeren Stadt, wo er ein Bankett für die National Wild Turkey Federation veranstaltet, außerdem stehen Verhandlungen mit Fernsehsendern an, bei denen er als Berater und Gastmoderator tätig ist. Dewayne steuert den Pick-up zum nächsten Wasserloch, umgeben von weiten, überschaubaren Wiesen. "Sie spüren, dass wir sie*verfolgen", sagt er, " aber irgendwann werden sie müde oder nervös, das ist unsere Chance." Tatsächlich, da stehen sie im hüfthohen Gras, am äußersten Rand der Ranch, umgeben von drei Meter hohen Zäunen. Für die Tiere eine gefährliche Sackgasse. Das Metallgeflecht steht unter Strom und ist so stark, dass es wie ein vertikales Trampolin wirkt, wenn ein Tier auf der Flucht dagegen prallt.

Man fragt am besten Mister Watson, ob er es für fair hält, was auf seiner Ranch vonstatten geht und was das mit Sport zu tun hat. Er hat sich für einen Tag von seinen Geschäften in San Antonio losgerissen und sitzt im Büro der Diamond K. Es ist ein vor Trophäen strotzender Raum mit einem Sessel aus Geweihstangen,

das Sofa bezogen mit Fellen von Axishirschen. Mark Watsor besaß mal eine Versicherungsgesellschaft mit 800 Angestellten, die an der Wall Street gehandelt wurde. Dewayne glaubt, sein Boss sei seit dem Verkauf der Firma "mindestens 500 Millionen Dollar schwer". Watson ist unangenehme Fragen gewöhnt. Natürlich, meint er, sei seine Ranch kein Zoo. Doch die Tiere hätten hier keine naturlichen Feinde und würden älter als in der freien Wildbahn: "Ist es besser, wenn ein altes Tier mit Mundfäulnis verhungert oder lebendig von Löwen oder Kojoten gefressen wird?"

Das Kopfgeld sichert den Tieren das Leben

50 Jäger werden jährlich auf der Diamond K zugelassen, doch bei 200 000 Dollar Kosten für Futter, 150 000 für jeden neuen Wasserteich, plus Personalkosten und Instandhaltung ist das Unternehmen ein Verlustgeschäft. Watson sagt, er mache es aus Leidenschart und weil er verhindern wolle, dass das Land immer weiter zersiedelt werde. Die Abschussquoten legt er selbst fest, weil Exoten als Nutzvieh eingestuft werden und damit im Gegensatz zu Weißwedelhirschen Privateigentum sind. Davidshirsche sind tabu, von den Kudus und Säbelantilopen werden jährlich nur ein, zwei Stück "geerntet", wie der Waidmann es nennt. " Was wir töten, töten wir, weil wir müssen", sagt Watson, "sonst würde die Population explodieren. Und dass wir Artenschutz betreiben, sieht keiner." Der Davidshirsch ist in China ausgestorben, und Blackbuckantilopen werden inzwischen von Texas nach Indien exportiert, wo sie fast verschwunden sind.

"Ich denke, es wird eine Zeit kommen, in der einige Tiere nur noch in Texas frei leben", sagt Bryan Coleman, der am Rande der hübschen Kleinstadt Mason lebt. "Vielleicht ist die einzige Chance für das Wild in Zukunft ein hoher Zaun und ein Preis für seinen Kopf." Er blickt über die Terrasse seines Hauses hinüber zu Nellie, einer Nilgauantilope, die er mit der Flasche großgezogen hat, dahinter ein Axishirsch namens Swara, an einem kleinen Teich stehen Lamas. Coleman kam 1981 nach Texas, wo man seine Erfahrung gut gebrauchen konnte. Der alte Mann, der nun mit gekrümmten Beinen und grauem Haar im Campingstuhl sitzt, war einer der berühmtesten Jäger in Afrika. Er hatte vor der Unabhängigkeit Kenias betuchte Briten zu Wasserbüffeln und Nashörnern geführt und war Freund und Gefährte des legendären Fotografen Peter Beard, in dessen Buch " The End of The Game" Coleman mit nacktem Oberkörper zu sehen ist: Er kauert auf einem Acre Zebrafellen. Ein Acre sind 4047 Quadratmeter.

