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Standards und Normen regeln Gutes und Schlechtes, vertragen sich aber nicht mit dem Neuen. Welche Regeln brauchen wir, wenn das Neue zur Normalität wird?

1. WAS MEISTER WISSEN Die meisten Kreativen und Erneuerer haben eine seltsame Religion. Sie glauben, dass die Norm sie behindert, ihr Werk erdrückt. Der Standard, die Normalität, ist ihnen verhasst. Die Regeln der alten Welt verachten sie, und keinesfalls wollen sie neue Regeln schaffen, um Nachkommenden zu ersparen, worunter sie selbst zu leiden haben; am Bestehenden gemessen zu werden.

Das ist nett, aber dumm, wenig zielführend und wahrscheinlich ein wichtiger Grund, warum so vieles Neue so schnell den Bach hinuntergeht. Wer weiß, dass er es besser kann, schafft einen neuen Standard, der sich an bestehenden Normen und Regeln messen muss. Wer das nicht will, bleibt lieber zu Hause oder lernt: You have to know the rules to break them.

Wir wissen nicht, wie viele Tempel und Häuser einstürzten, weil ihre Erbauer nicht über Standards nachdachten. Fakt ist, dass die, die es taten, Dinge schufen, die wir heute noch bestaunen. Das Werk der ägyptischen Pyramiden-Baumeister folgte bis ins Detail festgehaltenen technischen Regeln. Anders, diese Erfahrung hatten die frühen Meister der ägyptischen Industrienorm gemacht, hielt der ganze Krempel nicht.

Gern glaubten die frühen Dom-Baumeister des Mittelalters, das Werk zum hehren Ziel ließe sich allein mit Gottes Hilfe in die Höhe ziehen. Doch wo Inspiration die Regeln der Statik missachtet, türmte sich bald eine Schutthalde. Derart geläutert, setzten die Dom-Baumeister sich und ihren Arbeitern strenge Regelwerke auf. Selbst die Gestaltung der Kunstwerke in den Kathedralen folgte Normen. Der Meister wurde zum Inbegriff des Künstlers: Er verwendet den Standard und verbessert ihn. Er zertrümmert ihn nicht. Er schafft Neues, weil er die Normalität vor Augen hat. Ohne die Normalität ist er nichts. Nur die Tatsache, dass er sich über die Norm erhebt, macht ihn außergewöhnlich. Oder anders: Wer die Regeln nicht kennt und anwendet, kann sie nicht verbessern. Wo der Standard fehlt, in der Technologie gleichermaßen wie in der Kunst, ist das Außergewöhnliche, das Kreative, nicht mehr wahrnehmbar. Wer alle Regeln vergisst, der nimmt sich gleichsam das Maß, an dem er sich messen will und damit seine Identität. Warum nur macht uns der Motor aller Qualität, die Norm, so zu schaffen? Warum hassen wir die Regeln so?

2. NEUE STANDARDS VERWIRREN Dass Normen uns zur Last fallen, liegt nicht unerheblich an der Arbeitsteiligkeit, die die Industriegesellschaft mit sich brachte. Bis dahin arbeitete die agrarisch-feudale Gesellschaft nach festen, aber selten festgehaltenen Regeln, nach Traditionen, also nach erzählten und von Generation zu Generation weitergegebenen Vorschriften.

Jeder verfügte über die zur Abwicklung seiner Tätigkeiten notwendigen Normen und Standards, deren Ziel die Einhaltung einer allgemeinen Qualität ist - wobei es nicht nötig war, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Weil Massenproduktion kaum eine Rolle spielte, konnte sich jeder die Qualitäten schaffen, die er für richtig hielt.

Mit der Industrialisierung konnte man das vergessen. Erstens schaffte es zunehmend kein Arbeiter mehr, alle Bestandteile einer Ware - etwa einer Maschine - selbst anzufertigen. Damit verlor sich auch die Fähigkeit, die Produktqualität selbst zu kontrollieren, so wie sich auch die schöpferische Kraft, die Kreativität, nun vorgegebenen Normen unterwarf und das Handwerk, das Mittel zum Zweck, nach vorgefassten Methoden abzulaufen hatte. Qualität wurde zum Kalkulationsfaktor. Es galt nun nicht mehr, das der jeweiligen Situation und den individuellen Anforderungen Bestmögliche zu schaffen, sondern eine für die Anwendung langfristig verbindliche Regel der Gestaltung zu entwickeln.

