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Der Geistesblitz des Tormanns vorm Elfmeter

Das Reich der Freiheit ist nah, sagt der Philosoph und Computerexperte Mihai Nadin. Er verspricht goldenen Zeiten – wenn wir uns von verstaubten Denkgewohnheiten trennen.




brand eins: Herr Nadin, Sie wollen uns unser gutes altes Weltbild nehmen. Wohin soll das führen?

Nadin: Zu mehr Freiheit. Das immer noch herrschende deterministische Denken in Ursachen und Wirkungen stößt an seine Grenzen. Die Physik kann nicht erklären, warum Neues entsteht, Das aber ist heute die eigentlich interessante Frage. Emanzipieren wir uns also von Descartes und Newton!

Hat es die Menschheit nicht gerade dank dieser Denker erfreulich weit gebracht?

Einerseits schon. Das naturwissenschaftliche Denken hat das Zeitalter der Maschinen ermöglicht: Wir fahren Auto, fliegen zum Mond, bedienen Computer. Dabei besteht allerdings die Gefahr. dass wir selbst zu maschinenähnlichen Existenzen verkümmern und vergessen, was uns eigentlich ausmacht: Kreativität.

Können Sie die denn wissenschaftlich erklären?

Von einer schlüssigen Theorie sind wir weit entfernt. Allerdings bin ich zusammen mit anderen Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema beschäftigen, davon überzeugt, dass der Kern jeder schöpferischen Tätigkeit Antizipation ist.

Antizipation heißt...

... Vorwegnahme von etwas, das erst später kommt. Ein Beispiel aus dem Sport: Man kann berechnen, dass ein Torwart beim Elfmeter - rein physikalisch - nicht genug Zeit hat, .um rechtzeitig zu reagieren. Nicht selten erwischt er den Ball aber trotzdem, weil er vorwegnimmt, was der Schütze tun wird. Sein Gehirn schaut also in die Zukunft, es erzeugt Möglichkeiten. Jeder von uns tut ähnliche Dinge, ohne dass ihm dies bewusst ist. Wenn wir einen Hammer in die Hand nehmen, sind wir gedanklich schon beim Hämmern. Das heißt, wir verarbeiten nicht nur Informationen, die von außen auf uns einströmen, sondern produzieren selbst unsere eigene Realität im Sinne von Möglichkeiten. Einige davon werden verwirklicht. Diese mit unserem bisherigen Wissen nicht zu erklärende Fähigkeit ist ein ganz wesentliches Merkmal jedes lebenden Systems. Um Heinz von Foerster zu zitieren: "Die Ursache liegt in der Zukunft." Was bringt uns diese Erkenntnis?

Sie könnte uns vor allem dazu bringen, weiter zu denken. Und dem Einzelnen zu seinem Recht zu verhelfen, denn Antizipation ist immer individuell. Doch bei uns herrscht noch die Mentalität der Industriegesellschaft. So versuchen die meisten Unternehmen nach wie vor, möglichst viele Menschen mit dem gleichen Produkt glücklich zu machen. Ein Paradebeispiel ist Bill Gates' Microsoft: Der Mann wird nicht eher ruhen, bis der ganze Planet mit seinem Betriebssystem Windows arbeitet und unsere Daten seine werden. Ein Irrweg, der das Unternehmen noch in die Pleite treiben wird.

Wie sieht der richtige Weg aus?

Sie und ich, jeder von uns wird bald sein eigenes Betriebssystem haben. Wir werden von individuell auf uns zugeschnittener Technik umgeben sein, die uns dabei hilft, kreativ zu sein, jeder auf seine eigene Art und Weise. Was zählt ist die Verschiedenheit, die zum Ausdruck kommen soll.

Ein nette Vorstellung.

Ich weiß, das klingt utopisch, weil wir uns zurzeit noch in der infantilen Phase des Digitalen befinden. Auf unseren Schreibtischen stehen komplizierte Rechner, die nicht uns dienen, sondern von uns bedient werden müssen. Was in etwa so sinnvoll ist, wie ein Kernkraftwerk zu Hause zu betreiben, nur weil man Strom braucht. Deshalb wird sich die digitale Welt ändern; alle diese Geräte - PCs, Monitore, Tastaturen - werden verschwinden. Bereits jetzt gibt es viel versprechende Entwicklungen, die in die Zukunft weisen.

Welche denn?

So genannte Agenten etwa, also Programme, die beispielsweise selbstständig im Internet für uns nach bestimmten Informationen suchen. Oder neuronale Netze, die man in der Wirtschaft bei strategischen oder taktischen Entscheidungen mit einbeziehen kann. Niemand, der ein neuronales Netz benutzt, weiß, was das eigentlich ist. Und er muss es auch gar nicht wissen. Wir sollten uns von der Last der Physik befreien, von der Vorstellung, es sei nötig, alles zu verstehen, alles zu beherrschen, alles zu lernen.

Eine ungewöhnliche Haltung für einen Naturwissenschaftler.

