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Triumph der Gier

Er selbst bezeichnet sich gern als "Moralist in einem unmoralischen Geschäft": Der viel beschäftigte Börsenkolumnist Bernd Niquet kritisiert vehement die verheerenden Folgen des globalen Casino-Kapitalismus – und hofft auf eine heilsame Krise.


brand eins: Der Zusammenbruch der Hightech-Märkte hat auch zu einem Crash der Theorien geführt. Welche Form könnte eine von der üblichen Rhetorik unabhängige Bestandsaufnahme haben?

Niquet: Vielleicht frei nach John Lennon und dessen Song "God": The dream is over What can I say?

The dream is over Yesterday I was the dreamweaver But now everything is new And so dear friends You'll just have to carry on The dream is over!

Das kann man sowohl von rechts als auch von links betrachten. Von rechts: Man hat die wirtschaftlichen Realitäten aus den Augen verloren. Oder von links: Die wirtschaftliche Realität völlig freier Märkte führt generell dazu, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Gott ist nicht tot, doch momentan hat ihn der Markt ersetzt.

brand eins: Ist das eigentliche Phänomen der neu entstandenen "Aktienkultur", dass eine maßhaltende Vernunft völlig fehlt?

Niquet: Man könnte sicherlich auch argumentieren, dass in sehr spektakulärer Weise jahrtausend alte Gesetzmäßigkeiten abrupt ans Tageslicht befördert wurden: zupacken, nicht überlegen! Und: Wer kann abseits stehen, wenn der Nachbar feste zupackt. John Maynard Keynes hat bereits in den dreißiger Jahren die Uniformität des amerikanischen Denkens an der Börse gegeißelt. Doch wir Deutschen scheinen in Hinsicht auf derartige Mitläuferphänomene Weltmeister zu sein. Das wirklich Schlimme ist, dass gerade diejenigen, die am wenigsten nachgedacht haben, in der Zeit bis März 2000 am meisten verdient haben. Und natürlich, dass wir es mit einem riesigen Interessenkartell zu tun haben: auf der einen Seite die Banken, die die Aktien auf den Markt bringen und am Eigenhandel sowie an der Dienstleistung für die Kunden verdienen, und auf der anderen Seite die Medien, denen die Kursaufschwünge ebenfalls einen warmen Regen in Form von höheren Einschaltquoten, höheren Verkaufszahlen und einem höheren Werbeumsatz gebracht haben. Die Stars sind diejenigen, die dem Kartell genau das vorbeten, was es hören will.

brand eins: Teilen Sie George Soros' Kritik am Marktfundamentalismus? Könnte die von ihm behauptete Instabilität der freien Finanzmärkte durch Reglementierungen ausgeglichen werden?

Niquet: Ich glaube, Soros hat empirisch Recht, ist jedoch theoretisch auf dem Holzweg. Mit der Feststellung, dass Finanzmärkte instabil sind, kann man den Marktfundamentalismus nicht aushebeln, das geben sogar die ärgsten Fundamentalisten zu. Der Hund liegt woanders begraben: Für die Marktfundamentalisten sind die Finanzmärkte der Appendix der Realwirtschaft, also der Schwanz, mit dem der Hund wackelt. Der Hintergrund hierfür findet sich in der Theoriegeschichte der vergangenen hundert Jahre, nach der man die Ökonomie als Realtauschwirtschaft versteht, damit jedoch die Rolle des Geldes unterbewertet.

Betrachtet man allerdings die Entscheidung, Geld zu halten oder es auszuleihen, als Gravitationspunkt des Wirtschaftens, dann kommt den Finanzmärkten plötzlich eine zentrale Bedeutung zu. Mit Stabilität und Instabilität hat das allerdings wenig zu tun. Es ist ein theoretisches Defizit, unter dem wir heute leiden. Doch das ist nur die Erklärung. Handlungsbedarf haben wir mit Sicherheit. Ob sich allerdings der von allen Fesseln befreite, international orientierte Vermögensanleger noch mal an die Kette legen lässt? Da bin ich eher skeptisch.

brand eins: Der Aufstieg und Fall der Hightech-Märkte ähnelt historischen Spekulationskrisen: So ist der Kursverlauf der Mississippi-Kompanie von 1720 und der der meisten Neue-Markt-Aktien identisch. Warum wird aus der Geschichte nichts gelernt?

