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Der Polit-Roadie

Felix Ensslin ist einer von denen aus der zweiten Reihe, ohne die der Politik-Betrieb nicht funktionieren würde. Als Büroleiter von Rezzo Schlauch bewahrt er den grünen Frontmann vor Überraschungen – ein anstrengender Job.




Schon wieder eine Anfrage von Rheinmetall. Hartnäckige Leute sind das, die unbedingt einen Termin mit dem Chef der grünen Bundestagsfraktion wollen. Rezzo Schlauch winkt ab, die Rüstungsindustrie sieht auch bei dem wirtschaftsnahen Realo ganz weit unten auf der Prioritätenliste. Felix Ensslin wird sich um die Sache kümmern.

Sie sitzen zusammen in Schlauchs Büro im neuen Abgeordnetenhaus mit Blick auf den Reichstag: der Chef, betont entspannt in sein ein Stuhl lümmelnd, der Büroleiter Ensslin, zwei Referenten, zwei Sachbearbeiterinnen. Der Ton ist locker. Man duzt sich, macht Scherze über die lieben Parteifreunde, zieht sich gegenseitig auf. Ein nettes Team - in dem allerdings kein Zweifel daran aufkommt, wer das Alpha-Tier ist, der Hauptdarsteller.

Das muss auch so sein. Felix Ensslin, der Theaterregie und Philosophie studiert hat, wird später über das Verhältnis von Politikern und ihren Gehilfen sagen: "Die Erscheinung, das ist der Chef. Und das Wesen, das ist der Chef und der Rest." Der Chef und der Rest gehen zügig die Termine und Anfragen für die nächste Zeit durch. Es sind viele, der Wahlkampf kommt auf Touren. Schlauch und sein Büroleiter streiten ein bisschen wegen einer Einladung zum traditionellen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg. Der Chef, den Freuden des Lebens nicht abgeneigt, hätte Lust hinzugehen, Ensslin, ein eher ernster Mensch, hält den Termin für überflüssig.

Nächster Punkt: Schlauch soll die "Initiative neue Soziale Marktwirtschaft" unterstützen. Eine von der Wirtschaft finanzierte Kampagne, unter anderem sind Wolfgang Clement (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) mit von der Partie. Schlauch ist nicht abgeneigt, seine Mitarbeiter sind dagegen: zu wenig grünes Profil. Darauf kommt es nun an, wenn die Partei politisch überleben will, die viele ihrer Anhänger nach dreieinhalb Jahren Regierungsbeteiligung nicht mehr wiedererkennen.

Auch deshalb berichtet der Chef ziemlich ausführlich von einem Gespräch mit dem Bürgermeister von Mosbach, einem Städtchen am Neckar gegenüber dem Atomkraftwerk Obrigheim. Dort könnte eine Solarfabrik entstehen, ein prima Symbol für den ökologischen Umbau. Bei Umweltminister Trittin hat Schlauch bereits vorgefühlt, ein paar Millionen Euro Förderung wären möglich. Kleines Problem: Das Gewerbegebiet, in dem die Solarfabrik gebaut werden soll, gehöre zur Hälfte dem Kraftwerksbetreiber, der an dem Projekt kein Interesse habe. Einer der Referenten soll recherchieren, was sich machen lässt. Der ist nicht begeistert und will die Sache den Landesgrünen überlassen, aber Schlauch bleibt hart: Ein vorzeigbarer Erfolg in seiner baden-württembergischen Heimat käme ihm sehr recht.

Nach der Konferenz sagt Ensslin ungefragt, dass es " relativ menschlich" zugehe bei ihnen im Büro. Weil das nicht selbstverständlich ist im Politikbetrieb. Der 34-Jährige ist eher zufällig dort gelandet. Als Antje Vollmer durch ein Interview, das er 1993 der " Taz" gegeben hatte, auf ihn aufmerksam wurde, lebte Ensslin seit sechs Jahren in New York und arbeitete als Dozent. 1995 fing er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der grünen Bundestagsvizepräsidentin in Bonn an. Ein Sprung ins kalte Wasser für den Quereinsteiger, der damals noch nicht einmal Parteimitglied war.

Antje Vollmer nennt er seine Mentorin, von ihr habe er wahnsinnig viel gelernt. Die Tugenden des gehobenen Dienstleisters: sich in die Haut der Chefin zu versetzen, ihre Stärken zur Geltung zu bringen, ihre Schwächen auszugleichen. Einen extrem hohen Qualitätsanspruch habe sie gehabt: "Ich habe mal eine Rede für sie geschrieben, die hat sie mehr oder weniger durchgestrichen mit der Aufforderung: Fang noch mal an." Er redet gern über die Zeit mit ihr und über die Projekte, an denen er mitgearbeitet hat. Hauptsächlich war das das Stiftungsrecht, das nach dem Regierungswechsel Gesetz wurde. Darauf ist er stolz. Einige Abgeordnete haben ihn namentlich im Bundestag erwähnt, eine große Ehre für einen Referenten. Aber auch ein bisschen heikel, denn "es darf nicht zu viel Licht auf ihn fallen" (Ensslin).

Vertrauen ist die Arbeitsbasis jedes Referenten Die Position des Mannes im Schatten kam ihm gelegen, was auch an seiner Biografie liegt. Genauer an seiner Mutter Gudrun Ensslin, Mitbegründerin der RAF, 1977 in Stammheim gestorben. "Mir hat gefallen, dass ich der Sache wegen gefragt war und nicht, weil ich Ensslin heiße", sagt er. Vor zwei Jahren dann die Chance, zu Rezzo Schlauch zu wechseln, dem Vertrauten und Nachfolger Joschka Fischers als Fraktionssprecher - ein Aufstieg in die Nähe des politischen Machtzentrums.