Was bis dahin normal war, nämlich, dass der Schöpfer die Gesamtqualität seines Werkes beurteilen konnte, wurde durch abstrakte Regeln ersetzt: Standards und Normen, wie dieses und jenes Werkstück beschaffen sein musste, das wiederum, aus vielen einzelnen Stücken zu einem Ganzen gefertigt, neue Qualitätsnormen schuf.

Die Entfremdung der Arbeit in der Industriegesellschaft war damit gleichsam auch die Entfremdung der Arbeiter von der Regel, also der Normalität, die Qualität der eigenen Arbeit selbst zu wählen und zu beurteilen.

Von da an war es ein Katzensprung bis zum Taylorismus, der nach dem amerikanischen Arbeitswissenschaftler Frederick Win-slow Taylor benannte Prozess, der jeden Handgriff des Arbeiters auf die Sekunde genau vorbestimmte - und damit den Menschen zur flexiblen Maschine mutieren ließ. Henry Fords Fließbandfabriken der frühen Automobilisierung waren bei weitem nicht so schrecklich wie die von Taylor erdachten Arbeitsnormen, aber immerhin so eintönig, dass in den großen Ford-Werken nur einer von zehn Arbeitern länger als ein Jahr blieb. Erst als Ford den Achtstundentag einführte und die Löhne für die Arbeiter mit fünf Dollar am Tag gegenüber den Konkurrenten verdoppelte, konnte der für die Existenz des Unternehmens stets bedrohliche Mangel an Arbeitskräften beseitigt werden.

Die Unfreiheit der Normierten war zugleich aber die Freiheit jener, die sich dank Standards und Normen aus ökonomischen Abhängigkeiten befreien konnten.

3. OHNE NORM KEIN LOHN In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem Beginn der Massenindustrialisierung also, gab es ein unglaubliches Wirrwarr an Formaten und Größen innerhalb einer Produktgruppe. In England, wo die ersten Eisenbahnlinien entstanden, verfügte jeder Anbieter über eine eigene Spurbreite. Maschinen und ihre Bestandteile waren in ihren kleinsten Teilen auf die Erfordernisse der Produzenten abgestimmt. Das mochte anfangs noch Zufall und Planlosigkeit sein, war aber in wenigen Jahren zum Kalkül der Hersteller geworden. Ersatzteile für Maschinen, selbst wenn es sich um einfache Bolzen und Schrauben handelte, gab es nur beim "Original-Hersteller".

Die Norm kam durch die ökonomische Befreiung in die Welt. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, dem Jahrzehnt des Liberalismus und des Freihandels, entwickelten in Deutschland staatliche Stellen verbindliche Normierungen: zuerst für Werkstoffe und chemische Verbindungen, dann für Eisen und Stahl, schließlich auch für Prüfbedingungen, mit denen sich Qualität messen ließ, was den Mechanisch-Technischen Versuchsanstalten zukam. Der Verein Deutscher Ingenieure, 1856 gegründet, wurde zunehmend zum Expertengremium für die Standardisierung von Roh- und Werkstoffen und der Normierung ihrer Bearbeitung. Die bis heute für deutsche Produkte weltweit als Synonym genutzten Begriffe wie Zuverlässigkeit, Wertarbeit und höchste Qualität sind unmittelbare Folgen der Standardisierung- und Normierungspolitik der deutschen Wirtschaft.

