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Der Klang der Familie

Die deutsche Teilung war für den Leipziger Klavierbauer Blüthner Unglück und Glück zugleich. Die DDR hätte den Familienbetrieb beinahe ruiniert – und konservierte den einzigartigen Blüthner-Klang bis zu seiner Wiedergeburt.




Der alte Herr steht zwischen den Söhnen, es sieht aus, als habe man ihn halbiert und alles rundlich sanft Verschlossene in den rechten Sohn gesteckt und alles Wache, Schlanke in den linken. Der eine schlauer Bauer, der andere mehr New Economy. Der Vater ist die Summe beider. Von der Wucht, die ihn zerteilt hat, scheint er mitgenommen, aber sichtlich glücklich. Das ist Ingbert Blüthner-Haessler, seine Söhne heißen Knut und Christian.

Es hatte nicht den alten Heim zerrissen, sondern das Land, in dem er lebte. Seit 150 Jahren baut die Familie Klaviere. Blüthner war ein großer Name. Gold auf schwarzem Lack, wohlklingend wie Steinway, Bechstein, Bösendorfer. Europas größte Pianofabrik. Weltmarke. Dann kam der Krieg, die DDR, Verstaatlichung, die Zeit als Volkseigener Betrieb. Blüthner war Devisenhure: Klaviere raus, Dollars rein. Seit 13 Jahren ist alles wieder eins. DDR und BRD, Familie und Betrieb. Blüthner spielt wieder auf der großen Bühne. Eigentlich ein Grund zur Freude.

Der Blüthner-Sound ist Ergebnis der Freundschaft zwischen dem Gründer und Franz Liszt Wenn man rausfährt aus dem renovierten Leipzig, kommt man in eine Gegend, die kaum ein Taxifahrer kennt. Man fährt über Landstraßen, an Kartoffelfeldern vorbei und parkt irgendwann im neuen Industriegebiet vor einem Gebäude, das scheint, als würden sie hier Schrauben ziehen. Und wenn man so durch die Fabrik geht und mit den Leuten spricht, die dort in aller Stille arbeiten, zwischen Hammerfilzen und Flügel-Rahmen, die wie Sarkophage für Dickbäuchige in der Gegend herumstehen, wenn man also diese Arbeiter fragt, die Klaviersaiten auf goldbronzene Gussrahmen spannen, dann kommt die verklärte Provokation: "Früher war vieles besser." " Besser", sagen sie und meinen das Freizeit- und Kulturprogramm in den Betrieben. Sie meinen die Enge, den Zwang, den Gruppendruck und die seltsame Wärme des Ostens. Solidarität und Nähe, untrennbar mit den harten Kernen des Volkseigentums verwachsen, den Betrieben. Gemütlich, überschaubar, das Gegenteil von Entfremdung. Damit verklären sie die Zeit, in der die Blüthners zwangsenteignet waren. Die Familie hat ihr Werk zurück. Die Arbeiter vermissen den Volkseigenen Betrieb. Bis zum wirklich großen Happyend fehlt anscheinend noch eine Wiedervereinigung.

Ingbert Blüthner-Haessler, 67, ein Mann, der sachlich wird wie die meisten seiner Generation, wenn mit alten Bildern auch Gefühle hochkommen. Am 4. Dezember 1943 war er sieben Jahre alt. Im Haus nebenan schlägt eine Bombe ein, das Kind rennt auf die Straße. Die Aliierten bombardieren die Stadt, gezielte Schläge gegen die Industriezentren. Sie treffen Pelzhandel, Druckereien, und sie zerstören das Werk der Familie Blüthner. Europas größte Pianofabrik, 85 000 Quadratmeter Industriefläche, quer über die Stadt verteilt, alles verbrennt. Hügel schießen durch die Decken der Werkshallen. "Ein unvergesslicher Eindruck", sagt Ingbert Blüthner-Haessler. Der Rest ist Wiederaufbau. Bis heute. Obwohl Ingbert Blüthner-Haessler das nie sagen würde.

