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Die Insel der Vernetzten

Auf der Isle of Man will die Mobilfunk-Industrie lernen, wie man mit UMTS Geld verdient. Sie lernt noch viel mehr.




----- "Ladies and Gentlemen, wir haben soeben mit dem Landeanflug auf die Isle of Man begonnen. Wir empfehlen Ihnen schon jetzt, Ihre Uhren auf die Lokalzeit umzustellen - also zehn Jahre zurück." Trotz des Propellergetöses ist kaum zu überhören, dass sich der Pilot über seinen durch die Bordlautsprecher gekrächzten Witz freut. Die Passagiere, die den kleinen grünen Hügel inmitten der Irischen See zum ersten Mal besuchen, werden das Späßchen allerdings erst nach der Landung verstehen: Der Insel-Airport ist ein zweistöckiges Gebäude im Stil der siebziger Jahre, umgeben von ländlicher Idylle. Das Gepäck müssen die Ankömmlinge selbst über das Rollfeld tragen. Und Sicherheitskontrollen hat es hier offenbar noch nie gegeben.

Doch der hinterwäldlerische Schein trügt. Ein Trip zur Isle of Man ist keine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Besuch in der Zukunft. Hier ist bereits Realität, was der Rest Europas nur vom Hörensagen kennt: Seit Dezember funkt auf der bislang so stillen Insel das erste UMTS-Netz Europas - das erste jener viel beschworenen Netze, die Multimedia und Highspeed-Internet für Handys möglich machen sollen.

Wer wissen will, wie die mobile Welt von morgen tatsächlich aussieht, wird am Flughafen von einem kleinen Taxifahrer mit grauem Haar, altrosa Hemd und bestickter Krawatte abgeholt. Seit Monaten fährt Brian regelmäßig UMTS-Touristen vom Airport zu dem 20 Minuten entfernten Hauptquartier der Insel-Telefongesellschaft Manx Telecom. Vorbei an einer atemberaubend schönen Landschaft mit Laubbäumen und kleinen Palmen, die der Insel einen Hauch von Karibik verleihen. Manchmal, erzählt Brian, bringe er mit seinem silbernen Daimler auch Mark Briers, den Chef des UMTS-Projektes, zum Flughafen. Immer dann, wenn Mark mal wieder zum Rapport bei mm02 nach London müsse.

Viele kleine Desaster - das haut den Briten nicht um

mm02 ist der neue Name von British Telecom Wireless, der Mutter von Manx Telecom. Die britische Mobilfunk-Gesellschaft macht mit ihrer kleinsten Tochter auf der Isle of Man die ersten UMTS-Gehversuche, bevor ihre größeren europäischen Ableger in Deutschland, Irland und den Niederlanden den Schritt in die ungewisse Mobilfunk-Zukunft wagen dürfen. Und Mark Briers ist eine Art Verbindungsmann zwischen Mutter und Tochter, der für eine gute familiäre Atmosphäre sorgen soll. Bezahlt wird er von mm02 in London, unterstellt ist er dem Chef von Manx Telecom. "Manchmal führt Briers auf dem Weg zum Airport hitzige Handy-Gespräche oder sitzt einfach nur verzweifelt da", erzählt Brian. Dann sei mal wieder eines der vielen "kleinen Desaster" passiert. Irgendeine Verzögerung oder ein technisches Problem. "Aber man muss ja mit Rückschlägen rechnen, wenn man sich auf Neuland begibt", philosophiert er. "Mark bekommt das bestimmt hin

- auch wenn er ein ,Come Over' ist" - so nennen die Insulaner verächtlich die Briten, die sich bei ihnen niederlassen.

Eine halbe Stunde später im Hauptquartier von Manx Telecom stellt der Come Over sich und sein Projekt vor. Auf einer überdimensionierten Leinwand präsentiert Briers erfüllte Zeitpläne und fantastische Visionen. Routiniert berichtet er, wie Manx Telecom die 28 UMTS-Masten aufgebaut hat, ihr Netz deckt heute etwa 85 Prozent der 53 mal 20 Kilometer großen Insel ab. Er schwärmt davon, welche Möglichkeiten es künftig bieten wird:

"Surfen mit 384 Kilobit pro Sekunde, Video-Telefonie, Online-Musik-Clips oder Echtzeit-Spiele - wo immer man will." Und er erinnert sich daran, wie am 5. Dezember vergangenen Jahres der Startschuss für das erste UMTS-Netz Europas fiel. Die wichtigsten Presseleute aus Großbritannien waren geladen, jede technische Demonstration dutzende Male zuvor durchgespielt - ein Misserfolg wäre der PR-Gau gewesen. "In der Nacht davor habe ich zwar gut geschlafen, aber nur eine einzige Stunde", sagt Briers. Als am Morgen fast doch noch alles abgeblasen werden musste, wäre ihm fast das Herz stehen geblieben. An dem Tag blies ein so starker Sturm, dass es fast waagerecht regnete. Die wichtigen Gäste, die doch die frohe Botschart des ersten europäischen UMTS-Netzes in die Welt hinaustragen sollten, mussten ewig über der Insel kreisen, bevor sie landen konnten. "Doch dann lief alles wie am Schnürchen", erzählt Briers. "Hinterher meinten die Leute, sie hätten die Zukunft gesehen."