Made in Germany war 1887 als Stigma gegen deutsche Waren vom britischen Parlament eingeführt worden. Weil minderwertige, englischen Originalen nachgeahmte Ware nach Großbritannien strömte, mussten alle Waren aus dem Deutschen Reich diesen Warnhinweis tragen. Doch beim Angeklagten hatten sich die Verhältnisse grundlegend geändert: Aus planlosem Pfusch wurde planvolle, strenge, berechenbare Norm. Deutsche Produkte übertrafen noch vor der Jahrhundertwende die bis dahin als Maß der Qualitätsdinge geltenden britischen Produkte. Made in Germany wurde zum bedeutendsten Qualitätsmerkmal industrieller Produkte im 20. Jahrhundert. Die nach klaren Standards und Normen gefertigten Produkte waren berechenbar gut. Sie entzogen sich der bis dahin herrschenden Beliebigkeit der Qualitätsgüte. Was im viktorianischen Freihandels-Paradies England ungewollt zu einer Neudefinition deutscher Produkte führte, setzte sich auch im Rest der Welt gegen alle Zoll- und Handelshindernisse durch. Die Rolle Deutschlands als führende Wirtschaftsmacht verdankt es seinen konsequenten Standards und Normen, die bald zum Vorbild der ganzen industrialisierten Welt wurden.

4. STANDARDS SCHAFFEN MACHT Länder, die sich der Standardisierung ihrer Waren entziehen mit dem Ziel, ihre eigene Norm zur wichtigsten, führenden Regel für die Produktgestaltung und -gute zu machen, haben das Nachsehen. Die USA lebten im 19. Jahrhundert von und für sich. Im 20. Jahrhundert wurden die Defizite durch mangelnde Qualität - die Folge klarer, verbindlicher Normen und Standards in anderen Ländern - für den Außenhandel immer offensichtlicher.

In den zwanziger Jahren begann der Handelsminister und spätere Präsident Herbert Clark Hoover systematisch den Ausbau staatlicher Normierungsstellen, die dem Vorbild des 1917 gegründeten Deutschen Instituts für Normung e. V. nacheiferten - dem Hüter und Bewahrer der mächtigen Deutschen Industrienorm (DIN), in dem heute in mehr als 4600 Arbeitsausschüssen 28 500 Experten Normen ausarbeiten und verteidigen.

Die Normierung und Standardisierung amerikanischer Produkte erwies sich selbst in Zeiten der tiefsten Weltwirtschaftskrise als so erfolgreich, dass ab Mitte der dreißiger Jahre Hoovers Amtsnachfolger in der Präsidentschaft, Franklin Delano Roosevelt, die Normierung und Standardisierung zu einem der wichtigsten Eckpfeiler seiner New-Deal-Politik machte.

Die technische Regel ist dabei dem Gemeinwohl verpflichtet. Dafür gibt es sogar eine eigene DIN-Norm, Nummer 810: "Normung ist die planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit." In Japan entwickelte sich das zentralistische MITI (Ministry of International Trade and Industry), das als Zentralstelle die Normierung und Qualitätssicherung japanischer Produkte straff organisierte und damit Japan, bis in die fünfziger Jahre keineswegs ein für Produktqualität bekanntes Land, zusammen mit Deutschland an die Spitze der Qualitätsnationen katapulierte.

Die Japaner bedienten sich einer neuen Taktik: Sie passten ihre Produkte den bestehenden Normen-Reichen - dem amerikanischen und den europäischen Märkten - an. Sie versuchten nicht, mit eigenen Normen und Standards den Gegner anzugreifen, sie kopierten seine Vorlagen. Das ist hocheffizient, weil es teuer ist, eigene Normen und Standards durchzusetzen. Auf guter Grundlage verbesserten japanische Entwickler damit ganze Technologiezweige: die Halbleitertechnik, die Automobilindustrie und die Unterhaltungselektronik. In allen drei Sparten konnte Japan durch die Akzeptanz fremder Vorlagen, Standards und Normen damit in die oberste Liga vorstoßen, ohne dass der wirtschaftliche Gegner mehr dagegen hätte aufbieten können als kurzfristige Schutzzölle und beleidigtes Embargo-Gemauschel.

Alle japanischen Unternehmen machten dabei in einer konzertierten Aktion mit. Dem Gemeinwohl verpflichtet.

Gemeinwohl? Das muss man nur richtig verstehen. Gemeint ist nationales wirtschaftliches Interesse oder das Interesse der drei mächtigen Wirtschaftsblöcke der Triade, geführt von den USA, Deutschland und Japan.

5. DEN STANDARD RICHTIG NUTZEN Wo immer es möglich scheint, versuchten die Normen-Supermächte ihren Konkurrenten am Weltmarkt die eigenen Regeln aufzudrängen.

