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Josef Sauer ist Metzger. Achim Sauer ist Musiker. Zusammen sind sie Vater und Sohn. 320 Kilometer von zu Hause entfernt machen sie ein zweites Zuhause. Für sich und die Fernfahrer. Auf dem Autohof Bockenem können alle essen, trinken und schlafen. Ein Basislager für Expeditionen in die Welt der Straße.

Bockenem liegt nirgendwo in Niedersachsen, zwischen Göttingen und Hannover, an der A 7. Jetzt stellen Sie sich mal vor. Sie seien Fernfahrer. Ihr Leben besteht größtenteils aus fahren, schauen, aufpassen, bremsen, Gas geben. Hunger haben, Durst haben, mal müssen, anhalten müssen. Um dann wieder zu fahren. Um die Last von hier nach dort zu bringen und sich selbst weg von der Straße, hin zu Ihrer Familie.

Dann kommt Bockenem, als blaues Schild mit den üblichen Zeichen. Der Shell-Atlas sagt dazu: Serviceangebot für Mensch und Auto rund um die Uhr. Hier fahren Sie bitte ab. Runter von der Autobahn, ein paar Kilometer nach links, bis dahin, wo drei dünne Fähnchen im Wind wehen. Das sieht nicht einladend aus, halten Sie trotzdem an. Mitten auf dem 20000 Quadratmeter großen Parkplatz steht eine Aral-Tankstelle, an die Tankstelle ist ein großer, flacher Kasten gebaut: der Truckstop. Außen hässlich, der Anbau einer Tankstelle halt, Metall, Backstein, Glas, ein unverständliches Gebäude, wer denkt sich so etwas aus? Innen amerikanisch, nein, der Versuch des Amerikanischen, im Hirn des deutschen Kleinbürgers entstanden. Die Versatzstücke einer US-Kneipe zusammengeschmissen, lange Theke und Vierer-Tische mit braunroten Lederbänken, ein paar Motorradwimpel an die Wände geklatscht, viel zu viele, zu offensichtlich dekoriert.

Eine alte Hütte aus Holz und Stein. Da steckten Vater und Sohn alles rein.

Die Pächter des Autohofs sind Josef Sauer und sein Sohn Achim. Der eine ist 61 Jahre alt, der andere 30. Der Metzger sieht aus wie ein Metzger, einer der gern Gutes isst und seinen Bauch wie eine glänzende Rüstung trägt. Der Sohn sieht aus wie einer, der lieber hört als spricht, der lieber läuft als sitzt. Man sieht ihm an, dass er Musik macht und hier nicht so richtig reinpasst.

Vor 16 Jahren kamen sie zu zweit nach Bockenem, mit einem Pick-Up sind sie in Aschaffenburg losgefahren. Josef Sauer wollte schon immer mehr sein als Metzgermeister, Achim hatte gerade eine Wirtschaftsschule beendet und wollte mehr sein als Steuerfachgehilfe oder so was. " Außerdem ist mein Vater ein guter Typ, ich wollte ihm helfen, dieses Ding hier zu drehen", sagt er. Die UTA, ein Dienstleistungsunternehmen für gewerblichen Gütertransport, hatte den Autohof in Bockenem zu verpachten. Die wurden damals nur unter der Hand vergeben, das waren Goldgruben. Der bisherige Pächter empfahl Sauer als Nachfolger, er kannte ihn von früher, die UTA fand das gut, Josef Sauer auch, sein älterer Sohn Heiko übernahm zu Hause die Metzgerei.

Die Sauers brachten die Hütte aus Holz und Stein zum Blühen. Steckten all ihr Geld rein, schliefen im Büro, für eine Wohnung reichte es noch nicht. Achim füllte an der Tankstelle die Lastwagen ab und hinter der Theke die Trucker. Josef machte das, was er am besten kann: Fleisch und Wurst. Noch heute fahrt er jeden Donnerstag in den Spessart, legt Hand an die Tiere und bringt sonntags Fernfahreressen nach Bockenem. Mannschafts-Portionen, aus eigener Schlachtung, zu kleinen Preisen, die teuerste Mahlzeit kostet 13,90 Mark. Ein echtes Argument für Manner, die im Schnitt 3000 Mark brutto verdienen und damit eine Familie ernähren müssen. Der Brummi-Hof fing an zu brummen, es lief fantastisch, wurde zum Kult bei den Truckern. Das lief über Mundpropaganda, man merkte, da war Gutes, viel und günstig. Die Lastwagen parkten bis in den Ort hinein. "Die funken ja den ganzen Tag wie blöde", sagt Achim. Da spricht sich so etwas schnell rum. Josef Sauer baute ein Haus in Bockenem.

1991 verkaufte die UTA ihre Truckstops, um sich ganz dem Tankkartensystem zu widmen. Der Autohof Bockenem ging an Aral. Neben dem Truckstop steht noch ein einsames Hotel mit Gaststätte, die Kutscher Schänke. Da können die Fernfahrer übernachten, wenn sie mal nicht im Führerhaus schlafen wollen, wenn sie mal ein Bett brauchen. Das Hotel sieht ein bisschen aus wie, äh, nun ja... Achim Sauer grinst. "Bates Motel", sagt er, "aber meine Mutter wohnt nicht hier, ich schwöre." Die wohnt in Aschaffenburg, die möchte nicht nach Bockenem.