Niquet: Zunächst einmal, weil es sehr leicht zu bestreiten ist, dass sich ganz prinzipiell Ereignisse aus dem 18. Jahrhundert heute noch einmal wiederholen können. Hinzu kommt: Wenn etwas passiert, zu dem es durchaus eine Analogie in der Geschichte gibt, dann heißt es stets: Es ist eine völlig neue Zeit angebrochen! Und die Gesetzmäßigkeiten von früher sollen ab sofort nicht mehr gelten. So war es beispielsweise in den zwanziger Jahren in den USA- und zum Ende der neunziger Jahre auch bei uns.

Doch das Wichtigste ist: Selbst wenn man den Tatsachen ins Auge sieht, kann man sich nur schwer der Euphorie entziehen. In der ersten Zeit, die sich manchmal, wie wir ja gerade erlebt haben, durchaus über Jahre erstrecken kann, haben nämlich immer die anderen Recht. Um sich dem entgegenzustellen, braucht man schon einige Standkraft. Und vielleicht auch Dummheit. Denn warum soll man auf Geschenke verzichten? Man muss nur sehen, dass man rechtzeitig wieder herauskommt. Doch wenn das alle denken, ist - schwupps - die ganze Gesellschaft in der Mausefalle gefangen.

brand eins: Ihre 1998 veröffentlichte "Generation X am Neuen Markt" ist eine Art stenografische Mitschrift der frühen tollen Tage. Sind Sie überrascht, dass der Report - nur gut drei Jahre später - eine mittlerweile fern scheinende Vergangenheit beschreibt?

Niquet: Für mich liegt die Ironie in Folgendem: Ich habe die enorme Entwicklung des Neuen Marktes vom Start im März 1997 bis zum Juli 1998 verfolgt. Als ich das Buch beendet hatte, war ich bereits ziemlich skeptisch, denn was sich bis dahin ereignet hatte, war bereits Wahnsinn. Das Buch endet dann auch mit der Frage, ob der in meinem Buch inszenierte Abgang von Egbert Prior den ganzen Markt in den Abgrund ziehen würde. Irgendwie war ich schon damals davon überzeugt, dass jetzt eine heftige Krise kommen müsse. Doch anschließend hat sich der Markt noch einmal verfünffacht! Das, was ich bereits als unfassbaren Endpunkt gesehen habe, war erst der Ausgangspunkt. Man musste fast glauben, dass wirklich die Gravitation außer Kraft gesetzt worden ist. Wie heißt es so schön: Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist.

brand eins: Eine Ihrer Thesen ist, dass sich die gierige Yuppie-Generation der Achtziger in den goldenen Börsenzeiten Ende der Neunziger verspätet, aber dafür umso gründlicher selbstverwirklichen konnte. Was sagen Sie zu den moralischen Gegenpositionen beispielsweise eines Michel Houellebecq?