Standard und Norm waren die schärfste Waffe in den Wirtschaftskriegen des 20. Jahrhunderts. Ihr Einsatz konnte moralisch gerechtfertigt werden, ganz anders als etwa bei der Einrührung von Schutzzöllen gegen ausländische Importe. Der Konkurrent passte sich nicht an und gefährdete mit seinen eigenen Normen und Standards das Gemeinwohl. Von den vierziger bis in die achtziger Jahre dauerte etwa die Auseinandersetzung zwischen den USA und Europa über die Frage, ob Schrauben und Gewinde international mit metrischen Maßen ausgestattet werden sollten. Inch oder Zentimeter? Fuß oder Meter? Meile oder Kilometer, Pfund oder Kilo? All das ist noch in unserer Welt, die manchmal glaubt, sie sei aus einem Guss.

Funktionieren die Standard-Kriege der Triaden noch? Werden die internationalen Gremien für Normen wie ISO weiterhin von Lobbyisten aus Washington, Brüssel und Tokio bestürmt? Es scheint fast so, als ob die Staaten, lange Zeit Hüter der Normen zur Durchsetzung des " Gemeinwohls", also nationaler Interessen oder politischer Bündnisse wie der EU, diese Haltung aufgegeben haben. Im Vorjahr legte Carl Cargill, Manager des Computerkonzerns Sun Microsystems, dem Wissenschafts-Komitee des US-Repräsentantenhauses seine Einschätzung der Standard- und Normenfrage "Heute und in Zukunft" vor. Cargills Analyse: "Es ist wichtig, Standards richtig zu nutzen, nicht sie zu schaffen." Ausgerechnet die bei uns als techniklahm verschriene Europäische Union habe da die richtige Politik, so Cargill "die Europäer haben es aufgegeben, bei Informationstechnik neue Standards schaffen zu wollen. Sie nehmen brauchbare Normen und ziehen sie durch. Das ist der genutzte Standard, eine Norm, die sich - wie bei GSM - viel schneller verbreitet". Diese Einsicht war für die Amerikaner schockierend - wenngleich alles andere als ein Staatsgeheimnis. Das Deutsche Institut für Normung in Berlin definiert in Broschüren und auf ihrer Website klar die Strategie deutscher Normungsbemühungen auf dem Weltmarkt: Zur Erreichung des Ziels, " flächendeckende und/oder schnelle Präsenz auf den globalen Märkten" bestehe die Strategie darin, "eigene Technologie in die internationale Normung einfließen zu lassen und damit am Schlüssel zum Exportmarkt selbst mitzuwirken." Tatsächlich scheint die europäische Industrie ihre Versuche aufgegeben zu haben, amerikanischen Normen und Standards eigene Entwicklungen entgegenzusetzen - wie dies etwa bei Computersystemen in den sechziger und siebziger Jahren unter Milliardenverlusten der Fall war. Das japanische Modell, "Kopiere die Norm, akzeptiere den Standard", ist auf Sicht erfolgreicher und vor allem günstiger.

6. DIE KRIEGE DER STANDARDS Vor einem Jahr veröffentlichten die Technische Universität Dresden (TUD) und das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung eine bemerkenswerte Studie über den Nutzen der Norm: Über 30 Milliarden Mark jährlich, das haben die Forscher errechnet, beträgt der volkswirtschaftliche Nutzen durchgehender Normung. Tatsächlich "beeinflussten Normen das Wirtschaftswachstum stärker als Patente und Lizenzen", die gemeinhin als Treibstoff Gewinn bringender Innovation und Standardisierung gesehen werden.

Doch Regeln können auch hemmen. Lawrence Eicher, Generalsekretär der ISO in Genf, ist dann bei seinem Lieblingsthema: "Standards Wars - Krieg der Standards". "Die erste Regel lautet: Der freie Markt regiert die Welt. Die zweite Regel heißt: Standardisierung widerspricht den natürlichen Regeln des freien Marktes." Der freie Markt erzeugt unablässig Neues, vielseitig und wechselnden Konsumentenwünschen angepasst. Er zwingt zur dynamischen Produktion, in der fast jeder Standard in kurzer Zeit überholt wird. Eicher glaubt, dass die internationalen Normen und Standards zu den "wichtigsten Regulatoren eines völlig freien Marktes werden, wichtiger als der Staat und jedes andere Abkommen". Die Norm ersetzt die Regierung.

