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Organisierte Liebesaffären

Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden: über das Lernen nach der Industriegesellschaft.




I. "Man muss einmal erkennen, dass Lernen kein Kopiervorgang ist", sagt Heinz von Foerster, " Lernen ist deine allerindividuellste Operation. So individuell wie die Liebe." Im großen Zeitalter der Kopien und Kopisten, in der Industriegesellschaft, war zwar viel von Lernen und Bildung die Rede, gemeint war damit aber gewöhnlich Belehrung. Und noch immer setzt die Schule nicht auf Differenz, sondern auf Konformität: Lehrplanwirtschaft. "Nein, nein", wendet der Kybernetiker Heinz von Foerster ein, "Lernen ist eine Affäre, keine Instruktion." Unterrichten reicht nicht. Auch Aufrichten muss dazukommen. " Lernen ist eine Art Liebesaffäre!" Der hellwache 90-jährige Physiker und Erkenntnistheoretiker Heinz von Foerster ist einer der Väter der Computerwissenschaft und des Konstruktivismus. Er selbst nennt sich " Neugierologe". Bereits in den sechziger Jahren entwarf er in den USA Parallelrechner als Alternative zu Großcomputern. Ohne sie gäbe es kein Internet. " Ich war ein ganz miserabler Schüler", gesteht der Mitbegründer der Kybernetik. "Die Lehrer wollten mich in eine Anstalt für geistig Minderbemittelte schicken." Dem konnte der in Wien aufgewachsene Neffe des Philosophen Ludwig Wittgenstein gerade noch entkommen. "Eine Affäre mit der Mathematik hat mich gerettet." Heute treffen sich in seinem Haus südlich von San Francisco Computerexperten und Philosophen, Unternehmer und Pädagogen aus aller Welt. Das Hauptthema der Debatten auf der Terrasse des selbst gebauten Holzhauses heißt Lernen. Von Foerster ist davon überzeugt, es findet eher zwischen den Menschen statt als in ihnen. Im Dialog. Mit Fragen. Durch Bewegung. Langsam entsteht aus ahnungsvoller Unschärfe das scharfe Bild. Sind wir in diesem Vorgang nicht mit allen Umwegen und unseren ganz eigentümlichen Fehlern beteiligt, bleibt uns die Welt fremd, und wir bleiben in ihr Fremdarbeiter. Den Dialog allerdings haben wir, wie das Lernen selbst, im Laufe der Industriegesellschaft schon fast verlernt. Das Neue ist häufig die Entdeckung des Selbstverständlichen, das verschüttet ist. "Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst", das wusste schon der alte Platon. Lernen und denken kann deshalb nur, wer mehrere sein darf. Sonst wird man einfältig.

II. Von der sonnigen Terrasse beim Neugierologen zurück in ein deutsches Klassenzimmer. Ein Kulturschock. In dieser Stimmung lässt sich der Unterricht gut als eine Art Initiationsritual begreifen. Als Guide wählen wir diesmal Mr. Pisa, Jürgen Baumert. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist hier zu Lande für den internationalen Leistungsvergleich der 15-Jährigen verantwortlich. Schon in der dritten Internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie, TIMSS, die Baumert in Deutschland ebenfalls leitete, hieß das irritierende Ergebnis: ,Je anspruchsvoller eine Aufgabe, umso mehr fallen die deutschen Abiturienten hinter Schüler anderer europäischer Länder zurück." Auf der Suche nach den Ursachen hat der Bildungsforscher die verborgenen Unterrichtsskripte in verschiedenen Ländern untersucht. Dabei entdeckte er, dass in Japan häufig Aufgaben gestellt werden, die mehrere Lösungen haben und zu denen es noch mehr Wege gibt. In Deutschland hingegen soll die Klasse wie in einem Spiel mit verteilten Rollen herausfinden, was dem Lehrer als fertige Lösung und als einzig richtiger Weg längst vorschwebt. "Dabei", so Baumert, " stören immer zwei Sorten von Antworten: die intelligente Antwort, die vorgreift und beiseite geschoben werden muss, und der Fehler." Als er kürzlich im Rahmen der Veranstaltungsreihe "McKinsey bildet" über das heimliche Skript deutschen Unterrichts sprach, schmunzelte der Saal. Man fühlte sich an die eigene Schulzeit erinnert. Wenn der Lehrer Angst hat, sein Ziel auf dem angestrebten geraden Weg nicht erreichen zu können, dann, so Baumert, verengt er noch mehr den Horizont und wird ungeduldig. Diese " stressinduzierende Choreografie" wurde so ausgeprägt nur im deutschen Unterricht gefunden. Die grausame Pointe: "Für den Lehrer sind alternative Lösungswege der Schüler das Schlimmste, was ihm passieren kann." Da wurden die Gesichter der Zuhörer tief gefaltet. Denn natürlich sind "alternative Lösungswege" das Wichtigste, was Wirtschaft und Gesellschaft brauchen. "Wir suchen uns jetzt schon unseren Nachwuchs in der ganzen Welt", sagte Jürgen Kluge, Chef der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland.

