Partner von
Partner von

Was ist eigentlich LBS?

LBS hat nichts mit Landesbausparkassen zu tun, sondern steht für Location Basec Services. Die neuen Dienste sollen aus dem Handy einen universellen Lotsen machen und den Anbietern viel Geld einbringen. Zuvor sind allerdings noch einige Hürden zu nehmen.




Peter ist ein Freund italienischer Rotweine, Katja eine passionierte Schnäppchenjägerin, und Lucas will Mädchen kennen lernen. Ihnen allen kann geholfen werden, verspricht die Telekom-Industrie: Location Based Services (LBS) heißt die Wundertechnik, die das Mobiltelefon zur Empfangsstation für individuell maßgeschneiderte Informationen machen soll. Peter, Katja und Lucas sollen dorthin gelotst werden, wo es das gibt, was sie suchen. Beim Spaziergang in der Innenstadt wird Peter via Handy in die Weinhandlung mit den für ihn interessantesten Angeboten geführt ("Gehen Sie 50 Meter geradeaus, dann die zweite Straße rechts, an der Lindenallee 23 gibt es bei ,Wein ums Eck' Barolo, Jahrgang 1967"). Katja wird beim Vorbeigehen am Aldi-Markt erfahren, dass dort gerade Pizza im Angebot ist. Und Lucas bekommt die schöne Nachricht, dass ein einsames Herz im nahe gelegenen Club auf einen Tanzpartner wartet.

Wie das funktioniert? Ganz einfach: Die Sender annoncieren ihr Angebot, die Empfänger geben ihre Wünsche bekannt. In den Datenbanken der Mobilfunknetz-betreiber werden die Informationen gespeichert und zueinander geführt. Angebot trifft Nachfrage und umgekehrt - wenn's klappt, haben alle etwas davon.

Allen voran die Netzbetreiber selbst. Sie würden als Vermittler Gebühren kassieren und sich so neue Einnahmequellen erschließen. Diesen neuen Markt braucht die Branche nach Milliardenausgaben für die sündhaft teuren UMTS-Lizenzen dringend. Laut den Voraussagen des renommierten britischen Marktforschungsinstituts Ovum werden mit Location Based Services bis 2006 " weltweit elf Milliarden Dollar verdient, allein in Deutschland sind es 935 Millionen". Demnach hat LBS das Potenzial für den Massenmarkt. Die Marketingstrategen krempeln schon mal die Ärmel hoch. Packen wir's an!

Seit Februar können etwa im D1-Netz der Deutschen Telekom Billigtankstellen in der unmittelbaren Umgebung abgefragt werden. Swisscom hat "Friends around" auf die Piste gebracht: Wer wissen will, ob jemand aus der Clique in der Nähe ist, sieht das auf dem Display seines Handys. Wo ist die nächste Apotheke? Das nächste Krankenhaus? Ein Taxistand? Hotel? Restaurant? Oder ein Bankautomat? In fast allen Netzen genügt eine SMS, binnen Sekunden kommt die Antwort. Für Orientierungsschwache und Ortsunkundige bringt das entschieden Vorteile, zweifellos.

Das Netz weiß, wo wir sind Egal, ob die Übertragungsstandards GSM, GPRS oder UMTS heißen, die Basistechnologie für Location Based Services existiert seit Beginn des Mobilfunkzeitalters. In Deutschland gibt es derzeit 54 Millionen Handybesitzer. Wer immer sein Mobiltelefon anschaltet, bucht sich ins Netz ein, gibt damit bekannt, wer er ist und mit dem Wählen der Nummer auch, wen er erreichen will. Und am Ende jedes Monats kommt eine Rechnung ins Haus, auf der jedes einzelne Gespräch aufgeführt ist.

Ein Blick hinter die Kulissen macht klar, wie das funktioniert. Ein Mobilfunknetz ist wie ein Bienenstock aus vielen einzelnen Waben aufgebaut, die so genannten Zellen. Weil die Handy-Antenne ihren Standort permanent funkt, weiß ein zentraler Knotenpunkt, in welcher Zelle sich der Besitzers des Geräts gerade befindet. Wer telefoniert, teilt der Basisstation mit, wen er anrufen will. Der Gesprächspartner wird blitzschnell in seiner jeweiligen Zelle gefunden und eine Verbindung aufgebaut. Europaweit, weltweit. Es ist deshalb kein Problem, überall in diese "Luftwaben" zusätzliche Informationen einzuschleusen. Jeder, der will, kann das tun. Und jeder, der möchte, kann sie abfragen.