Wo aber Normen und Produktzyklen rasch wechseln, sinkt die Qualität: Fehler entstehen, und das alte Festschreiben von Standards für viele Jahrzehnte taugt nichts mehr. Je mehr Dienstleistungen und Managementfähigkeiten in die Produktion einfließen, desto wichtiger wird es, Normen und Standards zur Qualitätssicherung permanent weiterzuentwickeln. Der amerikanische Standard-Vordenker W. Edward Deming entwickelte in den fünfziger Jahren den nach ihm benannten Deming-Kreis, das PDCA-Modell, das die Grundlage qualitätssichernder Standards wie der ISO 9001 darstellt: Plan-Do-Check-Act - plane, mache, prüfe, handle - und dann wieder von vorn - ein permanenter Kontrollprozess, bei dem der Standard nur mehr Ausgangspunkt der Qualität ist. Diesem Prinzip folgen praktisch alle Dienstleistungsund Wissensunternehmen, allen voran die Software-Hersteller: Von einem Standard ausgehend, werden nach jedem PDCA-Durchlauf neue Varianten und Versionen entwickelt, fehlerfreier als ihre Vorgänger, zugleich aber auch funktionaler. Dennoch verlassen die Versionen nicht die Ebene des ihnen zugrunde liegenden Standards.

7. DIE NORMEN DER WISSENSGESELLSCHAFT Software ist reiner Code, ein Standard, eine Norm. Nicht mehr das Produkt unterliegt einer Regel, einer Norm, wie es beschaffen sein soll, sondern der Standard wird selbst zum Produkt oder wenigstens zu seinem wichtigsten Bestandteil. Je stärker ein Industriekonzern, so die Geschichte, seine Norm zum Standard machen kann, desto größer wird seine Marktmacht. Was für die Industriegesellschaft richtig war, gilt in der Wissensgesellschaft nicht mehr. Was ist das Internet? Ein Standard namens TCP/IP.

Augenfällig wurde das mit dem Industriestandard, den der Computerkonzern IBM 1981 mit seinem Personal Computer System etablierte. Innerhalb kürzester Zeit setzte sich der aus den Partnern Microsoft (Software und Betriebssystem) und IBM (Komponentenplanung) entwickelte Standard durch, übrigens zum Teil gegen eigenständige Bemühungen der Betreiber selbst. Zum Zeitpunkt, als Microsoft zum Standard- und Normenherrscher bei Betriebssystemen wurde, also um das Jahr 1982 mit MS-DOS, investierte Microsoft enorme Beträge in einen Standard für Heimcomputer, den so genannten MSX-Standard (Microsoft Extended Basic).

Der damalige Vizepräsident von Microsoft, Kazuhiko Nishi, trommelte die wichtigsten Unternehmen der japanischen Computerindustrie zusammen: Canon, Casio, Fujitsu, Hitachi, JVC, Kyocera, Matsushita, Mitsubishi, Nippon General, Sanyo, Sony, Toshiba und Yamaha tragen ab 1983 den Heimcomputer-Standard, dazu unterstützen ihn die amerikanische Spectravideo, deren Gründer Harry Fox und Alex Weiss als Ideengeber des neuen Standards gelten, und der niederländische Philips-Konzern. Es ist eines der größten und mächtigsten Konsortien, die jemals in der Informationstechnik zusammengefunden haben. Die MSX-Betreiber bringen in einem Jahr mehr als zwei Dutzend Computer auf den Markt, die technisch den bekannten Heimcomputern vom Schlage eines Commodore oder Atari weit überlegen sind und auch die Qualität des PC-Systems von IBM und Microsoft in Frage stellen.

Dennoch kann sich der Standard nicht durchsetzen, ist bereits 1985 wieder tot, erdrückt vom übermächtigen Industriestandard der IBM, der das Unternehmen fast ruiniert. Widersprüche? Keineswegs. Die Standardisierung des Personal Computers in einige wenige überschaubare Komponenten mit genormten Anschlüssen und standardisierten Betriebssystemen ist so simpel, dass sie von hunderten, tausenden Unternehmen übernommen wird. Es ist ein Standard, der Ein-Mann-Unternehmen ebenso die Möglichkeit zur Marktteilnahme gibt wie mächtigen Computerkonzernen. Wer einen Schrauberzieher, einen Lötkolben und einen Werktisch besitzt, kann Computerproduzent werden.

