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Der Wald und die Bäume, gleichzeitig gedacht

Die Documenta 11: eine Weltausstellung der humanen Utopien und ein Blick in eine Zukunft, in der das Denken der Mechanik vom Verstehen der Biologie abgelöst worden ist.




----- Diese Menschen wollen nichts Besonderes: Die Palästinenser in Fareed Armalys urnfangreicher Video-/Foto-/Raum-Installation From/To transportieren Güter oder besuchen jemanden, vielleicht müssen sie in ein Krankenhaus, und dann ist auf der Straße ein Kontrollposten, zwei Panzer fahren auf, ein Stau stoppt jede Bewegung, mitten in der Wüste, zwischen dem Gestrüpp und all dem Sand, und sie wollen bloß weiter. Die Werftarbeiter und Matrosen in Allan Sekulas Fotoserie Fish Story würden sich wohl über bessere Arbeitsbedingungen freuen, das legen die mit langen Texten versehenen Großformate nahe, der schwere Stahl und die feuchte Kälte, etwas, das überall gleich ist, wie das Wasser des Meeres. Oder die Menschenmassen in Nigerias Hauptstadt Lagos, sie sind auf den Fotos von Olumuyiwa Olamide Osifuye so klar Massen, dass man sie sofort mit anderen, vielleicht nicht ganz so extremen, gepressten, unüberschaubaren, unglaublich bunten Massen verbindet. Es ist so einfach, so offensichtlich. Den Folteropfern auf den dunklen, aggressiven, zerkratzten Zeichnungen des Amerikaners Leon Golub wäre bereits mit einem Ende der Gewalt geholfen. Und die Mexikaner in der Video-Installation From the other Side der Belgierin Chantal Akerman versuchen nur über die schwer bewachte Grenze in die USA zu kommen, um ein Stück des fugenlosen, verlockend glänzenden Wohlstands zu erhaschen, den sie aus dem Femsehen kennen - dass sie dabei ihre angeblich globalisierungswilligen Nachbarn als protektionistische Machthaber entlarven, deren Grenzarchitektur wohl nur von den Sicherungen zwischen Süd- und Nordkorea übertroffen wird, ist so wenig ihr Ziel, wie irgendwelche Verhältnisse bloßzustellen. Diese Leute wollen nichts Besonderes. Nur ein besseres Leben.

Das ist die Documenta 11 in Kassel, eine Weltausstellung der Utopien, fast wie die Expo, bloß dass diese Utopien nicht technokratisch, sondern humanistisch sind und unglaublich nahe liegend. Zumindest ist das die eine Seite der größten Kunstausstellung der Welt. Die andere Seite ist die Masse: Der Deutsche

Ecke Bonk stellt ein Wörterbuch vor, 350000 Einträge, nichts als Wörter. Der Japaner On Kawara lässt in dem Projekt One Million Years wochenlang Vergangenheit und Zukunft verlesen, gleichmäßig hallen die Jahreszahlen von 998031 v. Chr. bis 1969 und 1996 bis 1001995 n. Chr. durch den Raum. Von Frederic Bruly Bouabre von der Elfenbeinküste hängen in einem Raum hunderte kleiner, simpler Zeichnungen, als wären sie Teile eines gigantischen Kartenspiels oder Standbilder eines verloren gegangenen Films. Und so weiter. Nur: Wer soll das alles sehen? Andererseits:

Muss man tatsächlich alles sehen, um alles gesehen zu haben?

Denn während die Menschen durch die Räume ziehen und die Räume durch die Menschen geschieht es. Zuerst bei den Dingen, vielleicht angesichts der Fotos von Bernd und Hilla Becher, den Häusern, die sich alle ähneln und doch unterscheiden, die, während man sie betrachtet, zu einem Haus zu werden scheinen und dann wieder zu vielen Häusern, in langsamen Rhythmen, als würde jemand atmen. Oder bei Hanne Darbovens Kontrabass-Solo, opus 45, eine Installation, hunderte beschriebener Seiten, die sich vereinen, wie Wassertropfen zu einer Welle, über drei Etagen hinabstürzend. So verbinden sich die Dinge. Zuerst.

Und dann die Menschen. Denn das sind alles dieselben Menschen, die Gleichheit in der Unterschiedlichkeit ist unübersehbar, all dieses Elend und die winzigen Wünsche, selbst in den Industriestaaten: Die Verzweiflung, die Angst und die Einsamkeit der Amerikaner, die der Marokkaner Touhami Ennadre am 11.9.2001 in New York fotografiert hat, unterscheidet sich nicht von den Gefühlen der Überlebenden eines Schiffsunglücks im Mittelmeer, bei dem 1996 über 250 Flüchtlinge aus Südasien starben und das die Gruppe Multiplicity in ID: A Journey through a Solid Sea dokumentiert hat. Oder die Bewohner der Balkandörfer in Ulrike Ottingers sechsstündigem Film Südostpassage und die Leute in Hamburg-St. Pauli, die mit der Gruppe Park Fiction für eine Kleinigkeit, einen Park für ihr Viertel, kämpfen - alles Leute, die in

schwierigen Verhältnissen irgendwie zurechtkommen wollen. Die Finnin Eija-Liisa Ahtila sagt in einer Sequenz ihres Videos The House: "Das Schiff, das ich höre, ist alle Schiffe. Es ist rot, es ist grün, es ist blau. Es transportiert alle Flüchtlinge, in alle Länder der Welt. Es ist schon lange da, es wird gleich kommen."

Es heißt, dieses Jahrhundert wird von der Biologie geprägt werden. Im Gegensatz zur klassischen Physik, die die Welt in ihre Einzelteile zerlegt, um so nach den Regeln der Mechanik zu einer übersichtlichen Ordnung zu kommen, geht die Biologie von untrennbar zusammenhängenden Einheiten aus, von individuellen Teilen und ganzen Systemen, den einzelnen Bäumen und dem Wald. In diesem Zusammenhang Kunst bloß als Ästhetik plus Diskurs zu definieren heißt, die Vergangenheit zu beschwören, als Kunst, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Poesie, Geld und Leben getrennt waren. Der aus Benin stammende Künstler Meschac Gaba hat diesem Denken auf der Documenta mit einer Bibliothek ein kleines Denkmal gebaut: Kunstbücher stapeln sich dort auf Regalen und Tischen, sogar auf dem Boden, aber kaum jemand blättert darin, es ist nur leere Masse, Kunst für die Kunst, nicht für die Menschen. Dagegen das Bataille-Monument des Schweizers Thomas Hirschhorn in einem Arbeiterviertel abseits der Museen: Es besteht aus Bibliothek, Denkmal, Imbiss, es gibt auch ein Fernsehstudio, in dem türkische Kids aus der Nachbarschaft sitzen und japanische Gameshows gucken. Ein Ort, an dem Menschen und Kunst tatsächlich zusammenfinden.

Wie übrigens auch Kassel: Joseph Beuys hat in der Stadt von 1982 an Bäume für die Documenta 7 pflanzen lassen, nun steht die Kunst am Straßenrand, spendet Schatten und sieht schön aus. Und die Ausstellung, nein, nicht die einzelnen Werke, sondern tatsächlich der Wald, funktioniert ähnlich: Überall laufen fremde Menschen herum, sie reden miteinander, das ist richtig auffällig, und lächeln sich dabei an. Es ist, als wäre alles klar, als hätten für einen Moment alle gemerkt, dass niemand allein ist. -----1