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Training fürs Leben

Die Amerikaner sind wie wir: gestresst, unzufrieden, überfordert. Sie verlieren sich zwischen Job, Partner und Freizeit. Sie würden gern ihr Leben ändern, wissen aber nicht wie. Doch sie haben einen Vorteil: Sie können einen Life Coach mieten. Der managt ihnen den Alltag, findet mit ihnen heraus, was sie vom Leben wollen, und hilft ihnen, das auch zu erreichen. Ein Job für die Zukunft: der persönliche Lebensretter.




"Würden Sie gern Ihr Leben ändern? Sehnen Sie sich nach mehr Gemeinschaft? Mehr Zeit für sich selbst? Möchten Sie besser auf Ihre Gesundheit achten, Stress reduzieren und mehr Balance in Ihrem Leben herstellen? Tja, dann sind Sie kein Einzelfall." So beginnt Cheryl Richardsons Buch "Take Time for Your Life - A Personal Coach's Seven Step Program for Creating the Life You Want". Es ist ein Programm für ein erfülltes Leben, das, wie die Autorin meint, ebenso tauglich ist für den Manager mit 60 Arbeitsstunden pro Woche wie für die gestresste, allein erziehende Mutter. Mit einem Wort: für alle Menschen, die ihre tägliche Herausforderungen nur schwer meistern können.

Richardson war die erste Präsidentin der International Coach Federation, dem Dachverband eines Berufsstandes, der in den vergangenen Jahren enormen Zulauf verzeichnete und in den USA boomt: Man nennt sie Personal Coaches oder auch Life Coaches. Mehr als 5000 praktizieren in den USA, so Sandy Vila von der Coach University. Andere Schätzungen belaufen sich auf 10 000 Life Coaches, bis zum Jahr 2005 sollen es 50000 sein. "Can't Get a Life? Get a Life Coach", titelte die "New York Times".

Da die Profession erst vor etwa zehn Jahren entstanden ist, lässt sich das Berufsbild momentan nur schemenhaft umreißen. Die Qualifikation der Life Coaches wie auch ihre Methodik sind höchst unterschiedlich. Manche wirken wie Therapeuten, andere wie Manager. Manche bestehen darauf, ihre Kunden nicht zu treffen, um ihre Urteils- und Kritikfähigkeit nicht durch zu viel persönliche Nähe zu gefährden, andere nehmen ihre Klienten mit zu Angeltouren. In den meisten Fällen ist ein Honorar von etwa 700 Dollar monatlich für eine einstündige Telefonberatung pro Woche plus kostenlose Tipps per eMails üblich. Richardson gilt als Pionier auf dem Gebiet. Sie wurde 1997 zu einer der zehn besten Personal Coaches Amerikas gewählt und praktiziert im US-Bundesstaat Massachusetts.

Mrs. Richardson, kann man Leben trainieren und lernen?

So kann man die Frage nicht beantworten. Man kann lernen, sein Leben als komplexes System zu begreifen. Sie müssen in Harmonie mit sich leben: körperlich, emotional, seelisch, spirituell und finanziell. Wer in der Lage ist, all diese Elemente aufeinander abzustimmen, der wird das Leben leben, das ihn glücklich macht.

Das tun Ihre Kunden nicht?

Natürlich nicht. Wir sind zu sehr beschäftigt mit Jobs und Karrieren, wir streben zu sehr nach Geld, Erfolg, Anerkennung, sogar nach einer erzwungenen Form von Familienglück, weil uns die Gesellschaft das vorgibt. Wir unterliegen der Geißel des zermürbenden Credos: mehr, mehr, mehr oder, anders formuliert, größer, besser, schöner. Nennen Sie mir jemanden, der wirklich das tut, was er gern tut, der nicht unter unserer komplizierten, hektischen und unüberschaubaren Welt leidet. Wir leben im Zeitalter der Technik, die unser Leben komplett umgekrempelt hat.

Ist die Technik ein Segen für die Menschheit?