Ende gut, alles gut? Mark Briers' Präsentation scheint perfekt - zu perfekt. Sicher, das UMTS-Netz funktioniert heute nahezu fehlerfrei. Aber vor dem 5. Dezember hat es eine Menge Rückschläge gegeben, über die er kein Wort verliert. Zum Beispiel hat Manx Telecom das viel beachtete Rennen um das erste UMTS-Netz der Welt verloren. Der japanische Mobilfunk-Riese NTT Docomo war mit seinem Netz zwei Monate früher am Start. Auf der Insel dagegen verzögerte sich der Feldversuch immer wieder, zuletzt weil die passenden Handys nicht geliefert wurden. Briers schweigt dazu aus gutem Grund. Er musste die Erfahrung machen, dass sich Kritiker immer wieder mit Wonne auf jeden noch so kleinen Fehler stürzen. Dabei geht es bei Manx Telecom gar nicht darum, einen perfekten Start in die Multimedia-Zukunft hinzulegen. Im Gegenteil: Die ganze Insel ist ein Labor, in dem möglichst viele Fehler aufgedeckt werden sollen, die beim Aufbau eines Mobilfunk-Netzes der so genannten dritten Generation auftreten können.

Insgesamt rund 130 Milliarden Euro haben die europäischen Netzbetreiber einst für ihre UMTS-Lizenzen ausgegeben, noch einmal etwa das Doppelte müssen sie groben Schätzungen zufolge für den Netzaufbau berappen. Damit muss es schnell vorangehen:

Schließlich haben die meisten Netzbetreiber schon jetzt horrende Schulden am Hals. Wer sich da einen Fehltritt oder eine Verschnaufpause leistet, verliert womöglich den Anschluss. Die Isle of Man ist deshalb für die mm02-Familie nichts anderes als ein Trainingslager am Rande Europas, in dem sie sich für den Kampf um die europäischen Märkte wappnet. Partner sind dabei Tech- >

nologie-Konzerne wie Siemens und NEC, die ihre Basisstationen und die erste Generation von UMTS-Handys beisteuern. Und zwar kostenlos für Manx Telecom und mm02, "schließlich geht es ja hier noch nicht darum, Geld zu verdienen, sondern gemeinsam zu lernen, wie man später Geld verdient" erklärt Briers.

Dafür ist die Isle of Man ideal. Das Eiland ist ein Mikrokosmos, der bisher nur wenigen wegen des halsbrecherischen Motorradrennens Tourist Trophy und niedriger Steuersätze ein Begriff war. Die " Manx", wie sich die 75 000 Insulaner nennen, verfügen über eine eigene Währung, ein eigenes Parlament und sogar über eine eigene Airline, die wegen des rauen Inselwetters allerdings nicht gerade für Pünktlichkeit bekannt ist. Und sie sind es gewohnt, als Versuchskaninchen herzuhalten. Manx Telecom hat zum Beispiel schon vor Jahren mit ADSL-Breitband-Anschlüssen experimentiert, als beim großen Nachbarn Großbritannien noch kaum jemand wusste, wofür das Kürzel steht. Und die Finanzindustrie, die der Steueroase ein ganz ansehnliches Auskommen beschert, testete hier eine Reihe von Zwitter-Produkten aus Rentenvorsorge und Versicherung. Vor drei Jahren schließlich erkannte die Insel-Regierung die Gunst der Stunde und bot Manx Telecom eine UMTS-Lizenz an. Gratis - wenn das Unternehmen den Netz-Aufbau sofort in Angriff nähme und damit für einen gewaltigen PR-Schub sorge.

