Partner von
Partner von





Geist und Geld miteinander zu verbinden ist das Ziel des Bayreuther Philosophen Rainer Hegselmann. Der von ihm mitbegründete, bundesweit einmalige Studiengang Philosophy & Economics soll neue Ideen in die Chefetagen bringen.

brand eins: Herr Hegselmann, wozu braucht die Wirtschaft philosophierende Manager?

Hegselmann: Viele Unternehmen stehen heute vor grundsätzlichen Fragen. Wie hält man es mit der Korruption in Ländern, in denen Schmiergelder üblich sind? Unter welchen Bedingungen dürfen Beschäftigte einem Gentest unterzogen werden? Welche Produkte und Dienstleistungen sind aus ethischer Sicht vertretbar? Welche nicht? Wir bilden Führungskräfte aus, die solche Probleme analysieren und auf den Punkt bringen können: Philosophen mit soliden ökonomischen Kenntnissen ...

brand eins: ... die nach dem Examen Taxi fahren?

Hegselmann: Bestimmt nicht. Der Eröffnung des Studiengangs ging intensive Marktforschung voraus. Unter anderem haben uns Firmen wie Allianz und BMW, Unternehmensberatungen wie McKinsey und die Boston Consulting Group in unserem Vorhaben bestärkt. Zurzeit bekommt unser Studiengang einen Beirat aus hochrangigen Vertretern von Unternehmen und Einrichtungen, die an unseren Studentinnen und Studenten interessiert sind. Die Arbeitsmarktchancen für die Absolventen sind also gut.

brand eins: Weil die Wirtschaft moralischer wird?

Hegselmann: Ja, allerdings geschieht das nicht ganz freiwillig. Immer mehr Unternehmen arbeiten an ethischen Leitlinien, geben sich eine Art Grundgesetz. Sie tun das nicht zuletzt deshalb, weil die Öffentlichkeit ökonomisches Handeln in immer stärkerem Maße an moralischen Maßstäben misst und Unmoralisches zum Beispiel mit Kaufzurückhaltung bestraft. Ein weiterer Grund sind die Mitarbeiter: Es ist längst nicht jedermanns Sache, in einem moralisch zwielichtigen Unternehmen zu arbeiten. Viele, und zwar insbesondere gut ausgebildete Leute haben die Wahl, hier oder dort zu arbeiten.

brand eins: Geht es nicht vielmehr darum, den an und für sich banalen Akt der Warenproduktion mit höheren Weihen zu schmücken und aufzuwerten?

Hegselmann: Diese Tendenz gibt es sicherlich auch. Noch nie war so viel die Rede von Unternehmens-Philosophie, -kultur, Visionen und so weiter. Das ist häufig bloßes Blabla. Wir bilden keine Nebelbombenwerfer aus und auch keine Verpackungskünstler. Unsere Absolventen sollen angewandte, praktische Philosophie betreiben.

brand eins: Also die Welt verändern?

Hegselmann: Ich würde sagen: etwas mehr Vernunft in die Welt bringen. Es geht ja nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern das ökonomisch Machbare mit dem gesellschaftlich Wünschenswerten zu verbinden, also etwa ein intelligentes Design von Anreiz- und Abgabesystemen zu entwerfen. Was nützt ein gerechtes Steuersystem, das zum Staatsbankrott führt? Was eines, das alle gleich, aber auch gleich arm macht?

brand eins: Im so genannten realen Sozialismus ist die Verbindung von Philosophie und Ökonomie grandios gescheitert.

Hegselmann: Wem an seiner politischen und ökonomischen Selbstbestimmung liegt, der wird darüber nicht traurig sein. Eine freiheitliche Ordnung ist aus dieser Perspektive das attraktivere Modell. Es könnte noch besser funktionieren, wenn mehr Experten für Grundsätzliches an den Schaltstellen in Unternehmen, Parteien und Verbänden säßen.

brand eins: Warum sitzen dort so wenige Philosophen?

Hegselmann: Weil durch die Art der Ausbildung die Berufschancen der Studenten zusammen mit den Potenzialen des Faches verspielt werden. Das Studium an den meisten deutschen Hochschulen ist nicht berufsqualifizierend. Fachleute für Philosophiegeschichte sind auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt. So ausgebildete Studenten finden einen Job nicht wegen, sondern trotz ihres Philosophie-Abschlusses.

brand eins: Wie wollen Sie das ändern?

Hegselmann: Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Wir heben die unsinnige Trennung von Ökonomen und Philosophen wieder auf. Aristoteles, David Hume und Adam Smith waren beides. Zudem ist dieses Modell in Deutschland brandneu, in England dagegen ein alter Hut. Einer der größten Studiengänge an der University of Oxford heißt Philosophy, Politics, Economics und ist das Sprungbrett für künftige Eliten.

brand eins: Die an ihren Arbeitsplätzen dann allein dem kurzfristigen Shareholder Value verpflichtet sind.

Hegselmann: Ein Irrtum. Wer ökonomisch erfolgreich sein will, muss langfristig denken. Ein klassisches Beispiel: Ford brachte in den siebziger Jahren wider besseres Wissen aus kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen das nicht ausgereifte US-Modell "Pinto" auf den Markt. Es gab damit viele Unfälle, Schadenersatzklagen in Millionenhöhe und einen schwer zu beziffernden Vertrauensverlust bei den Kunden. Intelligente Unternehmer dagegen denken voraus und schauen über den eigenen Tellerrand hinaus.

brand eins: An wen denken Sie?

Hegselmann: Zum Beispiel an den ehemaligen Vorstandschef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Oder an Unternehmen wie Bertelsmann mit seiner Bertelsmann Stiftung. Außerdem: Es ist bestimmt kein Zufall, dass Nobelpreisträger in den Wirtschaftswissenschaften wie James Buchanan, John Harsanyi und Amartya Sen auch als Philosophen betrachtet werden können.

brand eins: Wann geht der erste Nobelpreis nach Bayreuth?

Hegselmann: Also bitte, wir sind nicht größenwahnsinnig! Aber im Ernst, wir werden schon bald selbst einen Bayreuther Preis vergeben, eine Art Stein der Weisen, und zwar für bahnbrechende Forschungsarbeiten an der Schnittstelle von Philosophie und Ökonomie.

(zur Person) Professor Rainer Hegselmann wurde 1950 in Essen geboren. Er Studierte in Bochum Soziologie und Politikwissenschaften und habilitierte zum Thema " Formale Dialektik - Ein Beitrag zu einer Theorie rationalen Argumentierens".

Seit 1996 ist er Philosophie-Professor an der Universität Bayreuth, wo er den Studiengang Philosophy & Economics mit aufbaute.

(Kontakt) Informationen über den Studiengang: www.uni-bayreuth.de/deparments/philosophie/deutsch/home/ PE_Start.html