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Warum darf geistiges Eigentum nichts kosten? Weil im Internet alles gratis war, ist und darum auch in Zukunft sein wird? Das ist ein saublödes Argument.

Hank Barry ist ein ausgezeichneter Jurist. Mit seinen Ein- und Auslassungen zum Thema Copyright gewann er einmal den ersten Preis im Nathan-Burkan-Gedächtnis-Wettbewerb. So etwas hat in Amerika Gewicht. Der Urheberrechtler gehört zudem den Redaktionsbeiräten der Fachzeitschriften " Cyberspace Lawyer" und "Internet Law Journal" an und bekleidet ein Ehrenamt an der Stanford Law School.

Gegen seinen Kollegen Manus Cooney ist der kalifornische Advokat ein eher kleines Licht. Trotzdem rettet Barry gerade als Interimsboss eine weltberühmt-berüchtigte Firma vor dem Untergang. Cooney dagegen dient nur als deren Vizepräsident für Unternehmensentwicklung. Dieser Job mit dem frühstücksdirektorenhaften Titel war es dem Spitzenjuristen allerdings wert, seine Karriere als politischer Beamter im Washingtoner Establishment an den Nagel zu hängen, zumindest vorübergehend: Der Experte für geistiges Eigentum tauschte seinen Posten als Stabschef beim Rechtsausschuss des amerikanischen Senats, Vertrauter und rechte Hand des mächtigen Ausschussvorsitzenden Orrin G. Hatch (Republikaner, Utah) gegen einen Vorstandsposten bei Napster Inc. (Bertelsmann, Gütersloh).

Noch mehr juristisches und politisches Gewicht wirft von Amerikas Cyberspace-Kundigen höchstens noch der Clintonist Joel Klein in die Waagschale. Und siehe da: Auch er, der einstige Chef-Widersacher der sinistren Betriebssystem-Monopolisten Bill Gates und Steve Ballmer, arbeitet für Napster. Wenn auch nur indirekt. Und zwar als amerikanischer Adlatus des Oberbertelsmannes Thomas Middelhoff, der seit vorigem Herbst seinen schützenden Geldbeutel über die mittlerweile domestizierte Musikpiraten-Site hält.

Jura-Absolvent Barry, im Brotberuf Wagnisfinanzierer (Mitglied der Silicon-Valley-Institution Hummer Winblad Venture Partners), stünde ohne die mit Gütersloher Millionen unterfütterte Lobbyarbeit seiner prominenten Zunftkollegen auf ziemlich verlorenem Posten. Infolge jahrelanger Indoktrination durch Web-Gurus und Analysten halten viele Menschen zwischen Silicon Valley, Kalifornien, und Silicon Alley, New York, das Internet für ein digitales Schlaraffenland, in dem es alles umsonst gibt, was sich irgendwie digitalisieren lässt. Jetzt gilt es plötzlich zu vermitteln, dass es noch das Copyright gibt und dies etwas mit Geld zu tun hat. Dazu später mehr (sorry, einen Hyperlink können wir hier leider nicht setzen).

Dank Cooney, Hatch & Co. haben die USA zwar bereits seit 1998 ein runderneuertes Urheberrechtsgesetz, welches das Grundrecht der Bürger auf ungehinderten Zugang zu Informationen in Einklang bringen soll mit den Bedürfnissen und Rechten der "Content Provider" , wie Komponisten, Künstler, Autoren und Medienkonzerne im Neusprech genannt werden. Die Sachverhalte, die dieses "Digital Millennium Copyright Act" regelt, betreffen praktisch jeden Bürger, sind aber so abstrakt, dass die meisten Menschen nicht so recht kapieren, worum es eigentlich geht: um elektronischen Ladendiebstahl und virtuelle Schwarzfahrerei - und um die Frage, wo diese Delikte im Alltag anfangen und wo sie aufhören. Wieso ist ein Hit von Madonna, als digitale MP3-Datei aus dem Internet gezogen, eine Raubkopie, das Mitschneiden aus dem Radio oder MTV für den analogen Walkman zwecks rein privater Erbauung dagegen aber ein legales Vergnügen?