Der Gründer, Julius Blüthner, war ein Arbeitstier. "Sein Bild hing lange in meinem Arbeitszimmer. Bei allem, was ich gemacht habe, hat er nie gelächelt", sagt Ingbert Blüthner-Haessler über seinen Urgroßvater. Jetzt hängt der Alte unten in der Halle, im Showroom, wie man heute sagt, und blickt tadelnd auf die polierten Konzertflügel, bis zu 90000 Euro das Stück. Beim Klang jedoch dürfte er lächeln, denn jeder Blüthner, egal, ob unter Kaiser Wilhelm, Erich Honecker oder Gerhard Schröder gebaut, klingt nach Julius Blüthner, nach Jahrgang 1853. Das Jahr, in dem sich der junge Klavierbauer mit ein paar Ideen in Leipzig selbstständig macht. Bewegte Zeiten: Weltbild, Wissenschaften, Politik, alles streckt sich. Die Städte bersten, die Industrialisierung zieht an. Aus ihr wächst eine neue Schicht mit Geld, Macht und dem unstillbaren Drang nach eigenem Habitus: das Bürgertum. Kunst, Musik und Architektur modellieren sein Gesicht.

Die Musik ist überall. Sie geht in den guten Häusern um und donnert durch die Konzertsale. Je besser die Gussplatten, die die jungen, innovativen Instrumentenbauer in die Flügel schrauben, umso stärker wird die Saitenspannung, umso imposanter und perfekter der Klang. Je feiner die Mechanik, umso perlender der Genuss. Technisch gesehen ist ein Klavier ein Hackbrett auf Stelzen. Die Saiten werden mit Hämmern angeschlagen, ein Stegsystem überträgt die Schwingung auf einen bauchigen Klangkörper im Inneren. Tatsächlich aber ist das Klavier das erste Statussymbol der Städte. Von der rußfreien bürgerlichen Abendrunde bis zum Mann am Klavier im Tanzlokal: Jeder braucht eins. Tradition, Luxus und Genuss für alle Klassen.

1903, 50 Jahre später, ist die Julius Blüthner Pianofortefabrik in Leipzig Europas größter Klavierhersteller. Bis zu 6000 Pianos laufen jährlich aus den Werken, ein internationaler Vertrieb, den der Chef auf seinen Weltreisen höchstpersönlich aufbaut, schifft die Instrumente bis nach Sydney und Buenos Aires.

Jeder Klavierbauer arbeitete eng mit einem Künstler zusammen. Der Klang der Blüthner-Pianos entwickelte sich aus einer Freundschaft zwischen dem Handwerker Blüthner und dem Komponisten Franz Liszt, die im Alter am Starrsinn beider Männer zerbricht. Der Klang jedoch bleibt. Voll, kräftig und warm. Ganz anders als der Klang des Deutschen Heinrich Steinweg, der sich im selben Jahr wie Julius Blüthner in New York selbständig macht, sich später Henry Steinway nennen wird und dessen Hügel mit dieser neuen, dynamischen, kristallenen Modulation die großen Häuser erobert, und der alle Klavierbauer weltweit, ob sie Bösendorfer, Schimmel oder Yamaha heißen, dominieren wird.

Über den Blüthner-Klang wird sich ein eiserner Vorhang legen, ihn so gut konservieren, dass er sich 50 Jahre später unverändert frisch in einer homogenisierten Welt zurückmeldet. Die umarmt ihn wie eine Erinnerung an eine andere, eine wärmere Zeit. Heute steigen die Produktionszahlen für Klaviere erstmals seit sieben Jahren, und Blüthner wächst. So wie ihre Pianos klingt keines.