Genormte Komponenten gibt es überall und in reicher Auswahl. Dass IBM von seinem Standard nicht profitierte, sondern im Gegenteil eine schwere Krise durchmachte, lag aber nicht am Potenzial des Standards, sondern schlicht an den vergebenen Chancen des Konzerns, der trotz des fulminanten Erfolges seines Weltstandards große Systeme favorisierte und zugleich eine Hochpreispolitik verfolgte. Doch die Chancen waren erkannt. Ein Standard in der Informationstechnik schien nach dem Blitzkrieg-System zum Erfolg zu werden: möglichst schnell möglichst viele Leute mit den genormten Systemen versorgen, um dann den eigenen Standard zur Marke zu erheben und dadurch die Macht zur Steuerung des Marktes zu erlangen. Das war das Muster, das Marc Andreesen und Jim Clark bei der Einrührung des Internet-Browsers Netscape Navigator verfolgten und das Microsoft bald kopierte. Sind ausreichend Kopien am Markt, ist der Standard mal durchgesetzt, dann können kompatible Produkte nachgereicht werden. Der Standard des Browsers ist nur der Köder. Der Haken ist die Lizenz, der auch die verschenkte Software schützt. Ist erst mal genug davon auf dem Markt und der davon abhängig, muss sich der Standard-Fürst nur mehr mit der Frage des Pricings beschäftigen.

Es ist klar, welches Ziel damit verfolgt wird: De-Fakto-Monopolisierung durch den Standard.

8. OPEN SOURCE: MYTHOS DER OFFENEN NORM Der Standard ist der Code, der Code ist Macht - und dagegen, so scheint es, kann niemand etwas ausrichten. Das wurmte schon in den siebziger Jahren den amerikanischen Software-Ingenieur Richard Stallmann so sehr, dass er begann, die von ihm entwickelte Software zu verschenken, genauer, eine " öffentliche Lizenz" für seine Programme auszugeben (Public Licence). Die Free Software Foundation, die Stallmann ins Leben rief, hatte sehr einfache Prinzipien: Der Standard, der Code oder die Ausgangsquelle (Source) ist Allgemeingut. Jeder kann ihn nutzen. Es gibt nur zwei eiserne Regeln. Neue Produkte, die auf diesem offenen Standard, der Open Source, beruhen, dürfen nicht durch Lizenzen - die Standards monopolisieren - beschränkt werden. Und, was meist bei der Euphorie rund um Open Source vergessen wird: Jeder kann an der Quelle herumbasteln, solange er den Normen und Standards folgt.

Stallmans Open-Source-Idee war nett gemeint und bewies sich mit dem Anfang der neunziger Jahre durch eine weltweite Programmiergemeinschaft in die Welt gebrachten Linux auch als lauffähig. Doch die eigentliche Zündkraft der Open-Source-Idee liegt nicht in der durch keine Lizenz eingeengten Nutzungsmöglichkeit und in der von politischen Gefühlen und Mystifizierungen getriebenen Open-Source-Gemeinde, die im Netz gern und oft von "Software-Demokratie" und " antiautoritärer Grundrichtung" schreibt. Wer die euphorischen Lobhymnen auf Open Source liest, der findet nur selten einen Hinweis darauf, was das wirklich Entscheidende an der Idee Stallmanns ist: höchste Qualitätssicherung, kompatibel zur Wissensgesellschaft.

9. KATHEDRALEN UND BASARE Beschrieben hat das vor vier Jahren der amerikanische Programmierer und Autor Eric S. Raymond in einem der wohl wichtigsten Aufsätze der Wissensgesellschaft: "The Cathedral and the Bazaar", die Kathedrale und der Basar.