Baumert verlangt die Abkehr vom "Autonomie-Paradigma des Lehrerberufs", der wohl zuweilen an Autismus grenzt. Ihr schlechtes Vorbild ist die nachhaltigste Schullektion. Solange Lehrer nicht zusammenarbeiten und untereinander "keine Sprache entwickeln, die nicht verletzt, sondern sachbezogen ist", werden auch mehr Geld und mehr Stellen in Schulen nichts ausrichten. Mehr Unterricht, wenn er nicht besser wird, macht alles eher noch schlimmer. Man könnte es sich fast denken. Baumert kann es beweisen. Mehr schlechter Unterricht ist schädlicher als weniger schlechter Unterricht.

III. Wie kann das Lernen aus dem Prokrustesbett der Industriegesellschaft befreit werden? Ein Blick nach Kanada. Neben Japan und Finnland eines der Siegerländer der Pisa-Studie. Besonders interessant ist der Distrikt von Durham, östlich von Toronto. Vor 15 Jahren waren die Schulen dort Schlusslicht in Kanada. Inzwischen sind sie Spitzenreiter. Weltweit gilt Durham als eines der interessantesten Bildungsbiotope. Es ist ein gutes Vorbild für das lernbehinderte Deutschland, denn es ist eine seit langem industrialisierte Gegend, so wie unser Land. Dort standen die ersten Fabriken der nordamerikanischen Automobilindustrie. Um das Jahr 1988 begann sich vieles zu ändern. Bei General Motors diskutierte man die Nachteile von steiler Hierarchie und strikter Arbeitsteilung. Gruppenarbeit wurde entdeckt. Am MIT in Boston verkündete Peter Senge den Begriff der Lernenden Organisation: "Wir haben lange den Feind gesucht, nun haben wir ihn gefunden. Wir sind es selbst." Solche Gedanken griffen Lehrer in Durham auf. Am Anfang waren sie nur eine Handvoll, die bei sich selbst begannen, zum Beispiel mit Übungen zum kooperativen Lernen in Gruppen. Sie fragten sich, was Lernen eigentlich sei, und holten sich Trainer und Berater aus Universitäten und aus der Wirtschaft ins Lehrerzimmer. Norm Green war von Anfang an dabei. Die Erinnerungen an seine eigene Schulzeit sind schlecht. "Lehrer redeten ständig auf uns ein. Wir wurden eingeschüchtert." Das war die Erziehung, die damals gebraucht wurde, fügt er hinzu. "In Fabriken stand man einzeln am Band, als wäre der Mensch selbst eine Maschine." Heute wird auch in Werkhallen diskutiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Wir fahren zur Sinclair Secondary High School. Wo sind die Lehrer? Wohin man blickt, sind Schüler aktiv. Selten sieht man sie einzeln agieren, außer sie tragen Ergebnisse vor. Immer wieder das ungewohnte Bild, wie sie zum Beispiel auf Mind Maps ihre Gedankenkarten entwerfen, oft in Gruppen. Auch wenn die ganze Klasse nur ein einziges Thema hat, keine Mind Map ist wie die andere. Jede ist so verschieden wie ein Fingerabdruck der Schüler. "Nichts fördert Individualität so sehr wie die Gruppe", erklärt Norm Green stolz.

Auf einem Flur versuchen Schüler selbst gebastelte Modellautos in Gang zu bringen, aber zunächst funktioniert kein einziges. Die Episode kommt Norm Green gerade recht. "Probleme sind unsere Freunde." Problemverleugnung allerdings, fügt er hinzu, sei eine Berufskrankheit vieler Lehrer. Sie haben höllische Angst vor Fehlern. Die Therapie dieser Berufskrankheit haben in Durham die Lehrer selbst in die Hand genommen. Merkwürdig, dass dieser Genesungswunsch in Deutschland so viele Lehrerbeamte wundert. Als lebten die Deutschen nicht ihr eigenes Leben.

Die Durham-Idee ist einfach, wenn auch manchmal schwer zu verwirklichen: Lernen steckt an, Belehrung schüchtert ein. Man weiß es schon lange, hat es nur vergessen. "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst", sagte Kirchenlehrer Augustinus. Leben entzündet sich nur an Leben, schrieb Jean Paul. Lernende Lehrer machen nun eine paradox erscheinende Erfahrung: Wenn sie ihre Rolle als Wissensmonopolisten aufgeben, haben sie die Chance, wieder zur Avantgarde in der Gesellschaft zu gehören. "Unsere Strategie ist" , sagt Norm Green, "dass Lehrer lernen. Schüler, die lernen, sind dann unsere Ernte."