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Der Ketzer

Der Ökonom Reinhard Selten weist seit fast 50 Jahren nach, dass die Wirtschart anders funktioniert, als viele seiner Kollegen annehmen. Mit brand eins sprach der Nobelpreisträger über den Mythos der rationalen Entscheidung.




Auf den ersten Blick kommt Reinhard Selten dem Klischee des Professors ziemlich nahe: ein netter älterer Herr mit wirrem Haar, der grobe Schuhe zum Anzug trägt. Äußerlichkeiten haben den 71-Jährigen noch nie interessiert. Er lebt für die Wissenschart und ist auch jetzt, sechs Jahre nach seiner Emeritierung, häufig im Labortrakt der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn anzutreffen.

Nach seinem Mathematikstudium machte sich Selten einen Namen als Theoretiker und Experimentalökonom. Bereits Ende der fünfziger Jahre begann er, die herrschenden Vorstellungen der Wirtschaftswissenschaften im Labor zu überprüfen. Und fand heraus, dass Menschen sich nicht so rational verhalten, wie sie es der neoklassischen Lehre zufolge eigentlich tun müssten.

Lange galt er unter den Dogmatikern der Ökonomie als Ketzer, heute beginnt sich sein Konzept einer realistischeren Wirtschaftswissenschaft langsam durchzusetzen. 1994 bekam Selten als erster deutscher Ökonom überhaupt den Nobelpreis – allerdings nicht für seine experimentellen Arbeiten, sondern für die Weiterentwicklung der orthodoxen Spieltheorie, einem streng rationalen Entscheidungsmodell.

Reinhard Selten war nie ausschließlich Ökonom. Er beschäftigte sich unter anderem mit Biologie und Konfliktforschung und ist ein Anhänger der Kunstsprache Esperanto. In der Zeit, die ihm noch bleibt, will er sich ganz auf die Erforschung der "Theorie des eingeschränkt rationalen Verhaltens" konzentrieren. Auf die Frage, was für ihn persönlich die schwierigste Entscheidung war, antwortete er nach einigem Zögern: "Das trifft mich jetzt ganz unvorbereitet, weil ich über mein eigenes Leben kaum nachdenke."

Reden wir also über die Wissenschaft.

brand eins: Herr Selten, was ist die Quintessem Ihrer Arbeit?

Reinhard Selten: Eines der wichtigsten Ergebnisse ist: Die Rationaiität von Entscheidungen wird weit überschätzt, gerade in meinem Fach, den Wirtschaftswissenschaften. Die herrschende Lehre- verlangt geradezu Übermenschliches von den Leuten. Da sollen Unternehmer etwa bei jeder Entscheidung Wahrscheinlichkeitsurteile über alle möglichen künftigen Konsequenzen fällen. Dabei ist psychologisch nachgewiesen, dass Menschen mit einer solchen Aufgabe überfordert sind.

Diese Kritik der reinen Vernunft erstaunt ein wenig. Immerhin haben Sie für Ihre Arbeit an der Spieltheorie – dem Modell rationaler Entscheidungen schlechthin – den Nobelpreis bekommen.

Die rationale Entscheidungstheorie hat ihre Berechtigung. Sie ist ein wunderschönes mathematisches Modell einer vollkommenen Welt. Und sie erklärt auch einen Teil der Realität, zum Beispiel in der Biologie. Die Evolution erzeugt bei ganz und gar unvernünftigen Tieren und Pflanzen in gewisser Weise optimale Verhaltensprogramme, sie erzwingt bei einfachen Organismen gnadenlos Rationalität. Höhere Wesen wie wir, die viel stärker von der Kultur geprägt sind als von der Evolution, haben viel größeren Spielraum. Menschen verhalten sich nun mal nicht streng rational. Die Spieltheorie ist bestenfalls eine erste Annäherung an dieses Problem, eine Art idealer Maßstab. Das war mir schon Ende der fünfziger Jahre klar, als ich als Experimentalökonom anfing, theoretische Annahmen im Labor zu überprüfen.

Ein Beispiel, bitte.

Wir haben jüngst ein ganz einfaches Verkehrsexperiment durchgeführt. Eine Gruppe Versuchspersonen sollte möglichst schnell von A nach B kommen und konnte dabei zwischen einer Haupt- und einer Nebenstrecke wählen. Je mehr Autofahrer sich für eine der Varianten entschieden, desto länger war die Fahrzeit auf dieser Route. Das Experiment wurde 200-mal wiederholt. Für diese Anordnung gibt es ein spieltheoretisches Gleichgewicht: Es entsteht, wenn sich eine bestimmte Zahl der Versuchspersonen für die Haupt-, der Rest für die Nebenstrecke entscheidet. Dann profitiert niemand mehr, wenn er seine Wahl ändert. Ginge es streng rational zu, müsste sich dieses Gleichgewicht einstellen. Bei unserem Experiment wurde es auch erreicht, aber nur kurzfristig. Es gab bis zum Ende Fluktuation; die Leute dachten, sie müssten sich umentscheiden, weil andere dies auch tun wurden.

Der Mensch ist also irrational?

Ich würde sagen: Er ist eingeschränkt rational, aber nicht unvernünftig.

Woran liegt das?

Unter anderem daran, dass die meisten unserer Entscheidungen, ein Großteil unserer Denkprozesse überhaupt, unterhalb der Ebene des Bewusstseins ablaufen. Ein Beispiel: Sie brauchen einen Computer und wählen unter verschiedenen Modellen eines aus. Wenn man Sie hinterher fragt, warum Sie sich so und nicht anders entschieden haben, werden Sie vielleicht sagen: Die Vorteile des Modells X haben schwerer gewogen als die der anderen Modelle. Aber Sie können nicht sagen, wie der Abwägungsprozess abgelaufen ist. Das Bewusstsein ist tatsächlich nur ein sehr kleiner Teil unseres Entscheidungsapparates. Aus gutem Grund: Stellen Sie sich vor, Sie müssten in jeder Situation genau überlegen, was zu tun ist, da wären Sie lebensuntüchtig.