Auch Napster-Gründer Shawn Fanning hat auf solche Fragen nicht allzu viel Zeit verschwendet, als er vor zwei Jahren seine Filesharing-Software schrieb. Darum nahmen ihm die Juristen bald seinen Laden aus der Hand und degradierten ihn zum Grüßaugust. Die korrekte Antwort wäre gewesen, dass die Sender brav Tantiemen an nationale Verwertungsgesellschaften wie die Gema abführen, dass in manchen europäischen Ländern auch Leerkassetten mit einer Copyright-Abgabe belegt sind, wohingegen die legal gekauften Original-CDs der Napster-Teilnehmer allesamt einen Hinweis tragen, der die öffentliche Wiedergabe verbietet. Eigentlich ganz simpel. Der Bursche hätte nur das Kleingedruckte lesen oder es ernster nehmen müssen.

Ohne Shawn Farmings Unbedarftheit hätte die Musikindustrie das Netz immer noch nicht als besten Vertriebskanal entdeckt.

Über Fannings damalige Ignoranz können die fünf Mitglieder des globalen Schallplattenoligopols - Universal (Vivendi), BMG (Berteismann), Warner/Wea (AOL), Sony und EMI - heute jedenfalls heilfroh sein. Hätte der junge Amerikaner nicht mit dem Mut des Unbedarften immer mehr MP3 s um den Globus geschaufelt, wäre die Musikindustrie heute noch nicht so weit, das Internet als das zu sehen, was es ist: das ultimative, ja perfekte Vertriebsmedium für ihre längst aus Bits und Bytes bestehenden Produkte. Die Compact Disc war nur ein halbherziger Zwischenschritt; sie verdankte ihren Erfolg weniger der Digitaltechnik als dem Umstand, dass der Handel den Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche vervielfachen konnte. Für die Kunden ist Digitalisierung aber nur dann ein Fortschritt gegenüber der sinnlichen analogen Vinylscheibe, wenn sie dazu führt, statt Tonträgem Töne zu verkaufen - nein, besser: Musik. Jederzeit die passende Musik zur Stimmung. Sonntags. Nachts. In der Mittagspause, fernab des nächsten Saturns oder WoMs. Die persönlichen Lieblingslieder, ganz nach eigenem Geschmack zusammengestellt, ohne die teils belanglose Dutzendware, mit der die Producer den Platz zwischen den zwei, drei Ohrwürmern pro Silberscheibe auffüllen. Erst diese neu gewonnene Freiheit macht die CD besser als die alte Langspielplatte.

Der Preis, den die Entertainment-Konzerne für diese unbeabsichtigte Hinwendung zum Kunden verlangen, ist banal: Geld. Am liebsten als Abonnement-Pauschale, gern auch Pay-per-Song. "Pfui", raunt die traditionell allem Kommerz abholde Internet-Community. Fachautoren, die selbst jedes veröffentlichte Wort der Verwertungsgesellschaft melden, weil sie dann Anspruch auf Pressespiegeltantiemen haben, entrüsten sich ungeniert über Abzockermentalität, als sei es unmoralisch und verabscheuungswürdig, an geistigem Eigentum Geld verdienen zu wollen. Gut bezahlte Redakteure von Blättern, die den beteiligten Medienmultis gehören, beweisen Mannesmut vor Königsthronen, indem sie ihren Lesern als Gegenwert für die Abo-Gebühr den Weg zu Napster-Klonen wie Bearshare verraten. Wer zockt da wen ab?

Seit es Webbrowser gibt, wird Kostenlosigkeit zum kulturellen Ideal hochgejubelt. Mit dem verschenkten "Navigator" wurde Netscape blitzschnell zur Weltfirma - und blieb es so lange, bis das an der Börse zusammengeraffte Risikokapital verbraten war und America Online die kläglichen Überbleibsel des Shooting Stars aufsog. Auch Shareware-Autoren kennen das Spielchen: Seit Jahren bezahlt stets nur eine Minderheit an ehrlichen Häuten die Programme, die sie aus dem Netz gefischt hat. Die anderen könnten wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. Doch jeder Schmarotzer fühlt sich nach dem Beutezug wie Robin Hood -ohne sich zu fragen, ob der raffgierige Sheriff von Nottingham nicht vielleicht doch der Typ ist, der morgens immer so frech aus dem Spiegel grinst. Dass Software - nichts anderes sind Texte, Musik, Fotos, Filme - in der Wissensgesellschaft womöglich den wesentlichen Teil der Wertschöpfung einer Volkswirtschaft darstellen könnte, kommt in den Argumentationsketten der bigotten Netzromantiker eher selten vor.

