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Gunnar war mal ein Autonomer. Gisbert ist Journalist. Schenja programmierte früher mit Lochkarten. Mischa hat Winter mit 40 Grad minus erlebt. Sie leben in Tarussa, dem Zentrum für sowjetische Marsflüge (solange sich die Sowjets den Mars leisten konnten). Und lassen ihre Vergangenheit zurück für eine bessere Zukunft. Die Geschichte eines russischen Internet-Start-ups.

Gunnar In Gunnar Jüttes Garten ist der Kampf der Systeme noch lange nicht vorüber. Man sieht das am Rasen. Vor dem Sommerhaus liegt er als dichte sattgrüne Decke über dem Erdboden. Direkt neben dem Wohnhaus allerdings ist er fleckig und ungleichmäßig, braune Stellen scheinen zwischen den Halmen hervor. Wenn Jütte das sieht, wird er sauer. Er ist extra nach Moskau gefahren, um deutsche Grassamen zu kaufen. Nur hat er den Rasen, dessen Anblick ihm jetzt so auf den Magen schlägt, dummerweise in einem nissischen Geschäft gekauft und nicht, wie die Samen für die Fläche vor dem Sommerhaus, im deutschen Baumarkt "Bauklotz" in der Leningrader Chaussee. Da haben sie ihn mal wieder übers Ohr gehauen, die Russen. Wahrscheinlich haben sie russische Samen darunter gemischt, und jetzt hat Jütte eine Grenzlinie im Garten, die aussieht wie mit dem Lineal gezogen und ihm jedes Mal wieder den Unterschied vor Augen führt zwischen deutscher Zuverlässigkeit und russischer Schlamperei.

Seit zehn Jahren lebt Jütte in Russland, aber das Deutschsein hat er dort nicht verlernt. Dabei hatte er eigentlich immer in Opposition zu seinem Geburtsland gelebt, lieferte sich in Hannover für das von ihm mit gegründete autonome Jugendzentrum "Komstraße" mit der Polizei Straßenschlachten, organisierte in den Gründungsjahren der "Taz" den Vertrieb der linken Tageszeitung und quälte sich nach durchzechten Nächten frühmorgens aus dem Bett, um in Wackersdorf und Wümme gegen Atomkraft und Nachrüstung zu demonstrieren. Und wenn er erzählt, dass Gerhard Schröder mal " einer meiner Anwälte" gewesen ist, bekommt man langsam ein Bild davon, wie lang der Weg gewesen sein muss, der ihn ins russische Nest Tarussa verschlagen hat - wo er nun Videodateien des Kanzlers ins Internet stellt, damit der sich gemeinsam mit seinem russischen Kollegen Putin der Öffentlichkeit als Politiker von Welt präsentieren kann.

Der Bürgermeister Juri Wiktorjewitsch Nachrow sitzt am Kopfende des riesigen Konferenztisches in seinem Amtszimmer. Er trägt einen grauen Anzug und schaut auf eine lange Wand mit Strukturtapete, an der als einziger Wandschmuck ein Foto Wladimir Putins hangt. Er ist der Bürgermeister von Tarussa. Das ist er gern, aber seine Stadt macht ihm Sorgen. Wie die meisten Städte der russischen Provinz hat auch Tarussa bessere Zeiten gesehen. Die 10 000-Seelen-Gemeinde liegt etwa 130 Kilometer südwestlich von Moskau am Fluss Oka. Um die Jahrhundertwende lebten etwa viermal so viele Menschen in der Stadt, die berühmt wurde als eine Art russisches Worpswede. Der Pianist Swjatoslaw Richter hatte hier seine Datscha; die Lyrikerin Marina Zwetajewa "wäre gern hier begraben worden", behauptet ein Gedenkstein am Flussufer. Maler, Schriftsteller und Bildhauer machten die Stadt zu einem Künstlertreffpunkt, der in ganz Russland bekannt wurde. Pech nur, dass es der Stadt dadurch so gut ging, dass die Kaufleute Tarussas es ablehnten, ans Moskauer Eisenbahnnetz angeschlossen zu werden - zu viel Verkehr, zu viele Einflüsse aus dem ungeliebten Moloch im Norden. In Tarussa hatte man lieber seine Ruhe.

