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Gesucht: Menschen

Literaturagenten sind Anwälte, Berater, Therapeuten und Hoteliers ihrer Autoren. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Agenturen aus, seitdem hat sich ihre Arbeit kaum verändert: Es geht um Freundschaft und Geld, um Kunst und Leben, Arbeit und Lohn. Und darum, dass alles zusammengehört.




Literatur macht viel Arbeit. Das hat sich inzwischen herumgesprochen, aber nur zur Sicherheit sei es noch mal gesagt: Der Schriftsteller, der lange schläft, dann mit Kollegen im Cafe abhängt, abends auf Partys geht und zwischendurch mit leichter Hand etwas Lyrik aufs Papier fließen lässt, ist ein Mythos. Die meisten Autoren sind Schwerstarbeiter. Wahr ist allerdings, dass Literaten oft schwierig sind, getrieben von Stimmungen und Selbstzweifeln, die wie mutierte Biber an ihnen nagen. So brauchen sie Tat und Rat: jemanden, der ihnen bei ihren Geschäften hilft und sie auch noch versteht. Schriftsteller haben dafür Agenten.

Literaten machen viel Arbeit. "Literaturagent ist ein Knochenjob", sagt Eva Koralnik, eine der Leiterinnen der Agentur Liepmann in Zürich. "Es ist zuerst mal unendlich viel Bürokram, man muss sich um unzählige Kleinigkeiten kümmern. Und vor allem in den Verträgen das klein Gedruckte lesen. Der Vertrag ist der Kern des Geschäfts." Drei Tage später erklärt Matthias Landwehr, einer der Chefs der Berliner Agentur Eggers & Landwehr exakt dasselbe. Und fügt hinzu: "An einem unterzeichneten Vertrag kann man nichts ändern. Wenn man einen Fehler macht, wird der immer bleiben." Das kann bitter werden, wie der Fall Felix Saiten zeigt: Der Österreicher verkaufte Ende der dreißiger Jahre für 5000 Dollar die Rechte an " Bambi". Walt Disney machte mit dem putzigen Reh Millionen, Salten sah keinen weiteren Dollar.

Unternehmen wie das Disney-Imperium sind einer der Gründe, warum es Agenten gibt, doch auch das Alltagsgeschäft erfordert wirtschaftliche Grundkenntnisse und viel Zeit, die der Autor meist nicht hat. Als sich Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Agenten etablierten, waren sie für ihre Autoren vor allem Überlebenshelfer: Die Honorare waren damals gering und Verhungern ein realistisches Schicksal für einen Schriftsteller. Heute ist der Agent Berater und Manager, er liest und bespricht Manuskripte, hält Kontakt zum Verleger, der ebenfalls zufrieden sein sollte, damit die Zusammenarbeit langfristig funktioniert, und kümmert sich um alle Aspekte der Vermarktung. Für diese Tätigkeiten, die die weitaus meiste Zeit des Agenten in Anspruch nehmen, bekommt er etwa 10 bis 15 Prozent der Einnahmen seines Autors. Rund 60 Prozent der Verträge im deutschen Literaturgewerbe werden heute von Agenten abgeschlossen, auch weil sich die Verlage dadurch das lästige Vorselektieren sparen: Die zur Veröffentlichung ungeeigneten Manuskripte verstopfen heute nicht mehr die Postfächer der Verlagslektoren, sondern die der bekannten Agenten. Doch es gibt noch einen anderen Teil des Jobs, etwas, das man nicht lernen kann. Und schlecht erklären.

Eva Koralniks Agentur residiert in einer Villa mit atemberaubenden Blick über den Zürichsee. Die Agentin, die 1966 in der Agentur begann und sie heute mit ihrer Partnerin Ruth Weibel leitet, wohnt mit ihrem Mann, dem Regisseur Pierre Koralnik, über den Büros. Im Garten steht ein Baum, den Elias Canetti gepflanzt hat. Die Agentur existiert seit 1949, zu den ersten vertretenen Schriftstellern gehörten Norman Mailer, F. Scott Fitzgerald, Upton Sinclair, Jack London und Arthur Miller. Später kamen Autoren wie Vladimir Nabokov, J. D. Salmger oder auch Stephen King dazu. Die Liste ist endlos und absurd prominent, Nobelpreisträger stehen neben Bestseller-Autoren. Eva Koralnik, blatten durch die Agenturverträge, "...die Harvard University Press vertreten wir auch... und Naomi Klein..." Etcetera. Tagsüber arbeiten in den Büros, in denen sich Bücherberge neben verschütteten Schreibtischen stapeln, zwölf Mitarbeiter, doch nun ist es spät, und das Telefon klingelt bloß einmal. Irgendwer aus Amerika, wo sie arbeiten, wenn in der Schweiz geschlafen wird. Woanders zumindest, hier in der Agentur nicht. Das ist eben so, denn ein Teil der Autoren und Vermächtnisse wird weltweit vertreten. Anne Frank, Erich Fromm, Shimon Peres. Zum Beispiel.

