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Die globale Elite

Es reist um die Welt, trifft sich in Hotels, internationalen Restaurants und Konferenzzentren, arbeitet für Unternehmensberatungen und NGOs und bleibt überall immer unter sich: das Personal der Globalisierung.




Basketball in Berlin, die Kommunikations-Agentur Porter Novelli in Paramaribo (Suriname), Planned Parenthood in Ouagadougou (Burkina Faso), die US-Variante von Pro Familia - Amerika ist überall. Auch 2001 kamen fünf der zehn größten Global-500-Firmen aus den USA. Amerikanische Stiftungen vergeben jährlich mehr als eine Milliarde Dollar an wohltätige und erzieherische Projekte im Ausland, und Milos Forman hat mal über die Verbreitung der amerikanischen Popkultur gesagt:, Jeder Mensch hat zwei Zuhause: den Ort, an dem er geboren ist, und Amerika." Wer sind die Leute, die unsere Welt so stark beeinflussen? Die Globalisierer hinter MTV und Monsanto, dem Sierra Club und der Ford Stiftung, Merrill Lynch und JP Morgan, Planned Parenthood und Focus on the Family? Auf den ersten Blick könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Die einen kämpfen weltweit für die Legalisierung von Abtreibung, die anderen dagegen. Die einen setzen sich für strenge Umweltschutzauflagen ein, die anderen für Laissez-faire. Die einen betrachten Globalisierung als neuen Kolonialismus, die anderen als Königsweg zu Wohlstand und Wissen. Sie bekriegen sich auf hunderten von TV-Kanälen, ihre Anhänger liefern sich Straßenschlachten in Seattle und Prag.

Der Soziologe James Davidson Hunter hat die Mitglieder der US-Globalisierungselite interviewt und viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Schon die Arbeitsbedingungen ähneln sich: Sie reisen viel, zwischen 25 und 60 Prozent ihrer Arbeitszeit, aber verlassen trotzdem nur selten ihr soziokulturelles Umfeld. Denn sie fahren nicht ins Hinterland, sondern fliegen von Washington D.C. und Los Angeles nach Hongkong, Sáo Paulo, Tokio oder Johannesburg. Da geht es ins Konferenzzentrum oder Regierungsbüro und abends ins internationale Restaurant. Nachts laufen im Hotelzimmer die bekannten Satellitensender, am nächsten Morgen werden im Businesscenter die eMails gecheckt, dann geht's zurück in die heimatliche Zeitzone. Die Kontaktpersonen vor Ort haben die gleiche Wellenlänge, handelt es sich doch meist um im Westen ausgebildete, englisch sprechende Spezialisten, deren Lebenswelt sich von der Mehrheit ihrer Landsleute krass unterscheidet. Wenn der Programmdirektor des Carter Centers gefragt wird, was für Durchschnittsbürger er auf seinen Reisen getroffen hat, fallen ihm nur die Aktivisten von indigenen Völkern ein. Aber die pendeln ebenfalls zwischen ihrer Heimat und UN-Konferenzen.

In der gepolsterten Standardwelt der Entscheider bedient man sich eines genormten Vokabulars, das Autorität etabliert und Aktivitäten legitimiert. Alle benutzen Statistiken: Wenn Focus on the Family Regierungen für ihre Anti-Abtreibungspolitik gewinnen will, sind es Statistiken über Teenagerschwangerschaften und Abstinenz. Die von Planned Parenthood belegen dagegen den Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderreichtum.

Alle berufen sich auf universelle Rechte und Bedürfnisse. McDonald's vermarktet seine Hamburger mit dem " Recht auf gute Ernährung", Nike postuliert ein " universelles Bedürfnis nach Freizeitschuhen" und Twentieth Century Fox "das Recht auf gute Unterhaltung". Merrill Lynch bietet Regierungen Investments an, damit sie "menschliche Grundbedürfnisse befriedigen" können. Planned Parenthood beruft sich auf "universelle Frauenrechte", "das Recht von Kindern auf ein stabiles Zuhause" steht bei Focus on the Family auf der Prioritätenliste.

Ebenso allgegenwärtig ist die Sprache des Marktes. Auch NGOs, die der neoliberalen Rhetorik kritisch gegenüberstehen, verkaufen ihre Dienstleistungen und Ideen. Die Entwicklungshilfe-Organisation World Vision sagt von sich, sie sei bestrebt, die Nummer eins der Helfer zu werden. Und Bill Bright, Präsident der Campus Crusade for Christ International, garantiert, dass in jedem etablierten Trainingscenter 100000 Menschen die Botschaft Gottes hören und im ersten Betriebsjahr mindestens 10 000 Seelen gerettet werden können. Er sagt: "Ich habe noch nie von einem Investment mit größerem spirituellem Gewinn gehört." Um der bekannten Imperialismus-Kritik zu entgehen, kultiviert die Elite ein Multikulti-Image. Das nimmt nicht nur Kritikern den Wind aus den Segeln, sondern hat auch wirtschaftlichen Sinn. Und selbst wenn sie die Folgen der Globalisierung höchst unterschiedlich einschätzen und bewerten, so sind sie sich darin einig, dass Nationalstaaten die Verlierer und sie ihre Gewinner sind. Viele NGOs sehen sich außerdem als moralisches Gewissen der Welt, das Staaten und Firmen überwacht.

Für alle ist Globalisierung ein unaufhaltsamer Prozess. "Globalisierung ist eine Tatsache", sagt der Unternehmensberater, "man kann das Rad nicht zurückdrehen" der religiöse Guru. Die Welt, die sie erschaffen, ist elektronisch, individualistisch, getrieben von Marktkräften und demokratisch. So wie Amerika. Dabei wehren sie sich vehement dagegen, dass sie mehr vermitteln als Hamburger, Menschenrechte und Medikamente, dass Entwicklungen, an denen sie beteiligt sind, für einzelne Staaten und Bevölkerungsgruppen negative Auswirkungen haben oder dass Globalisierung ein spannungsreicher Prozess ist, mit unvorhersehbaren und widersprüchlichen Folgen.

In den Interviews treten einem keine Kosmopoliten entgegen, die der kulturellen Vielfalt der Welt neugierig begegnen und sich mit fremden Lebensweisen und Weltbildern auseinander setzen. Die Global Players reflektieren wenig und sind oft etwas naiv. Der Vizepräsident von Coca-Cola antwortet auf die Frage, was die Alternative zur Globalisierung wäre: "Ich weiß nicht. Würde das nicht bedeuten, den Wunsch des Konsumenten zu verleugnen? Was wäre die Alternative? Eine interessante Frage." Literatur: James Davidson Hunter: Among the Vanguard of Globalization - The World of American Globalizers. In: Peter L. Berger, Samuel Huntington (Hrsg.): Many Globalizations - Cultural Diversity in the Contemporary World. Oxford University Press, 2000