Ganz egal, ob bigotte Abstauber Kostenlosigkeit zum Kulturideal hochreden, im Internet wird bald bezahlt. Zu Recht.

Aufhalten werden die Hohepriester des Gratiskults den Trend zum Kassieren nicht. Die angekündigten MP3-Download-Shops wie Musicnet, Napster-neu oder Duet sind nur die Vorreiter, die von der gesamten Medienbranche mit kritischer Sympathie beäugt werden. Denn was auch immer professionelle Content -Vermarkter und Portalbetreiber bisher ins Internet gestellt haben, fette Gewinne hat noch nichts davon abgeworfen.

Im Gegenteil: Tiefrote Zahlen sind Branchenstandard, betriebsbedingte Kündigungen alltäglich, eine schwarze Null schon ein Grund zum Feiern. So hat sich die Vorstellung, mit dem traditionellen Finanzierungsmodell des Privatfernsehens - hundert Prozent der Einnahmen kommen aus der Werbung - eine halbwegs attraktive Website mit Aktualitätsanspruch betreiben zu können, inzwischen als illusorisch erwiesen. Das Web gehorcht anderen Regeln als das Fernsehen mit seinen paar Dutzend Programmen. In den USA ziehen heute vier Sites die Hälfte des Internetverkehrs an, der Rest verteilt sich auf viele Millionen anderer Anbieter. Branchenweit gehen inzwischen die Preise für Werbeeinblendungen zurück. Eine nennenswerte Zahl von Bannerklicks lässt sich noch am ehesten durch bewusste Irrerührung des Konsumenten erzielen - bewährt haben sich fiktive Fehlermeldungen im Windows-Look, die so tun, als seien sie offiziell, in Wahrheit sind sie nur billiger Betrug.

Die Banner-Allergie der User ist kein Wunder: Wer eine Internet-Seite ansteuert, weiß meist genau, was er sucht. Da muss die Reklame schon außergewöhnliche Reize zu bieten haben, wenn sie jemanden davon ablenken soll. Vollbringt sie dieses Kunststück doch, war der Content nicht "sticky" genug: Es bleiben zu wenige Surfer mit ihren Mäusen auf der Seite kleben. Und das ist wiederum ein Grund für die Werbetreibenden, dieser Site ganz Adieu zu sagen. In keinem Medium ist die Rivalität zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung härter als im Internet.

Die Zukunft heißt "Premium Content". Der große Begriff meint aber nicht hohe Qualität, sondern nur einen hohen Preis.

"Subscription-based-Content", besonderer Inhalt exklusiv für zahlende Kundschaft, ist deshalb seit Monaten ein Lieblingsthema einschlägiger Führungskräfte wie Thomas Holtrop (T-Online-Vorstandschef) und Peter Würtenberger (scheidender Yahoo-Statthalter). Nach dem Vorbild der Printmedien, von denen sich die wenigsten komplett aus Anzeigenerlösen finanzieren, wollen die Portalbetreiber zumindest einen Teil des Aufwands über Abonnementgebühren hereinholen.

Die neuen Online-Musikbörsen, die ursprünglich schon zu Beginn des dritten Quartals eröffnet werden sollten, testen neben solchen Monatspauschalen auch die Einzelabrechnung pro Download. Sollten genug Netzbewohner tatsächlich für einen Popsong ein paar Mark bezahlen - Thomas Middelhoff und Vivendi-Chef Jean-Marie Messier glauben fest daran - könnten auch andere Inhalte verkäuflich sein. Ist doch super! Zum Beispiel Wirtschaftsnachrichten und regionales Biowetter, Enzyklopädien und Horoskope oder was den Menschen sonst noch wichtig ist oder zumindest sein könnte.