Ensslins Vorgänger Achim Schmillen schaut kurz herein. Er wechselte mit Fischer ins Auswärtige Amt und ist dort Leiter des Planungsstabs. Eine schöne Karriere. Nicht viele "Pferde", so nennen die Mitarbeiter ihre Chefs, reiten so weit. Die Aufstiegsmöglichkeiten für das politische Proletariat sind begrenzt.

Eine Mitarbeiterin steckt den Kopf durch die Tür des Vorzimmers: Radio Teheran möchte ein Interview mit Schlauch. Ensslin schüttelt den Kopf. "Wenn gerade etwas los ist, räume ich 20 bis 25 Anfragen ab, ohne dass er etwas davon merkt." Das ist ökonomisch und setzt Vertrauen voraus. Der Büroleiter und sein Team schreiben Reden für den Chef, Grußworte, bereiten Pressekonferenzen vor, impfen Journalisten, hocken in den Fraktionssitzungen, halten Kontakt zum Koalitionspartner SPD, zum Kanzleramt, zu den Ministerien.

"Man kennt die instrumentellen Notwendigkeiten, man weiß, was der Chef braucht, um zu funktionieren", so Ensslin etwas gestelzt. Seine eigene Rolle verlangt vor allem eines: Bescheidenheit. Er ist die Stimme seines Herrn und wird auch so wahrgenommen. "Wenn ich irgendwo auftauche, steht Rezzo Schlauch immer hinter mir." Seine Hauptaufgabe sei es, " Überraschungen möglichst fern zu halten", sagt Ensslin und erzählt von einer Panne. Vor anderthalb Jahren hatte Schlauch in einem "Focus" -Interview gefordert, dass Unternehmen sich mit Betriebsräten über eine Entlohnung unter Tarif einigen können. Das Tarifvertragsgesetz sollte entsprechend geändert werden. Der Vorstoß wurde nicht nur von Gewerkschaften und SPD, sondern auch von vielen Grünen heftig kritisiert. Ensslin hatte den Text autorisiert. Er sei zu der Zeit nicht fit gewesen, seine Alarmleuchte sei nicht angegangen: "Die Formulierung hätte so nicht durchrutschen dürfen." Das Tagesgeschäft ist hektisch, die Taktzahl hoch. Nach dem 11. September habe er zwei Monate lang 12 bis 16 Stunden gearbeitet. " Ein Privatleben ist nur sehr eingeschränkt möglich und die Bezahlung angesichts der Belastung nicht übertrieben." Brutto verdiene er deutlich weniger als 5000 Euro monatlich.

Warum tut sich ein intelligenter Mensch das an? Vielleicht, weil Politik auch von der zweiten Reihe aus betrachtet faszinierend ist und bestimmt aus Überzeugung. Im Stab der Grünen gibt es nicht viele Apparatschiks, dazu sind sie noch nicht lange genug an der Macht. Peter Silier, Schlauchs persönlicher Referent, sagt über seinesgleichen: "Bei uns mischen sich Restbestände idealistischen Bewusstseins mit so einer Start-up-Mentalität. Die gesamte Energie, die andere in eigene Projekte investieren, wird bei uns politisch kanalisiert." Und dann mit feiner Selbstironie: "Wir sind die Roadies der Politik, wir sind verantwortlich dafür, dass das Equipment rechtzeitig auf der Bühne steht, und reichen Eric Clapton auch mal die Gitarre. Aber wir spielen nicht." Politiker nennen ihre treuen Diener "Fiffis" Felix Ensslin hat mal einen Versuch unternommen, in die erste Reihe zu wechseln. 1998 wollte er sich für den Bundestag aufstellen lassen, fiel aber beim linken Landesverband Nordrheinwestfalen durch. Heute hat er solche Ambitionen aufgegeben, sagt er. Er erzählt von der Belastung, die es für Spitzenpolitiker bedeutet, unter Dauerbeobachtung zu stehen: ,Jede Regung wird interpretiert, jede Nachdenklichkeit als Schwäche ausgelegt." Die Frontleute geben den Druck, den täglichen Frust und ihre Profilneurosen weiter. In der Politik herrscht ein ziemlich rauer Ton, wenn die Mikrofone aus sind. Und den Mitarbeitern wird ihr treuer Dienst nicht unbedingt gedankt, man nennt sie intern "Fiffis".

Peter Silier findet "diese junkerhaffe Art ätzend" und würde sich "das auch nicht gefallen lassen". Ensslin gibt sich abgeklärt: "Die Zeiten, in denen es mich berührt hat, ob irgendein Arschloch mich Fiffi nennt, sind vorbei." Nach der Bundestagswahl und sieben Jahren als Polit-Roadie will er aussteigen. Vielleicht seinen Doktor machen, am Theater arbeiten oder eine Weile gar nichts tun. Auf alle Fälle Abstand bekommen. "Es ist eine Mittelstreckendistanz, du darfst das nicht zum Marathon machen", resümiert Ensslin. "Sonst bist du am Ende deiner Puste und hast nur für andere gearbeitet." Sagt's und macht sich daran, die Anfrage von Rheinmetall abzuräumen.