Sie ist ein Segen, aber auch ein Fluch. Wir rasen durch die Welt, alles wird immer schneller. Wir sind immer zu erreichen, per Telefon, Fax, eMail, Handys, Pager. Vor 20 Jahren hätte ich Sie angerufen, und wenn Sie nicht zu Hause gewesen wären, hätte ich Pech gehabt. Heute kriege ich Sie irgendwo zu fassen und addiere einen Punkt auf Ihrer Noch-zu-erledigen-Liste. Ich zwinge Sie, Ihr Leben zu beschleunigen und mich zu integrieren. Hinzu kommt, dass alles immer schneller vergeht, man sich dauernd neu orientieren muss. Die Technik, Umgangsformen, Lebensinhalte haben sich dramatisch verändert, aber unsere internen Operations- und Schaltzentralen nicht.

Und da hilft ein Life Coach?

Es geht uns darum, die Lebensqualität eines Klienten zu verbessern. Wir helfen Ihnen, herauszufinden, was Sie davon abhält, ein harmonisches, zufriedenes Leben zu führen. Dann erarbeiten wir eine Strategie, wie Sie Ihre Probleme beseitigen und die Hindernisse überwinden können. Umsetzen müssen Sie das selbst.

Das klingt nach Psychotherapie.

Psychotherapie beschäftigt sich mit der Vergangenheit, sie ist bemüht, alte Wunden zu heilen. Coaching ist auf die Gegenwart und Aktivität ausgerichtet. Wenn Sie Übergewicht haben, nehmen Sie sich einen Fitnesstrainer, der Sie in Form bringt. In mir engagieren Sie einen Fitnesstrainer des Alltags, der Ihnen hilft, das Leben zu erschaffen, das Sie sich wünschen.

Beschreiben Sie mir bitte einen Ihrer Klienten.

Nehmen wir Shirley. Shirley ist Vizepräsidentin einer Biotechnologiefirma. Nach herkömmlichen Maßstäben ist sie erfolgreich: Sie hat ein sechsstelliges Einkommen, ein schönes Haus an einem See, sie ist glücklich verheiratet. Ihre Chefs schätzen sie, ihre Kollegen respektieren sie, Shirley ist eine Koryphäe in ihrem Beruf. Nur: Shirley fühlt sich nicht erfolgreich. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens mit einer Fahrt ins Fitnessstudio, und vor neun Uhr abends kommt sie nicht nach Hause. Dabei träumt sie aber von einem Leben, in dem sie mehr Zeit für sich selbst hat.

Und nun?

Shirley muss sich selbst zu ihrer obersten Priorität machen. Sie muss ihren Tagesablauf nach ihren Bedürfnissen gestalten. Sie darf sich nicht von ihrem Job, ihrem Partner und anderen Menschen aussaugen lassen. Ihr Streben nach Geld darf sie nicht unfrei machen. Sie muss einen Zugang zu ihrer inneren Harmonie finden. Das ist viel, aber es ist Schritt für Schritt zu schaffen.

Wie lange dauert es, bis Shirley wieder okay ist?

Im Durchschnitt zwischen 18 Monaten und drei Jahren. Das hängt davon ab, in welcher Verfassung der Klient ist, wenn er zum Life Coach kommt. Bei vielen ist es eigentlich schon fast zu spät, die sind mit ihrer Gesundheit am Ende, ihre Beziehung ist im Eimer, ihre Karriere in Schieflage. Sie wursteln sich nur noch durch.

Ist das symptomatisch für erfolgreiche Geschäftsleute?

Keineswegs. Ich arbeite mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Zum Beispiel Joseph, ein Angestellter in einem Architekturbüro. Der hatte Schulden und Angst, seinen Job zu verlieren. Oder Norman, ein Vertreter. Der düste zweimal im Monat durch ganz Amerika, wurde von seinen Untergebenen zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen und hatte eine Verlobte, die sich ständig darüber beschwerte, dass die Beziehung zu kurz kam. Und da war Marsha, eine allein erziehende Mutter, die versuchte Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen, die klassische Supermutter. Allen geht es inzwischen viel besser.

Machen wir mal einen Test: Mir ging's auch schon mal besser.