Ich bin gleichzeitig Geisteswissenschaftler. Mir geht es gerade um die Verbindung von Technik und Fantasie, von Technologie und Wissenschaft. Übrigens sind die meisten Probleme, vor denen wir stehen, gar nicht technischer Natur. Fast alles, was wir uns vorstellen können, ist machbar. Was uns wirklich behindert, ist das Beharren auf dem Bestehenden, der Versuch, alles auf einen Nenner zu bringen.

Ist eine gemeinsame Idee nicht wichtig für ein Gemeinwesen?

Große Gemeinschaften sind historisch überholt. Ihnen fehlt im Übrigen die Fähigkeit zur Antizipation. Künftig wird es kleine, dynamische Konfigurationen geben. Genauso funktioniert unser Gehirn. Die Verbindungen dort ändern sich auch ständig.

Steigt mit der Beschleunigung nicht das Fehlerrisiko?

Die Möglichkeit, sich selbst zu täuschen, ist die Kehrseite der Antizipation: keine Investition in die Zukunft ohne Risiko. Aber auch Scheitern kann grandios sein.

Wie sieht es mit dem von Ihnen entwickelten Computersystem aus, das antizipieren können sollte?

Zugegeben, das war ein zu vollmundiges Versprechen. Tatsächlich ist es mir vor drei Jahren an der Stanford University gelungen, eine Platine zu entwickeln, die, um es ganz einfach auszudrücken, so tut, als würde sie selbst Informationen erzeugen. Heute denke ich, dass Antizipation ein zu großes Wort dafür gewesen ist. Ich bin sogar überzeugt, dass es prinzipiell keine Maschine geben kann, die in die Zukunft schaut - das bleibt uns vorbehalten. Allerdings ist es möglich, Merkmale des Lebendigen in Technik zu integrieren.

Zum Beispiel?

Eine unserer wesentlichen Triebfedern ist die Vergänglichkeit. Wir wissen, dass wir ein Verfallsdatum haben. Warum nicht Computerprogramme mit dieser Eigenschaft versehen? Ich bin dafür, dass bestimmte Funktionen, die der Benutzer nicht verwendet, nach einiger Zeit absterben.

Klingt beängstigend. Möchten Sie selbst in der Welt leben, die Sie skizzieren?

Ich brenne darauf. Wir haben die historische Chance, die interessanteste Phase der Geschichte mitzuerleben. Alle, wirklich alle Tätigkeiten, die wiederholbar sind, werden automatisiert werden - das ist die Voraussetzung für das Reich der Freiheit, in dem sich jeder schöpferisch betätigen kann.

Wenn das Arbeitslosengeld reicht.

Sicher ist: Leute, die wie Maschinen arbeiten wollen, werden keinen Job mehr finden. Es gibt keine Möglichkeit, das zu vermeiden, außer zu arbeiten wie ein Mensch. Also kreativ.

Das klingt zynisch.

Ist es aber nicht. Ich habe noch niemanden getroffen, der nicht auf seine Weise kreativ ist. Die Leute sind nicht blöd, man gibt ihnen nur nicht die Möglichkeit, sich der eigenen Identität entsprechend zu entfalten. Gerade die Kulturnation Deutschland verfügt über ein enormes Potenzial.

Der Pisa-Studie zufolge sind deutsche Schüler ziemlich dumm.

Nicht die Schüler sind dumm, sondern die Debatte über Pisa ist es. Welchen Sinn hat es, im 21. Jahrhundert totes Wissen abzufragen? Fast noch erschreckender als das Gejammer über Pisa ist die Allgegenwart der Quiz-Shows, die der Allgemeinheit den Eindruck vermitteln, es sei wichtig zu wissen, wann der Dreißigjährige Krieg war oder wie Madonna eigentlich heißt. Welch ein Unfug! Allerdings durch Millionen-Gewinne belohnt.

Das neue Zeitalter, von dem Sie träumen, wird also keines der tief schürfenden Denker sein?

Nein, ganz bestimmt nicht. Es werden nur sehr wenige Menschen versuchen, weiter in die Tiefe zu dringen. Die Mehrheit wird an der Oberfläche bleiben. Sie ist auch sehr reizvoll - und wird sich weiter ausdehnen.

Wann wird die neue Ära anbrechen?

Sie werden lachen, ich habe tatsächlich versucht, das auszurechnen. Dabei bin ich, inspiriert durch das Modell der dynamischen Systeme, von der bisher letzten Zäsur ausgegangen, die dem von mir verehrten Mathematiker Norbert Wiener zufolge im Jahr 1948 war. Damals begann die zweite Industrielle Revolution, das Zeitalter der Automatisierung. Die Wende zum Zeitalter des allgegenwärtigen unsichtbaren Computings wird laut meinen Berechnungen - ich will Sie nicht mit Details langweilen - um das Jahr 2016 eintreten.

Aha. Wie wär's, wenn wir uns dann wieder träfen?

Abgemacht. Ein Buch von Nadin zum Thema wird demnächst im Verlag Synchron (Heidelberg) erscheinen. Dazu gehört eine interaktive DVD, die unter Leitung von Torsten Stapelkamp und Stefan Maas am Fachbereich entstanden ist.

Informationen im Netz: www.anticipation.info