Ist der Appell an die Vernunft also sinnlos?

Das kommt immer auf den konkreten Fall an. Natürlich ist es bei vielen Problemen sinnvoll, sich gewisse Überlegungen zu machen. Bei Verhandlungen etwa ist es ganz entscheidend, vorher einen Plan zu haben. Andererseits zeigt sich, dass gerade die, die größtmöglicher Rationalität verpflichtet sind, große Fehler machen. So waren mit den beiden Wirtschaftsnobelpreisträgern Robert C. Merton und Myron S. Scholes zwei berühmte Vertreter der klassischen Lehre mitverantwortlich für die Fast-Pleite des Hedge-Fonds Long Term Capital Management.

Sie haben ein Telekommunikations-Unternehmen vor der Versteigerung der deutschen UMTS-Lizenzen beraten.

Ja. Wir haben das Bild, das die Firma von der Situation hatte, in eine experimentelle Anordnung übersetzt.

Das Ergebnis der Auktion gilt nicht gerade als Erfolg.

Stimmt. Allerdings lag das nicht an unserer Beratung.

Woran denn?

Zum einen war meines Erachtens allen Beteiligten bei diesem Spiel nicht klar, was die Lizenzen eigentlich wert sind. Zum anderen hat sich bei der Auktion eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Bei einer Auktion muss man sich an seinen Plan halten. Alle Probleme, die auftreten können, sind vorher absehbar. Dass man sich an diese einfache Regel oft nicht hält, ist allerdings auch typisch. Menschen neigen dazu, sich nicht festzulegen, wenn sie das nicht unbedingt müssen.

Und viele Leute denken vermutlich, sie seien schlauer als der Rest der Welt.

Das scheint eine humane Konstante zu sein. Unter anderem haben das Börsenexperimente gezeigt. Dabei konnten die Teilnehmer verschiedene Wertpapiere kaufen und verkaufen – ihnen wurde sogar gesagt, was die Aktien nach einer bestimmten Zahl von Handelsperioden wert sein würden. Obwohl die Leute das wussten, entstand eine typische Börsen-Blase, die dann platzte. Das heißt, die Aktien wurden zu deutlich höheren Kursen gehandelt, als sie am Ende wert sein würden. Die Leute dachten offenbar: Ich werde es merken, ich steige rechtzeitig aus. Aber natürlich steigt nicht jeder rechtzeitig aus.

Lernen die Menschen aus Fehlern?

Schon. Bei der dritten identischen Wiederholung des Börsenexperiments tritt keine Blase mehr auf. In der Realität allerdings gibt es immer neue Spekulanten, die aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger nichts gelernt haben. Sie sagen sich: Jetzt sind ganz andere Umstände, jetzt gibt es eine ganz neue Ökonomie – und schon ist die nächste Blase da.

Was raten Sie Menschen, die vor schwierigen Entscheidungen stehen?

Sehr wichtig ist, sich das Problem genau anzuschauen. Einer der größten Fehler ist es, Erfahrungen aus der einen auf die andere Situation zu übertragen. Deshalb schneiden Laien bei Untersuchungen oft besser ab als Profis. Mitarbeiter von mir haben eine Reihe von Experimenten gemacht, in denen mit Optionen gehandelt wurde. Die meisten wurden mit Studenten durchgerührt, einige mit professionellen Händlern einer großen Bank. Die herrschende Lehre geht davon aus, dass sich Menschen in dieser Situation nach subjektiven Wahrscheinlichkeiten, also Erwartungen über die Zukunft, richten. Deshalb bekamen alle Untersuchungsteilnehmer Informationen über die Wahrscheinlichkeit, mit der die Kurse steigen oder sinken würden. In der Wirklichkeit gibt es solche Hinweise natürlich nicht. Die Studenten erzielten beim Optionshandel letztlich bessere Ergebnisse, weil sie im Gegensatz zu den Profis die Wahrscheinlichkeits-Informationen tatsächlich berücksichtigten. Die Banker taten dies nicht, obwohl es im Experiment von Vorteil gewesen wäre – ein Hinweis darauf, dass sie sich auch in ihrer beruflichen Praxis nicht nach Wahrscheinlichkeitsurteilen richten. Sie glaubten einfach zu wissen, was zu tun ist.

Ist Wirtschaft tatsächlich Psychologie?

Ja, und auch Soziologie, Politik und Philosophie. Die traditionelle eindimensionale Vorstellung der Ökonomen ist auf alle Fälle überholungsbedürftig. Nehmen Sie nur die Standardannahme in den Wirtschaftswissenschaften, der Mensch sei egoistisch und nur an der Mehrung seines eigenen Profits interessiert. Das hat sich bei etlichen Untersuchungen als falsch erwiesen. Bei vielen Experimenten verhalten sich ungefähr 40 Prozent der Versuchspersonen kooperativ – auch, wenn sie ihren Mitspielern nur einmal gegenübertreten, also selbst für egoistisches Verhalten nicht bestraft werden können.

Ein empirischer Beweis für Moral?

Kooperatives Verhalten ist keine Frage der Moral – selbst die Mafia beruht darauf. Richtig ist: Emotionen spielen im Geschäftsleben eine erhebliche Rolle. Die Wirtschaft ist nicht so rational, wie die Ideologen des Shareholder Value behaupten. ---