Normen und Standards als Grundlagen der Qualitätssicherung gliedern sich nach Raymond in zwei Lager: die klassische, die von Unternehmen wie Microsoft vertreten wird und die Raymond die Kathedralen-Methode nennt. Dabei werken einige Meister auf der Grundlage ihrer Standards und Normen am Bau eines Doms aus Bits und Bytes. Stein für Stein schichten sie auf, wobei sie zwar die Statik, also die technischen Grundlagen, beachten, im eigenen. Interesse aber die Regeln stets neu formulieren, um sie für Dritte unzugänglich zu machen. Der Standard, der dabei entsteht, bleibt undurchschaubar wie der berühmt-berüchtigte geheime Quellcode von Microsoft Windows. Weil der Kreis der Wissenden klein ist und klein gehalten werden muss, braucht man sehr lange, um Fehler zu entdecken. Die Qualitätssicherung ereignet sich nur hinter verschlossenen Türen und in zähem Tempo.

Bei der Basar-Methode hingegen einigen sich Experten ohne Zugangsbeschränkung auf einen Code, einen Standard, den sie als Grundlage für ihr Software-Produkt - oder Wissensprodukt - wählen. Ihr erster gemeinsamer Nenner ist ihre Sprache, die des Standards, des Codes. Selbst wenn nur wenige Experten an diesem offenen Standard arbeiten, veröffentlichen sie jede ihrer Entscheidungen im Internet. Das heißt nicht, dass jede Entscheidung endlos diskutiert wird und jeder wild drauflosexperimentieren kann. Das heißt, ganz wichtig, dass die Entscheidungsprozesse transparent sind. Release early, Release often, das ist nach Raymond das Grundprinzip, mit dem komplexe Wissens-Systeme wie Software höchste Qualität erlangen.

Früh veröffentlichen und transparent machen - und jede Änderung ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich machen. In diesem Normungsprozess spielen Nichtexperten, alias Kunden, eine entscheidende Rolle: Sie geben Tipps und Anregungen für die Gestaltung der Software, ihre Verständlichkeit, ihr Design.

Experten im Open-Source-System sind Informationsmanager, die dem Deming-Kreis folgen: planen, machen, prüfen, handeln. Ein Prozess, der eine Demokratisierung der technischen Produktion ziemlich nahe legt.

10. REGELN KENNEN, REGELN BRECHEN Mag sein, dass die permanente, fließende Entwicklung von Normen und Regeln nicht bloß technische Standards verändert. Es ist wahrscheinlich, meint Lawrence Eicher, ISO-Chef, dass da noch viel mehr drin ist: "Neue, permanent verbesserte Standards werden die traditionelle Politik ersetzen." Statt einmal gesetzte Normen und Regeln - Gesetze und Verordnungen - für unbestimmte Dauer einzusetzen und dann zu Tode zu reformieren, obgleich sie schon lange nichts mehr taugen, nimmt die Öffentlichkeit permanent am Änderungsprozess der Regeln teil. Das passiert nicht chaotisch, sondern wieder nach einer Regel, einer Norm, etwa der, dass bestimmte Vorhaben einer Regierung dem Volk regelmäßig zur Abstimmung vorgelegt werden. Das ist die richtige Antwort darauf, dass in unserer Welt mehr Informationen zur Verfügung stehen als in jeder Zeit zuvor. Der Information-Overflow, das Ertrinken in zu viel Informationen, ist eine Folge des Wasserstandes, den die bestehenden Normen und Regeln in Gesellschaft und Politik vorgeben.

Wir haben nicht zu viele Informationen, wir haben zu wenige Standards, um aus ihnen brauchbares Wissen zu machen. Die Standards und Normen der Politik sind nicht auf schnelles Verändern ausgelegt.

In der Schweiz ist das üblich. Dort stimmt der Bürger schon seit Jahren etwa über die Frage ab, ob sein Land nun der Europäischen Union beitreten soll oder nicht. In jeder Abstimmung gibt es neue Fakten, die für und gegen einen Beitritt sprechen. Die Regel dahinter ist so einfach wie effizient: Überlegt euch gut, was ihr wollt. Setzt euch mit dem Neuen auseinander und wägt es gegen das Bestehende ab. Prüft es und handelt dann. Erweist sich euer Beschluss als falsch, dann macht ihn rückgängig.

Ihr macht die Regeln. You have to know the rules to break them.