Die hat man bekommen. Heute beträgt die Arbeitslosenrate 40 Prozent, berichtet Juri Wiktorjewitsch, das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei 1200 Rubel, das sind keine 100 Mark. Viele Häuser sind nicht an die Kanalisation angeschlossen. Wer zum Arbeiten nach Moskau fährt, und das sind nicht wenige, muss den Bus nehmen. Industrie gibt es so gut wie keine mehr. Von den drei Werken, die einmal Textilien und Keramik in der Stadt produzierten, arbeitet nur noch das für Kunststrickwaren. Die Leiterin, die als unbestechliche Geschäftsfrau galt und das Werk zu neuem Leben erwecken wollte, wurde im vergangenen Jahr ermordet. Von wem, wisse die Polizei nicht, sagt der Bürgermeister. Er auch nicht.

Unten in der Stadt steht ein großes neues Haus mit unverbaubarem Blick auf die Oka. Es ist der Yachtclub, den sich Moskauer Geschäftsleute dort gebaut haben. Beliebt sind sie nicht in Tarussa, weil sie mit ihren amerikanischen Geländewagen und deutschen Limousinen von Moskau aus direkt dorthin fahren und lieber mit ihren teuren Booten den Fluss auf und ab schippern als mit den Einheimischen ein Schwätzchen zu halten. Wer genau diese Leute sind, weiß der Bürgermeister nicht. Sagt er. Manchmal ist es besser, nicht zu viele Fragen zu stellen.

Die Zukunft Tarussas liegt im Tourismus, glaubt Juri Wiktorjewitsch. Die Luft ist sauber, das Wasser auch. Ab und zu klingelt das Telefon, das die Ausmaße eines Fernschreibers hat und auch sonst aussieht, als stamme es aus besten Sowjetzeiten. Das Internet nutzt der Bürgermeister nicht.

Mischa Michail (Mischa) Sacharow kann ohne das Internet nicht mehr leben. Der dickliche Mann mit den verschmitzt funkelnden Augen ist bei seiner fünften Tasse Kaffee angelangt. Um ihn herum werden Wodkagläser geleert. Wer Mischa sieht, fragt sich, wie es dieser lebenslustig aussehende Kerl im trinkfreudigen Russland ohne einen Schluck Alkohol aushält. Mischa war nicht immer so, im Gegenteil: Er hat seine Zisterne bereits ausgetrunken, wie eine russische Redewendung sagt. Wahrscheinlich vor allem deshalb, um sich warm zu halten. Denn er hat neun Jahre lang in Dikson gelebt. Dikson liegt im äußersten Norden Russlands an der Kara-see; im Winter fallen die Temperaturen dort auf bis zu 40 Grad unter den Gefrierpunkt. Wer das zu Sowjetzeiten lange aushielt, wurde damit belohnt, sich aussuchen zu dürfen, wo er anschließend wohnen wollte. Mischa wollte nach Tarussa. Dort ist es im Sommer warm und im Winter mild. Als Vermessungstechniker half er dabei, in Tarussa Wohnungen zu bauen für die Techniker, Forscher und Kosmonauten, die im "Kosmitscheski Zentr", dem Kosmoszentrum, daran arbeiten sollten, die USA hinter sich zu lassen im Wettlauf um die erste erfolgreiche Marsmission.

