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Die Lust zu dienen

Vermutlich ist es vor gut 150 Jahren genauso gewesen. Damals, als die Mehrheit der Bevölkerung noch von der Landwirtschaft lebte, war es gewiss ein unvorstellbarer Gedanke, dass aus Deutschland eine Industrienation wird. Nun naht die nächste Zeitenwende, besser: Wir stecken mittendrin. Und mit ihr kehrt das Unbehagen zurück: Wovon sollen wir leben, wenn Deutschland kaum noch produziert? Vom Denken? Vom Dienen? Von Blaupausen?




Erfreulich ist, dass es die Antworten schon gibt. Schon heute verdienen zwei Drittel der deutschen Erwerbstätigen ihr Geld in der Dienstleistungsindustrie. Unerfreulich, dass die Zukunft keinen besseren Namen hat. Wer Dienstleistung hört, denkt zuerst an McDonald's, Trinkgeld und mindere Qualifikation. Erst bei intensiverem Nachdenken wird klar, dass die meisten Besserverdienenden drum herum längst Dienstleister sind (siehe Schwerpunkt S. 72).

Vornehmliche Aufgabe für alle Kreativen sollte es deshalb sein, für die Zukunft einen strahlenderen Begriff zu finden. Die zweite Herausforderung geht uns alle an: Die Dienstleistungsgesellschaft, wie immer sie dann auch heißt, braucht Menschen, die Lust auf Menschen haben. Ob Pastor, Rechtsanwalt, Literaturagent oder der Konzernchef Peter Dussmann, erfolgreich sind sie alle nur, wenn sie es scharfen, sich in den anderen hineinzuversetzen, ihn zu verstehen, ja, auch zu mögen. Und wenn sie Erfolg als den Moment definieren, in dem es dem anderen besser geht.

Wer das verstanden hat, baut beispielsweise keine Altenheime mehr, in dem Abgeschobene zwischen Norm-Möbeln verkümmern (S. 84). Der kann auch nicht akzeptieren, dass unzähligen Senioren die Computer- und Internetwelt verschlossen bleibt (S. 74). Und der wird wach, wenn er verzweifelte Kunden an die - soeben abgeschlossene - Tür der Reinigung hämmern sieht (S. 94).

Das klingt nicht schlecht? Das kann noch schöner kommen. Was in der Dienstleistungsgesellschaft besser wird, haben wir Wissenschaftler gefragt: "Das Leben!", hat einer von ihnen, Birger Priddat, geantwortet. Auch die Antworten der anderen lassen die Hoffnung zu, dass diese Zukunft lustvoll werden kann (S. 112).

Vorausgesetzt, wir wollen das. Aber gibt es etwas, was - außer dem Begriff - dagegen spricht?