Die Herren Sauer sitzen auf zwei weinroten Lederbänken, auf dem Tisch stehen Schweine- und Rindergulasch, Bauernfrühstück, eine gegrillte Schweineschulter, die Riesencurrywurst, die nicht einfach nur so heißt, und das XXL-Metzgerschnitzel, das seinen Namen auch mit großem Recht trägt. Bockenem hat 11000 Einwohner, die Sauers 30 Angestellte. Den neuen Truckstop, der so amerikanisch sein will, gibt es seit April 2000, den hat Aral gebaut. Ein Architekt im schwarzen Anzug hat die Einrichtung ausgesucht. Die alte Hütte haben sie abgerissen, die hatte 90 Sitzplätze, der Neubau hat jetzt 180. 70 Prozent der Fahrer, die hierher kommen, sind Stammkunden. Die älteren von ihnen sagen oft: " Können wir die alte Karte wiederhaben, die deutsche?" Die wollen keine Amerikaner sein. Doch die neue Karte und der Laden sehen nur amerikanisch aus. Die tun nur so.

Die Teller sollen nicht maskiert, sondern voll sein. Wenn sie dann leer zurückkommen, freut sich der Chef.

"Wir sind ein Familienbetrieb", sagt Josef Sauer. "Ein 24-Stunden-offen-Familienbetrieb", sagt Achim Sauer. Das ist so, auf Autohöfen. Der Fernfahrer ist da, wenn er da ist. Auch wenn Achim schläft, ist er erreichbar, immer, das Telefon steht neben dem Bett. Sonst steht da keiner. Achim hat keine Freunde in Bockenem, da gibt es niemanden, den er haben will. Aber er hat sich auch ein Haus gebaut, gleich hinter dem Hotel. Im Haus hat er ein Tonstudio, mit sieben bis elf Gitarren, in allen Farben und Variationen. "Ich bin hier seit 16 Jahren auf der Durchreise" , sagt er. Das Haus gibt es, weil er ein Zuhause haben wollte.

Josef Sauer führt selbst fast ein Fernfahrerleben. Am Wochenende, wenn er zum Wurstmachen nach Hause kommt, freut sich seine Frau. "Frisches, gutes Fleisch gibt ein Aroma, das mit keinem Gewürz zu ersetzen ist", sagt Josef Sauer, "das schneidet sich ganz anders, und die Wurst schmeckt nicht nach Wasser." Sachen, die er selbst nicht mag, forciert er nicht. Ja, okay, es gibt jetzt auch Burger, aber nur ein paar. "Man darf die Teller nicht maskieren, sondern muss sie voll machen", sagt er, "Die Jungs wollen so satt sein, dass sie nicht mehr anhalten müssen." Wer das schafft, hat gute Kameraden. "Die stehen hinter dir wie eine Eins", sagt Achim. "Ja, das ist wunderbar", sagt sein Vater, "hier kann ich was bieten, wir tragen volle Teller raus und leere wieder in die Küche." Es gibt in Deutschland keine andere Raststätte mehr, wo der Kaffee nur eine Mark kostet. Behaupten die Fernfahrer.

Der Mann an der Theke trägt Jeans und Clogs. Fahrer-Uniform. Das tragen sie fast alle, Jeans halten was aus, und Clogs sind praktisch, man fährt ja barfuß. Er war gerade beim Duschen, sieht sauber aus, unschuldig. Hat Hundeaugen im Gesicht. "Fahren macht einsam" , sagt er, "fahren macht süchtig." Er muss immer fahren, will nicht mehr anders arbeiten: "Die Welt ist doch mehr als das Kaff, in dem du lebst." Vor ihm steht das zweite Bier, Duschen macht durstig. "Wir treffen uns hier alle, als wäre es ein Zuhause", sagt er. Weil sie so allein sind, schließen sie Freundschaft. "Das geht dann ganz schnell, dauert oft nur fünf Minuten", sagt er, "du hast ja nur eine Nacht Zeit." Tagsüber muss es halt noch schneller gehen.

Neben ihm steht Christiane Fritz, "unsere Frau Fritz", sagt Achim Sauer immer. Frau Fritz ist eine hübsche Frau mit einem kurzen Rock und einem kleinen Sohn. Das gefällt. Fernfahrer halten immer da an, wo ein Licht ist. Frau Fritz hat selbst den Lkw-Führerschein, ab und an fährt sie mal eine Tour, sie mag die Straße und ihre Jungs. Sie ist alles in einem, alles, was ein einsamer Mann sich wünscht: Mutter, Hure und Heilige. Und das ist jetzt so nett gemeint, wie man es sich nur vorstellen kann. Ein bisschen Wohnzimmer, ein bisschen Badewanne, ein bisschen Porno. So steht sie da mit ihrem Kaffee, gut frisiert und warm, an der Kaffeetasse ist dunkelroter Lippenstift hängen geblieben. Während sie spricht, schaut der Mann sie heimlich von der Seite an und lächelt. "Hat ja lange gedauert, bis ich sie ansprechen durfte", sagt er.

Achim Sauer hat auch ein Bier vor sich und schaut da rein. Alkohol muss ja immer durchsichtig sein, damit es hinterm Horizont weitergeht. Sein Vater und er werden den Autohof nur noch ein halbes Jahr machen. Dann läuft der alte Pachtvertrag aus. Aral hat ihnen einen neuen angeboten, aber den wollen sie nicht. Sie wären nur noch System-Unternehmer. "Das passt nicht zu uns, wir sind Unternehmer", sagt Achim, "wir wollen was Eigenes machen." Josef Sauer wird zurück nach Aschaffenburg gehen. Vielleicht ein richtig gutes Restaurant aufmachen, mit feinen Weinen, davon träumt er. Achim wird hier bleiben. Hat ja ein Haus und ein Tonstudio. Vielleicht macht er aber auch doch weiter. Kann ja niemand wissen. Im Zweifelsfall hat er die Autobahn vor der Tür und kann jederzeit wegfahren.

(Info) www.autohof.de www.hotelsauer.de