"Agenten hören nicht auf zu arbeiten", sagt die gelernte Dolmetscherin und fügt lächelnd hinzu: "Autoren mögen es auch gar nicht, wenn ihr Agent stirbt." Agenten wechselt niemand gem. "Am Anfang begegnen sich der Autor und der Agent als Fremde, aber mit der Zeit entsteht eine sehr enge, intensive Beziehung. Es ist manchmal wie in einer Ehe." Oben im Haus gibt es ein kleines Gästezimmer, da wohnen die Autoren, wenn sie zu Besuch sind, manchmal bleiben sie länger, einige Klassiker dürften dort bearbeitet worden sein. "Das Privatleben und die Arbeit verschmelzen, und das ist wunderbar. Wir lernen sehr viel in den Beziehungen zu unseren Autoren." Das ganze Haus singt das alte Lied von der Familie der Künstler, wie sie zusammen leben, im Theater, in Paris, Moulin Rouge. Nur ist es kein Film, sondern die Wirklichkeit.

Das Gleiche in Berlin. Matthias Landwehr gehört zur neuen Generation der Literaturagenten, aber was sagt er? "Der größte Lohn der Arbeit ist die Freundschaft, und wenn es keine Freundschaft ist, dann zumindest eine unglaublich interessante, bereichernde Beziehung." Die Agentur gibt es seit sechs Jahren, zu den Autoren gehören viele so genannte Pop-Literaten, Benjamin von Stuckrad-Barre, Florian Lilies, Benjamin Lebert, aber auch Christoph Schlingensief, Frank Schirrmacher oder Wolfgang Joop. "Mit einigen Autoren bin ich heute befreundet, wir treffen uns auch einfach so und reden über alles, nur nicht übers Geschäft." Was nicht heißen soll, dass es nicht um Geld geht, der Agent und sein Autor sind vom gemeinsamen Erfolg abhängig. Außerdem: "Der Autor ist mein Chef, ich bin sein Sherpa. Ich bringe ihn auf den Gipfel, aber er soll da allein stehen. Wenn der Autor denkt, ich bin ein schlechter Agent, dann hat er Recht. Der Autor gibt den Maßstab vor." Wenn die Bindung zwischen Chef und Dienstleister derartig eng ist, ist die Auslese natürlich streng: "Ich kann niemanden vertreten, mit dem ich nicht persönlich zurechtkomme. Wir haben uns von Autoren getrennt, deren Bücher wir schätzen, aber mit denen wir nicht arbeiten konnten. Die Agentur soll eine Heimat sein. Das kann ich nicht jedem bieten." Und wenn der Autor andere Ideen hat als sein Agent? Die Antwort lautet in Zürich und Berlin gleich: "Wenn der Autor tatsächlich meint, etwas machen zu müssen, das wir nicht vertreten können, dann müssen wir uns trennen, dann sind wir nicht die Richtigen." Eva Koralnik fügt noch hinzu: "Es soll doch keine Quälerei sein." Worum geht es? Um menschliche Beziehungen? Um Verständnis? Um Literatur? Ist das nicht alles dasselbe? Und wie lernt man das? "Wir bilden unsere neuen Mitarbeiter in unserer Agentur aus", sagt Matthias Landwehr. "Die machen ein Praktikum, einige bekommen ein Volontariat angeboten, und wenn das gut läuft, übernehmen wir sie." Eva Koralnik schaut etwas betrübt: "Es ist schwierig, Nachwuchs zu finden." Dann listet sie auf, was die Voraussetzungen sind: "Man muss gern lesen. Man muss Menschen und Bücher mögen. Man muss sich zurücknehmen und in die Haut der anderen versetzen können. Man braucht psychologisches Gespür, Überzeugungskraft und sehr viel Geduld. Man sollte offen sein, neugierig..." Sie könnte sagen: Gesucht werden Menschen. Als Lohn bekommt man Nobelpreisträger, die einen nachts wecken, weil sie vor Sorge um ihr neues Buch nicht schlafen können. Und ein Teil der Arbeit sieht so aus: "Wenn ein neuer Mitarbeiter sieht, wie ich am Telefon mit einem Verleger rumschäkere, fragt der sich, wieso das Arbeit ist. Aber das ist die Grundlage, um einen großen Abschluss in fünf Minuten zu machen. Dafür braucht man 30 Jahre Erfahrung."