Gut, dann schreiben Sie mir Ihre Lebensgeschichte auf, formulieren Sie drei Ziele, die Sie innerhalb der nächsten 30 Tage verwirklichen wollen, und liefern Sie mir eine Liste von zehn Dingen, die Ihnen Energie rauben. Das sagt mir meistens fast alles. Ich finde zwischen den Symptomen die Quelle des Problems. Dann stelle ich Ihnen Fragen wie: "Was würden Sie gern tun, um sich zu entspannen? Wozu kommen Sie zu selten, obwohl es Ihnen Spaß macht? Was fällt Ihnen als Erstes ein?" Kochen.

Und warum kochen Sie nicht?

Immer wenn ich es mir vornehme, kommt etwas dazwischen: ein Termin, unerledigte Arbeit, keine Muße.

Das ist eine Standardantwort. Die Leute sagen immer, sie hätten keine Zeit, sie hätten Angst, sie würden zu wenig Geld verdienen, sie seien zu müde, sie seien zu alt, sie seien zu irgendwas. Das kaufe ich niemandem ab. Der Punkt ist in Ihrem Fall, dass Sie sich keine Zeit nehmen zum Kochen.

Ich habe tatsächlich keine.

Ich sage Ihnen, was wir tun. Bis nächste Woche suchen Sie sich fünf Rezepte heraus, von denen Sie eins auswählen. Dann machen Sie einen Zeitplan für ein Dinner und kochen. Das schaffen Sie.

Und wenn ich es nicht schaffe, weil ich, sagen wir, vor lauter Arbeit und Überstunden nicht zum Einkaufen gekommen bin?

Dann werden wir herausfinden, was Ihnen im Weg steht, und versuchen, das zu beseitigen. Das Kuriose ist, dass meistens Kleinigkeiten unser Leben überladen und ineffizient machen. Manchmal reicht es schon, Ihren Freunden zu sagen, sie sollen Ihnen keine überflüssigen eMails schicken. Sie müssen vor allem die Dinge eliminieren, die Ihnen unnötig Zeit und Energie kosten. Zum Beispiel?

Sie sagen, Sie haben keine Zeit, Ihre Wohnung zu putzen und Ihre Wäsche zu machen? Besorgen Sie sich jemanden, der das für Sie erledigt. Sie haben keine Zeit, nach Feierabend zu kochen? Ich gebe Ihnen die Telefonnummer einer Firma, die Ihnen vorgekochte Mahlzeiten für die ganze Woche liefen. Sie sagen, Ihr Gehirn fühlt sich abends wie frittiert an? Keine Zeitung nach dem Abendessen, kein Fernsehen, bevor Sie zu Bett gehen. Zu viel Chaos im Büro? Machen Sie einen Spaziergang. Sie vereinsamen zu Hause? Rufen Sie einen Freund an, rufen Sie mich an, singen Sie im Kirchenchor, denken Sie positiv, sagen Sie nicht "Verlierer". Das Unterbewusstsein schenkt dem Aufmerksamkeit, was man sagt. Sagen Sie "Ich bin ein Sieger" und werden Sie einer.

Moment mal, bin ich ein Verlierer?

Sie schaffen es nicht, ein paarmal pro Woche zu kochen, obwohl Ihnen das Spaß machen würde! Sie sind ein Prototyp aus der modernen Arbeitswelt. Sie brauchen Hilfe, eine Strategie.

Sagen Sie mir am Ende auch noch, wie ich einen Nagel in die Wand zu schlagen habe?

Ich frage Sie vielleicht, ob Sie schon mal an Bilder gedacht haben, wenn Sie unter den schmucklosen Wanden in Ihrer Wohnung leiden. Aber ich bin kein Schulmeister, ich sage Ihnen nicht, was Sie zu tun haben. Ich bin Ihr Partner, Ihre Freundin. Ich unterstütze Sie dabei, Ihre Ziele zu erreichen. Ich feiere Ihre. kleinen Siege, ich halte in schwierigen Phasen Ihre Hand. Alles, was mich interessiert, ist Ihr Erfolg.

Ist ein Life Coach das Patentrezept für alle Lebenslagen?