Die einzige Schwierigkeit liegt in der geografischen Exaktheit der bestehenden Systeme. Der große und wesentlich treffsicherere Bruder der GSM-Ortungstechnik ist GPS - das Global Positioning System. Dabei werden vom Satelliten aus GPS-Antennen auf der Erde angepeilt und bis auf einen Meter genau gefunden, selbst in der Wüste, am Mount Everest oder im Dschungel. Allerdings funktioniert GPS nur unter freiem Himmel, in Gebäuden herrscht Funkstille. Und GPS-Geräte sind nicht weit verbreitet.

Die Mobilfunk-Ortung ist zwar noch relativ ungenau, dafür wird es Ende 2002 weltweit fast eine Milliarde Handys geben. An exakterer Ortungstechnologie wie Zellidentifikation, TOA (Time of Arrival) und Triangulation wird gefeilt. Während Zellidentifikation nur eine Genauigkeit von fünf Kilometern aufweist, kann mit TOA der Standort bereits auf hundert Meter genau bestimmt werden. Das Handy wird lokalisiert, indem die Zeit, die ein Signal vom Benutzer zum Mobilfunknetz braucht, gemessen wird. Noch präziser ist Triangulation. Dabei wird die Übertragungsdauer eines Signals vom Handy zu mehreren Basisstationen berechnet und die Position so bis auf 50 Meter genau ermittelt. Das reicht aus, um LBS treffsicher zu machen.

Die zwei größten zu überwindenden Hürden sind allerdings nicht technischer Art. Einerseits laufen Datenschützer gegen die neuen mobilen Dienste Sturm und prophezeien den orwellschen Überwachungsstaat. LBS macht es prinzipiell möglich, jeden Handybenutzer zu jeder Zeit an jedem Ort aufzuspüren. Eine interessante Perspektive für eifersüchtige Ehepartner, Privatdetektive, Geheimdienste und Polizei. Momentan ist solche elektronische Schnüffelei illegal, ohne explizites Einverständnis kann niemand geortet werden. Und die Mobilfunkbetreiber versprechen - im ureigensten Interesse - auch weiterhin größtmögliche Sorgfalt walten zu lassen.

Ein zweiter, nicht weniger bedeutsamer Faktor für den Erfolg von Location Based Services wird jedoch die Frage sein, inwieweit die Mobilfunkbetreiber bereit sind, den direkten Draht zu ihren Kunden mit anderen Unternehmen zu teilen. Denn ganz allein - daran lassen die Experten von Ovum keinen Zweifel - werden sie die breite Palette möglicher Anwendungen nicht auf die Beine stellen können. Verlagshäuser, Software- und Spiele-Hersteller stehen schon Schlange.

LBS soll aus dem großen Traum vom mobilen Geschäft endlich Wirklichkeit werden lassen. Aber werden die UMTS-gebeutelten Mobilnetzbetreiber andere an diesen großen Kuchen lassen? Finden sie Modelle, um die Gewinne zu teilen? Zu guter Letzt müssen auch die Handy-Hersteller mitspielen. Auf den heutigen Mini-Displays werden sich die mobilen Stadtpläne von morgen nicht ablesen lassen.

Die Perspektive: unklar "Wenn alles nach Plan läuft, sich die Netze öffnen, die richtigen Handys rechtzeitig auf den Markt kommen und alles einwandfrei auf die Displays gefunkt wird, dann könnte LBS in zirka drei bis vier Jahren tatsächlich breit etabliert sein", sagt Uwe Herzog von Eurescom, einem europäischen Forschungsinstitut, das soeben eine Studie zu diesem Thema bei Jugendlichen durchgeführt hat. Behält er Recht, dann wird aus dem guten alten Handy eine Universalmaschine: Babysitter, Reklametafel oder Stadtführer: "Das war das Brandenburger Tor. Wir schlagen vor, Sie setzen sich jetzt in den Bus - die Haltestelle befindet sich rechts hinter Ihnen - und Fahren zum Reichstag, dort wartet bereits der nächste Vortrag auf Sie. Sollten Sie Hunger haben, empfehlen wir Ihnen die Pizzeria Luigi, ganz in der Nähe. Wenn Sie wollen, reservieren wir einen Tisch." Wollen die Leute das wirklich? Das ist die interessanteste Frage. Von der Antwort hängt ab, ob LBS das Zeug zum Massenmarkt hat - oder Gimmick bleibt.