Das Kosmoszentrum Die großen Hallen hinter dem morschen Zaun im Südwesten Tarussas sehen aus, als würden sie demnächst in sich zusammenkrachen. Wer den Wärter kennt, darf das unverriegelte Bügelschloss aus dem Tor nehmen und sich das Gelände ansehen, das einst zum Heiligsten der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gehörte. Jetzt ist es verlassen, Schrott türmt sich auf, abgestellte Autos rosten vor sich hin. Kein Mensch ist zu sehen, bis auf einen Physiker, der ab und an ins Labor geht, um darüber nachzudenken, wie es zum Urknall kam, was danach passierte und was das für den Weg zum Mars bedeutet. Die meiste Zeit kümmert er sich aber um seine Bienenstöcke, die er auf dem Gelände aufgebaut hat, oder sieht nach seinem Pony, den Hühnern und Ziegen, die dort herumlaufen. Im Winter lagert er seine Gurkengläser in den Bandlaufwerken von ZeissJena, die bis in die achtziger Jahre zum Besten gehörten, was man im Osten an Elektronik kaufen konnte und die nun, den Elementen überlassen, verrotten. Der Verschlag neben seinen Bienenstöcken könnte eine Banja sein, eine russische Sauna, ein Schuppen oder ein Stall. Man weiß es nicht, und es interessiert niemanden.

Vor 15 Jahren war das anders. Die hellsten Köpfe des Landes hatte die Sowjetunion hier zusammengebracht, um Wege zu finden, Kosmonauten zum Mars zu schicken - Informatiker, Physiker, Ingenieure. Viele derjenigen, die früher im Forschungszentrum gearbeitet haben, sind weiterhin dort beschäftigt. Zu den üblichen Konditionen, die das frühkapitalistische Russland seinen Regierungsangestellten bietet: Das Gehalt reicht nicht einmal für das Nötigste und wird dennoch über Monate nicht ausgezahlt. Wer älter ist, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder baut für den Winter das Gemüse auf der eigenen Datscha an. Die Jüngeren wandern nach Moskau ab, wo sie als Programmierer in der Multimedia- und Internetbranche leicht 800 Dollar im Monat verdienen können. Oder sie gehen gleich in die USA, nach Finnland oder Deutschland.

Schenja Jewgeni (Schenja) Abljakow ist in Tarussa geblieben. Er sei zu alt und unflexibel, um jeden Tag nach Moskau zu fahren oder auch nur dreimal pro Woche, sagt der 45-Jährige. Außerdem habe er Familie, die wolle er nicht ständig allein lassen. Er ist einer der Übriggebliebenen aus dem Kosmoszentrum, er hat die goldenen Zeiten noch miterlebt. An sein erstes Mal erinnert er sich gut: Es war 1975 in Tomsk, der Rechner war die russische Version des IBM 360, mit Transistoren und Lochkarten, er stand am Institut für Automatisierungssysteme. Von der ersten Begegnung an gehörten Computer zu seinem Leben. Vorher hatte Schenja im ehemaligen Kosakendorf Tschita an der Transsibirischen Eisenbahn die Militärakademie besucht, aber die Ausbildung dort abgebrochen. "Ja ne ljublju" - ich liebe es nicht, beginnt er den Satz, wie es Russen tun, wenn sie sagen wollen, dass sie etwas wirklich nicht ausstehen können - "ich liebe es nicht, mich idiotischen Befehlen unterzuordnen." Eine Einstellung, die bei den meisten in der Sowjetunion wohl zum abrupten Ende der Karriere geführt hätte. Schenja war gut genug, damit durchzukommen.

