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Geschlechterkampf für Fortgeschrittene: Wie in Japans Büros unterdrückte Frauen die Männer auf Trab halten.

Berufstätige Frauen haben es in Japan schwer. Zwar stellen sie 40 Prozent aller Beschäftigten, doch nur ein Prozent von ihnen arbeitet im Management. Frisch von der Uni kommend, werden Männer und Frauen in Unternehmen routinemäßig für unterschiedliche Laufbahnen eingestellt. Die Männer erklimmen die Manager-Leiter, die Frauen werden zu Office Ladies (OLs), so der offizielle Name für Bürokräfte. "Mann" ist Manager, "Frau" ist Sekretärin. "Ich stelle Sie zu einem Mann durch", sagt die Telefonistin und meint damit: zu jemandem, der etwas zu sagen hat. Männer wiederum sehen in weiblichen Angestellten stets Hilfskräfte, die entsprechend gering entlohnt werden.

Wie gehen junge, intelligente, gut ausgebildete Frauen mit einer so offensichtlichen Diskriminierung um? Um das herauszufinden, heuerte die Soziologin Yuko Ogasawara in einer japanischen Großbank im Zentrum von Tokio an. Ein Jahr lang servierte sie mit elf anderen Office Ladies 62 Männern Tee, faxte, kopierte, telefonierte und tippte, nähte Anzugknöpfe an Jacketts und besorgte Geschenke für das nächste Golfturnier.

Zufrieden sind die OLs nicht. Sie beschweren sich über Ungerechtigkeiten, über Takanaka-san, der sich nicht für den Tee bedankt, oder darüber, dass sie für Hiroshi-san den Radiergummi vom Boden aufheben mussten. Doch Solidarität untereinander fällt ihnen schwer. Denn auch wenn die Damen Seite an Seite arbeiten, sind sie durch große hierarchische Unterschiede getrennt. Jede Frau hat ihren Rang innerhalb der Firma, der sich aus Ausbildungsstand, Alter und Dauer der Anstellung zusammensetzt. Lernen sich zwei von ihnen kennen, fragen sie erst mal: "Seit wann arbeiten Sie hier?" Danach wissen sie, wer wem die Tür zu öffnen hat, wer die Knöpfe im Fahrstuhl bedient und in welcher Reihenfolge sie in der Kantine anstehen müssen. Frauen, die die gleiche Arbeit machen, werden zum Teil sehr unterschiedlich angesehen und bezahlt. Das führt zu Spannungen und fördert nicht gerade den organisierten Protest.

Stattdessen leisten die Frauen subtilen Widerstand. Sie verbreiten Gerüchte, beschweren sich über bestimmte Männer oder ziehen sie durch den Dreck. Und sie fordern vom anderen Geschlecht Aufmerksamkeit, Einladungen zum Mittagessen und Geschenke. Denn, so die Überzeugung der OLs, wenn die Männer schon Gewinner der Firmenpolitik sind, dann müssen sie ihre Privilegien wenigstens inoffiziell wettmachen. Wer nicht mitspielt, hat schlechte Karten. Denn die Rache der Hilfskräfte ist süß.

Manchmal wörtlich, denn mindestens einmal im Jahr, am Valentinstag, lassen Office Ladies ihre Vorgesetzten wissen, was sie von ihnen halten. In Japan geben am Valentinstag nur die Frauen den Männern Geschenke. Letztere dürfen sich einen Monat später, am Weißen Tag, revanchieren. Manch gestandener Manager würde an diesem Tag lieber zu Hause bleiben. Denn wer weiß schon, ob der eigene Schreibtisch unter herzenverzierten Schokoladenpäckchen mit rosaroten Schleifen und Karten versinkt oder ob man nur das eine obligatorische Päckchen erhält? Bei einem verhassten Vizepräsidenten gingen die Ladies sogar so weit, die Valentinsschokolade fein säuberlich zu zerbröckeln!

Aber auch sonst spielen sie ihre Macht aus, sind die meisten japanischen Männer in Alltagsangelegenheiten doch völlig hilflos. Zu Hause bindet die Ehefrau die Krawatte und kocht das Misosüppchen, im Büro können Manager den Kopierer nicht vom Kaffeeautomaten unterscheiden. Sie sind auf die weiblichen Angestellten angewiesen. Die können die ihnen aufgetragenen Arbeiten zügig und professionell erledigen - oder sie können sie sabotieren. Sosukan, totale Missachtung, heißt der Albtraum jedes Salaryman. Eine Gruppe von OLs verweigert dem Geächteten unter vorgetäuschten Entschuldigungen den Dienst. Sie stellen keine Telefonate durch, vergessen Termine und geben vor, Aufträge von Kollegen zuerst erledigen zu müssen. Da sich japanische Manager bis in die Konzernspitze mehrere Assistentinnen teilen, fällt es schwer nachzuweisen, welche Arbeit Priorität hat.

Männer sind diesen Spielen wehrlos ausgesetzt, denn die Frauen sind mächtig - paradoxerweise dank ihrer Diskriminierung. Sie haben keine Aufstiegs- und Abstiegschancen und machen den Job meist sowieso nur bis zur Heirat. Kaltblütig können sie den Kampf der Männer um Beförderung manipulieren. Bei firmeninternen Evaluierungen, für alle Angestellten vorgeschrieben, werden nur Männer ernsthaft bewertet, Frauen bekommen automatisch die Durchschnittsnote und werden nach dem Senioritätsprinzip befördert. Ihre formale Macht können Manager den OLs gegenüber zudem nur schlecht ausüben, herrscht in Japan doch ein auf Konsens und Harmonie basierender Führungsstil. Und sie werden sich hüten, Vorgesetzten oder dem Personalbüro von ihren Schwierigkeiten zu erzählen, denn nur der gilt als guter Manager, der auch seine Bürokräfte zu rühren weiß.

Als Preis für ihre Privilegien müssen die Männer um die Gunst der Frauen betteln. Und ihre Benachteiligung gibt den Frauen Handlungsspielraum. Das sieht auf den ersten Blick nach einer gelungenen Machtverschiebung aus. Doch letztlich werden nur alte Klischees und Geschlechterrollen zementiert. Frauen geben sich als fordernde Weibchen, denen Männer Aufmerksamkeit zollen und Geschenke machen müssen. Im Gegenzug mimen Frauen die gute Fee, die ihren Salarymen helfen. Kein Wunder, dass Japanerinnen, die es mit ihrem Beruf ernst meinen, lieber bei westlichen Unternehmen arbeiten. So sind bei Procter & Gamble Japan prozentual mehr Frauen im mittleren Management tätig als im europäischen Hauptquartier in Brüssel.

(Literatur) Yuko Ogasawara: Office Ladies and Salaried Men - Power, Gender and Work in Japanese Companies. University of California Press, Berkeley, 1998