Nach dem Krieg baut Blüthner erst Radiogehäuse und irgendwann auch wieder Klaviere. Was vom Werk übrig ist, liegt inzwischen in der Hand von Ingberts Vater, Rudolf Blüthner-Haessler. Bindestrich und der Name Haessler verweisen auf die erste Krise im Familienunternehmen, die nach wilhelminischer Art gelöst wurde, sprich: durch Adoption. Julius Blüthners Söhne Max und Robert waren kinderlos. Der dritte Sohn Bruno hatte eine Tochter. Sie heiratete den jungen Anwalt Rudolf Haessler, der von seinem Schwiegervater adoptiert wurde, damit der Name Blüthner erhalten, die Marke unverwässert blieb.

"Man machte einfach weiter", erzählt Ingbert Blüthner-Haessler, jetzt mit einem Lächeln um die Lippen, denn die Geschichte spielt nun in der DDR. Sie handelt vom Außenhandelsbüro, das sich ungelenk zwischen die weltberühmte Marke und ihre Kundschaft zwängt. Den SED-Aufpassem in ihren grauen Anzügen, wie sie einsam und verloren beim Kaviar-Empfang der Londoner Handelspartner stehen. Ihrem naiven Stolz, wenn sie durchgeben, eine fünfprozentige Preiserhöhung mit China ausgehandelt zu haben, und von seiner Wut, weil gleichzeitig der Dollar um zehn Prozent gestiegen war.

1958 sperrt die Staatsbank einen Kredit und kassiert dafür die Hälfte an Blüthner. 1966 stirbt Rudolf Blüthner-Haessler, Ingbert muss übernehmen. Und weil ein paar Jahre später in Berlin Honecker von Ulbricht übernimmt, folgt die Vollverstaatlichung: 1972 wird Blüthner ein Volkseigener Betrieb. Beim Richtfest für ein neues Fabrikgebäude überreicht ein Parteisekretär diese Mitteilung. Blüthner baut weiter Klaviere, die Qualität bleibt konstant, so fordert das der Markt. Die Käufer in England, den USA und der Sowjetunion verlangen Tradition. Damit fordern sie genau den Stoff, der die Enkel durch die harten Zeiten bringt.

Aus dem Patriarchen Ingbert Blüthner wird eine Art Genösse Direktor, der Dienst nach Vorschrift macht.

Dennoch kriecht das System in den Privatbetrieb, bildet seine charakteristischen Ablagerungen, verlangsamt den Herzschlag. "Irgendwann gab es sogar eine ernsthafte Diskussion, die Marke Blüthner abzuschaffen", erzählt Ingbert Blüthner-Haessler. "Plötzlich baut man Ost-Klaviere, und Sie gelten als Bürgerlicher." Ingbert Blüthner-Haessler wird so etwas wie ein Genösse Direktor. Die "zumindest rudimentär kapitalistischen Gedankengänge", die er noch beim Einstieg hatte, werden zu "einer Art Dienst nach Vorschrift". 1989, vor der Wende, die in der Leipziger Nikolaikirche beginnt und die er in seinem Werk doch nicht ahnen kann, packt ihn "in einem Anfall von Midlife Crisis das Entsetzen". Immer mehr Freunde stellen Ausreiseanträge. Er blickt sich um, es wird dünn um Ingbert Blüthner-Haessler. Das einstige Imperium, Hoflieferant von Königen, Kaisern und Zaren, dessen Konzertflügel Genies wie Liszt, Wagner, Orff, Shostakovich, Strauß und Tschaikowsky spielten, ist zu einer farblosen Ostklitsche verkommen, aus der ein ausgezehrter Lügenstaat das letzte bisschen Würde saugt. Schuldig habe er sich nie gefühlt, sagt Ingbert Blüthner-Haessler: "Ich hatte Angst, dass ich der Letzte bin." Christian Blüthner-Haessler, der schlankere von beiden Söhnen, "ganz der Manager", wie die Leute an den Werkbänken sagen, führt gekonnt didaktisch durch den Betrieb. Er sucht den Blickkontakt beim Reden, seine Augen sind offen, die Mimik ist sparsam, und wenn was kommt, ist es ein Lächeln. Redet man länger mit ihm, wird ein Auge kleiner, das kommt vom Flunkern hier und da. Christian Blüthner-Haessler ist der Verkäufer. Er verkörpert den Wandel, der irgendwann jeder Marke widerfährt, die Gütertrennung in Produktion und Kommunikation. Es ist Mittagspause. Zwei Tischler liegen ausgestreckt auf ihren Werkbänken, Kopf an Kopf, wie schlafende Ornamentengel. Davor sitzt einer, trinkt seinen Kaffee, liest Zeitung. Es herrscht meditative, filzene, fast verschwörerische Ruhe.