In Tomsk arbeitete er nach seiner Ausbildung erst am Lehrstuhl des Instituts für Automatisierungstechnik, dann leitete er das Rechenzentrum des Bezirks Tomsk. Schließlich landete er im Institut für die Optik der Atmosphäre, und von dort ging es 1989 nach Tarussa. Spezialisten aus der gesamten Sowjetunion hätten dort gearbeitet, erzählt Schenja nicht ohne Stolz, aus Kirgisien, Nowosibirsk, Krasnojarsk und eben Tomsk. Ein großes Mikroelektronikzentrum sollte entstehen, von dem dann nur ein erster Teil fertig wurde. Vor allem Test- und Prüfprogramme für Raumstationen habe er programmiert, bis 1994 endgültig das Geld und damit die Arbeit ausging. Es sei schade, sagt er, dass es dem Leiter seiner Arbeitsgruppe nicht gelungen sei, die Leute zusammenzuhalten, aber ohne Aufträge gehe das eben nicht. "Tarussa ist eine schöne Stadt für Rentner", kann sich Schenja seinen Sarkasmus nicht verkneifen, "es gibt wenig Autos, als Fußgänger braucht man keine Angst zu haben." Er hat sich vor eineinhalb Jahren aufs Programmieren für Internet-Anwendungen verlegt. Das habe den Vorteil, dass man zu Hause arbeiten könne und dafür nur wenig braucht: "Einen guten Kopf, einen Computer und einen Internetanschluss." Und natürlich Aufträge. Die kamen mit Gunnar. Und Gisbert.

Gisbert Eigentlich hatte er sich schon fast entschlossen, sein Internet-Angebot wieder dichtzumachen, erinnert sich Gisbert Mrozek. Oder aber richtig loszulegen. Ganz oder gar nicht. Schon zwei Jahre dümpelte die Internet-Seite seines Angebots www.rufo.ru mehr oder weniger erfolglos vor sich hin. Mrozek, seit 1989 in Moskau Korrespondent für deutsche Privatradios, Zeitungen und Zeitschriften und heute für die " Berliner Zeitung", hatte 1997 damit begonnen, die Dienstleistungen, Artikel und Fotos seiner Medienagentur Rufo auch über das Internet anzubieten. Und machte die Erfahrung, die bisher alle Journalisten machen mussten, die ihre Artikel über das Netz verkaufen wollten: Niemand interessierte sich dafür. Da mochten die Geschichten noch so gut sein, verkaufen kann sie nur, wer die Abnehmer in den Redaktionen persönlich kennt. Was aber war die Alternative dazu, die Seite vom Netz zu nehmen? Das Angebot zu einer deutschsprachigen Internet-Zeitung für ganz Russland zu machen. Volles Risiko, gemäß der Devise: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Da kam Gunnar Jütte gerade richtig.

Gunnars gute Zeit Als Jütte und Mrozek sich das erste Mal im Dom Journalistow, dem Moskauer "Haus der Journalisten", über den Weg liefen, war Jütte bereits sieben Jahre in Russland. Nach einem jahrelangen Streit um das Sorgerecht für seinen Sohn hatte er die Nase voll von seiner alten Umgebung, von Hannover und der "Taz". Da kam der Mauerfall gerade recht. Westdeutschland war out, wer was erleben wollte, ging in den Osten. Jütte wollte etwas erleben, er suchte nach einer Gelegenheit, den schlechten Erinnerungen zu entkommen. Als Freunde ihn anriefen und fragten, ob er mit ihnen eine Kneipe in Dresden aufmachen wolle, ließ er sich nicht lange bitten. Im April 1990 eröffnete das "Cafe 100" in der Alaunstraße 100 in der Dresdner Neustadt. Es wurde ein Renner. Gaststätte und Weinstube liefen wie geschmiert, weil die "Westler in Dresden woanders kaum ihren gewohnten Standard finden konnten", erzählt Jütte.

Die nächsten zwei Jahre waren eine gute Zeit, der Laden lief, das Geschäft machte Spaß. Bis zur Silvesternacht 1991/92. Jütte war im Dienst, als zwei Dutzend Skins bei ihm auftauchten, um den Laden aufzumischen. Erst konnte er sie hinhalten. Dann kam die Polizei. Oder besser: ein Polizist. Beim Anblick der Schlägertruppe kurbelte er das Autofenster hoch und suchte das Weite. Jütte, 1,85 Meter groß und Ex-Zehnkämpfer, verließ das Krankenhaus Wochen später mit einer neuen Nase und Stahlplatten im Kiefer. Zeit zu gehen, dachte er sich.