Das Konzept lässt sich auf ziemlich viele Problemstellungen anwenden: Ob Sie ein Baby wollen und nicht wissen, wie Sie mit den dadurch entstehenden Belastungen umgehen sollen, ob Sie sich beruflich verändern, ein Haus kaufen oder frühzeitig in Rente gehen wollen. Einmal hatte ich einen Klienten mit drei Kindern, der sich scheiden lassen wollte. Er sagte mir: "Ich buche Sie, damit mein Geschäft nicht kollabiert, während ich durch diese schwere private Phase gehe. Unterstützen Sie mich, seien Sie mein integrer Partner." Nach der Scheidung stand seine Firma besser da als vorher. Coaching wird irgendwann ganz normal sein. Große Firmen schicken ihre Angestellten schon heute zu Life Coaches und übernehmen die Kosten dafür.

Würden Sie bei einem Klienten Einfluss auf das Privatleben nehmen, ihm etwa zu einer Scheidung raten?

Nein. Wir besprechen allenfalls, ob die Ehe eine Quelle seiner Unzufriedenheit ist. Das Verhältnis sollte nicht zu persönlich werden. Wenn man einem Kunden zu nahe kommt, empfiehlt man ihn meistens an einen Kollegen weiter. Als ich meine Schwester coachte, haben wir Beratung und Privates strikt getrennt.

Warum kam Ihre Schwester zu Ihnen?

Sie wollte ein Buch über Kindererziehung schreiben, was nahe liegend war, weil sie damals kleine Kinder hatte. Was sie nicht wusste, war, wie sie es trotz der Kinder schafft.

Ist diese Form von Coaching ein amerikanisches Phänomen? Für einen Europäer hört sich das mitunter reichlich kurios an.

Das glaube ich nicht. Ich hatte schon Klienten aus Großbritannien und Skandinavien. Das zeigt mir, dass dort ebenfalls Bedarf an Life Coaches besteht. Vielleicht hinkt die Entwicklung dort der in den USA um drei, vier Jahre hinterher, aber die Arbeitswelt und der Alltag in Europa werden ebenfalls immer amerikanischer.

Wie sind Sie Life Coach geworden?

Ich war Steuerberaterin und habe damals bereits gecoacht, ohne es zu wissen. Früher hat man die Steuererklärungen noch während eines Hausbesuchs erstellt. Das dauerte immer zwei, drei Stunden, und dabei erfuhr man viel über das Leben seiner Kunden: wie viel Geld sie hatten, wie viel sie ausgaben, ob sie krank waren, ob sie ihren Boss hassten, ob sie Stress mit Tabletten bekämpften. Früher oder später führten wir Gespräche über das Leben im Allgemeinen: Beziehungsprobleme, Arbeitsplatz, Zukunftsängste. Es machte mir Spaß, Ratschläge zu geben. Und dann habe ich mich gefragt, ob ich glücklich bin als Steuerberaterin.

Die Antwort lautete?

Ich war nicht unglücklich. Ich hatte mein Auskommen, ich beherrschte mein Handwerk Aber was ich liebte, nämlich Coachen, habe ich beruflich nicht getan. Das habe ich geändert. Anfangs allein, später habe ich mich von einem Life Coach unterstützen lassen. Ich habe heute noch einen.

Wieso das?

Ich denke, man hat keine Integrität in diesem Geschäft, wenn man nicht bereit ist, selbst zu lernen. Darüber hinaus brauche auch ich Hilfe. Man kann vielleicht erkennen, wo die Probleme im Leben anderer Menschen liegen und objektiv an deren Lösung mitwirken, aber bei sich selbst funktioniert das nicht so gut. Ich hatte in den vergangenen sechs Jahren mehrere Coaches, die mir halfen, mich beruflich zu etablieren, mein persönliches Leben zu ordnen, mein Buch zu schreiben und ein gesundes Verhältnis zu meinem Freundeskreis aufzubauen. Ich habe gelernt, meinen Kunden gegenüber Grenzen zu setzen, mich nicht vom Geschäft erdrücken zu lassen und meine Identität nicht auf den Beruf zu reduzieren.

Wird es in Ihrem Leben immer einen Life Coach geben?

Jedenfalls so lange ich noch nicht so lebe, wie ich leben will. Ich habe immer noch kein Haus im Grünen, keinen Hund und kein Blumenbeet. Obwohl: Zum Blumenbeet habe ich mich bereits entschlossen, das lege ich nächste Woche an.