Beards Buch entstand, als die Erschließung des Buschs für Landwirtschaft und Viehzucht begann. "Es war der Anfang vom Ende für die Tiere", sagt er, " das Wild stand dem Profit im Weg." Coleman hat für Farmen gearbeitet und deren Boden mit Blut getränkt. In einem einzigen Jahr tötete er 250 Zebras, ein halbes Dutzend Leoparden, drei Dutzend Elefanten und 1000 Wasserbüffel. "Wenn die Löwen die Kühe rissen, tötete ich Löwen, als die Elefanten Zäune niedertrampelten, tötete ich Elefanten." Seine Augen glänzen. Er vermisst Afrika immer noch. Im Wohnzimmer krächzt ein Papagei "Bryan, Telefon, Bryan, Telefon". Doch Bryans Ohren sind halb taub von den Elefantentötern, die Jagdkunden auf seiner Schulter abgelegt haben, um besser zielen zu können. Er sagt:

"Heute kann ich keinem Waschbären etwas zu Leide tun, ich habe zu viel getötet." Der staatlich verordnete Tierschutz funktioniere nicht, das habe sich gerade in Afrika gezeigt. "Die Tiere werden Beute für Wilderer, weil ihr Preis in astronomische Höhen schnellt. Die Zivilisation zerstört die Natur, so einfach ist das."

Es ist spät geworden im Hill Country, bald wird die Dämmerung hereinbrechen und die Sonne glutrot versinken. Dewayne wagt einen letzten Versuch, er will sich von hinten an die Axishirsche anschleichen und sie Kim vor die Flinte treiben. Er hangelt sich durch das Unterholz. Da stehen sie und glotzen verwirrt. Dewayne bellt. " Das ist das Geräusch, das weibliche Tiere machen, wenn sie Gefahr wittern." Unruhe in der Herde, sie wandert ein Stück und steht plötzlich genau zwischen ihm und dem etwa 200 Meter entfernten Kim. "Runter, bücken", flüstert Dewayne. Ein abgefeuertes Projektil aus Kims Waffe dringt, 1130 Meter pro Sekunde schnell, in den Körper, die Kunststoffspitze bricht ab, die Kugel verformt sich wie ein Pilz und zerfetzt die inneren Organe. Die Hirsche stehen mit gereckten Köpfen, gespannten Hinterläufen. Sie vibrieren. Preschen davon. Stille, sanftes Rausehen in den Bäumen. Plötzlich ein Schuss. Es ist kurz vor sieben.

Als Dewayne zu Kim stößt, liegt der Hirsch mit einem Loch von der Größe eines Daumennagels auf einer Lichtung. Karmesinrotes Blut pulsiert aus der Wunde, die Augen des Tiers sind schon von einem grauen Film bedeckt. Ein perfekter Schuss, die Kugel trat hinter der linken Flanke ein und hinter der rechten Schulter aus. Sie bringen den Kadaver zum Ausweiden in eine Kühlhalle und befestigen Elektrokabel in Maul und After. Stromstöße durchzucken ihn; das macht das Fleisch, das in einem Restaurant auf den Tisch kommen wird, zarter. Ronnie hat in einem Magazin gelesen, dass neuseeländische Schafzüchter diese Technik anwenden. Das Geweih ist 28 Inch lang, umgerechnet 71 Zentimeter. Kim ist enttäuscht. Er sagt: "Nicht gut, nicht schlecht. Vielleicht beim nächsten Mal."

Beim Abendessen, Kim ist samt Winchester, Tabakdose und Tarnanzug schon auf dem Weg nach Fredericksburg, entschuldigt sich Ronnie für Kims "manchmal unsensible Art". Beverly hat Schweinekoteletts und Limonenkuchen vorbereitet. Das Essen ist köstlich. Ronnie holt eine Flasche Wein und sagt: "Es gibt so viel Kritik an dem, was in Texas passiert, doch wenn man die Gesetze der Natur kennt, kann man die Jagd verstehen." Wo soll er hin, wenn sein Chef gezwungen wäre, den Laden dichtzumachen? Dann verschwindet Ronnie, das butterweiche Herz pumpend in dem gewaltigen Leib, in der stockdunklen Nacht.

In der Eiche vor der Lodge der Diamond K Ranch schwirren Insekten mit riesigen transparenten Flügeln. -----1