Drei Monate später, im März 1992, war er in Moskau. Mit dem Geld, das er sich von seinen Partnern aus dem " Cafe 100" hatte auszahlen lassen, wollte er dort wieder eine Kneipe eröffnen. Dann ließen sich er und sein deutscher Kompagnon übers Ohr hauen. 15 000 Mark waren weg und Jütte um eine Erfahrung reicher: " Traue niemals einem russischen Geschäftsmann." Als gelernter Autonomer fand er im Moskau der frühen neunziger Jahre aber genug Gelegenheiten, Geld zu sparen.

Jütte wohnte in einem besetzten Haus und lebte von seinen Ersparnissen. Bis ihn ein Freund aus der Szene, der Designer Sascha Petlura, nach Tarussa mitnahm. Das war im Mai 1994. Zwei Monate später, im Juli, war er wieder dort, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Am Tag nach der Party schaute sich Jütte zum ersten Mal die städtische Galerie an. Dort war eine Vernissage, und dort war Tanja. Sechs Wochen später wohnten die beiden in ihrem eigenen Haus in Tarussa, bezahlt mit dem letzten Rest des Dresdner Kneipenanteils. Sie waren Pleite, hatten ein Grundstück, das aussah wie eine Müllhalde und einige Matratzen. "Ich war ein perspektivloser Verrückter, aber glücklich - und 20 Kilo leichter als heute", erinnert sich Jütte. Die nächsten zwei Jahre lebten die beiden von Tanjas spärlichem Einkommen aus der Galerie, Gunnars Gelegenheitsjobs und dem Geld, das ihnen Tanjas Großvater und ein befreundetes Münchner Anwaltspaar zukommen ließen. "Man glaubt gar nicht, was man alles aus Kartoffeln machen kann", erinnert sich Jütte an diese Zeit. Dass es auf Dauer so nicht weitergehen konnte, war klar.

Die Idee Zuerst war es nur Jüttes weit verstreute Verwandtschaft, die ihn dazu brachte, sich einen Computer mit Internetanschluss anzuschaffen. Der Sohn in Bielefeld, der Bruder in Oslo, die Mutter in Hannover - da lohnte sich die Technik schon, um Telefonkosten zu sparen. Von Geldverdienen war noch gar nicht die Rede. Dieser Gedanke kam dem Technikversessenen, der schon zu Beginn der achtziger Jahre bei der Hannoverschen Wochenzeitung " Nana" die Abo-Verwaltung mit dem Rechner eingeführt hatte, als auch in Russland das Internet zur Alltagserscheinung geworden war und die "Moskauer Deutsche Zeitung" (MDZ) einen Web-Auftritt brauchte, den Gunnar konzipierte, nachdem ihn ein Freund darauf aufmerksam gemacht hatte. Nur konnte sich die " MDZ" nicht entscheiden, das Konzept auch in die Tat umzusetzen. Eigentlich war Jütte dann mit der Absicht nach Moskau gefahren, darüber zu verhandeln, wie es weitergehen sollte. Bis er im "Haus der Journalisten" Gisbert Mrozek traf. Der war gerade auf der Suche nach jemanden, der seine Ideen für eine Russland-Seite im Internet in die Tat umsetzen konnte. Vier Monate später ging www.moskau.ru ans Netz.

