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Spirituelle Marktwirtschaft

Axel Denke ist ein Pastor mit Visionen: Er will aus der Kirche ein modernes Dienstleistungsunternehmen machen – und seinen faulen Kollegen Beine.




Erfreulich wenig klerikal kommt er daher, der Chef der altehrwürdigen St.-Katharinen-Gemeinde in der Hamburger Altstadt. Hauptpastor Axel Denecke schaut verschmitzt durch seine Brillengläser und redet, leicht sächselnd, in beeindruckendem Tempo. Den Wirtschaftsjargon verwendet er ganz bewusst. Über sich selbst sagt er beispielsweise: "Ich bin Dienstleister im geistlichen Sinn und konkurriere mit anderen Anbietern auf dem Markt für Sinn-Angebote." Klingt irgendwie einleuchtend, aber für viele in der Kirche ist das eine Provokation. Soll es auch sein. Der freundliche Herr Denecke provoziert gem. Gemeinsam mit den anderen Hamburger Hauptpastoren - das sind die Vorsteher der fünf traditionsreichen Innenstadt-Gemeinden - hat er jüngst eine Art marktliberales Manifest verfasst ("Volkskirche als Freiwilligkeitskirche"). Die Reformatoren fordern mehr Kundenorientierung und wollen Dienstleistungen wie Taufen und Hochzeiten künftig auch Nichtmitgliedern gegen Gebühr anbieten. Schnupper-Mitgliedschaften sollen genauso möglich sein wie die freie Wahl der Gemeinde. Außerdem sollen die Pastoren mit einem individuellen Profil um die Kundschaft werben - auf dass Konkurrenz das Geschäft belebe.

Denecke, der nach eigenem Bekunden "kein Seelsorger für die übermäßig Frommen" ist, füllt seine schöne Kirche gern mit Vorträgen über Themen von allgemeinem Interesse. Stolz erzählt er, dass zu einer Reihe über Gotthold Ephraim Lessing mehr als 700 Besucher gekommen seien, etwa die Hälfte von ihnen waren keine Kirchenmitglieder. Um diese Klientel, im evangelischen Jargon "untreue Kirchennahe" genannt, müsse man sich verstärkt kümmern. Auf jeden Fall ist das die am schnellsten wachsende Zielgruppe: Allein in Hamburg haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 140 000 Menschen der evangelischen Kirche den Rücken gekehlt, fast ein Fünftel der Mitglieder.

Bei Deneckes Vorgesetzten, den Pröpsten und der Bischöfin Maria Jepsen, stieß das Plädoyer für mehr spirituelle Marktwirtschaft trotzdem auf ein sehr verhaltenes Echo - was viel damit zu tun hat, dass die Kirche de facto eine schwerfällige Behörde ist. " Die Zustimmung wächst mit der Entfernung zur Kirche", stellt der Pastor trocken fest. Das überrascht einen alten Hasen wie ihn nicht wirklich und ficht ihn auch nicht an. Unverdrossen lobt er die segensreiche Wirkung von Angebot und Nachfrage, die zu einer gewissen Qualitätskontrolle führe: Wenn der Markt mitentscheide, müsse man "gute Ware" offerieren. "Ich kann nicht morgens um zehn unvorbereitet auf die Kanzel gehen und davon ausgehen, dass der Heilige Geist mir schon die richtigen Worte eingeben wird." Neben vielen fleißigen Kollegen, die rund um die Uhr im Einsatz seien, gebe es "leider auch faule Pastoren", die dank ihres Quasi-Beamten-Status den lieben Gott einen guten Mann sein lassen können.

Die deutschen Großkirchen sind wie kaum eine andere Institution vom rauen Wind der Konkurrenz geschützt. Dank ihres Steuerprivilegs finanzieren sie sich hauptsächlich durch Kunden, die ihre Dienste - wenn überhaupt - nur äußerst selten in Anspruch nehmen. Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigung, Weihnachtsmesse sind Renner im klerikalen Sortiment, meist aber bleiben die Kirchenbänke leer. Das Geld fließt trotzdem, jährlich allein rund 8,9 Milliarden Euro Kirchensteuer plus einem Vielfachen an direkten und indirekten staatlichen Zuschüssen. Dieses Privileg will auch der liberale Axel Denecke nicht antasten, jedenfalls vorerst nicht. Die "treuen Kirchenfremden", so nennt er euphemistisch die Karteileichen, müssten gehegt und gepflegt werden, "denn wir brauchen deren Geld".

Wozu eigentlich? Der Löwenanteil der Kirchensteuer werde für soziale Dienste aufgewendet, behauptet Axel Denecke und befindet sich ausnahmsweise im Einklang mit offiziellen Kirchenverlautbarungen. Das allerdings darf getrost bezweifelt werden. Die Freidenker-Organisation Der Humanist hat ausgerechnet, dass weniger als zehn Prozent der Kirchensteuer für öffentliche soziale Leistungen aufgewendet werden. Andere Fachleute kommen zu einem ähnlichen Ergebnis, die Kirchen selbst legen ihre Finanzen nicht offen. Sicher ist: Der überwiegende Teil der Mitgliedsbeiträge geht für die Bezahlung von Pastoren und anderem Kirchenpersonal drauf, für einen Apparat also, der immer stärker allein mit sich selbst beschäftigt ist - und dessen Bindungskraft rapide nachlässt.

So kann man hier zu Lande in die Kirche ein- und austreten, ohne einen Pastor von weitem gesehen zu haben, ein einfaches Kreuz auf dem Meldebogen reicht. Deshalb hätte die evangelische St.-Katharinen-Gemeinde beinahe einen katholischen Küster angestellt. Der russlanddeutsche Protestant hatte, als er vor zehn Jahren mit geringen Sprachkenntnissen in die Bundesrepublik gekommen war, fälschlicherweise "kath." für katholisch auf dem Meldeformular angekreuzt und wurde Rom zugeschlagen.

Die schöne Anekdote ist für Axel Denecke ein Hinweis auf grundsätzliche Fehler im System. Am Ende unseres Gesprächs kratzt er dann auch am letzten Tabu: In einer zunehmend mündigeren und sich individualisierenden Gesellschaft sei die Kirchensteuer auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Deshalb müsse man sich schon jetzt Gedanken über Alternativen machen. Und über die Frage, "was unsere spirituelle Leistung wert ist".

Das Ergebnis könnte ernüchternd sein. Die Konkurrenz auf dem freien Markt der Sinnsuche ist hart, dort tummeln sich bereits tausende Anbieter - je obskurer, desto erfolgreicher. Für die Kirche Luthers, einem aufgeklärten Glauben verpflichtet, dürfte es schwer sein, beim Wettbewerb der Irrationalitäten mitzuhalten, ohne ihren "Markenkern" zu beschädigen.

Das will auch Pastor Axel Denecke nicht und gibt uns zum Abschied ein tröstliches Wort mit auf den Weg: "Die menschliche Dienstleistung des Pastoren muss zwar angemessen entgolten werden. Die Gnade Gottes aber ist zum Glück gratis! Das bleibt auch so. Wir werden auch in Zukunft keine Ablasszettel verkaufen." Die Thesen der Hamburger Hauptpastoren im Netz: http://www.hauptkirchen.de/news/dokumente/Hauptpastoren%2 0Volkskirche.pdf Informationen der Freidenkerorganisation Der Humanist über die Kirchensteuer: www.kirchensteuer.de