Selbstverständlich hat niemand vor, sein Kassenhäuschen schon vor der Homepage aufzustellen. Das Stichwort bei Yahoo, T-Online &c Co heißt "Premium Content". Das klingt nach Edel-Eiscreme und Gourmet-Marmelade, leitet sich in Wirklichkeit aber aus dem leicht hochstaplerischen Jargon der Telefon-Hotline-Branche ab. Die nennt 0190er-Nummem " Premium Rate Services" - was nichts anderes heißt als "Dienstleistung oberster Preislage" und keinerlei Rückschlüsse auf die Qualität der feilgeboten Informationen zulässt. Immerhin beweisen die so genannten Mehrwertdienste, dass mit Content Geld zu machen ist. Darum will Thomas Holtrop demnächst zahlungswillige T-Onliner mit einem Türchen beglücken, hinter dem sie sich für ein paar Tage virtuell an die Fersen von Bayern-München-Ballmännern oder Goldjungen wie Sänger Sasha heften können. Der Titel, in bestem Telekom-German: "Follow your Stars".

In der Praxis führt das Premium-Prinzip zu einem zweigeteilten Inhalt: Geizhälse sehen nur einen ärmlichen Ausschnitt des Angebotes, dazu einen Schlüssellochblick auf den Rest. Den passenden Schlüssel bekommen sie gegen Gebühr. Mit dieser Masche malträtiert die Computerbranche seit Jahren erfolgreich die Käufer von Scannern und Druckern. Den Geräten liegen kostenlose "Limited Editions" teurer Programme bei, in denen Dutzende von praktischen Funktionen sichtbar, aber deaktiviert sind - bis der Käufer schwach wird und das kostenpflichtige Upgrade aus dem Internet lädt. Ähnlich treiben es die Anti-Virus-Spezialisten (wobei Gerüchte, sie würden zu Marketing-Zwecken neue Internet-Viren in den Medien hochpushen, völlig ungerechtfertigt sind).

Software-Hersteller tun sich allerdings leicht mit dem Abkassieren; bei den branchenüblichen Preisen lohnt sich der Einsatz der Kreditkarte. Doch Kleinkram wie ein HipHop-Hit für drei Euro, ein Artikel aus dem Zeitungsarchiv für 75 Cent und ein Online-Spiel für 20 Cent pro Runde erfordern billigere Inkassoverfahren. Nicht, dass ein Mangel an Lösungsansätzen bestünde. Aber keines der vorgeschlagenen Zahlungssysteme für solche "Micropayments" hat bisher die kritische Masse erreicht, die es zum Muss für Anbieter und Kunden machen würde. Die derzeit attraktivsten Methoden, Guthabenkarten nach dem Vorbild der "Prepaid" -Telefonkarte und die Bezahlung per Handy, müssen sich zunächst einmal in ihrem deutschsprachigen Heimatmarkt etablieren. Von der nötigen Internationalität, und sei es nur die Akzeptanz in ganz Euroland, sind diese virtuellen Zahlungsmittel weit entfernt.

An der Verwirrung der Konsumenten könnte deshalb so mancher Plan, Inhalte zu verkaufen statt zu verschenken, doch noch scheitern: Kaufe ich mir Micromoney von der Telekom, oder lege ich mir doch lieber die Paybox von der Deutschen Bank zu? Oder beides? Beschert der Euro gar der EC-Geldkarte den späten Durchbruch? Wer weiß. Genau, niemand, zumindest nicht die Experten, die wortreich von der Bezahlrevolution reden.

So einfach wie in den frühen Tagen des Online-Zeitalters wird es jedenfalls nie wieder: Innerhalb der geschlossenen Welten von Bildschirmtext und CompuServe funktionierte die Abrechnung von Kleinbeträgen schon in den achtziger Jahren tadellos und ohne großes Micropayment-Gefasel - zumindest bis das World Wide Web kam und die altbackenen Netztechnologien allein deshalb aus dem Markt dumpte, weil das Web mit Geld nicht umgehen konnte.

Napster-Pionier Shawn Fanning dürfte als der Mann in die Wirtschaftsgeschichte eingehen, der diesen Fehler korrigiert hat. Aus Versehen natürlich. Aber alles andere hätte ja auch zum Internet, jenem Universum des kreativen Chaos, nicht gepasst.