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"Die einzige große Überraschung ist, dass Gott die Sonne ist, wie sich herausgestellt hat. Das ergibt Sinn, wenn man drüber nachdenkt. Warum wir das nicht früher gemerkt haben, kann ich nicht sagen. Jeden Tag war die Sonne da und brannte, unser Planet und die anderen schwebten um sie, entschuldigten sich immer, und wir glaubten nicht, dass es Gott war. Warum sollte es einen Gott und eine Sonne dazu geben? Natürlich ist Gott die Sonne. Einfach, gut." (Dave Eggers, Nachdem ich in den Fluss geworfen wurde und bevor ich ertrank) / Nick Hornby (Hrsg.) – Speaking with the Angel, Erzählungen von Dave Eggers, Roddy Doyle, Irvine Welsh, Helen Fielding, Nick Hornby u. a. Kiepenheuer & Witsch, 2001

Immer wenn es mir wirklich gut geht, weiß ich überhaupt nicht, was ich tun soll. Es fühlt sich an, als würde das Glück aus meinen Poren quellen. Ich möchte herumrennen und alle Menschen küssen, doch ich weiß, dass das manche Leute komisch finden, speziell die, die ich gar nicht kenne, und so bleibe ich brav sitzen und wedele bloß innerlich mit den Tatzen. Das fällt niemandem auf, so wie neulich, als ich in einer kleinen Stadt auf einer Dachterrasse saß. Unter mir ein Haus voller Bücher, neben mir eine Molekularbiologin, na gut, sie ist noch keine Molekularbiologin, aber sie wird es werden, kein Zweifel, ihr Blick zerlegt schon jetzt alles und jeden in streng sortierte Kleinstteile, und über mir die Sonne. Uff, endlich Sommer. Die Sonne, die Sonne, die Sonne. Da fiel mir ein, wie er sich anfühlte, dieser Ort voller Licht und strahlender Menschen: wie Nachhausekommen. Und nie wieder fort wollen.

Wir alle brauchen ein Zuhause. Doch es heißt, wir könnten nicht zurück, die Welt würde sich permanent ändern, ein Fluss, in dem jeder früher oder später ertrinkt und kein Halt Bestand hat. Nur die Familie scheint ein letztes Stück Schilf am Rande des reißenden Stroms. Ein Ort, an dem das wackelige Kanu des Lebens für die Nacht zur Ruhe finden kann, bis zum nächsten Morgen, bis es wieder hineingeht in das feindliche Tosen. In dem erwähnten Haus lebte ebenfalls eine Familie, und so könnte man sagen: Da sieht man mal wieder. Aber so einfach ist es nicht. Denn das Leben dieser Menschen basiert auf harter Arbeit oder, um genauer zu sein: auf Betrug, auf charmanten Lügen und erquicklichem Bluff. Zudem ist es kein Stückchen Schilf, womöglich umzäunt, sondern eine ganze fette Welt, inklusive angenehmen Arbeitsverhältnissen, guten Freunden, interessanten Beschäftigungen in der Freizeit und ausgedehnten Urlaubsreisen. Also Ende der Metapher, setz dich und mach es dir bequem. Willkommen im Leben.

Okay, ich verspreche es: Ab dem nächsten Heft steht hier wieder etwas über Kultur, so wie man es von einer Kulturkolumne erwarten kann. Was übrigens, so unter uns, überhaupt nichts ändern wird, denn Kultur hat immer dieselbe Botschaft: Lebe! Und was diese Botschaft nicht hat, all dieses selbstbezügliche Zeug, die CD des Soundtracks des Videospiels der TV-Serie des Films des Bestsellers, ist nicht Kultur, sondern Produkt. Nichts gegen Produkte, aber da gibt es nun mal Unterschiede. Eine gute Freundin, der auch dieser und der folgende Text gewidmet sind, sagt, die Kultur ist das Letzte, was die Menschen noch erreicht. Das glaube ich auch, deshalb interessiert sie mich. Jedenfalls wird es demnächst an dieser Stelle auch wieder flotte Tips (mit einem " p", ätsch!) geben, oder gleich sofort auf unserer Website. Aber hier und jetzt etwas anderes.