Das Team Inzwischen freuen sich die beiden über mehr als 100000 Page Impressions im Monat. In Moskau arbeiten vier Festangestellte und drei bis vier Praktikanten an Inhalt und Marketing für moskau.ru, in Tarussa teilen sich Gunnar, Mischa, Schenja und Walodja die Aufgaben. Wladimir (Walodja) Golowanow ist der vorerst Letzte, den Gunnar ins Boot holte. Während Mischa die Recherche übernimmt und Schenja die Datenbank-Programmierung, bastelt Walodja an den Fotos und Flash-Animationen. Mit 56 ist er der Älteste im Team und zugleich der Verspielteste. Wenn es nach ihm ginge, würden alle Internet-Angebote aus Animationen bestehen. Die Wohnung des ehemaligen Messtechnikers, der im Kernkraftwerk Kursk gearbeitet hatte, ist voll gestopft mit Erinnerungen an seinen Onkel, der in der Sowjetunion ein berühmter Komiker war, und Büchern über HTML, Flash, DirectX und XML. Dafür gibt er das Geld aus, das das Programmieren einbringt. Was Gunnar Sorgen macht, denn Walodjas Frau platzt langsam der Kragen. Immerzu sitzt der Kerl vorm Computer, nie bringt er Geld nach Hause. Das wird demnächst hoffentlich anders.

Die Zukunft Der Durchbruch kam Anfang dieses Jahres: Mrozek entwarf das Konzept für den Web-Auftritt des Petersburger Dialoges, ein russisch-deutsches Gesprächsforum auf höchster Ebene, ins Leben gerufen von Gerhard Schröder und Wladimir Putin. Das Team von moskau.ru und Rufosoft, wie die "Arbeitsgruppe Tarussa" nun heißt, erhielt den Zuschlag. Beim Auftakt in Petersburg im April dieses Jahres versammelten sich neben den beiden Politikern die Creme aus deutscher und russischer Außenpolitik, Wirtschaft und Journalismus. "Spiegel"-Aust und "Bild"-Diekmann, Gazprom-Chef Rem Wjachirjew, Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Ulrich Cartellieri, Manfred Stolpe und Sir Peter Ustinow gaben sich ein Stelldichein, um die gemeinsame Zukunft der beiden Länder zu diskutieren, mitfinanziert von DaimlerChrysIer, Ruhrgas, Ferrostaal. Rund tausend Kilometer entfernt bastelte Gunnar Jütte und seine russischen Mitstreitern die Live-Videos in die Website www.petersburger-dialog.de, während Mrozek und sein Redaktionsteam in Moskau den gesamten Web-Auftritt koordinierten.

"Leben im 19., arbeiten im 21. Jahrhundert", hat jemand beschrieben, was Tarussa zu einem Modell für die Zukunft eines Landes machen könnte, in dem Qualifikation ungenutzt versickert wie das Öl aus den lecken Pipelines im Boden Sibiriens. Denn vielleicht wird das Know-how, das in Tarussa brachliegt, demnächst auch in Deutschland zum Einsatz kommen. "Wir sind hier genauso gut wie die Inder und dabei noch billiger", sagt Gunnar. Arbeitskräfte, die sich mit 800 Dollar im Monat begnügen würden, statt für 1000 Dollar jeden Tag nach Moskau zu fahren, gäbe es genug. Und die Technik spielt auch mit: Seit kurzem dienen Gunnar seine beiden ISDN-Leitungen nur noch als Sicherheit für den Notfall. Gesurrt wird mit zwei Megabit pro Sekunde. Beste Voraussetzungen also. Dass es außer dem Petersburger Dialog aus dem Westen noch keine Aufträge gibt und die Truppe durch die Arbeit zusammengehalten wird, die an moskau.ru hängt, liege im Moment einfach daran, dass kaum Zeit für die Akquise sei, ergänzt Mrozek. Aber das soll besser werden. Die Website für Rufosoft soll bis Ende Juni fertig sein.

Bürgermeister Nachrow wird es freuen, das zu hören. Mit Programmieraufträgen aus Deutschland käme endlich wieder Geld in die Stadt, die Luft bliebe sauber, und die Touristen könnten sich trotzdem erholen. Nur der Rasen vor Gunnars Haus, der bliebe fleckig wie bisher.

(Links) www.moskau.ru www.petersburger-dialog.de www.rufosoft.de www.tarusa.ru