In diese Ruhe schlug die Wende ein, und Ingbert Blüthner-Haessler wacht als Erster auf. Er nimmt Kredite auf, kauft die Anteile zurück und reduziert die Belegschaft. Parteispitzel, Besenschieber und Politballast schmeißt er raus. Die Preise erhöht er um 30 Prozent, ein radikaler Schritt um die Marke dorthin zu bringen, wo sie hingehört: unteres Preissegment der Spitzenklasse. Die Konkurrenz schreibt noch Jahre nach der Wiedervereinigung "Made in West Germany" auf ihre Klaviere. Ingbert Blüthner-Haessler kapiert irgendwann, er schreibt: "Made in Leipzig, Germany". Es geht bergauf, doch "mit Feiern war da nüscht". Es gab keinen Sekt, denn es gab auch keine Zeit. Für ihn nicht und nicht fürs Werk.

Er richtet den Betrieb neu aus, wieder Richtung Familie. Blüthner streift die vergangenen 50 Jahre ab, den Staub, die DDR. Das Werk zieht ins Industriegelände. Links steht jetzt die Leichtbauhalle, rechts die Verwaltung mit dem gläsernen Showroom: ein operativ entferntes Stück Geschichte. Christian Blüthner-Haessler schwärmt von Blüthner wie der Galerist vom Künstler, leidenschaftlich, kenntnisreich, doch wesensfremd. Vor ihm lag eine viel versprechende Karriere als Arzt in der Krebsforschung, 1994 kehrte er in den Betrieb zurück, als der Vater ihn rief. Er zeigt 120 Jahre alte Pianos, die nun wie Seelen an den Ort ihrer Zeugung zurückkehren. Er selbst steht für Marketing, Umsatz, Kommunikation. Tradition ist ein Verkaufsargument, was auch sonst.

Der Markt hat sich längst gewandelt, das Statussymbol von einst gibt es in allen Preisklassen. Blüthner verkauft heute um die 1500 Klaviere pro Jahr und liegt damit an vierter Stelle. Der Abstand zum Drittplatzierten ist noch beträchtlich. Doch die Nische bleibt stabil. Die zugekaufte Marke Irmler deckt mit tschechischen Modellen das Billigsegment ab. Vor drei Jahren haben sie eine neue Marke eingeführt, die das absatzstarke mittlere Segment abdeckt. Der Name: Haessler. Auf den Visitenkarten der Pianobauer steht Blüthner-Haessler. Doch am Telefon und im Gespräch heißen sie wie die Marke: Blüthner.

Im Büro des Nebengebäudes sitzt Knut, der jüngste Blüthner-Haessler, in einem geheimnisvollen Durcheinander, das wohl jeder Konstrukteur zum Denken braucht. Er schmunzelt holzig und verlegen, denn komisch ist das schon, dass er hier seine Geschichte erzählen soll. So viel hat er nicht zu sagen, er baut ja mehr. Knut lernte zu DDR-Zeiten im Familien-VEB, seinen Meister machte er in Stuttgart, nach der Wende. Eigentumsgefühle schon im Volkseigenen Betrieb? Nö, eher Verbundenheit. Wenn, dann mit dem Klavier an sich, dem Namen, dem Produkt. Er ist der Klavierbauer, und auf die Frage, was er mit dem ersten Klavierbauer der Familie gemeinsam hat, grinst er: Julius war Linkshänder, ist auch im März geboren." Im vergangenen Jahr hat der Ururenkel einen Linkshänder-Flügel konstruiert.