Niquet: Das scheinen mir bestenfalls Nischenphänomene zu sein. Die Mehrheit will nur eines: voll drauf - immer größer, immer schneller, immer weiter. Und natürlich auch immer teurer. Doch je angespeckter sie damit von außen wird, umso leerer wird es in ihrem Inneren. Das scheint für mich die entscheidende Thematik der nächsten Jahre zu sein. Ich habe gerade mit dem Versuch begonnen, das literarisch umzusetzen. Gegenstand dieses Romans ist das Haus, in das ich vor kurzem mit meiner Familie gezogen bin. Schon wieder begegnet mir hier ein Zauberberg. Ein miefig stinkendes, abgeschlossenes Etwas, welches - ganz wie bei Thomas Mann - erneut auf das Ende einer Epoche schließen lässt. Es ging wohl noch nie einer Generation so gut wie der Erbengeneration von heute. Und dennoch hat man den Eindruck, dass die psychischen Schieflagen im Vergleich zur Abgesichertheit sogar überproportional angestiegen sind. Eine Krise könnte deshalb durchaus Heilwirkung haben und uns wieder ein Warum bringen. Das klingt natürlich zynisch. Doch wenn man sich das Geschehen an den Märkten derzeit anschaut, kann man durchaus auf die Idee kommen, das Ganze hätte zum Ziel, ein über Generationen angesammeltes Vermögen kollektiv zu verzocken.

brand eins: In Ihrem jüngst erschienenen Roman "Der Zauberberg des Geldes" beschreiben Sie am Beispiel einer fiktiven Staatsgründung eine zauberhafte Vermögensvermehrung durch die Ausgabe von selbst emittierten Vermögenstiteln. Eine Allegorie auf den an der Grenze zur Hysterie operierenden Neuemissions-Boom von 1995 bis 1999?

Niquet: "Der Zauberberg des Geldes" ist primär hassgetrieben. Ich wollte mal ein richtig böses Buch schreiben. Denn ich finde es beinahe unerträglich, in welcher Art und Weise die Aktien- und Finanzmärkte mittlerweile unser Leben regieren. Und wie unterschwellig das alles abläuft. Da wird dann der brave Familienvater zum Jobkiller, weil er durch seine Aktiengeschäfte über den Shareholder Value die Unternehmen zu ihrem Tun treibt. Ich übertreibe jetzt einmal bewusst: Meine Generation hat ihre Väter mit der Frage gequält, wie sie denn zum Nationalsozialismus gestanden haben. Ich hingegen gehe fest davon aus, meiner Tochter einmal die Frage beantworten zu müssen, wie es meine Generation geschafft hat, unser Land völlig zuzubetonieren, die Staatsfinanzen zu ruinieren und dazu auch noch den Zauberlehrling von der Leine zu lassen. Warum das so ist, das kann ich wohl beantworten. Leider jedoch habe auch ich keine Alternative zu bieten.

brand eins: Mit der Mega-Baisse hat sich die Euphorie am Neuen Markt ins Gegenteil verkehrt. Gibt es jetzt neue Chancen?

Niquet: Sicherlich gibt es im Einzelfall Unternehmen, die zu Unrecht geprügelt wurden und bei denen sich jetzt gute Zukunftschancen zu einem sehr günstigen Preis kaufen lassen. Doch wer bringt das Know-how dazu mit? Den Banken und Investmentfirmen ist nicht zu trauen, denn ihr Ziel ist die Maximierung der eigenen Gewinne und nicht die der Anleger. Was ist mit den Börsenzeitschriften? Hier wird die Börse tatsächlich zur Clownerie, denn kaum jemand der in der Hausse-Phase für viel Geld eingekauften Redakteure ist auch nur in Ansätzen in der Lage, eine Bilanz zu lesen. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit, ein Unternehmen als Gesamtheit beurteilen zu können.

Also bleibt der Anleger allein mit seiner Entscheidung. Die Crux: Ich würde es mir niemals zutrauen, entscheiden zu können, ob beispielsweise eine Software hinsichtlich einer bestimmten Problemlösung einzigartig ist oder nicht. Deshalb halte ich auch die Aufforderung an die potenziellen Aktienkäufer, sich ausgiebig über das Unternehmen zu informieren, für dummes Gequatsche. Wer also jetzt wirklich in den Markt einsteigen will, sollte aus meiner Sicht keinesfalls Einzelwerte, sondern immer den Index selbst, also Indexzertifikate kaufen, um damit die bestmögliche Streuung zu erzielen.

brand eins: Ein Schwenk zur Chart-Technik, der grauen Eminenz im Börsengeschehen, die viele Anhänger und wohl einen erheblichen Anteil am Tohuwabohu hat. Ist der Chart-Technik, die aus Kursverläufen die weitere Kursentwicklung vorhersagen will, überhaupt etwas entgegenzusetzen?