Im März dieses Jahres war es dann so weit: Es wurden 200 Insulaner ausgelost, die als erste Normalbürger Europas in den Genuss einer mobilen Auffahrt auf die Datenautobahn kommen sollten. Darunter Banker, Immobilienmakler, Hausfrauen und Schüler. Erster Lerneffekt: Die Tester nörgeln, was das Zeug hält. Offenbar benötigen Datenreisende, die mit dem Handy im Internet unterwegs sind, mehr Unterstützung als jene, die über eine feste Leitung surfen. "Der durchschnittliche Internet-Nutzer weiß,

dass ab und zu ein Server ausfällt und sich eine Seite nicht auf baut", stöhnt Briers. "UMTS-Surfer aber schieben alle Probleme auf die Telefongesellschaft und rufen uns bei jeder Kleinigkeit an."

Damit nicht genug. Die Lotterie-Gewinner mäkeln auch noch an den silbrigen Plastik-Handys herum, die ihnen in die Hände gedrückt wurden. Kein Wunder, denn besonders attraktiv sieht die

erste Generation der UMTS-Mobiltelefone nicht aus. Sie haben wenig mit dem Bild des multimedialen Alleskönners gemein das Mobilfunk-Gesellschaften jahrelang vom Handy der Zukunft zeichneten. Zwar gibt es ein kleines buntes Display, doch eint Kamera für Bildtelefonie oder ein Programm zum Abspielen vor Musik sucht man vergebens. Das ist selbst auf der Isle of Mar noch Zukunftsmusik. UMTS entlarvt sich in diesem früher Stadium als das, was es ist - eine reine Übertragungstechnik die gegenüber Kupfer oder Glasfaser den Vorteil hat, immer und überall verfügbar zu sein. Nicht mehr und nicht weniger Immerhin lässt sich das Gerät ans Notebook anschließen und ermöglicht damit das Surfen im Internet bei sechsfacher ISDN-Geschwindigkeit - und das fast überall auf der Insel. Alle anderen Verheißungen werden wohl erst dann wahr, wenn nicht nur die Netze stehen, sondern auch passende Endgeräte und Inhalte vorhanden sind.

Das UMTS-Handy kann viel - was man nicht braucht

"Schließlich hat es sich noch als Nachteil erwiesen, dass die Testgeräte auf Basis japanischer Handys entwickelt wurden und in Japan minimales Gewicht Verkaufsargument Nummer eins ist". erzahlt Briers. Denn NEC habe mit Blick auf die Waage auf einer leistungsfähigen Akku verzichtet. Europäer aber legten offenbar mehr Wert auf Unabhängigkeit von der Steckdose und nähmer dafür auch ein paar Gramm mehr in Kauf. "Vielleicht ist es trotz der gebotenen Eile besser, mit der Einführung von UMTS so lange zu warten, bis wirklich gute Endgeräte auf dem Markt sind";

sagt er. "Sonst läuft man Gefahr, die angestaute Begeisterung und Neugier verpuffen zu lassen." Duncan Jones, Managing Director der Irish Nationwide Bank und einer der 200, die das große Los gezogen haben, belegt diese ernüchternde Erkenntnis: "Ich setze das Handy nur als mobilen Modem-Ersatz fürs Notebook ein -direkt mit dem Handy zu surfen ist mir zu viel Gefummel." Auch von den Briers'schen Zukunftsvisionen hält er nicht viel: "Ich habe weder das Bedürfnis, mein Gegenüber beim Telefonieren anzuschauen, noch will ich Video-Clips oder Spiele auf mein Handy laden. Wenn das Handy mein Notebook überall ins Netz bringt, reicht das - vorausgesetzt, der Preis stimmt."

Ob der stimmt, ist noch ungewiss. Manx Telecom will erst Ende August die ersten UMTS-Rechnungen verschicken. Bis dahin bastelt Briers' Team noch an der Tarifstruktur. Klar ist, dass UMTS-Telefonate dasselbe kosten werden wie normale Mobilfunk-Gespräche. Beim Datenverkehr aber herrscht Ratlosigkeit. >

Ursprünglich war angepeilt, alle Dienste nach der Menge der übermittelten Daten abzurechnen. Doch nach der Preisstruktur heutiger Mobilfunk-Netze würde eine SMS nicht mal einen Cent kosten, eine Minute Bildtelefonie dagegen sieben Euro. "Das passt nicht", sagt Briers. Um auszuloten, was die Kunden bereit sind, für ihre neue Mobilität zu zahlen, hat sich sein Team für den Anfang eine Mengenstaffel ausgedacht: Wer mit einem Megabyte pro Monat auskommt, das entspricht wenigen eMails, zahlt pauschal sieben Euro Grundgebühr und für jedes weitere Megabyte drei Euro. Kunden dagegen, die mindestens 50 Megabytes über die Datenautobahn beamen, zahlen 75 Euro plus einen Euro für jedes zusätzliche Megabyte. Zum Vergleich: Schon wer eine Stunde lang Musik oder Filme aus dem Netz lädt, erreicht spielend die 50-Megabyte-Marke. Die nächsten Monate sollen zeigen, wo sich die Rechnungsbeträge der Kunden einpendeln. Testnutzer Jones weiß aber schon jetzt: "Selbst wenn ich meinen ADSL-Anschluss daheim abschaffen und mit dem UMTS-Handy surfen kann, so viel ich will - bei 75 Euro ist Schluss." Für die ganze Familie wohlgemerkt.