Es ist Sommer, es ist warm und schön, und ich denke an meinen liebsten Depressiven, Michel Houellebecq. Der unwahrscheinlichste Bestseller-Autor der letzten Jahre erklärte in einem Gedichtband, er habe in unserer Zeit einen "monströsen und globalen Mangel verspürt", behauptete aber (ich glaube ihm das nur begrenzt), er sei "außerstande, das Phänomen klar zu umreißen". Ist das intellektuelle Vorsicht? Ich mach's mir jedenfalls einfacher und sag' es in einem Satz: Uns fehlt ein Zuhause. Das heißt: etwas Sicheres, Stabiles, Vertrautes. Unsere Städte werden bombardiert, was die Alliierten nicht geschafft haben, erledigen die Stadtplanung und die moderne Architektur. Unsere Arbeitsplätze werden bombardiert, Globalisierung und Rendite sorgen für Notstand, Angst, nackte Panik. Und unsere Gefühle werden bombardiert, die Medien sind purer Terror, speziell in der Glotze ist alles größer, schöner, besser, als wir es je haben oder sein werden, die Schicksale, Frauen, Häuser, Autos, Abenteuer. Uns bleibt nichts als das, was wir werden könnten: Obdachlose, Arbeitslose, einsam und unglücklich.

"Die einzige große Überraschung ist, dass Gott die Sonne ist, wie sich herausgestellt hat. Das ergibt Sinn, wenn man drüber nachdenkt. Warum wir das nicht früher gemerkt haben, kann ich nicht sagen. Jeden Tag war die Sonne da und brannte, unser Planet und die anderen schwebten um sie, entschuldigten sich immer, und wir glaubten nicht, dass es Gott war. Warum sollte es einen Gott und eine Sonne dazu geben? Natürlich ist Gott die Sonne. Einfach, gut." (Dave Eggers, Nachdem ich in den Fluss geworfen wurde und bevor ich ertrank) Nick Hornby (Hrsg.) - Speaking with the Angel, Erzählungen von Dave Eggers, Roddy Doyle, Irvine Welsh, Helen Fielding, Nick Hornby u. a. Kiepenheuer & Witsch, 2001 Das können wir nicht ändern. Wir können gegen die Wand rennen und bekommen eine Beule, wir können in den Hungerstreik treten und werden dünner, wir können brüllend herumrennen oder uns unter dem Sofa verkriechen: Wir werden es nicht ändern! Aber wir können es vergessen. Das ist mein Vorschlag: Wir vergessen jetzt einfach mal alles. Wir vergessen den Klatsch, den Job, die vielen Leute, den ganzen Stress, den Verkehr und all das, was wir eigentlich nicht verpassen wollten. Wir vergessen, was uns nicht so wichtig ist, Nachbarn und entfernte Bekannte, wir vergessen, woran wir so ab und zu denken, Essen und Mode, wir vergessen und vergessen und vergessen. Das, was dann übrig bleibt, das, was wir nicht vergessen können, auch wenn wir uns furchtbar anstrengen, das, was wahrscheinlich ein Mensch ist, oder, bei den ganz Glücklichen, sogar mehrere, das soll der erste Stein sein für unser Zuhause.

Und dann? Nach Hause kommen. Das kann vielleicht schwierig werden, dem Glück ist es nicht egal, wie wir es erlangen, Sauberkeit und Ordnung führen zu Bettnässen und Serienmord, Blumen wachsen nicht auf Beton und ein Zuhause gibt es nicht über einen Bausparvertrag. Aber dann. Wie sich alle Muskeln entspannen, wie man einfach liegen bleiben kann, wie man nichts sagen muss, wie man sich plötzlich wieder an seine alten Träume erinnert, wie es einem gut geht, wie sich der Hund freut, wie die Bäume nicken, wie es still wird, wie die Sonne kommt, wie es sich anfühlt, wie genug Zeit dafür ist. Das ist nur der erste Stein, nur der Anfang unseres Zuhauses. Dann geht es weiter, hinaus in die Welt, die unser Heim werden soll. Alles, was jetzt noch fehlt, ist eine Revolte.