Niquet: Natürlich ist der Chart-Theorie nichts entgegenzusetzen, doch das ist es gerade, was ihr entgegenzusetzen ist! Eine Theorie, die alles erklären kann, erklärt letztlich nichts. Ich vergleiche das mit "Würfel-Charts". Würfeln, da sind wir sicherlich alle einig, ist ein Zufallsprozess. Wenn ich jetzt eine Fünf würfle, dann ist damit nichts, aber auch gar nichts über die Augenzahl meines nächsten Wurfes ausgesagt. Nun stellen wir doch einmal das Würfeln grafisch dar. Ich habe dies in meinem Buch " Der Crash der Theorien" gemacht - und ausgehend von einem willkürlich gewählten Ausgangswert stets die Augenzahl des Wurfes mit einem präparierten Würfel hinzuaddiert. Es ergibt sich ein Chart, der haargenau aussieht wie ein ganz normaler Aktien-Chart. Und das bedeutet: Die Chart-Theorie lässt sich auch hier wunderbar anwenden! Doch wenn eine Theorie Zufallsentwicklungen ebenso erklären kann wie vermeintlich nicht zufallsgesteuerte Prozesse, dann ist sie offensichtlich völlig unsinnig. Sie ist unangreifbar, doch sie bringt nichts.

brand eins: Die Verluste im Hightech-Sektor sind inzwischen erheblich höher als beim Aktien-Crash von 1929, der als Auslöser der Weltwirtschaftskrise gilt. Besteht die Chance, dass wir heute mit einer Rezession davonkommen? Ist Schlimmeres noch zu vermeiden? Und werden die Weltfinanzmärkte an ihrem mythischen Vertrauen zu Alan Greenspan festhalten?

Niquet: Bei Alan Greenspan wird es auch nicht anders sein als bei Harald Juhnke oder anderen öffentlichen Personen. Erst hebt man sie in den Himmel, anschließend holt man sie wieder herunter und macht sie fertig. Für viel entscheidender halte ich die Parallele zu den zwanziger und dreißiger Jahren: Eine auch nur annähernde Wiederholung einer derartigen Krise halte ich für nahezu ausgeschlossen. Was jedoch nicht bedeutet, dass sich die Muster nicht gespenstisch entsprechen: erst eine Riesen-Hausse mit gigantischem Überoptimismus, dann der Zusammenbruch der Märkte, verbunden mit einer Wirtschaftskrise. Und das Entscheidende: parallel dazu das Abkippen eines inflationären Szenarios in ein deflationäres, was jedoch keiner so recht wahrhaben will. Damals nicht und heute nicht.

brand eins: Mit welchen Auswirkungen für die Wirtschaft wäre denn dann zu rechnen?

Niquet: Im deflationären Szenario passiert im Grunde genommen genau das Spiegelbildliche zur Inflation. Also kein signifikanter Anstieg der Unternehmensgewinne, sondern eher ein Druck auf sie. Dafür jedoch keine steigenden Zinsen, sondern stabile und noch weiter fallende Zinsen. Und das bedeutet: Nicht derjenige, der Kredite aufnimmt und damit Sachwerte kauft, ist der König, sondern derjenige, der schuldenfrei ist und sein Pulver trocken hält. Oder literarisch gesprochen: Wer jetzt kein Haus hat, der sollte sich auch keines mehr bauen.

brand eins: Zum Abschluss noch eine aktuelle Börsen-Prognose?

Niquet: Da verweise ich auf Mark Twain: "Für Börsenspekulationen ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Januar, März, April, Mai, Juni und Juli bis Dezember."