Nach der Präsentation im Manx-Telecom-Hauptquartier werden Briers' Gäste in einen schwarzen Van verfrachtet und über die Insel kutschiert. Sie sollen sich keine Gedanken über Preistabellen und Handys der ersten Generation machen - sie sollen erleben, was das neue Netz kann. Das Auto erinnert an den Lieferwagen, mit dem die Rambo-Truppe "A-Team" in der gleichnamigen US-Femsehserie auf die Jagd nach Schurken geht. Nur dass die Manx damit neuen Geschwindigkeitsrekorden im mobilen Internet hinterherjagt. Und tatsächlich: Im Inneren des Wagens flackern der Video-Trailer des neuesten James-Bond-Filmes und die aktuellen Flugverspätungen von Manx Airlines über zwei Bildschirme. Dass man durch eine malerische Insellandschaft mit

Schafen und Kühen düst, merkt man nicht. Das UMTS-Handy des Vans lädt reibungslos Datenströme aus dem Netz.

Das war nicht immer so. Als die Manx-Telecom-Techniker die ersten UMTS-Masten auf der Insel verteilten, stellten sie diese zunächst direkt neben die alten Antennen. Doch im Gegensatz zu GSM-Funkzellen mit ihrem festen Senderadius entwickeln UMTS-Zellen ein Eigenleben: Je nachdem, wie viele Benutzer sich mit ihren Handys an welcher Stelle innerhalb der Zelle aufhalten, verändert sich ihre Reichweite - "sie atmet", erklärt Mark Briers. Die Techniker hätten drei Monate gebraucht, um die idealen Grundeinstellungen für Standorte, Energiezufuhr, Ausrichtung und Sortware herauszufinden. "Mit der Erfahrung geht es heute schneller, unsere Grundeinstellungen sind jetzt immer zu etwa 80 Prozent richtig, 20 Prozent hängen vom Zellen-Standort ab."

Darüber hinaus brachen UMTS-Gespräche anfangs regelmäßig ab, sobald man von einer in eine andere Zelle fuhr. Die Übergabe eines Telefonats zwischen zwei Masten funktionierte nicht. Den Grund fanden Techniker erst nach Wochen: Beim Aurbau des Netzes war jeder Basisstation die Lage aller Nachbarn eingeimpft worden - so sollten sie sich unkompliziert miteinander verständigen können. Doch faktisch plapperten sie durcheinander, es kam zu Überlagerungen. Erst seitdem die Stationen nur noch wenige Nachbarn kennen, geht es geordnet zu. Und dann machte auch noch ein 50-Pence-Teil schlapp - die Klemme, mit der die UMTS-Antennen an den Masten befestigt wurden. "Bei 28 Antennen ist es kein großer Aufwand, die Klemmen auszutauschen", sagt Briers. "Hätten wir das Problem aber erst bemerkt, nachdem wir tausende Antennen in England oder Deutschland aufgestellt haben, hätte es uns Millionen gekostet."

Grundschüler lernen im UMTS-Autobus Informatik

Die Besichtigungstour im Van endet vor einer Grundschule. Dort hat auch der Informatik-Lehrer Alex Townsend gerade seinen umgebauten Linienbus geparkt, mit dem er regelmäßig rund 30 Grundschulen auf der Insel abklappert. Im Inneren hat er 20 vernetzte Computer aufgebaut - genug, um ganzen Schulklassen den Umgang mit dem Netz beizubringen. "Für meinen Unterricht ist UMTS perfekt", sagt Townsend. Alle Rechner surfen nun über ein einziges Handy - und das schneller als bislang über den Telefonanschluss der jeweiligen Schule.

Als Brian die Gäste am Abend zurück zum Flughafen bringt, will er wissen, ob es neuen Katastrophen-Klatsch aus dem Hause Manx Telecom gibt. "Wenn alles glatt liefe, wäre die ganze Sache nicht so interessant", grinst er. Er freue sich aber schon auf den Tag, an dem endlich auch die kleinen Leute ein UMTS-Handy in die Finger bekämen. Weshalb? "Gute Frage. Eigentlich will ich nur damit telefonieren. Aber die Menschen sollen nicht den Eindruck bekommen, wir Insulaner seien rückständig." -----1